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Liam Harrold
Foto: privat

Liam Harrold, 23, studiert in Hannover Geschichte und Philosophie. Atomkraft aber ist für ihn noch lange nicht Geschichte. Deshalb will er den Austausch zwischen älteren und jüngeren Atomkraftgegner*innen und den Neueinstieg insbesondere jüngerer Menschen in die Atom-Debatte fördern

Meine erste Berührung mit der Anti-Atom-Bewegung? Das war 2010 der große Castor-Transport nach Gorleben. Ich war damals zu jung, um an den Blockaden teilzunehmen, aber ich habe alles auf „Radio Freies Wendland“ verfolgt. Anti-Atom war schon da lange ein Thema in meiner Familie. Mein Onkel war in den 1980er Jahren im Widerstand. Heute ist mir das Thema immer noch sehr nah, denn ich lebe in Hannover, da ist das AKW Grohnde ziemlich greifbar – und der Atommüllstandort Gorleben natürlich.

Ich war vor wenigen Wochen im niedersächsischen Loccum auf einer Tagung zum Thema End- und Zwischenlagerung eingeladen. Auf dem Treffen wurde explizit nach der Perspektive junger Menschen auf das Thema gefragt und warum diese sich nicht mehr engagieren. Ich habe versucht, ein paar mögliche Antworten zu geben und auch von den Hürden erzählt, die mir persönlich begegnet sind.

„Ich würde mir wünschen, dass wir die Protestbewegungen gegen Kohle und Atom wieder zusammenführen.“

Es ist natürlich ein Problem, dass allerorten der Eindruck besteht, das Thema sei erledigt, der Atomausstieg beschlossen, die „Endlagerung“ laufe irgendwie und die Älteren machten das alles schon. Es ist ein Dilemma, dass – nicht nur junge – Leute nicht mehr sehen, dass wir weiterhin betroffen sind. Die direkte Betroffenheit aber bringt meiner Meinung nach die Menschen dazu, auf die Straße zu gehen und sich in Debatten einzubringen.

Neue Generation! In einem bundesweiten un- und überparteilichen „Interessenkreis Atompolitik“ will Liam Harrold insbesondere jüngere Leute vernetzen sowie Anti-Atom-Bildungsveranstaltungen und einen Austausch mit Anti-Atom-Aktiven älterer Generationen organisieren. liam.harrold@posteo.de


Wir müssen uns vor Augen halten, dass wir sogar ziemlich konkret betroffen sind! Beispiel Grohnde: Der Meiler ist nur 40, 50 Kilometer von Hannover entfernt, das bedeutet, wenn da was passieren würde, wären wir in der Evakuierungszone. Beispiel „Atomausstieg“: Es ist noch überhaupt nicht sicher, ob tatsächlich alle AKW bis Ende 2022 abgeschaltet werden. Dann die Zwischenlager-Frage – sie wird uns noch Jahrzehnte begleiten, während der Atommüll-Berg Tag für Tag weiter wächst. Und ein Blick über die Grenzen: Die Schrottreaktoren im belgischen Tihange und Doel sollen nach dem Willen der dortigen Regierung noch bis weit nach 2022 laufen. Und wann die beiden Uralt-Reaktoren im elsässischen Fessenheim endlich vom Netz gehen, ist ebenfalls weiterhin offen.

Und was passiert? Vielerorts schrumpfen die lokalen Anti-Atom-Initiativen und es gibt immer weniger Leute, die aktiv sind. Ich denke, es braucht dringend NGOs und Parteien, die verstärkt aufzeigen müssen, dass das Thema Atomkraft eben immer noch relevant ist und uns alle betrifft. Wir brauchen wieder eine wahrnehmbare Anti-Atom-Erzählung. Auch der Staat muss dafür sorgen, dass das Thema beispielsweise verstärkt wieder im Unterricht verankert wird.

