40 Jahre Gorleben

Gorleben - Salzstock voller Macken

Gorleben ist ein kleines Dorf an der Elbe in Niedersachsen, unweit der Grenze zu Sachsen-Anhalt. Im Februar 1977 bestimmte der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht (CDU) ihn zum Standort als "Endlager" (s. Wortklauberei) für hochradioaktive Abfälle aus Atomkraftwerken.

Jahrzehntelang wurde ofiziell "erkundet", ob sich Gorleben als dauerhafter Lagerungsort eignet. Tatsächlich wurde bei den Arbeiten bereits alles auf eine zukünftige Einlagerung von Atommüll vorbereitet – obwohl WissenschaftlerInnen mahnen, dass der Salzstock nicht geeignet ist, um die radioaktive Abfälle für Jahrtausende sicher zu lagern.

Seit den 1990er-Jahren war Gorleben dennoch das Ziel sogenannter Castor-Transporte mit hochradioaktivem Atommüll aus Atomkraftwerken und aus Plutonium-Fabriken. Diese Abfälle lagern nun in einer oberirdischen Halle, einem Zwischenlager, nur wenige Hundert Meter vom Eingang des Salzstocks entfernt.

Seit 40 Jahren wehren sich Atomkraftgegner*innen aus dem Wendland und der ganzen Republik gegen ein Atommüll-Lager im maroden Salzstock und gegen Castor-Transporte ins Zwischenlager – und haben so bis heute die endgültige Festlegung auf Gorleben als Standort für ein geologisches Tiefenlager verhindert. Doch im neuen Standortauswahlgesetz ist Gorleben trotz seiner großen Mängel der einzige bisher benannte Standort. Es geht also weiter ...



Mein Gorleben-Moment

40 Jahre nach der ersten Standortbenennung ist das geplante Atommülllager im Gorlebener Salzstock noch immer nicht vom Tisch. Die Auseinandersetzung führt Zehntausende Atomkraftgegner*innen ins Wendland – und bei vielen zu Erlebnissen, die bis heute prägen. Eine Auswahl

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Fremde Freunde. "Hüttendorf auf Bohrstelle 1004. Wir kommen mit dem VW-Bulli und helfen ein wenig, an einem Holzhaus zu bauen. Eine einmalige Situation, voll „fremder Freunde“: Wir kennen uns alle nicht, verstehen uns aber sofort, jede/r nach ihrer/seiner Einstellung zum Leben. Wenn die Nacht kommt, wird es mystisch im Dorf. Unvorstellbar. Wir wissen aus dieser gewaltigen inneren Kraft heraus: Diesen Kampf werden wir gewinnen." Jörg Grützmann

Zwei VW-Bullis im Gorleben-Widerstand
Foto: Jörg Gützmann VW-Bulli am Hüttendorf Gorleben

Zaunabbau. "Pfingsten 1982, meine erste Nacht-und-Nebel-Aktion im Wald: Ich bin erstaunt, wie leicht sich mit 30 Leuten der Zaun an der Tiefbohrstelle demontieren lässt. Wir sind schon recht weit gekommen, als ein Bulli vom Wachdienst kommt, den wir mit morschen Kiefernstämmchen an der Weiterfahrt hindern. So können wir unerkannt nach Hause fahren. Und ich komme immer gern wieder …" Liv Teichmann

 

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Referate. "Als Physiklehrer veranlasst mich der Gorleben-Konflikt Ende der 1970er Jahre, meine 10. Realschulklasse mit Referaten zum Thema Energie zu beauftragen. Um die sachliche Richtigkeit beurteilen zu können, muss ich mich natürlich selbst in die Materie vertiefen. Dabei stoße ich, wie meine Schüler, auch auf atomkraftkritische Literatur. Am Ende ist die gesamte Klasse einschließlich mir der Überzeugung, dass es nicht zu verantworten ist, auf Atomenergie zu setzen." Jürgen Faber

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Spielzeugtrecker. "Eine große Treckerdemo ist in der Nähe des Verladekrans angemeldet. Ein riesen Polizeiaufgebot bewacht die Gleise. Zur angekündigten Zeit kommen circa 20 kleine Kinder mit ihren Spielzeugtraktoren angefahren …" Irmgard Born

 

Schienenspaziergang in Gorleben 2010
Foto: PubliXviewinG / Andreas Conradt Schienenspaziergang im Wendland, 2010

Kinderfragen. "Für die Kinder ist die Demo in Gorleben 2002 wie Fasching: Bauern werfen Anti-Atom-Bonbons und Luftballons von ihren Treckern, es herrscht Sonnenschein und gute Laune, Sambagruppen spielen. Als wir das Zwischenlager erreichen, säumen lange Reihen von Uniformierten unseren Weg. Der Freund meines Sohnes ist absoluter Polizistenfan. Mit unermüdlichem Eifer sagte jedem freundlich „Guten Tag“ und will jedem die Hand geben, was aber auf wenig Gegenliebe stößt; nur ein paar bringt er zum Lächeln. „Die sind hier aber nicht sehr nett, die Polizisten“, sagt er nach einer Weile: „Vor wem beschützen die uns denn?“ Anja Kraus

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No Pasaran. "Wieder geht’s nicht weiter, kurz vor Gedelitz stehen Traktoren quer auf der Landstraße. Zwischen ihnen und dem ersten Fahrzeug einer Polizeikolonne von etwa 30 Mannschaftswagen sitzen zwei ältere Herren mitten auf der Fahrbahn. Links und rechts neben der weißen Linie haben sie sich nebeneinander niedergelassen, der eine auf Stroh, der andere in seinem Rollstuhl, beide grimmige Würde im Gesicht. Auf die Räumungsaufforderung der Polizei hin rollen zwar die Traktoren zur Seite, nicht aber die beiden Männer. Langsam wird’s dunkel, der nächste Novemberabend tropft ins Wendland. Und dann, nach langen Minuten grimmigen Ausharrens hier und stiller Unentschlossenheit dort, macht das erste grüne Fahrzeug einen mühsamen Wendeversuch, das nächste ebenfalls, das dritte, die gesamte Kolonne macht kehrt. Ihre roten Rücklichter und das blaue Geblitze verlieren sich irgendwann zwischen den Giebeln der Bauernhöfe. Johlender Beifall von 200 Menschen. No Pasaran! Sie sind wirklich nicht durchgekommen. Hier jedenfalls nicht. Heute noch nicht." Götz Rubisch

