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Gorleben: ein maroder Salzstock als "Endlager"?

Gorleben ist ein kleines Dorf an der Elbe in Niedersachsen, unweit der Grenze zu Sachsen-Anhalt. Der dortige unterirdische Salzstock soll nach dem Willen der Bundesregierung zukünftig als Endlager für hochradioaktive Abfälle aus Atomkraftwerken dienen. Seit Jahrzehnten wird dort ofiziell "erkundet", ob sich Gorleben als dauerhafter Lagerungsort eignet. Tatsächlich wird bei den Arbeiten aber bereits jetzt alles auf eine zukünftige Einlagerung von Atommüll vorbereitet – obwohl WissenschaftlerInnen mahnen, dass der Salzstock nicht geeignet ist, um die radioaktiven Abfälle für Jahrtausende sicher zu lagern

Dennoch ist der Ort regelmäßig Ziel sogenannter Castor-Transporte. Die Castor-Behälter enthalten abgebrannte Brennstäbe aus Atomkraftwerken, die stark strahlen. Diese Abfälle werden in Gorleben gelagert. Allerdings nicht unter Tage im Salzstock, sondern in einer oberirdischen Halle, dem Zwischenlager. Dieses ist nur wenige Hundert Meter vom Eingang des Salzstocks entfernt.

Seit Gorleben im Gespräch für einen Endlager-Standort ist, gibt es Widerstand dagegen. Seit bald 40 Jahren wehren sich AtomkraftgegnerInnen und Menschen aus dem Wendland gegen ein Atommüll-Lager im maroden Salzstock und gegen Castor-Transporte ins Zwischenlage – und haben so bis heute die endgültige Festlegung auf Gorleben als Endlager verhindert.


Neun Gründe gegen ein Atommülllager in Gorleben

Wie der Salzstock in Gorleben geologisch aufgebaut ist und warum er als Atommüll-Lager nicht taugt.

  • Das Atommüll-Projekt

    1977 bestimmte der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht Gorleben zum Standort eines „Nuklearen Entsorgungszentrums“. Die Wiederaufarbeitungsanlage scheiterte, gebaut wurden oberirdische Zwischenlager (z.B. für die Castor-Behälter), die „Pilotkonditionierungsanlage“ zum endlagergerechten Verpacken von Atommüll sowie das „Erkundungsbergwerk“.

    Förderturm am Erkundungsbergwerk Gorleben
    Foto: Daniel Rosenthal
  • Auf Salz gebaut

    International ist die Eignung von Salz als Endlager höchst umstritten: Das plastische Gestein (1) drückt die Lagerkammern zusammen, so dass die Behälter platzen, (2) steigt durch den Druck stetig nach oben, (3) ist extrem wasserlöslich und (4) zersetzt sich durch radioaktive Strahlung.

  • Rache an der DDR

    Der in den 1970ern mit der Endlagersuche beauftragte Geologe Prof. Dr. Gerd Lüttig berichtete, warum Albrechts Wahl auf den Salzstock Gorleben fiel, der aus fachlicher Sicht nur „dritte Wahl“ war: aus Rache für das grenznahe DDR-Endlager Morsleben, das auch Niedersachsen zu verseuchen drohte – Motto: „Jetzt werden wir‘s denen mal zeigen!“

  • Die Gorlebener Rinne

    Die Tonschicht über dem Gorlebener Salzstock durchschneidet ein mindestens 300 Meter tiefer, mit Geröll gefüllter eiszeitlicher Graben. Durch diesen fließt Grundwasser, das den Salzstock ständig ablaugt – jedes Jahr bis zu 12.000 Kubikmeter Salz. „Die zuständigen Fachleute waren entsetzt, als Albrecht sich auf Gorleben festlegte“, bekannte unlängst der Hydrogeologe Prof. Dr. Dieter Ortlam. Der Geologe Prof. Dr. Klaus Duphorn etwa warnte 1982 vor „Bruchstörungen [...] sowohl im Salzstock als auch im Deckgebirge“, die „als Wanderwege für Wasser und Lauge dienen können“. Radioaktive Stoffe könnten so ins Grundwasser gelangen. Die Behörden reagierten mit Druck: Duphorn solle sein negatives Votum revidieren.

    Salzstock Gorleben
    Foto: Daniel Rosenthal
  • Explosionsgefahr

    Unter dem Salzstock Gorleben liegt ein großes Erdgasvorkommen. Über Spalten im Gestein könnte das Gas bis ins geplante Endlager aufsteigen. Im benachbarten Lenzen kam es schon 1969 nach einem Gasausbruch zur Explosion.

