Explosion im AKW Fukushima Daiichi

Atomunfall – sicher ist nur das Risiko

Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen.

Die hochradioaktiven Brennelemente im Reaktorkern eines AKW erzeugen eine unvorstellbar große Hitze, die permanent abgeführt werden muss – andernfalls droht eine Kernschmelze. Wie in Tschernobyl und Fukushima würden dabei große Mengen radioaktiver Stoffe ins Freie gelangen. Die Folge wären Gesundheitsschäden ungekannten Ausmaßes und eine radioaktive Wolke, die riesige Gebiete auf Jahrzehnte unbewohnbar macht. Im dicht besiedelten Europa würden Millionen Menschen Heimat, Haus und Arbeitsplatz verlieren.

Keines der acht noch laufenden Atomkraftwerke in Deutschland ist gegen den Absturz eines großen Passagierflugzeugs oder gegen ein starkes Erdbeben geschützt. Selbst Blitz, Sturm oder Hochwasser können zum Super-GAU führen. Mit zunehmendem Alter der Reaktoren steigt zudem die Gefahr: Material ermüdet, Bauteile fallen aus. Dass es hierzulande bisher nicht zu einer Reaktorkatastrophe kam, war mehrfach nur Zufall und Glück.

Bei einem schweren Atomunfall sind alle Pläne zum Katastrophenschutz Makulatur: Viel zu viele Menschen müssten in viel zu kurzer Zeit weiträumig evakuiert werden. Mit einer echten Haftpflichtversicherung, welche die bei einem Atomunfall zu erwartenden Schäden in voller Höhe abdeckt, wäre jedes Atomkraftwerk sofort unrentabel.


Philippsburg: Sicher bis zum Super-GAU

32 Jahre lang verstieß das AKW Philippsburg-2 gegen geltende Sicherheitsanforderungen. Und es ist nicht das erste Mal, dass derlei erst nach langer Zeit herauskommt. Trotzdem ließen Minister*innen von Schwarz bis Grün den Reaktor immer wieder aufs Neue ans Netz. Eine Chronik, sicher unvollständig. Von Armin Simon

Atomkraftwerk Philippsburg
Foto: Lothar Neumann AKW Philippsburg

20. Dezember 2016

Bei Routinekontrollen entdecken Mitarbeiter der EnBW, dass zwei von vier Systemen, die im Notfall Kühlwasser in den Reaktor pumpen sollen, nicht den gesetzlichen Anforderungen entsprechen – Bolzen an wichtigen Lüftungskanälen sind gebrochen. EnBW meldet den Vorfall der Atomaufsicht zunächst in der Kategorie E („Eilmeldung“), stuft ihn wenige Tage später aber in die höchste Meldekategorie S („Sofortmeldung“) hoch: Nicht bloß zwei, sondern alle vier Notspeisesysteme hätten bei einem Störfall ausfallen können. Ursache ist ein Konstruktionsfehler: Das AKW ist anders gebaut als geplant und seit 32 Jahren nicht ausreichend gegen starke Erschütterungen gesichert. Schon ein leichtes Erdbeben oder der Absturz einer Militärmaschine wären unter Umständen nicht mehr beherrschbar gewesen. Die Genehmigungsvoraussetzungen für das AKW waren damit zu keinem Zeitpunkt je erfüllt. Phillipsburg‑2 hätte nie ans Netz gehen dürfen.

April 2016

Während der Jahresrevision 2016 meldet EnBW, dass externe Mitarbeiter Sicherheitsprüfungen nur vorgetäuscht haben. Acht Prüfprotokolle von Dezember 2015 sind nachweislich gefälscht, die Einhaltung der Sicherheitsstandards war folglich längere Zeit nicht gewährleistet.

„Die Anlagen in Philippsburg waren jederzeit in einem (…) sicheren Zustand.“ (EnBW, 18. April 
2016)

„Das Umweltministerium hat seine Prüfung (…) abgeschlossen. (…) einem Wiederanfahren des Kernkraftwerkes nach dem Ende der Revision [steht der Fall] (…) nicht mehr entgegen.“ (Umweltminister Franz Untersteller, 20. Mai 2016)

März 2012

Untersuchungen des baden-württembergischen Umweltministeriums ergeben, dass EnBW gravierende Sicherheitslücken in Philippsburg‑2 erst nach viereinhalb Jahren tatsächlich behoben hat. 
Bereits 2004 hatte der Betreiber den Austausch von Armaturen und Rohrleitungsstücken sowie die Nachrüstung der Stützsysteme zum Schutz gegen Erdbeben angekündigt. Durchgeführt hat er die sicherheitsrelevanten Maßnahmen jedoch erst im Mai 2009.

„Die Sicherheit unserer Anlagen genießt für uns weiterhin oberste Priorität und zwar bis zur letzten produzierten Kilowattstunde beim Betrieb von KKP‑2“ (Jörg Michels, Technischer Geschäftsführer des Kernkraftwerks Philippsburg, 29. Mai 2012)

19. bis 22. Januar 2010

Bedingt durch einen Steuerungsdefekt fällt das Notkühlsystem komplett aus. Der Fehler kann drei Tage lang nicht behoben werden. EnBW meldet den Vorfall nicht der Atomaufsicht. Erst ein Insider macht ihn 2011 öffentlich. Zwei Jahre später holt EnBW die Meldung als „Eilmeldung“ nach: „(…) im Verlauf des unterstellten Störfallszenarios wäre in den Wasserbecken ein Temperatur-Grenzwert erreicht worden, ab dem das Notspeisesystem (…) als nicht verfügbar zu betrachten wäre“.