Treckerumzug in Gorleben
Foto: PubliXViewinG Großdemo in Dannenberg 2011

Peace Team. "Irgendwann nach der großen Sitzblockade vor dem Verladekran im März 1997 lese ich den gut 40-seitigen Bericht des „Gorleben International Peace Team“: Leute aus Ecuador, Mazedonien, Nigeria und den USA, die eigens zur Beobachtung der Menschenrechtslage beim Castor-Transport gekommen waren. Eine heilsame Umkehrung der Perspektive der „westlichen Welt“. Stephan Pickl

 

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Viel Kraft. "Schlafsäcke zur Blockade bringen – den Auftrag übernehme ich gerne. Und ganz schnell bin ich selbst „mittendrin“. Wie selbstverständlich nehmen mich Helmreich, Erika, Johannes und Martina mit in ihre Gruppe. Zusammen bauen wir uns ein „Lager“. Noch nie habe ich im November draußen genächtigt und schon gar nicht auf der Straße. Aber es ist klar, dass ich bleibe. Am Mittag die Räumungsaufforderung der Polizei, wir setzen uns. Zwei Leute klettern auf Laternenmasten und enthüllen ein Transparent: „Gegen unsere Lebendigkeit seid ihr machtlos!“ Am Ende bin ich ausgebrannt und müde, aber nicht mit dem Gefühl einer Niederlage. Ich werde wiederkommen, ich habe gemerkt, wie viel Kraft entsteht, wenn Leute sich zusammenschließen gegen den atomaren Wahnsinn." Christoph Dembowski

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Gutes Gefühl. "2. April 2011: Nach Fukushima und Großdemos liegen acht AKW vorläufig still. Wir machen uns auf nach Gorleben, um den Druck auf die Politik hochzuhalten. Die Hoffnung ist überall zu spüren, dass auch Gorleben endlich kippen könnte. Strotzend vor Selbstbewusstsein, die verhasste Atomwirtschaft und ihre politischen Handlanger am Ende doch in die Knie zwingen zu können, klettere ich auf einen Trecker am Wegesrand und schwenke stolz die Anti-Atom-Sonne im Frühlingswind. Ein gutes Gefühl, mein Gorleben Gefühl!" Jan Precht

Anti-Atom-Fahne im Frühlingswind
Foto: Jan Precht April 2011 - Jan Precht winkt mit der Fahne

Hale-Bopp und große Bärin. "Wir liegen in unseren Schlaftüten auf Strohsäcken und schauen in den Himmel. Trotz des scheußlichen Anlasses ist die Nacht traumhaft schön. Den tollsten Anblick bietet der Komet Hale-Bopp mit seinem gleißenden Schweif, 1997 erleuchtet er unseren Zivilen Ungehorsam auf der Castor-Route. Neben mir liegt Tom, ein Astronomie-Student. Von ihm lerne ich in dieser Nacht, dass der „Große Bär“ am Firmament eigentlich eine Bärin ist, Ursa Major. Sie war zu Lebzeiten die Nymphe Kallisto, Götter-Chef Zeus hatte sie geschwängert, und seine eifersüchtige Ehefrau Hera verwandelte sie in eine Bärin, die Zeus dann zum Gestirn machte. Immer wenn ich das Sternbild sehe, erinnere ich mich an diese Gorleben-Nacht." Ariane Dettloff

 

 

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Unterschlupf. "Mit vielen anderen DemonstrantInnen stehe ich nicht weit vom Tor des Zwischenlagers am Waldrand. Die Zufahrtstraße ist von Polizisten flankiert. Als die ersten Castoren in Sicht kommen, schießen Wasserwerfer in Richtung Wald. „Ihre Kollegen werden sie wohl kaum beschießen“, denke ich und rücke auf die Polizeikette vor. Plötzlich entdeckt mich ein Polizist, winkt mich heran, weist auf einen Platz hinter sich und sagt: „Hier sind Sie sicher.“ Regina Schulze

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Suppe ohne Grenzen. Am Ortseingang von Gorleben versperrt 2011 eine Polizeikette den Zugang zur Blockade von „X-tausendmal quer“, aber eine kleine, alte Dame will dort durch.Auf einem Bollerwagen zieht sie einen großen Suppentopf hinter sich her. Sie trifft auf Polizisten, die sie um zwei Köpfe überragen und ihr den Weg versperren. Beherzt schiebt sie sich an den Beamten vorbei, schaut sie streng an und sagt: „Jungchen, das traut ihr euch nicht!“ Recht hatte sie! Vera Graap

Gorleben-Aktion Lebenslaute 2009
Foto: Lebenslaute Gorleben-Aktion Lebenslaute 2009

Lebenslaute. "Ein heiterer Samstagmorgen im Sommer 2009: Etwa 50 Musiker übersteigen mit Hilfe einer selbstgebauten Treppe die vier Meter hohe Mauer zum Bergwerksgelände, in Konzertkleidung, mit Instrumenten, Hockern, Notenständern. Auf der anderen Seite nutzen wir eine für Wasserwerfer gebaute Rampe. Als ich nach dem ersten Chorstück aufblicke, sind wir von Polizei umstellt, die habe ich überhaupt nicht kommen sehen. Sie hindert uns aber nicht, unser Konzert zu Ende zu bringen." Gerd Büntzly

 

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Hexenschuss. "Gorleben 2010. Wegen der Laufzeitverlängerung für die AKW sitze ich mit meinen 53 Jahren im nasskalten Herbst auf der Straße – tagelang, denn die Castoren kommen nicht sonderlich gut voran. Dialog mit „meinen“ beiden Polizisten bei der Räumung: „Moin! Ich steh’ kurz vorm Hexenschuss und kann mich nicht wegtragen lassen.“ – „Oh! Kommen Sie denn hoch?“ – „Wird schon gehen …“ Beide helfen mir behutsam hoch und reichen mir meine restlichen Sachen. „Alles ok? Gut, ich fordere Sie auf, diese Demonstration freiwillig zu verlassen.“ – „Auf keinen Fall gehe ich freiwillig!“ – „Dann müssen wir Sie jetzt abführen!“ Die Polizisten haken mich vorsichtig unter und führen mich von der Straße, nicht ohne mich auf Stolperfallen aufmerksam zu machen. Dafür bedanke ich mich selbstverständlich. „Ich bedanke mich bei Ihnen, dass Sie das hier für die Zukunft unserer Kinder auf sich genommen haben“, sagt der Polizist mit festem Händedruck. Auch sein Kollege zieht seinen Handschuh aus und reicht die Hand." André Podszus

Gorleben-Demonstrantin an Schienen
Foto: PubliXviewinG / Andreas Conradt Gorleben Demonstrantin

