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06.02.2019 | von Jan Becker

TÜV SÜD, der Staudamm und die Risikobewertung deutscher AKW

In Brasilien ist ein Damm an einer Eisenerzmine gebrochen, zwölf Millionen Kubikmeter Schlamm liefen aus. Angrenzende Siedlungen wurden begraben, mehr als hundert Menschen sind tot. Der TÜV Süd hatte dem Bergbaukonzern bestätigt, dass der Damm keine Mängel habe. Der gleiche Konzern ist maßgeblich für die Risikobewertung der deutschen AKW zuständig.

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Foto: Andreas Conradt / PubliXviewinG

Eigentlich war das 1976 gebaute und 86 Meter hohe Bauwerk in Brasilien bereits stillgelegt worden und sollte abgerissen werden. Der Betreiberkonzern Vale beteuert nach der Katastrophe in der vorigen Woche, eine Inspektion des deutschen TÜV Süd habe im September keine Beanstandungen ergeben. Laut des TÜV Süd seien bereits im Juni 2018 bei einer Untersuchung keine Mängel festgestellt worden. Laut Vale sei der Damm im Januar erneut und ohne Befund inspiziert worden. Wie es zu dem Unglück kommen konnte, ist unklar. Wie Medien berichten, könnte den TÜV Süd eine Mitschuld treffen. Ende Januar seien zwei Mitarbeiter der Firma in Brasilien festgenommen worden und das Büro des TÜV Süd in Sao Paulo durchsucht worden.

International „marktangepasst“

Der TÜV Süd ist ein international tätiges Dienstleistungsunternehmen mit Sitz in München. Angeboten werden mit Schwerpunkten Prüfung und Zertifizierung ein weites Feld von Dienstleistungen. Bei den Sicherheits-Standards orientiert sich das Unternehmen nicht etwa an den vergleichsweise hohen deutschen Auflagen, sondern „marktangepasst“, das bedeutet es wird „der vor Ort übliche Standard“ bei Prüfungen beachtet. In einer Stellungnahme im Zusammenhang mit der Tragödie in Brasilien bestätigt das Unternehmen, dass das Siegel des TÜV in „verschiedenen Ländern für unterschiedliche Qualitätsstandards“ stehe.

„TÜV SÜD bietet ein Höchstmaß an Sicherheit bei kerntechnischen Anlagen.“ (TÜV Süd)

Der TÜV Süd bietet eine ganze Reihe von Dienstleistungen für Atomanlagen, darunter die „Sicherheitsbewertung“. Dabei bilden „deterministische“ und „probabilistische“ Sicherheitsanalysen die beiden Standbeine. Übersetzt: Wahrscheinlichkeitsaussagen. Zweck der Probabilistischen Sicherheitsanalysen (PSA) ist es, das Sicherheitsniveau des untersuchten Atomkraftwerkes zu bewerten und Schwachstellen aufzudecken. Anhand der Ergebnisse einer PSA könne „das Sicherheitskonzept eines Kernkraftwerkes ganzheitlich bewertet und quantitative Informationen über das Sicherheitsniveau“ gewonnen werden, schreibt der TÜV Süd auf seiner Webseite.

Keine Unfehlbarkeit

Bekannt ist zum Beispiel die Berechung der Wahrscheinlichkeit eines Super-GAU. Dafür werden ganz viele „mögliche Szenarien“ angenommen, die zu einem „auslegungsüberschreitenden Störfall“ führen könnten. Die „Deutsche Risikostudie Phase A“ von 1979 sagte so einen Kernschmelzunfall in 10.000 Jahren voraus. Der direkte Zusammenhang mit den „PSA“-Untersuchungen wird 2012 deutlich: Auf der Grundlage u. a. der probabilistischen Sicherheitsanalyse des AKW Gundremmingen (dort ist der TÜV Süd tätig) berechnete Wolfgang Werner für die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) 1993 die GAU-Wahrscheinlichkeit neu. Demnach war das Risiko eines Kernschmelzunfalls in älteren Reaktoren „signifikant“ größer als in neueren. Gänzlich in Zweifel gezogen wurden die Berurteilungen allerdings 2012. Das Mainzer Max-Planck-Institut für Chemie berechnete nach Beginn der Fukushima-Katastrophe die Wahrscheinlichkeit und kam zu dem Ergebnis: Das Risiko ist 200-mal höher als bislang angenommen.

90% aller Sicherheitsüberprüfungen durch den TÜV

Referenzen des TÜV SÜD sind zum Beispiel das AKW Gundremmingen, wo dutzende Sachverständige während der jährlichen Revision hinzugezogen werden. Auch im AKW Grafenrheinfeld, Neckarwestheim, Hamm-Uentrop oder Philippsburg sind die Ingenieure tätig. Bei einem schwereren Störfall in einer Atomanlage werden die TÜV-Mitarbeiter*innen teilweise sofort mit eingebunden.