  • Frisierte Gutachten

    Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) verfasste 1983, nach Auswertung von Tiefbohrungen, einen Zwischenbericht über Gorleben. Die Abdeckung des Salzstocks sei nicht in der Lage, „Kontaminationen auf Dauer von der Biosphäre zurückzuhalten“, radioaktive Stoffe könnten bereits nach „600 beziehungsweise 1.100 Jahren“ ins Grundwasser gelangen, heißt es in der Urfassung. Selbst im Innern des Salzstocks fänden sich große Schichten Anhydrit, durch die Wasser in den Salzstock laufen könnte. Dann intervenierte die Bundesregierung: Die Zusammenfassung solle die „berechtigte Hoffnung“ betonen, „dass im Salzstock Gorleben ein Endlager für alle Arten von radioaktiven Abfällen“ eingerichtet werden könne. Die Warnung, dass Wasser und Lauge eindringen könnten, bittet sie „etwas weiter vom Zentrum der Betrachtung wegzurücken“. Die PTB gehorchte.

    Salzstock Gorleben
    Foto: Daniel Rosenthal
  • „Erkundung“ oder Endlagerbau?

    Hochrangige Beamte diskutierten 1980, wie man ein atomrechtliches Verfahren für den „Endlagerbau“ vermeiden könne. Ihre Idee: Den Salzstock offiziell nur zu „erkunden“ – dafür reicht Bergrecht. Das „Erkundungsbergwerk“ bekam allerdings endlagertaugliche Schächte mit 7,5 statt vier Metern Durchmesser. Die Kosten stiegen dadurch um bis zu 800 Millionen Euro.

  • Vorbild Asse

    Jahrzehntelang galt das „Versuchsendlager“ Asse II offiziell als „Pilotprojekt“ für das geplante Endlager Gorleben. Dieselben Gutachter, die für Gorleben plädierten, attestierten auch der Asse Sicherheit für Jahrtausende. Erst seit die Zustände dort – Wassereinbruch, Einsturzgefahr, kontaminierte Lauge – öffentlich sind, wollen die Endlager-Fans von der „Pilotfunktion“ nichts mehr wissen.

    Salzstock Gorleben
    Foto: Daniel Rosenthal
  • Auf Teufel komm raus

    Um das Scheitern ihres Atomprojekts in Gorleben zu verhindern, weicht die Regierung die Sicherheitskriterien auf: mehreren Barrieren (z.B. Salz und Ton) sind nun nicht mehr erforderlich. Und als „sicher“ gilt ein Endlager auch dann noch, wenn – eine Million Jahre lang – jeder tausendste Anwohner einen schwerwiegenden Gesundheitsschaden dadurch erleidet. Heißt: Eine Atommüllkippe muss gar nicht dicht sein.


„Gorleben müsste sofort rausfliegen“

Ulrich Kleemann, Geologe und Endlagerexperte, über den Riss der Erdkruste in Gorleben und die Atomlobbyisten, die den maroden Salzstock dennoch mit Atommüll füllen wollen.

Herr Kleemann, eine Schar von Experten erstellt derzeit im Auftrag des Bundesumweltministeriums die sogenannte „Vorläufige Sicherheitsanalyse Gorleben“ (VSG). Ein löbliches Unterfangen?

Das ganze würde nur Sinn machen, wenn man kritische Wissenschaftler einbinden und die Argumente gegen eine Eignung Gorlebens in einer Unsicherheitsanalyse würdigen würde.

Das ist nicht der Fall?

Keineswegs. In der VSG soll vielmehr die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ihre eigenen geologischen Erkenntnisse über den Salzstock in Gorleben selbst überprüfen. Anschließend soll die International Nuclear Safety Engineering GmbH, dahinter steckt Bruno Thomauske, prüfen, ob auf Basis der vorliegenden Daten eine Eignungsaussage für Gorleben möglich ist.

Bruno Thomauske? Der im Bundesamt für Strahlenschutz einst unter Umgehung der Geologen den weiteren Ausbau der Stollen in Gorleben durchgesetzt hat, bevor er dann auf einen Chefposten beim AKW-Betreiber Vattenfall wechselte?

Genau. Bei der VSG sollen diejenigen, die schon immer gesagt haben, dass nichts gegen die Eignung des Salzstocks Gorleben spricht, eine kritische Überprüfung der Erkundungsergebnisse vornehmen. Das Ergebnis steht damit natürlich bereits fest.