40 Jahre."Auch ich werde dieses Jahr 40 Jahre alt und war schon mehrfach dienstlich als Polizeibeamter in und um Gorleben im Einsatz. Nichtsdestotrotz stand ich den AKWs samt ihrer strahlenden Hinterlassenschaft konträr gegenüber. Am 6. November 2010 nahm ich als Bürger protestierend an der Anti-Atom-Demo in Dannenberg teil. Ich kann nur hoffen, dass es nicht weitere 40 Jahre dauert, bis das letzte AKW keinen Giftmüll mehr verursacht." (Name der Redaktion bekannt)

 

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Anarchie. "Es war natürlich Rechtsbruch, den Garten unserer Hoffungen dort anzulegen, wo das Atomklo der BRD hin soll. Die zarte Pflanze wird abgeschnitten, zertreten. Doch ich pflanze sie in meine Erinnerung und lese es in euren Gesichtern: Ihr habt sie auch. Wir waren dort. Keiner kriegt uns fort aus dem Dorf, in dem unsere Träume Wurzeln geschlagen haben. Nachdem sie das erste Dorf der „Republik Freies Wendland“ niedergemacht haben, werden unzählige entstehen. Sie werden entstehen auf sandigem Boden und aus Holz, sie werden entstehen zwischen Feldern aus Stein, oder sie stehen schon, ohne es zu wissen. Sie werden aus der Idee der „Träumer und Pfadfinder“ von 1004 (Innenminister Möcklinghof) eine Realität machen. Dieter Halbach (geschrieben 1980 nach der Räumung des Hüttendorfs)"

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Kranichzug. "Castor 2010, „X-tausendmal quer“: Als ich morgens die Augen aufschlage, wird es gerade hell. Und genau in der Himmelsschneise über mir, zwischen den Kieferwäldern rechts und links der Straße, fliegt ein Kranichzug! Die Rufe der Vögel haben mich geweckt. Dieses Glücksgefühl hält bis heute an! Und egal wie anstrengend und kalt zum Teil die 44 Stunden waren: zur Verhinderung eines Atommülllagers im Salzstock Gorleben werde ich es immer wieder tun – auch mit einem Lächeln, weil ich mich an den besonderen Moment erinnere." Claudia von Wachtendonck

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Noch nie. "Ich war noch nie in Gorleben. Aber mir gefällt der Baum so sehr und das „Gorleben soll leben“ und ich danke allen, dass er zu mir kam – mein Herz zu beflügeln, den Mut und die Aktionen zu bewundern." Bärbel

 

Ungekürzte und weitere Beiträge findet Ihr hier:

Die nächsten 40 Jahre

Die ersten vier Jahrzehnte des Gorleben-Widerstandes sind eine Erfolgsgeschichte – doch ihr fehlt bisher das Happy-End

Demonstrant zum Abschlussbericht der Atommüllkommission
Foto: Kina Becker

Gorleben steht seit der Standortbenennung im Februar 1977 für eine üble und eine ermutigende Geschichte. Einerseits ist es der Ort, an dem Staat und Industrie seit 40 Jahren versuchen, umstrittene Atomprojekte mit allen Mitteln gegen die Bevölkerung durchzusetzen: mit Lug und Trug, mit viel Geld, mit Polizeigewalt, indem sie kritische Wissenschaft mundtot machen, mit Überwachung, juristischen Tricks, durch Kriminalisierung, Schein-Dialoge, Einschüchterung und das Ausblenden geologischer Tatsachen. Andererseits ist Gorleben der Ort, der gezeigt hat, dass es die scheinbar Mächtigen unendlich schwer haben, ihre Pläne durchzusetzen, wenn sich die scheinbar Ohnmächtigen zusammenschließen und wehren.

Wer hat den längeren Atem?

Viel hat der Widerstand bereits erreicht: Das AKW-Projekt bei Langendorf gestoppt. Die Plutoniumfabrik, verharmlosend „Wiederaufarbeitungsanlage“ (WAA) genannt, in Gorleben wie im nahegelegenen Dragahn verhindert. Die Pilotkonditionierungsanlage (PKA) zum Umpacken von hochradioaktivem Müll nie in Betrieb gegangen. In die Castor-Halle rollten in 30 Jahren ganze 13 Transporte, obwohl die Betreiber eine Atommüll-Fuhre pro Woche geplant hatten; inzwischen gilt ein gesetzlicher Castor-Stopp. Das geologische Tiefenlager im Salzstock, das Ende der 1990er Jahre in Betrieb gehen sollte, hat der Widerstand immer weiter verzögert; seit 2012 gibt es einen Baustopp.

Die Geschichte von Gorleben ist eine Erfolgsgeschichte – nur bisher ohne Happy End. Denn auch wenn im wendländischen Widerstand inzwischen die dritte und vierte Generation aktiv ist, bleibt weiter offen, wer am Ende den längeren Atem hat. Seit dem letzten Castor-Transport 2011 ist es von außen betrachtet ruhiger geworden, auch wenn in der Region die Wachsamkeit nicht nachgelassen hat. Doch die Ruhe ist trügerisch: Gorleben ist noch lange nicht vom Tisch.

Zwischenlager ohne Ende

113 Castor-Behälter voll hochradioaktiver Abfälle stehen im oberirdischen Zwischenlager. Die Halle ist für 40 Jahre genehmigt, bis 2034, für denselben Zeitraum sind auch die Castoren ausgelegt. Was danach mit dem Atommüll geschehen soll, ist völlig unklar. Denn ein geologisches Tiefenlager wird es bis dahin mit Sicherheit nicht geben – selbst im besten Fall wird das Jahrzehnte länger dauern. So steht also im Wald bei Gorleben eine nukleare Altlast allerhöchster Brisanz.
2019 geht die Halle von den AKW-Betreibern an den Staat über, ebenso die PKA. Diese ist als Reparaturwerkstatt für defekte Castoren vorgesehen – möglicherweise auch für Behälter aus anderen Zwischenlagern. Gorleben könnte so erneut zu einem Knotenpunkt des Atommüll-Tourismus werden.

Wer stimmt gegen Gorleben?

Auf der anderen Straßenseite liegt das Bergwerk. Die Ausbau-Arbeiten im Salzstock sind seit 2012 gestoppt, die oberirdischen Anlagen werden zum Teil sogar zurückgebaut. Bis heute lagert kein Atommüll unter Tage. Aber die Schächte und ein Teil der Stollen werden nicht ohne Grund weiterhin offengehalten: Gorleben ist der einzige im neuen Standortauswahlgesetz namentlich genannte Ort – von wegen weißer Landkarte. Die geologischen Kriterien im Gesetz sind so formuliert, dass die Mängel des Salzstocks kaum eine Rolle spielen. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass am Ende doch wieder alles an Gorleben kleben bleibt.

