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05.04.2018 | von Jan Becker

AKW-Abriss in Unterweser: Dialog geplatzt – Widerstand wächst

Am Standort Unterweser soll das Atomkraftwerk abgerissen werden. Dabei entsteht sehr viel Atommüll. Ein großer Anteil wird laut Betreiberplänen „freigemessen“, also so lange vermischt und gesäubert, bis er auf eine herkömmliche Deponie gebracht werden darf. Nachdem das Bürger-Forum geplatzt ist, nimmt der Widerstand gegen den Atommüll Fahrt auf.

Teaserbild Rückbau / Freimessen

Die Deponie „Brake-Käseburg“ ist praktisch um die Ecke, es sind nur knappe 20 Kilometer bis dorthin. Beim Abriss des AKW Unterweser (KKU) fallen zehntausende Tonnen Abfälle an, die abtransportiert werden müssen. Nach Plänen des Betreibers Preußen Elektra (Eon) soll der größte Anteil auf einfachen Deponien „entsorgt“ werden. Das Bundesumweltministerium stimmte diesen Plänen kürzlich zu. Sobald der Abfall den gesetzlichen Grenzwert von 10 Mikrosievert Strahlung unterschreitet, unterliegt er nicht mehr dem Atomgesetz. Und wird zu konventionellem Abfall.

„Der Rat der Stadt Brake lehnt die Annahme von freigemessenem radioaktiven Material aus dem Rückbau des KKU auf der Deponie Käseburg ab“, heißt es nun in einem Resolutionsentwurf an den Stadtrat. Der Landkreis Wesermarsch solle sich als zuständiger öffentlich-rechtlicher Entsorgungsträger dafür einzusetzen, dass „alle (insbesondere rechtliche) Schritte geprüft und realisiert werden, um die Einlagerung freigemessener Abfälle auf der Deponie Käseburg zu verhindern“, fordern Kritiker*innen.

Widerstand gegen gering strahlenden Müll

Anwohner*innen haben erhebliche Bedenken gegen eine Deponierung in Brake: Durch die Lagerung gering radioaktiven Restmülls werde die Bevölkerung „völlig unnötig und vermeidbar zusätzlichen Strahlenbelastungen ausgesetzt“, hieß es kürzlich auf einer Infoveranstaltung, die der langjährige Anti-Atom-Aktivist Hans-Otto Meyer-Ott initiiert hatte.

Kritisiert wird auch die angekündigte Überwachung: Die Genauigkeit und die Sicherheit zur Einhaltung der Grenzwerte sind problematisch. Die Messgeräte können die Radionuklide, die keine Gammastrahlung aussendeten, nicht nachweisen. Es könnte daher sein, „dass eine höhere Aktivität vorliege, als durch die Grenzwerte zugelassen ist“, warnen die Aktivist*innen.

Besonders pikant ist allerdings, dass 2011 bereits 18 Tonnen freigemessener Abfall aus dem AKW Unterweser in Käseburg verklappt worden sind. Der Landkreis behauptet, er habe damals keine Kenntnis gehabt. Bürger*innen eines nahen Wohngebietes sind empört und fragen sich, ob die Stadt Brake „von dem Vorhaben des Atommülldeponierens in Käseburg“ bereits gewusst habe, als sie die Siedlung direkt daneben geplant habe. Ein Anwohner spricht gar von „Gefährdung interessierter Neubürger durch Emissionen von Keimen, Altlasten und Radioaktivität“.

Bürgerdialog geplatzt

Zum Abriss des AKW Unterweser fanden bereits zwei „Bürgerdialoge“ statt. Den letzten Termin Anfang März ließen Atomkraftgegner*innen platzen. Der Landkreis Wesermarsch, der die Firma Prognos AG mit der Organisation der sechsteiligen Veranstaltungsserie beauftragt hat, habe 75.000 Euro ausgegeben, ohne den eigentlichen Zweck zu erreichen, kritisiert die Bürgerinitiative „Aktion Z“. Die Beteiligung der Öffentlichkeit sei „mehr als überschaubar“. Beiträge kritischer Wissenschaftler*innen habe es bisher nicht gegeben. Stattdessen seien die Positionen und Interessen der Preussen-Elektra befördert worden.

„Für diese Jubelveranstaltungen pro Atom stehen wir nicht mehr zur Verfügung“, heißt es nun von regionalen Anti-Atom-Initiativen.

weiterlesen:

  • „Es gibt keine ungefährliche Strahlung“
    06.02.2018 - Der Schweizer Onkologe Dr. med. Claudio Knüsli konnte nachweisen, dass auch sehr geringe Strahlungswerte gesundheitliche Folgen haben. Der IPPNW fordert eine Neubewertung des Risikos zum Beispiel durch AKW-Bauschutt.

  • Streit um Rückbau-Abfälle aus Atomkraftwerken
    30.06.2016 - Im ganzen Land gibt es weiter Streit um den Verbleib der Rückbauabfälle aus stillgelegten Atomkraftwerken. Schleswig-Holstein muss sich kritischen Fragen von Anwohner*innen einer möglichen Deponie für den strahlenden Schutt stellen. Baden-Württemberg hat unterdessen die Deponierung  von "freigemessenem" Atommüll gestoppt.

  • AKW-Abriss: Die Rechnung kommt am Schluss
    .ausgestrahlt-Basiswissen zum Thema "Freimessen" und den fragwürdigen Umgang mit den AKW-Altlasten

Quellen (Auszug): nwzonline.de, 19.,29.3./4.4.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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