Fast alle Sicherheitsüberprüfungen in deutschen Atomkraftwerken werden von privaten Kontrolleuren erledigt, mehr als 90 Prozent der Untersuchungen von Firmen der Technischen Überwachungsvereine (TÜV), hieß es 2011 in einem internen Papier des Bundesumweltministeriums. Bezahlt werden die Fachleute von den Betreiberfirmen, dabei gehe es jährlich um einen dreistelligen Millionenumsatz. Es bestehe „also eine finanzielle Abhängigkeit der Sachverständigenorganisation vom Betreiber. Diese kann sich auf die Arbeit des einzelnen Sachverständigen auswirken", heißt es in dem Papier von 2008. Es habe sogar Vorfällen gegeben, bei denen sich die TÜV-Sachverständigen allein auf die Aussagen der Kraftwerksbetreiber verließen und keine eigenen Messungen vornahmen.

Unabhängigkeit Fehlanzeige

Der TÜV Süd ist eine nicht börsennotierte Aktiengesellschaft. 74,9 Prozent der Aktien gehören dem eingetragenen Verein TÜV Süd. Die Sendung „Kontraste“ deckte im Jahre 2010 auf, das zu den Mitgliedern des TÜV SÜD e.V. die Energiekonzerne E.ON, Vattenfall und EnBW gehören.

Bleibt ein AKW wegen attestierter Mängel oder fehlendem Zertifikat abgeschaltet oder muss vom Netz, entgehen damit der Gesellschaft Gewinne im Geschäftsfeld Atomenergie. Aus diesem Grunde sei „die Objektivität des TÜV SÜD und die Sorgfalt bei der Prüfung von AKW anzuzweifeln“, urteilte „Kontraste“ damals. Auch hatte der TÜV Süd einen „zu starken Einfluss auf die Atomaufsicht des Landes Baden-Württemberg“ bei der Kontrolle von Atomkraftwerke. Ein Interview mit der Landesatomaufsicht zu Kontrollprozeduren des AKW Philippsburg hätten zwei anwesende TÜV-Mitarbeiter abrupt beendet.

Ein konkretes Beispiel für den Einfluss des TÜV auf den Weiterbetrieb der AKW: Auf ein Gutachten der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS), die im November 2013 Gundremmingen B und C eine mangelnde Erdbebensicherheit bescheinigt hatte, verfasste der TÜV Süd im Auftrag der Betreiber ein Gegengutachten, in dem der GRS widersprochen wurde. Die Anlagen konnten daraufhin in Betrieb bleiben.

Internationales Engagement

Der TÜV SÜD engagiert sich weltweit: Im tschechischen „Pannenmeiler“ Temelin, auf der Baustelle des Europäischen Druckwasserreaktors im finnischen Olkiluoto oder im ältesten AKW der Welt im schweizerischen Beznau. In Süd-Korea wurde eine Firma übernommen, die Verantwortung für die Verwendung gefälschter Sicherheitszertifikate für AKW-Bauteile trägt. Eine Niederlassung befindet sich nach dem Kauf eines dortigen Konzerns in England. Auch im AKW-Abriß betätigt sich der TÜV, das Know-how sei „weltweit gefragt“. Während der Konzern heute schon fast die Hälfte seines Gesamtumsatzes im Ausland macht, ist dieser Trend angesichts des Atomausstiegs in Deutschland auch für die Nuklearsparte annehmbar.

Der Zusammenhang zwischen dem Staudamm und den AKW

Zurück zum Anfang dieses Beitrags: Bei den Sicherheits-Standards orientiert sich der TÜV Süd „marktangepasst“, das bedeutet es wird „der vor Ort übliche Standard“ bei Prüfungen beachtet.

Die mangelhafte Unabhängigkeit von den (im übrigen ja auch international engagierten) Atomkonzernen und die Vorfälle in der Vergangenheit lassen Zweifel zu, dass die deutschen Atomreaktoren „mit höchsten Sicherheitsstandards“ betrieben werden. Oder noch schlimmer: Es hilft nicht, die „weltweit höchsten Sicherheitsstandards made in Germany“ zu betonen, wie es die Atombranche gern macht. Denn sie kommt in anderen Ländern gar nicht zum tragen.

weiterlesen:

  • Eon auf internationalem Atomkurs
    28.11.2018 - Eon stellt sich gern als „Kernpartner“ beim Projekt Energiewende dar. Doch die Wahrheit ist: Der Konzernchef der Atomsparte hält unverhohlene Plädoyers für seine Risikotechnik. In den Vereinigten Arabischen Emiraten wurde kürzlich ein Dienstleistungsvertrag mit dem Betreiber von vier neuen Reaktoren unterzeichnet.

  • Reaktoren sind „abgenutzt und anfälliger“
    11.10.2018 - Risikoforscher weisen darauf hin, dass Atomkraftwerke am Anfang und am Ende ihres Betriebes riskanter sind. Eine ganze Reihe von Defekten in verschiedenen Anlagen untermauern diese These.

  • Atomunfall – sicher ist nur das Risiko
    Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen.

Quellen (Auszug): tuev-sued.de, tagesschau.de, spiegel.de, welt.de, taz.de, grs.de, de.wikipedia.org, bundestag.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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