Nicht zuletzt liegt das auch daran, dass alle Auswahlschritte im neuen Suchverfahren vom Bundestag getroffen werden sollen. Selbst die besten geologischen Argumente würden so nur bedingt zählen. Um Gorleben zu kippen, bräuchte es vielmehr eine parlamentarische Mehrheit. Die aber ist kaum denkbar, schließlich ist jede Stimme für Gorleben zugleich eine „Nicht in meinem Wahlkreis“-Stimme. So ist es mehr als wahrscheinlich, dass der Standort bis zur für frühestens 2031 anvisierten Endabstimmung im Verfahren bleibt. Und auch bei dieser dürfte das „Alle sind für Gorleben“-Prinzip leicht greifen.

Union gegen „Bohrlochtourismus

Die Gorleben-Befürworter*innen haben stets befürchtet, dass das geologische Tiefenlager am Ende vor Gericht scheitern könnte, weil es nie einen Vergleich mit anderen potenziellen Standorten gab. Dieser Verfahrensfehler wird durch den angeblichen „Neustart“ beseitigt. Zugleich schränkt das Standortauswahlgesetz die Klagemöglichkeiten gegen die vom Bundestag zu treffenden Entscheidungen massiv ein und reduziert die Beteiligung der Öffentlichkeit auf das Recht, „unterrichtet“ zu werden.
Mit der Übernahme des Risikos steigender Atommüll-Kosten durch den Staat fällt zwar das Drängen der Stromkonzerne weg, wegen der schon im Gorlebener Salzstock verbuddelten Milliarden diesen nun auch als Atommülllager in Betrieb zu nehmen. Dafür aber wird es aus der Politik entsprechenden Druck geben. Schon spricht sich Michael Fuchs, Fraktionsvize der Union im Bundestag, gegen einen „Bohrlochtourismus“ in ganz Deutschland und damit faktisch gegen den angeblichen Kern des neuen Suchverfahrens aus. Er will Geld sparen, indem jetzt einfach irgendein Standort genommen wird. Fuchs vermeidet, Gorleben zu nennen, aber seine Vorschläge laufen direkt darauf hinaus.

Zusammenarbeit und Generationswechsel

Der Streit um Gorleben findet derzeit eher selten auf der Straße statt (aktuelle Aktionen siehe Seite 9). Umso wichtiger ist es, dass sich die Aktiven aus dem Wendland mit anderen Betroffenen zusammentun. Es gibt 17 Zwischenlager-Standorte in Deutschland, die alle gemeinsam das Problem haben, dass das Haltbarkeitsdatum der Castor-Behälter näherrückt. Zudem werden bald zahlreiche Regionen als potenzieller Standort eines geologischen Tiefenlagers ausgewählt werden. Da ist Solidarität und Zusammenarbeit gefragt und die Weitergabe von Know-how in Sachen Protest und Widerstand. Alle Regionen gemeinsam müssen deutlich machen, dass sie sich nicht gegeneinander ausspielen lassen, und ein konsensorientiertes Verfahren mit echter Beteiligung und Vetorecht aller Betroffenen verlangen.

Und im Wendland selbst? Da müssen diejenigen, die nach der Standortbenennung 1977 geboren sind, in die Verantwortung dafür, was in den nächsten 40 Jahren in Gorleben passiert. Damit die Geschichte auch wirklich ihr Happy End bekommt.

Jochen Stay

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin 34 (Februar 2017)

„Gorleben müsste sofort rausfliegen“

Ulrich Kleemann, Geologe und Endlagerexperte, über den Riss der Erdkruste in Gorleben und die Atomlobbyisten, die den maroden Salzstock dennoch mit Atommüll füllen wollen.

Herr Kleemann, eine Schar von Experten erstellt derzeit im Auftrag des Bundesumweltministeriums die sogenannte „Vorläufige Sicherheitsanalyse Gorleben“ (VSG). Ein löbliches Unterfangen?

Das ganze würde nur Sinn machen, wenn man kritische Wissenschaftler einbinden und die Argumente gegen eine Eignung Gorlebens in einer Unsicherheitsanalyse würdigen würde.

Das ist nicht der Fall?

Keineswegs. In der VSG soll vielmehr die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ihre eigenen geologischen Erkenntnisse über den Salzstock in Gorleben selbst überprüfen. Anschließend soll die International Nuclear Safety Engineering GmbH, dahinter steckt Bruno Thomauske, prüfen, ob auf Basis der vorliegenden Daten eine Eignungsaussage für Gorleben möglich ist.

Bruno Thomauske? Der im Bundesamt für Strahlenschutz einst unter Umgehung der Geologen den weiteren Ausbau der Stollen in Gorleben durchgesetzt hat, bevor er dann auf einen Chefposten beim AKW-Betreiber Vattenfall wechselte?

Genau. Bei der VSG sollen diejenigen, die schon immer gesagt haben, dass nichts gegen die Eignung des Salzstocks Gorleben spricht, eine kritische Überprüfung der Erkundungsergebnisse vornehmen. Das Ergebnis steht damit natürlich bereits fest.

Auf Grundlage welcher Daten wird die VSG denn erstellt?

Ausgangspunkt sind die vier Berichte über Gorleben, die die BGR in den Jahren 2007–2011 erstellt hat.

Was stört Sie daran?

Ich habe bei meinen Recherchen in der geologischen Fachliteratur innerhalb kürzester Zeit eine Fülle von Forschungsergebnissen gefunden, die gegen eine Eignung Gorlebens als Endlagerstandort sprechen. In den Berichten der BGR werden die alle nicht gewürdigt. Allenfalls finden sie in Nebensätzen Erwähnung und werden sogleich relativiert. Mit einer wissenschaftlich fundierten Auseinandersetzung hat das nichts zu tun.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Es gibt einen Bruch in der Erdkruste, der von Krakau bis zur Elbmündung reicht, die sogenannte „Hamburg-Krakau-Linie“ oder auch „Elbe-Lineament“. Dieser Bruch ist schon sehr alt und wurde mehrfach reaktiviert, zum Beispiel während der Eiszeiten. Die gewaltige Auflast der Eismassen wirkte dabei bis in 30 Kilometer Tiefe. Die westliche Erdplatte ragt dort heute drei Kilometer höher auf als die östliche.  

Wie zwei Eisschollen, die wieder schief zusammengefroren sind. 

Genau. Bei künftigen Eiszeiten sind Bewegungen an diesem Riss, der genau durch den Salzstock Gorleben geht, sehr wahrscheinlich. Das hat die BGR überhaupt nicht berücksichtigt. In einer solchen aktiven geologischen Störungszone darf man kein Endlager errichten!