Auf Grundlage welcher Daten wird die VSG denn erstellt?

Ausgangspunkt sind die vier Berichte über Gorleben, die die BGR in den Jahren 2007–2011 erstellt hat.

Was stört Sie daran?

Ich habe bei meinen Recherchen in der geologischen Fachliteratur innerhalb kürzester Zeit eine Fülle von Forschungsergebnissen gefunden, die gegen eine Eignung Gorlebens als Endlagerstandort sprechen. In den Berichten der BGR werden die alle nicht gewürdigt. Allenfalls finden sie in Nebensätzen Erwähnung und werden sogleich relativiert. Mit einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung hat das nichts zu tun.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gibt einen Bruch in der Erdkruste, der von Krakau bis zur Elbmündung reicht, die sogenannte „Hamburg-Krakau-Linie“ oder auch „Elbe-Lineament“. Dieser Bruch ist schon sehr alt und wurde mehrfach reaktiviert, zum Beispiel während der Eiszeiten. Die gewaltige Auflast der Eismassen wirkte dabei bis in 30 Kilometer Tiefe. Die westliche Erdplatte ragt dort heute drei Kilometer höher auf als die östliche.  

Wie zwei Eisschollen, die wieder schief zusammengefroren sind. 

Genau. Bei künftigen Eiszeiten sind Bewegungen an diesem Riss, der genau durch den Salzstock Gorleben geht, sehr wahrscheinlich. Das hat die BGR überhaupt nicht berücksichtigt. In einer solchen aktiven geologischen Störungszone darf man kein Endlager errichten!

Das sagen Sie!

Das sagt auch der AK End, das interdisziplinäre Gremium also, das vor wenigen Jahren im Auftrag des Bundesumweltministeriums einmal Kriterien für die Suche nach einem möglichst sicheren Endlager definiert hat. Der AK End verlangt, dass es an einem Endlagerstandort in den letzten 30 Millionen Jahren keine Erdbewegungen geben haben darf. In Gorleben hat es die aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gegeben. Schon deshalb muss dieser Standort ausgeschlossen werden.

Zuletzt sorgten vor allem Berichte über Gasvorkommen unter dem Salzstock für Aufsehen. Warum?

Wenn es unter dem Salzstock Gas gibt und keine schützende Schicht verhindert, dass das Gas in den Endlagerbereich eindringen kann, dann könnte es dort zu Explosionen kommen.

Hat die BGR die Gasfrage in Gorleben denn geklärt?

Nein. Sie hat in ihren Berichten einen großen Bogen darum gemacht und ausgerechnet die entscheidende Gesteinsschicht überhaupt nicht betrachtet. Dabei gibt es eine Dissertation, die klar zeigt, dass sich direkt unter dem Salzstock eine mögliche gasführende Schicht befindet. Hinzu kommt eine Vielzahl von Brüchen und Rissen, über die das Gas aufsteigen kann. Auch die hat die BGR in ihren Berichten nur sehr dünn abgehandelt. Unter Berufung auf seismische Untersuchungen, die in diesem Punkt überhaupt nicht aussagekräftig sind, behauptet sie dann sogar, es gäbe diese geologischen Störungen nicht!

Absurd, finden Sie?

Der ganze Untergrund ist so stark zerstört, dass es eher unwahrscheinlich wäre, wenn Gas nicht in den Endlagerbereich gelangen könnte.

Welche Aussagekraft hat eine sogenannte „Sicherheitsanalyse“, die auf einer so mangelhaften Datengrundlage beruht?

Keine! Eine belastbare Sicherheitsanalyse müsste nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik sicher nachweisen können, dass die geologische Barriere in einem Zeitraum von 1.000.000 Jahren erhalten bleibt. Ein solcher Nachweis ist jedoch nach dem, was wir wissen, nicht möglich.

Wozu soll sie dann dienen?

Ich habe die Sorge, dass damit weitere Faken geschaffen werden, die den Standort Gorleben zementieren sollen.

Befürworter des Weiterbaus in Gorleben behaupten, eine weitere „Erkundung“ des Salzstocks helfe, die noch offenen Fragen zu klären.

Das Geld kann man sich sparen. Denn wir wissen bereits: Der Gorlebener Salzstock liegt erstens in einer geologischen Störungszone, es gibt zweitens gasführende Schichten unter dem Salz und drittens eiszeitliche Rinnen, die das Deckgebirge durchschneiden. Damit ist klar, dass er als Endlager für hochradioaktive Abfälle nicht geeignet ist. Gäbe es eine tatsächlich eine ergebnisoffene Suche nach dem bestmöglichen Standort für ein Endlager, so wie sie Herr Röttgen ja zumindest mal angekündigt hat, müssten alle drei Punkte vielmehr sofort zum Ausschluss Gorlebens führen.

