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Mit einer deutlichen Erklärung stellen sich Anti-Atomorganisationen gegen den Versuch der Atomlobby, so genannte Thorium-Reaktoren als einen Beitrag zum Klimaschutz zu verkaufen. Mit diesem „neuen, alten Hoffnungsträger“ wittert die Atombranche nämlich ihre Chance, sich vor dem Untergang zu retten.

THTR Hamm Uentrop
Foto: Tim Reckmann Milliardengrab: Thorium-Ruine Hamm-Uentrop

Wie kaum ein anderes Land hat Deutschland mit der Thorium-Technik schon reichlich Erfahrung sammeln können. In Jülich wurde eine Versuchsanlage, dann in Hamm-Uentrop ein 300-Megawatt-Reaktor (THTR) betrieben. Der THTR wurde im September 1985 hochgefahren, nur vier Jahre später wieder abgeschaltet. Technische Probleme - viel mehr Brennstoffkugeln zerbrachen als geplant, Radioaktivität trat aus, die politische Unterstützung nach dem GAU von Tschernobyl fehlte - sorgten für ein weiteres Milliardengrab in der deutschen Atomgeschichte. Die für den Betrieb benötigte Brennelementefabrik in Hanau wurde 1988 aus Sicherheitsgründen stillgelegt.

Heute steht die THTR-Ruine in Beton verpackt und wartet auf den Abriß, der vielleicht 2027 beginnen soll. Wer ihn finanzieren wird, ist unklar. Die Hinterlassenschaften befinden sich seit 1995 in über 300 Castorbehältern im Zwischenlager Ahaus. Über den Atommüll aus dem angeblichen „Versuchsbetrieb“ im AVR Jülich streiten Betreiber, Politik und kritische Öffentlichkeit seit Jahren. 152 Castoren mit stark strahlendem Abfall warten dort in einer Zwischenlagerhalle, die wegen Baumängeln ihre Genehmigung verlor. Ihr Verbleib ist unklar, mit großer Wahrscheinlichkeit kommt eine nächste Zwischenlagerhalle.

Während Deutschland die Thorium-Pläne offiziell schon lange beerdigt hat, sehen andere Länder darin Zukunft. So gab die Akademie der Wissenschaften in China 2011 bekannt, sie wolle ein Programm zur Entwicklung eines Flüssigsalz-Thoriumreaktors finanzieren. Indien gab mal an, das Land wolle bis 2050 ein Drittel seines Stroms aus seinen weltweit größten Thorium-Reserven gewinnen.

Atomlobby propagiert Klimaschutz & Sicherheit

Spätestens nach dem GAU von Fukushima ist Energiegewinnung aus Urankern-Spaltung weltweit nicht mehr durchsetzbar. Das hat auch die Atomlobby gemerkt und propagiert stattdessen die „sicheren“ Thorium-Reaktoren in ganz unterschiedlichen Ausführungen. Tatsächlich wäre in den Anlagen wohl ein vergleichbarer „Super-GAU“ technisch unmöglich, weil sich der Reaktor nicht überhitzen kann. Pläne der Befürworter sehen sogar sehr kleine Einheiten vor, die dezentral Strom und Wärme produzieren könnten.

Thorium präsentiert sich als eine „neugeborene Alternative“, obwohl es das überhaupt nicht ist. Es handelt sich um eine „modernisierte“ altmodische Atomtechnik, die in der Vergangenheit wirtschaftlich versagt hat. Wegen der geringeren Kosten wurde sich damals für Siede- und Druckwasserreaktoren entschieden - und gegen die Thoriumtechnik.

„Die Kernkraft ist (....) so hoffnungslos unwirtschaftlich, dass man nicht darüber diskutieren muss, ob sie sauber oder sicher ist“, so der US-amerikanischer Physiker und Umweltaktivist Amory Lovins.

Auch als „starker Partner“ der Erneuerbaren Energien, das Lobby-Argument für den künftigen Klimaschutz, taugen die Kraftwerke ebensowenig wie die großen AKW. Auch Thorium ist die falsche Wahl zwischen einer Klimaapokalypse oder einem atomaren Weltuntergang. Jeder Cent, der in widersinnige Nukleartechnik investiert wird, fehlt beim Umstieg auf Zukunftsenergien.

Zusätzliche Gefahr ist, dass die Technologie auch militärisch genutzt werden kann. Zwar ist Thorium 232 selbst kein Spaltstoff, es lässt sich aber in den nötigen Wiederaufarbeitungsanlagen spaltbares und atomwaffenfähiges Uran-233 erbrüten. Im Reaktor selbst wird Uran 235 und/oder Plutonium benötigt, um den Brutprozess aufrechtzuerhalten. Was entsteht, ist ein Atommüll-Mix - mit allen gesundheitsgefährdenden Konsequenzen und Freisetzungs-Risiken.

Schon 1977 Proteste gegen Thorium-Reaktoren

Schon früh wurde gegen den Bau dieser Thorium-Kraftwerke protestiert. Im April 1977 fand in Hamm eine erste große Protestveranstaltung statt, an der 1.000 Menschen teilnahmen. Der erhebliche öffentliche Druck sorgte schließlich für die fehlende politische Akzeptanz und damit für die Stilllegung der Anlage.

Anlässlich einer internationalen Thorium-Konferenz in Brüssel haben eine ganze Reihe von kleineren und größeren Organisationen aus Belgien, den Niederlanden und Deutschland jetzt die „No2Tho-Erklärung“ unterzeichnet. Sie fordern darin Forschungsinstitute, politische Entscheidungsträger und alle wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Akteure auf, alle Ressourcen in vollständig erneuerbare, nicht fossile und nicht atomare Energiesysteme zu investieren.

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Quellen (Auszug): bund-rvso.de, heise.de, wikipedia

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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