Das sagen Sie!

Das sagt auch der AK End, das interdisziplinäre Gremium also, das vor wenigen Jahren im Auftrag des Bundesumweltministeriums einmal Kriterien für die Suche nach einem möglichst sicheren Endlager definiert hat. Der AK End verlangt, dass es an einem Endlagerstandort in den letzten 30 Millionen Jahren keine Erdbewegungen geben haben darf. In Gorleben hat es die aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit gegeben. Schon deshalb muss dieser Standort ausgeschlossen werden.

Zuletzt sorgten vor allem Berichte über Gasvorkommen unter dem Salzstock für Aufsehen. Warum?

Wenn es unter dem Salzstock Gas gibt und keine schützende Schicht verhindert, dass das Gas in den Endlagerbereich eindringen kann, dann könnte es dort zu Explosionen kommen.

Hat die BGR die Gasfrage in Gorleben denn geklärt?

Nein. Sie hat in ihren Berichten einen großen Bogen darum gemacht und ausgerechnet die entscheidende Gesteinsschicht überhaupt nicht betrachtet. Dabei gibt es eine Dissertation, die klar zeigt, dass sich direkt unter dem Salzstock eine mögliche gasführende Schicht befindet. Hinzu kommt eine Vielzahl von Brüchen und Rissen, über die das Gas aufsteigen kann. Auch die hat die BGR in ihren Berichten nur sehr dünn abgehandelt. Unter Berufung auf seismische Untersuchungen, die in diesem Punkt überhaupt nicht aussagekräftig sind, behauptet sie dann sogar, es gäbe diese geologischen Störungen nicht!

Absurd, finden Sie?

Der ganze Untergrund ist so stark zerstört, dass es eher unwahrscheinlich wäre, wenn Gas nicht in den Endlagerbereich gelangen könnte.

Welche Aussagekraft hat eine sogenannte „Sicherheitsanalyse“, die auf einer so mangelhaften Datengrundlage beruht?

Keine! Eine belastbare Sicherheitsanalyse müsste nach aktuellem Stand von Wissenschaft und Technik sicher nachweisen können, dass die geologische Barriere in einem Zeitraum von 1.000.000 Jahren erhalten bleibt. Ein solcher Nachweis ist jedoch nach dem, was wir wissen, nicht möglich.

Wozu soll sie dann dienen?

Ich habe die Sorge, dass damit weitere Faken geschaffen werden, die den Standort Gorleben zementieren sollen.

Befürworter des Weiterbaus in Gorleben behaupten, eine weitere „Erkundung“ des Salzstocks helfe, die noch offenen Fragen zu klären.

Das Geld kann man sich sparen. Denn wir wissen bereits: Der Gorlebener Salzstock liegt erstens in einer geologischen Störungszone, es gibt zweitens gasführende Schichten unter dem Salz und drittens eiszeitliche Rinnen, die das Deckgebirge durchschneiden. Damit ist klar, dass er als Endlager für hochradioaktive Abfälle nicht geeignet ist. Gäbe es eine tatsächlich eine ergebnisoffene Suche nach dem bestmöglichen Standort für ein Endlager, so wie sie Herr Röttgen ja zumindest mal angekündigt hat, müssten alle drei Punkte vielmehr sofort zum Ausschluss Gorlebens führen.

Sie selbst waren ab 2004 beim Bundesamt für Strahlenschutz sechs Jahre lang für alle Endlagerprojekte zuständig. Das wäre doch die beste Gelegenheit gewesen, Ihre Kritik am Umgang mit dem Standort Gorleben anzubringen und für Abhilfe zu sorgen!

Gorleben war damals kein Thema! Es galt ja noch das rot-grüne Erkundungsmoratorium, … 

… das doch aber von vorneherein zeitlich begrenzt war. Und in dieser Zeit hat die BGR unter anderem drei der vier Berichte zu Gorleben erstellt, die Sie nun kritisieren.

Diese Berichte wurden ohne Abstimmung mit dem BfS publiziert. Sonst hätten sie bei mir auf dem Tisch landen müssen. Außerdem war für mich immer klar, dass es ein ergebnisoffenes Standortauswahlverfahren geben muss. Dazu habe ich auch Vorschläge erarbeitet. Als die schwarz-gelbe Bundesregierung stattdessen dann die Wiederaufnahme der Arbeiten im Gorlebener Salzstock beschlossen hat, habe ich gekündigt.

 

Interview: Armin Simon im Februar 2012

Dr. Ulrich Kleemann, Geologe, war von 2004 bis 2010 als Leiter des Fachbereichs Sicherheit nuklearer Entsorgung im Bundesamt für Strahlenschutz unter anderem für die Endlagerprojekte zuständig. Er leitete die Expertengruppe Schweizer Tiefenlager und die Arbeitsgruppe Optionenvergleich zur Asse. Im Auftrag der Rechtshilfe Gorleben e.V. verfasste er 2011 das Gutachten „Bewertung des Endlager-Standortes Gorleben – geologische Probleme und offene Fragen im Zusammenhang mit einer Vorläufigen Sicherheitsanalyse Gorleben“.


„Kritische Wissenschaftler für dumm erklärt“

Ulrike Donat
Foto: Andreas Conradt/PubliXviewinG

Ulrike Donat, Rechtsanwältin und zeitweilige Mitarbeiterin im Gorleben-Untersuchungsausschuss, über die dubiose, manipulierte und kriterienlose Suche nach einem Endlager.

Frau Donat, der Gorleben-Untersuchungsausschuss des Bundestages tagt seit 1,5 Jahren. Was sind die drei wichtigsten Erkenntnisse bisher?

Erstens: Der wissenschaftliche Bericht, der 1983 Grundlage der Entscheidung über die untertägige Erkundung des Gorlebener Salzstocks war, wurde massiv manipuliert. Zweitens: Schon die Auswahl Gorlebens als Endlager-Standort 1977 war willkürlich. Die vom niedersächsischen Umweltminister Sander (FDP) noch 2010 behauptete „sorgfältige Auswahl“ hat es nicht gegeben. Drittens: Die Stollen unter Tage liegen ganz anders, als die der Öffentlichkeit bisher zugänglichen Planungsunterlagen zeigen. Wegen massiver, unerwarteter geologischer Probleme hat man die Richtung und die Lage der sogenannten Erkundungsbereiche erheblich geändert – die Probleme aber ignoriert.

Willkürliche Standortwahl? Die Regierung behauptet bislang, Gorleben sei in einem sorgfältigen Suchverfahren ausgewählt worden!