Sie selbst waren ab 2004 beim Bundesamt für Strahlenschutz sechs Jahre lang für alle Endlagerprojekte zuständig. Das wäre doch die beste Gelegenheit gewesen, Ihre Kritik am Umgang mit dem Standort Gorleben anzubringen und für Abhilfe zu sorgen!

Gorleben war damals kein Thema! Es galt ja noch das rot-grüne Erkundungsmoratorium, … 

… das doch aber von vorneherein zeitlich begrenzt war. Und in dieser Zeit hat die BGR unter anderem drei der vier Berichte zu Gorleben erstellt, die Sie nun kritisieren.

Diese Berichte wurden ohne Abstimmung mit dem BfS publiziert. Sonst hätten sie bei mir auf dem Tisch landen müssen. Außerdem war für mich immer klar, dass es ein ergebnisoffenes Standortauswahlverfahren geben muss. Dazu habe ich auch Vorschläge erarbeitet. Als die schwarz-gelbe Bundesregierung stattdessen dann die Wiederaufnahme der Arbeiten im Gorlebener Salzstock beschlossen hat, habe ich gekündigt.

 

Interview: Armin Simon im Februar 2012

Dr. Ulrich Kleemann, Geologe, war von 2004 bis 2010 als Leiter des Fachbereichs Sicherheit nuklearer Entsorgung im Bundesamt für Strahlenschutz unter anderem für die Endlagerprojekte zuständig. Er leitete die Expertengruppe Schweizer Tiefenlager und die Arbeitsgruppe Optionenvergleich zur Asse. Im Auftrag der Rechtshilfe Gorleben e.V. verfasste er 2011 das Gutachten „Bewertung des Endlager-Standortes Gorleben – geologische Probleme und offene Fragen im Zusammenhang mit einer Vorläufigen Sicherheitsanalyse Gorleben“ .


„Kritische Wissenschaftler für dumm erklärt“

Ulrike Donat, Rechtsanwältin und zeitweilige Mitarbeiterin im Gorleben-Untersuchungsausschuss, über die dubiose, manipulierte und kriterienlose Suche nach einem Endlager.

Frau Donat, der Gorleben-Untersuchungsausschuss des Bundestages tagt seit 1,5 Jahren. Was sind die drei wichtigsten Erkenntnisse bisher?

Erstens: Der wissenschaftliche Bericht, der 1983 Grundlage der Entscheidung über die untertägige Erkundung des Gorlebener Salzstocks war, wurde massiv manipuliert. Zweitens: Schon die Auswahl Gorlebens als Endlager-Standort 1977 war willkürlich. Die vom niedersächsischen Umweltminister Sander (FDP) noch 2010 behauptete „sorgfältige Auswahl“ hat es nicht gegeben. Drittens: Die Stollen unter Tage liegen ganz anders, als die der Öffentlichkeit bisher zugänglichen Planungsunterlagen zeigen. Wegen massiver, unerwarteter geologischer Probleme hat man die Richtung und die Lage der sogenannten Erkundungsbereiche erheblich geändert – die Probleme aber ignoriert.

Willkürliche Standortwahl? Die Regierung behauptet bislang, Gorleben sei in einem sorgfältigen Suchverfahren ausgewählt worden!

Das ist keinesfalls so. Das Bundesforschungsministerium ließ 1974 Salzstöcke und Tongesteine in der BRD untersuchen, das Ergebnis waren drei Standortvorschläge: Wahn im Emsland, Lichtenhorst bei Nienburg an der Weser und Lutterloh in der Südheide unweit von Celle. Wahn war der Favorit, aber dort sind die Bauern aufgestanden. Anfang 1976 bekam überraschend der von der SPD nominierte Ministerpräsident im Landtag keine Mehrheit. Stattdessen wurde Ernst Albrecht von der CDU zum Ministerpräsident einer Minderheitenregierung gewählt. Er brauchte jede Stimme. Die CDU-Abgeordneten aus dem Emsland drohten damals, ihm die Gefolgschaft aufzukündigen – deswegen sollte es Wahn dann nicht mehr sein. Und dann tauchte auf einmal Gorleben auf, …

ins Spiel gebracht im November 1976 nach eigenen Angaben vom damaligen niedersächsischen CDU-Finanzminister Walther Leisler Kiep.