Auf der Tagung in Loccum wurde das recht kontrovers diskutiert. Ich war der Meinung, dass es eine Bringschuld der Initiativen gibt. Sie müssen ganz gezielt und vermehrt die jungen Menschen ansprechen, Rahmen schaffen, damit Alte und Junge zusammen kommen. Gleichzeitig, das hat die Tagung nochmal gezeigt, müssen nachkommende Generationen auch die Relevanz und Problematik der End- und Zwischenlagerung im Besonderen und Atompolitik im Allgemeinen für sich erkennen und ihrerseits den Kontakt zu Initiativen suchen.

Ich glaube nicht, dass meine Generation unpolitisch ist, im Gegenteil. Es gibt sicher eine Parteien‑, aber keine Politikverdrossenheit. Die jungen Leute sind hochpolitisch, verfolgen die Nachrichten und  möchten sich engagieren. Ich glaube aber, dass es mehr interessante Angebote geben muss. Beim Thema Atom ist ein Problem, dass der Diskurs sehr technisch ist. Leute, die neu ins Thema einsteigen, haben da oft das Gefühl, nicht mithalten zu können. Niemand kann 30, 40 Jahre Debatte innerhalb weniger Monate oder Jahre aufarbeiten. Es braucht deswegen dringend eine Begegnung der Alten und Jungen auf Augenhöhe.

„Ich glaube nicht, dass meine Generation unpolitisch ist, im Gegenteil. Es gibt sicher eine Parteien-, aber keine Politikverdrossenheit.“

Dafür spricht auch, was auf der Tagung übrigens deutlich wurde, dass es viele Fragen gibt, auf die selbst diejenigen, die sehr lange im Widerstand sind, oft auch keine Antworten haben. Beispielsweise bei der langfristigen Atommülllagerung und erst recht in der Zwischenlagerdebatte. Ich würde mir daher einen Rahmen wünschen, wo Alte und Junge sich austauschen – wo Neulinge in Kontakt mit denen kommen, die, wie beispielsweise bei der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, schon seit Jahrzehnten aktiv sind und viel Wissen angesammelt haben. Die Organisation des Wissenstransfers ist nun auch gemeinsame Aufgabe von Jung und Alt im Widerstand.

Ich würde mir auch wünschen, dass wir die Protestbewegungen, die sich schon diversifiziert haben,  wieder zusammenführen. Konkret meine ich die beiden Themen Kohle und Atom. Denn es gibt doch ein gemeinsames Ziel: 100 Prozent Erneuerbare und eine Energiewende, die den Bürgerinnen und Bürgern zugute kommen muss statt den großen Konzernen. Es gibt längst Studien, die besagen, dass der Kohleausstieg gleichzeitig mit dem Atomausstieg vollzogen werden kann, und dass trotzdem die Stromversorgung sichergestellt wäre. Denken wir das ganzheitlich, stellt sich aus meiner Sicht die Nachwuchsfrage gar nicht mehr so.

Die Bewegung gegen Kohle hat zudem ja wahnsinnig viel von der Anti-Atom-Bewegung gelernt, wie man Proteste formiert oder auch Gleise blockiert zum Beispiel. Ich glaube, dass gerade junge Leute auch eine konkrete Zukunftsvision brauchen, ein Ziel. Der Atomausstieg auf europäischer Ebene wäre aus meiner Sicht so ein Ziel und die Schritte dorthin lassen sich sogar benennen: Die Brennelementefabrik Lingen darf nicht mehr produzieren und exportieren, Atomkraftwerke wie Grohnde müssen frühzeitiger vom Netz, die Meiler Doel und Fessenheim müssen sofort abgeschaltet werden und Deutschland darf keinen Atomstrom mehr aus dem europäischen Ausland einkaufen. Das sind die große Herausforderung, vor denen die Anti-Atom-Bewegung steht, und dafür müssen wir uns jetzt generationsübergreifend zusammensetzen.“

Protokoll: Julia Schumacher

Dieser Text erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 40, August 2018.

 

Julia Schumacher

Julia Schumacher verfasste ihre ersten umweltpolitischen Artikel schon in der Schulzeit. Nach dem Studium der angewandten Kulturwissenschaften schrieb sie u. a. für Lokalzeitungen, Stadtmagazine, Fachpublikationen, PR- und Werbeagenturen. Für .ausgestrahlt verfasst sie seit 2014 Beiträge für Magazin, Webseite und Social Media.

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