Das ist keinesfalls so. Das Bundesforschungsministerium ließ 1974 Salzstöcke und Tongesteine in der BRD untersuchen, das Ergebnis waren drei Standortvorschläge: Wahn im Emsland, Lichtenhorst bei Nienburg an der Weser und Lutterloh in der Südheide unweit von Celle. Wahn war der Favorit, aber dort sind die Bauern aufgestanden. Anfang 1976 bekam überraschend der von der SPD nominierte Ministerpräsident im Landtag keine Mehrheit. Stattdessen wurde Ernst Albrecht von der CDU zum Ministerpräsident einer Minderheitenregierung gewählt. Er brauchte jede Stimme. Die CDU-Abgeordneten aus dem Emsland drohten damals, ihm die Gefolgschaft aufzukündigen – deswegen sollte es Wahn dann nicht mehr sein. Und dann tauchte auf einmal Gorleben auf, …

ins Spiel gebracht im November 1976 nach eigenen Angaben vom damaligen niedersächsischen CDU-Finanzminister Walther Leisler Kiep.

In dessen Erinnerungen heißt es, dass er sich direkt davor mit RWE-Vorstand Heinrich Mandel beraten hat. Der war damals Präsident des Deutschen Atomforums.

Kabinettsprotokolle aus Hannover legen nahe, dass die Landesregierung sich damals praktisch unmittelbar auf Gorleben festlegte. Angeblich hat eine Studie diese Entscheidung gut begründet. Was ist damit?

Diese Studie gibt es schlichtweg nicht. Jedenfalls kann sich keiner daran erinnern und in den maßgeblichen Akten gibt es auch keinerlei Hinweis darauf.

Auf die Standortbenennung folgten erste geologische Untersuchungen – mit welchem Ergebnis?

Kritische Wissenschaftler, allen voran die Geologen Klaus Duphorn und Eckhard Grimmel, warnten: Das ist kein einfacher Salzstock, da gibt es Verfaltungen und Einbrüche und das Deckgebirge fehlt. Sie wurden für dumm erklärt, von der Atomindustrie gemobbt, mit Gegengutachten überschüttet. Anderen ging es genauso: Alle Leute, die kritische Äußerungen gemacht haben, sind rausgeschmissen, ihre Ergebnisse nicht aufgenommen worden.

Zum Beispiel?

Der Physiker Heinz Nickel etwa. Der hatte ein Resonanzverfahren entwickelt, mit dem man den Untergrund durchleuchten konnte. Und er stellte fest, dass es dort ganz anders aussah als man vermutet hatte – andere Gesteinsschichten als erwartet. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), die die Untersuchungsergebnisse zu Gorleben dokumentieren sollte, hat diese höchst kritischen Befunde einfach aus ihren Zusammenfassungen herausgehalten. Im Mai 1983 präsentierte sie einen Bericht zur Geologie in Gorleben, in dem alles glatt aussah. Im Juni entschied dann die Bundesregierung, den Gorlebener Salzstock untertägig zu erkunden. Und erst im Juli sind dann die kritischen Befunde veröffentlicht worden. Nickels Warnungen haben sich übrigens beim Bau des Bergwerks bewahrheitet. Auch die frühen Hinweise auf Gas im Salz haben die zuständigen Stellen ignoriert.

Gas im Salz?

Ja. Man wusste schon in den 1970ern, dass in dem Gebiet Erdgas lagert, in 3.000 Metern Tiefe. Man hat sogar darüber diskutiert, ob die Rohstoffgewinnung oder die Endlagerung Vorrang haben sollte. Im DDR-Teil des Salzstocks hatte es 1969 bei Bohrungen eine Gasexplosion gegeben. Sorgen um die Sicherheit des geplanten Endlagers hat man sich trotzdem keine gemacht – man ging davon aus, Salz ist dicht. Dabei hat man inzwischen überall in dem angeblich so reinen Salz Gaseinschlüsse gefunden, auch von Gas, das von unten aufgestiegen ist. Das Erdgas ist explosiv. Andere Gaseinschlüsse dehnen sich bei Hitze, wie sie hochradioaktiver Atommüll erzeugt, aus. Das kann die Dichtigkeit des Salzgesteins verändern und Risse bilden.

Waren die Behörden, die die Eignung Gorlebens als Endlager untersuchen sollten, parteiisch?

Es ist immer einseitig untersucht worden. Der Untersuchungsausschuss hat sehr deutlich gezeigt, dass die Wissenschaftler in der BGR und in der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) sehr verbandelt sind mit der Atomindustrie und dass dort keinerlei unabhängige Wissenschaftler mehr arbeiten. Mehr noch: In der ganzen Bundesrepublik gibt es praktisch keine unabhängigen qualifizierten Salzgeologen mehr, die Atomlager in Salz beurteilen können – kritischen Geologen ist die Karriere verweigert worden. Das ist erschreckend.

Anfang der 1980er gab es allerdings durchaus eine Debatte, ob man überhaupt in die Tiefbohrungen in Gorleben einsteigen sollte.

Ja. Aber im Herbst 1982 kam der Regierungswechsel zur CDU-FDP-Regierung unter Kohl. Die wollte in Gorleben zeigen: Wir setzen auf Atom. Jedenfalls wurden dann alle kritischen Ergebnisse aus den Abschlussberichten der PTB und der BGR rausgestrichen. Auf einmal sah es so aus, als sei Gorleben „eignungshöffig“.

Eignungs… wie bitte?

„Eignungshöffig“. Das ist ein politischer Kampfbegriff. „Höffig“ ist Geologensprache: Ein erdölhöffiges Gebiet etwa ist eines, das ein reiches Erdölvorkommen verspricht. In Gorleben hoffen Regierung und Atomindustrie demnach, dass der Salzstock geeignet ist, dort irgendwann Atommüll lagern zu können – aber für eine solche Aussage müsste man erstmal Kriterien haben, und dann prüfen, ob diese erfüllt sind. In Gorleben aber wird seit über 30 Jahren untersucht und gebohrt ohne irgendwelche vorher festgelegten Kriterien.

Immerhin gibt es einen Salzstock …

Aber die Zone mit dem „richtigen“ Salz darin ist viel kleiner als gedacht. Und die beiden grundlegenden Sicherheitskriterien, die es bis 1979 oder 1980 mal gab, nämlich ein intaktes Deckgebirge über dem Salzstock und ausgedehntes Salz ohne geologische Störungen, sind beide nicht erfüllt. Der Salzstock ist voller Störungen, darunter Einfaltungen aus dem sehr spröden Gestein Anhydrit, das leicht Klüfte bildet und daher potenziell wasserleitend ist. Und das Deckgebirge ist in Teilen gar nicht vorhanden! Zusätzliche Probleme wie das Gas kommen hinzu. Es gibt also in Wahrheit keinerlei Anzeichen dafür, dass man hier sicher Atommüll lagern könnte. Da von „eignungshöffig“ zu reden, ist absurd.