In dessen Erinnerungen heißt es, dass er sich direkt davor mit RWE-Vorstand Heinrich Mandel beraten hat. Der war damals Präsident des Deutschen Atomforums.

Kabinettsprotokolle aus Hannover legen nahe, dass die Landesregierung sich damals praktisch unmittelbar auf Gorleben festlegte. Angeblich hat eine Studie diese Entscheidung gut begründet. Was ist damit?

Diese Studie gibt es schlichtweg nicht. Jedenfalls kann sich keiner daran erinnern und in den maßgeblichen Akten gibt es auch keinerlei Hinweis darauf.

Auf die Standortbenennung folgten erste geologische Untersuchungen – mit welchem Ergebnis?

Kritische Wissenschaftler, allen voran die Geologen Klaus Duphorn und Eckhard Grimmel, warnten: Das ist kein einfacher Salzstock, da gibt es Verfaltungen und Einbrüche und das Deckgebirge fehlt. Sie wurden für dumm erklärt, von der Atomindustrie gemobbt, mit Gegengutachten überschüttet. Anderen ging es genauso: Alle Leute, die kritische Äußerungen gemacht haben, sind rausgeschmissen, ihre Ergebnisse nicht aufgenommen worden.

Zum Beispiel?

Der Physiker Heinz Nickel etwa. Der hatte ein Resonanzverfahren entwickelt, mit dem man den Untergrund durchleuchten konnte. Und er stellte fest, dass es dort ganz anders aussah als man vermutet hatte – andere Gesteinsschichten als erwartet. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), die die Untersuchungsergebnisse zu Gorleben dokumentieren sollte, hat diese höchst kritischen Befunde einfach aus ihren Zusammenfassungen herausgehalten. Im Mai 1983 präsentierte sie einen Bericht zur Geologie in Gorleben, in dem alles glatt aussah. Im Juni entschied dann die Bundesregierung, den Gorlebener Salzstock untertägig zu erkunden. Und erst im Juli sind dann die kritischen Befunde veröffentlicht worden. Nickels Warnungen haben sich übrigens beim Bau des Bergwerks bewahrheitet. Auch die frühen Hinweise auf Gas im Salz haben die zuständigen Stellen ignoriert.

Gas im Salz?

Ja. Man wusste schon in den 1970ern, dass in dem Gebiet Erdgas lagert, in 3.000 Metern Tiefe. Man hat sogar darüber diskutiert, ob die Rohstoffgewinnung oder die Endlagerung Vorrang haben sollte. Im DDR-Teil des Salzstocks hatte es 1969 bei Bohrungen eine Gasexplosion gegeben. Sorgen um die Sicherheit des geplanten Endlagers hat man sich trotzdem keine gemacht – man ging davon aus, Salz ist dicht. Dabei hat man inzwischen überall in dem angeblich so reinen Salz Gaseinschlüsse gefunden, auch von Gas, das von unten aufgestiegen ist. Das Erdgas ist explosiv. Andere Gaseinschlüsse dehnen sich bei Hitze, wie sie hochradioaktiver Atommüll erzeugt, aus. Das kann die Dichtigkeit des Salzgesteins verändern und Risse bilden.

Waren die Behörden, die die Eignung Gorlebens als Endlager untersuchen sollten, parteiisch?

Es ist immer einseitig untersucht worden. Der Untersuchungsausschuss hat sehr deutlich gezeigt, dass die Wissenschaftler in der BGR und in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) sehr verbandelt sind mit der Atomindustrie und dass dort keinerlei unabhängige Wissenschaftler mehr arbeiten. Mehr noch: In der ganzen Bundesrepublik gibt es praktisch keine unabhängigen qualifizierten Salzgeologen mehr, die Atomlager in Salz beurteilen können – kritischen Geologen ist die Karriere verweigert worden. Das ist erschreckend.

Anfang der 1980er gab es allerdings durchaus eine Debatte, ob man überhaupt in die Tiefbohrungen in Gorleben einsteigen sollte.

Ja. Aber im Herbst 1982 kam der Regierungswechsel zur CDU-FDP-Regierung unter Kohl. Die wollte in Gorleben zeigen: Wir setzen auf Atom. Jedenfalls wurden dann alle kritischen Ergebnisse aus den Abschlussberichten der PTB und der BGR rausgestrichen. Auf einmal sah es so aus, als sei Gorleben „eignungshöffig“.

