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16.10.2017 | von Jan Becker

Zwischenlager sind keine Lösung

Das aktuelle Konzept für die Zwischenlagerung von hochradioaktivem Atommüll ist mangelhaft. Castor-Behälter müssen deutlich länger als 40 Jahre zur Aufbewahrung von Atommüll verwendet werden.

Zwischenlager Gorleben, Eingang
Foto: kina@pictonet.de Zwischenlager Gorleben

Zwischenlager mit hochradioaktivem Inventar gibt es in Gorleben, Ahaus, Lubmin und Jülich. An zwölf Atomkraftwerken befinden sich zudem sogenannte Standortzwischenlager. In ihnen lagern teilweise schon seit Jahrzehnten Behälter mit hochradioaktivem Atommüll. Die Sicherheitsnachweise für diese „Castoren“ gelten für jeweils 40 Jahre, über diesen Zeitraum sollen sie „dicht“ bleiben.

BUND: Sicherheit ist „problematisch“

Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat Ende vergangener Woche eine Studie zur Situation der Zwischenlagerung in Deutschland veröffentlicht. So sei die Sicherung und Sicherheit der Lagergebäude „problematisch“, schildert Atomsicherheitsexpertin und Studienautorin Oda Becker. Trotz Nachrüstungen an einigen Gebäuden sei der Terrorschutz „unzureichend“. Eine „bewaffnete und entschlossene Terrorgruppe“ sei nach wie vor in der Lage, in die oberirdischen Zwischenlager einzudringen, so Becker. Auch Nachrüstungen würden dieses Defizit nicht ausräumen.

Schutz gegen Einwirkungen von Außen sollen letztlich die Castor-Behälter gewährleisten - die im übrigen ganz unterschiedlichen Fabrikats sind und mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden. Die Castor-Sicherheit wird durch Brand-, Fall- oder Beschusstests bescheinigt. Doch diese Nachweise basieren teilweise lediglich auf Berechnungen, echte Tests wurden mit Modellen in kleinerem Maßstab durchgeführt. Immer wieder kritisieren Atomkraftgegner*innen auch, dass die unterstellten Unfallszenarien mit der Realität nicht viel zu tun hätten. So fehlen Sicherheitsnachweise für Szenarien, in denen beispielsweise ein Behälter nach einem Flugzeugabsturz einem mehrstündigen Kerosienbrand ausgesetzt wäre.

„Niemand glaubt, dass die Castorbehälter so robust sind, dass sie einem Flugzeug-Absturz stand halten“, so Wolfgang Ehmke, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Der Terrorschutz müsse „deutlich“ verbessert werden, fordert der BUND.

40 Jahre werden nicht reichen

Die derzeitige Debatte um ein langfristiges Atommülllager, in das die Behälter vermutlich gebracht werden sollen, sieht den Betriebsbeginn einer solchen Anlage nicht vor 2050 oder sogar deutlich später vor. Wie die Castoren sind auch die derzeitigen Zwischenlagerhallen für einen Betrieb von 40 Jahren. Während die Aufbewahrungsgenehmigungen der dezentralen Lagerhallen an den AKW Mitte der 2040er Jahre enden, ist in Gorleben nach derzeitiger Rechtslage schon am 31. Dezember 2034 Schluss. Die Betreiber haben angekündigt, diesem Problem zu begegen, indem sie einfach eine Verlängerung beantragen...

Bei einer verlängerten Zwischenlagerung über 40 Jahre hinaus können „Alterungseffekte negative Auswirkungen auf die Sicherheit der Zwischenlager haben“, warnt hingegen Gutachterin Becker. Sicherheitstechnisch relevant seien dabei Material- und Zustandsänderungen vor allem an der Primärdeckeldichtung, dem Tragkorb zur Aufnahme von Brennelementen, der Behälter-Innenwand, dem Neutronenabsorber sowie dem Inventar. Hinsichtlich der fehlenden Erfahrungen mit Alterungseffekten bedürfe es „umfangreicher Forschung und der Inspektion der Behälter“, fordert sie.

Becker weist auf ein weiteres Defizit hin: An allen Standorten fehlen nach der Stilllegung der Atomkraftwerke Möglichkeiten zur Reparatur schadhafter Castorbehälter. Bislang werden dafür die sogenannten „heißen Zellen“ vorgehalten. Doch bei einem Abriss der Meiler verschwinden natürlich auch diese. Der Rückbau der Atomanlagen (nicht deren „Entsorgung“) wird 2050 vermutlich schon sehr weit fortgeschritten sein.

Probleme endlich offen thematisieren

Angesichts dieser umfangreichen Probleme, die sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen werden, fordert die BUND von den zuständigen Politiker*innen in Bund und Ländern, diese „endlich offen zu thematisieren“.

„Es muss Schluss sein mit einer Politik des Durchwurschtelns. Angesichts der zunehmenden Sicherheitsrisiken brauchen wir einen breiten öffentlichen Diskurs unter Beteiligung der Menschen an den Zwischenlagerstandorten. Zu diskutieren ist, wie die Zwischenlagerung weitergehen soll, welche Nachrüstungen erforderlich sind und ob eventuell verbesserte Neubauten die alten Lager ersetzen müssen“, so Hubert Weiger, Vorsitzender des BUND.

  • zur Studie: Aktuelle Probleme und Gefahren bei deutschen Zwischenlagern

  • 16 Jahre nach 9/11: Weiterhin kein Terrorschutz für Atommüll-Zwischenlager
    15.09.2017 - Nachdem vor 16 Jahren zwei Flugzeuge in die New Yorker Twin-Towers flogen, entbrannte die Diskussion um die Terrorsicherheit der deutschen Atomanlagen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) forderte im April 2011 die Betreiber der Atommüll-Zwischenlager auf, Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit einzuleiten. Anfang 2012 verkündete das Bundesumweltministerium: „Mit Beginn der Baumaßnahmen ist in diesem Jahr zu rechnen.“ Gebaut wurde an drei Standorten, für die der Bund zuständig ist, bis heute nichts.

Quellen (Auszug): bfe.bund.de, bund-net, dpa, bi-luechow-dannenberg.de; 12./15.10.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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