Sie halten das Vorgehen der Behörden für unseriös?

In Gorleben gibt es nur ein bisschen Salz – alle zusätzlichen geologischen Sicherheitsbarrieren fehlen. Und um das zu vertuschen, hat man seit 1983 alle harten Kriterien fallen lassen. Man hat nicht mehr gesagt: Da muss es dicht sein, dort ist so viel Sicherheitsabstand nötig und so weiter. Sondern man hat stattdessen mit Modellrechnungen angefangen – so wie in der „Vorläufigen Sicherheitsanalyse“, die das Umweltministerium derzeit erarbeiten lässt. Im Gegensatz zu harten geologischen Kriterien kann diese Rechenwege kein Mensch mehr überprüfen. Das macht das Ganze undurchschaubar.

Der Drang, an Gorleben festzuhalten, war schon in den 1980ern sehr groß. Warum?

Für Philippsburg, Brokdorf und andere AKW standen Teilgenehmigungen an, Bürgerinnen und Bürger hatten dagegen geklagt. Und die Gerichte verlangten, dass die Entsorgung des Atommülls gesichert sein müsse. Eine Teilerrichtungsgenehmigung für Brokdorf hätte es nicht gegeben, wenn die Regierung nicht den Anschein erweckt hätte, dass die Entsorgung schon klappen werde. Dazu musste sie einen Standort für ein Endlager und Fortschritte bei dessen Realisierung vorweisen können. Andernfalls wäre das schon damals das Aus für die Atomkraft gewesen.

Und heute? Im Gorlebener Salzstock wird seit einem Jahr wieder gebuddelt. Welchen Sinn macht das?

Es soll den Standort zementieren. Offiziell geht es darum, den endgültigen Nachweis „geeignet oder ungeeignet“ zu erbringen. Wobei jetzt schon klar ist, dass da am Ende „geeignet“ stehen soll – was ja kein Problem sein wird, wenn jedes Kriterium flexibel gehandhabt und entsprechend „errechnet“ werden kann. Ich bin sicher, dass Regierung und Atomindustrie, wenn der „Erkundungsbereich“ im Salzstock ausgebaut ist, versuchen werden, den hochradioaktiven Abfall da runter zu bringen – ungeachtet dessen, dass das sogenannte Atommüllendlager dort nicht eine Million Jahre, sondern noch nicht einmal die nächsten hundert Jahre halten wird. Wir wissen doch um die Problematik von Salz aus der Asse und aus Morsleben.

Interview: Armin Simon im Oktober 2011

 

Ulrike Donat ist selbstständige Rechtsanwältin und Mediatorin in Hamburg. Zusammen mit der BI Lüchow-Dannenberg und anderen Initiativen streitet sie seit Jahren für das Demonstrations- und andere Grundrechte im Wendland. Die vergangenen Monate wühlte sie sich als Referentin der Bundestagsfraktion der Grünen durch die Akten des Gorleben-Untersuchungsausschusses.

Die Gorleben-Chronik

Ein Blick zurück. Und einer nach vorne...
 

22. Februar 1977: Der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht (CDU) bestimmt Gorleben zum Standort des geplanten „Nuklearen Entsorgungszentrums“.

12. März 1977: Erste Demo mit 16.000 Menschen auf der für den Atomkomplex vorgesehenen Waldbrandfläche.

25. – 31. März 1979: Der „Treck nach Hannover“ schwillt dort zur Großdemo mit 100.000 Menschen an. Albrecht erklärt die Plutonium-Fabrik („Wiederaufarbeitungsanlage“, WAA) in Gorleben für politisch nicht durchsetzbar. Am Atommülllager hält er fest.

Die Republik Freies Wendland wird ausgerufen
Foto: Günter Zint Wendland Hüttendorf 1980

3. Mai – 4. Juni 1980: 5.000 Menschen besetzen das Gelände der Tiefbohrstelle 1004, mit der der Salzstock erkundet werden soll, und rufen die „Republik Freies Wendland“ aus. Nach 33 Tagen planiert die Polizei das Dorf mit Bulldozern.

1. November 1982: Die in Gorleben nicht durchsetzbare Plutoniumfabrik soll im 30 Kilometer weiter westlich gelegenen Dragahn entstehen.

4. September 1982: Als Reaktion auf den Baubeginn der Zwischenlager-Hallen in Gorleben kommen 10.000 Menschen zum „Tanz auf dem Vulkan“.

5. September 1983: Erste Genehmigung zur Einlagerung hochradioaktiven Atommülls im Zwischenlager Gorleben.

8. Oktober 1984: Erste Anlieferung von schwachradioaktivem Müll in das Fasslager Gorleben. Blockaden halten den Transport immer wieder auf.

4. Februar 1985: Das Projekt WAA Dragahn wird nach Protesten aufgegeben.

Republik Freies Wendland

1990: Baubeginn für die Pilot-Konditionierungs-Anlage (PKA) zum Umpacken von hochradioaktivem Atommüll.

25. April 1995: Erster Castor-Transport ins Zwischenlager Gorleben. 15.000 PolizistInnen, Wasserwerfer und Schlagstöcke bahnen ihm den Weg.

3. – 5. März 1997: Bei der größten Sitzblockade in der Geschichte der Bundesrepublik setzen sich 9.000 Menschen dem Castor gewaltfrei in die Quere.

18. Dezember 2000: Betriebsgenehmigung für die PKA, vorerst jedoch nur zur Reparatur schadhafter Castor-Behälter

29. August 2009: In Gorleben startet der Treck nach Berlin. Bei der Anti-Atom-Demo dort sind 40.000 Menschen und 400 Traktoren unterwegs.

6. November 2010: 50.000 Menschen protestieren in Dannenberg auf der bisher größten Demo im Landkreis gegen Atomkraft und das geplante geologische Tiefenlager in Gorleben.

11. November 2011: Bundesumweltminister Röttgen (CDU) verkündet einen angeblichen „Neustart“ bei der Suche nach einem Atommüll-Lagerplatz.

23. – 28. November 2011: Der 13. und letzte Castor-Transport nach Gorleben braucht wegen zahlreicher Widerstandsaktionen mehr als 5 Tage.

Atomkraftgegener*innen in Berlin
Foto: Kina Becker

5. Juli 2016: Die Atommüll-Kommission empfiehlt Suchkriterien, die so vage sind, dass selbst der marode Salzstock in Gorleben damit weiter als Atommülllager in Frage kommt. Bauern und Bäuer*innen aus dem Wendland protestieren mit ihren Treckern in Berlin.