Eignungs… wie bitte?

„Eignungshöffig“. Das ist ein politischer Kampfbegriff. „Höffig“ ist Geologensprache: Ein erdölhöffiges Gebiet etwa ist eines, das ein reiches Erdölvorkommen verspricht. In Gorleben hoffen Regierung und Atomindustrie demnach, dass der Salzstock geeignet ist, dort irgendwann Atommüll lagern zu können – aber für eine solche Aussage müsste man erstmal Kriterien haben, und dann prüfen, ob diese erfüllt sind. In Gorleben aber wird seit über 30 Jahren untersucht und gebohrt ohne irgendwelche vorher festgelegten Kriterien.

Immerhin gibt es einen Salzstock …

Aber die Zone mit dem „richtigen“ Salz darin ist viel kleiner als gedacht. Und die beiden grundlegenden Sicherheitskriterien, die es bis 1979 oder 1980 mal gab, nämlich ein intaktes Deckgebirge über dem Salzstock und ausgedehntes Salz ohne geologische Störungen, sind beide nicht erfüllt. Der Salzstock ist voller Störungen, darunter Einfaltungen aus dem sehr spröden Gestein Anhydrit, das leicht Klüfte bildet und daher potenziell wasserleitend ist. Und das Deckgebirge ist in Teilen gar nicht vorhanden! Zusätzliche Probleme wie das Gas kommen hinzu. Es gibt also in Wahrheit keinerlei Anzeichen dafür, dass man hier sicher Atommüll lagern könnte. Da von „eignungshöffig“ zu reden, ist absurd.

Sie halten das Vorgehen der Behörden für unseriös?

In Gorleben gibt es nur ein bisschen Salz – alle zusätzlichen geologischen Sicherheitsbarrieren fehlen. Und um das zu vertuschen, hat man seit 1983 alle harten Kriterien fallen lassen. Man hat nicht mehr gesagt: Da muss es dicht sein, dort ist so viel Sicherheitsabstand nötig und so weiter. Sondern man hat stattdessen mit Modellrechnungen angefangen – so wie in der „Vorläufigen Sicherheitsanalyse“, die das Umweltministerium derzeit erarbeiten lässt. Im Gegensatz zu harten geologischen Kriterien kann diese Rechenwege kein Mensch mehr überprüfen. Das macht das Ganze undurchschaubar.

Der Drang, an Gorleben festzuhalten, war schon in den 1980ern sehr groß. Warum?

Für Philippsburg, Brokdorf und andere AKW standen Teilgenehmigungen an, Bürgerinnen und Bürger hatten dagegen geklagt. Und die Gerichte verlangten, dass die Entsorgung des Atommülls gesichert sein müsse. Eine Teilerrichtungsgenehmigung für Brokdorf hätte es nicht gegeben, wenn die Regierung nicht den Anschein erweckt hätte, dass die Entsorgung schon klappen werde. Dazu musste sie einen Standort für ein Endlager und Fortschritte bei dessen Realisierung vorweisen können. Andernfalls wäre das schon damals das Aus für die Atomkraft gewesen.

Und heute? Im Gorlebener Salzstock wird seit einem Jahr wieder gebuddelt. Welchen Sinn macht das?

Es soll den Standort zementieren. Offiziell geht es darum, den endgültigen Nachweis „geeignet oder ungeeignet“ zu erbringen. Wobei jetzt schon klar ist, dass da am Ende „geeignet“ stehen soll – was ja kein Problem sein wird, wenn jedes Kriterium flexibel gehandhabt und entsprechend „errechnet“ werden kann. Ich bin sicher, dass Regierung und Atomindustrie, wenn der „Erkundungsbereich“ im Salzstock ausgebaut ist, versuchen werden, den hochradioaktiven Abfall da runter zu bringen – ungeachtet dessen, dass das sogenannte Atommüllendlager dort nicht eine Million Jahre, sondern noch nicht einmal die nächsten hundert Jahre halten wird. Wir wissen doch um die Problematik von Salz aus der Asse und aus Morsleben.

Interview: Armin Simon im Oktober 2011

 

Ulrike Donat ist selbstständige Rechtsanwältin und Mediatorin in Hamburg. Zusammen mit der BI Lüchow-Dannenberg und anderen Initiativen streitet sie seit Jahren für das Demonstrations- und andere Grundrechte im Wendland. Die vergangenen Monate wühlte sie sich als Referentin der Bundestagsfraktion der Grünen durch die Akten des Gorleben-Untersuchungsausschusses.