1. Januar 2019: Castor-Halle und PKA gehen an den Staat über; der zahlt sogar dafür.

1. Januar 2020: Das Fasslager geht (ebenfalls gegen Geld) an den Staat über.

2031: Laut Gesetz soll die Standortentscheidung über ein geologisches Tiefenlager für hochradioaktiven Atommüll fallen.

2034: Die Genehmigung der Castor-Halle läuft aus.

2050: Inbetriebnahme eines geologischen Tiefenlagers für hochradioaktiven Müll – jedenfalls laut Gesetz. Expert*innen halten diesen Zeitplan allerdings für äußerst unrealistisch.

ca. 1000000: Strahlung des Atommülls ist auf das Niveau von natürlichem Uran abgeklungen.

Neun Gründe gegen ein Atommülllager in Gorleben

Wie der Salzstock in Gorleben geologisch aufgebaut ist und warum er als Atommüll-Lager nicht taugt.

  • Das Atommüll-Projekt

    1977 bestimmte der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht Gorleben zum Standort eines „Nuklearen Entsorgungszentrums“. Die Wiederaufarbeitungsanlage scheiterte, gebaut wurden oberirdische Zwischenlager (z.B. für die Castor-Behälter), die „Pilotkonditionierungsanlage“ zum endlagergerechten Verpacken von Atommüll sowie das „Erkundungsbergwerk“.

    Förderturm am Erkundungsbergwerk Gorleben
    Foto: Daniel Rosenthal
  • Auf Salz gebaut

    International ist die Eignung von Salz als Endlager höchst umstritten: Das plastische Gestein (1) drückt die Lagerkammern zusammen, so dass die Behälter platzen, (2) steigt durch den Druck stetig nach oben, (3) ist extrem wasserlöslich und (4) zersetzt sich durch radioaktive Strahlung.

  • Rache an der DDR

    Der in den 1970ern mit der Endlagersuche beauftragte Geologe Prof. Dr. Gerd Lüttig berichtete, warum Albrechts Wahl auf den Salzstock Gorleben fiel, der aus fachlicher Sicht nur „dritte Wahl“ war: aus Rache für das grenznahe DDR-Endlager Morsleben, das auch Niedersachsen zu verseuchen drohte – Motto: „Jetzt werden wir‘s denen mal zeigen!“

  • Die Gorlebener Rinne

    Die Tonschicht über dem Gorlebener Salzstock durchschneidet ein mindestens 300 Meter tiefer, mit Geröll gefüllter eiszeitlicher Graben. Durch diesen fließt Grundwasser, das den Salzstock ständig ablaugt – jedes Jahr bis zu 12.000 Kubikmeter Salz. „Die zuständigen Fachleute waren entsetzt, als Albrecht sich auf Gorleben festlegte“, bekannte unlängst der Hydrogeologe Prof. Dr. Dieter Ortlam. Der Geologe Prof. Dr. Klaus Duphorn etwa warnte 1982 vor „Bruchstörungen [...] sowohl im Salzstock als auch im Deckgebirge“, die „als Wanderwege für Wasser und Lauge dienen können“. Radioaktive Stoffe könnten so ins Grundwasser gelangen. Die Behörden reagierten mit Druck: Duphorn solle sein negatives Votum revidieren.

    Salzstock Gorleben
    Foto: Daniel Rosenthal
  • Explosionsgefahr

    Unter dem Salzstock Gorleben liegt ein großes Erdgasvorkommen. Über Spalten im Gestein könnte das Gas bis ins geplante Endlager aufsteigen. Im benachbarten Lenzen kam es schon 1969 nach einem Gasausbruch zur Explosion.

  • Frisierte Gutachten

    Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) verfasste 1983, nach Auswertung von Tiefbohrungen, einen Zwischenbericht über Gorleben. Die Abdeckung des Salzstocks sei nicht in der Lage, „Kontaminationen auf Dauer von der Biosphäre zurückzuhalten“, radioaktive Stoffe könnten bereits nach „600 beziehungsweise 1.100 Jahren“ ins Grundwasser gelangen, heißt es in der Urfassung. Selbst im Innern des Salzstocks fänden sich große Schichten Anhydrit, durch die Wasser in den Salzstock laufen könnte. Dann intervenierte die Bundesregierung: Die Zusammenfassung solle die „berechtigte Hoffnung“ betonen, „dass im Salzstock Gorleben ein Endlager für alle Arten von radioaktiven Abfällen“ eingerichtet werden könne. Die Warnung, dass Wasser und Lauge eindringen könnten, bittet sie „etwas weiter vom Zentrum der Betrachtung wegzurücken“. Die PTB gehorchte.

    Salzstock Gorleben
    Foto: Daniel Rosenthal
  • „Erkundung“ oder Endlagerbau?

    Hochrangige Beamte diskutierten 1980, wie man ein atomrechtliches Verfahren für den „Endlagerbau“ vermeiden könne. Ihre Idee: Den Salzstock offiziell nur zu „erkunden“ – dafür reicht Bergrecht. Das „Erkundungsbergwerk“ bekam allerdings endlagertaugliche Schächte mit 7,5 statt vier Metern Durchmesser. Die Kosten stiegen dadurch um bis zu 800 Millionen Euro.

  • Vorbild Asse

    Jahrzehntelang galt das „Versuchsendlager“ Asse II offiziell als „Pilotprojekt“ für das geplante Endlager Gorleben. Dieselben Gutachter, die für Gorleben plädierten, attestierten auch der Asse Sicherheit für Jahrtausende. Erst seit die Zustände dort – Wassereinbruch, Einsturzgefahr, kontaminierte Lauge – öffentlich sind, wollen die Endlager-Fans von der „Pilotfunktion“ nichts mehr wissen.

    Salzstock Gorleben
    Foto: Daniel Rosenthal
  • Auf Teufel komm raus

    Um das Scheitern ihres Atomprojekts in Gorleben zu verhindern, weicht die Regierung die Sicherheitskriterien auf: mehreren Barrieren (z.B. Salz und Ton) sind nun nicht mehr erforderlich. Und als „sicher“ gilt ein Endlager auch dann noch, wenn – eine Million Jahre lang – jeder tausendste Anwohner einen schwerwiegenden Gesundheitsschaden dadurch erleidet. Heißt: Eine Atommüllkippe muss gar nicht dicht sein.

Ausstellung "Gorleben soll leben" Auszüge aus #1: "Salzstock voller Macken"

#2: "Tricksen, täuschen und betrügen"

#3: "Uendlicher Widerstand"

#4 "Trügerische Ruhe"


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