„Die anonym vorgebrachten Anschuldigungen (…) wurden von der Atomaufsicht geprüft und als nicht sicherheitsrelevant eingestuft.“ (Pressesprecher der EnBW, Ulrich Schröder, 24.03.2011)

12. Mai 2009

Armaturen der höchsten Sicherheitskategorie sind zehn Stunden lang von der Stromzufuhr getrennt. Dadurch ist der Sicherheitsbehälter des AKW Philippsburg‑2 regelwidrig geöffnet und könnte auch bei einem Störfall nicht geschlossen werden – der Austritt von Radioaktivität ließe sich so nicht verhindern. Zugleich führt EnBW bei laufendem Betrieb Arbeiten am Feuerlöschsystem im Reaktor aus. Gutachter konstatieren im Nachhinein, dass „über einen Zeitraum von 16 Tagen (…) eine sicherheitstechnisch nicht unerhebliche Beeinträchtigung der Einrichtungen zur Brandbekämpfung im Reaktorgebäude bestand.“ Die Öffentlichkeit erfährt erst 2011 von dem Vorfall, Gutachter stufen ihn nachträglich als meldepflichtig ein.

„Sachverhalt von offenkundig geringer sicherheitstechnischer Bedeutung“ (Umweltministerin Tanja Gönner, 24.03.2011)

Demo in Philippsburg zum Tschernobyl-Jahrestag 2015
Foto: privat Demo in Philippsburg zum Tschernobyl-Jahrestag 2015

Dezember 2008

Die Reaktorsicherheitskommission hält fest, dass auch in Philippsburg‑2 bei einem Störfall losgerissenes Dämmmaterial die Kühlung des Reaktorkerns lahmlegen könnte. Das sogenannte Sumpfsiebproblem ist seit Mitte 1992 bekannt, als das schwedische AKW Barsebäck nur knapp einer Katastrophe entging.

16. März 2004

Philippsburg‑2 muss herunterfahren, nachdem bei Instandhaltungsarbeiten auffällt, dass an insgesamt 29 Pumpen von Kühl- und Notkühlsystemen Befestigungsstifte fehlen, die ein Verrutschen bei Erschütterungen verhindern sollen. Der Fehler hat System; er tritt auch in anderen Atomkraftwerken auf. Die Atomaufsicht geht davon aus, dass die Befestigungsstifte spätestens ab 1992 bei den routinemäßigen Instandhaltungsarbeiten „nach und nach entfallen sind“ – das Personal hatte ihre sicherheitstechnische Bedeutung offenbar nicht auf dem Schirm.

„Als besondere Stärken des Kernkraftwerks Philippsburg hob (IAEO-Experte) Lipar die hohe Motivation und Teamfähigkeit des Personals sowie die gute Instandhaltung der Anlage hervor. (…) Der Gesamteindruck (…) war, dass die Anlage über viele Merkmale einer ausgeprägten Sicherheitskultur verfügt.“ (EnBW, 27. Januar 2005, über das Ergebnis einer mehrwöchigen Inspektion des AKW Philippsburg‑2 durch 15 Expert*innen der Internationalen Atomenergie-Organisation IAEO im Oktober 2004)

10. August 2001

Zwei Wochen nach dem Wiederanfahren des AKW Philippsburg‑2 nach dessen Jahresrevision stellen Mitarbeiter*innen fest, dass die Borsäurekonzentration in drei der vier mit Notkühlwasser befüllten Flutbehälter zu gering ist. Unzureichend boriertes Wasser kann im Reaktorkern einen Effekt wie Benzin ins Feuer gießen haben und die Kettenreaktion, die es eigentlich stoppen soll, noch weiter anheizen. EnBW lässt den Reaktor dennoch einfach weiterlaufen. Folgeuntersuchungen enthüllen darüber hinaus, dass beim Anfahren des Reaktors die vorgeschriebenen Kühlwasser-
vorräte in allen vier Flutbehältern deutlich 
unterschritten waren – und dies nicht nur diesmal, sondern schon seit 17 Jahren. Bemerkt hatte diesen regelmäßigen Verstoß gegen die Betriebsvorschriften seit Inbetriebnahme des Reaktors niemand.

„Nicht sicherheitsrelevant“ (Urteil des TÜV Süddeutschland vom 27. September 2001; die Landesatomaufsicht schließt sich dieser Einschätzung an)

Dieser Text erschien im .ausgestrahlt-Magazin 35, Frühjahr 2017

 


Die Sicherheits-Lüge

Seit Beginn der Atomkraftnutzung beteuern Aufsichtsbehörden und Betreiber, AKW seien „sicher“. Sie meinen: Sie entsprechen den für sie geltenden, in der Regel Jahrzehnte alten Sicherheitsanforderungen. Doch selbst die halten die Anlagen nicht unbedingt ein. Von Armin Simon

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Gravierende Fehler bleiben unentdeckt, bekannte Defizite ohne Folgen - und die AKW am Netz

Wir sind jahrelang davon ausgegangen, dass die Beherrschung eines Flugzeugabsturzes und eines Erdbebens gewährleistet war. Und wir mussten feststellen, dass das nicht der Fall war, und zwar seit Errichtung der Anlage.“ Es ist der Leiter der Atomaufsicht im Stuttgarter Umweltministerium, der am 23. Februar 2017 im Fernsehen so über das AKW Philippsburg‑2 spricht. Und damit einräumt: Die angeblich so sicheren AKW in Deutschland erfüllen unter Umständen selbst grundlegende, unstrittige und von Anfang an geltende Sicherheitsanforderungen nicht. Der angenommene Zustand der Anlagen stimmt nicht unbedingt mit der Realität überein. Auch schwerwiegende Sicherheitsmängel können jahrzehntelang unbemerkt bleiben.

Unbemerkte Mängel

Es ist nicht der erste derartige Fall, auch nicht in Philippsburg‑2 – siehe Seite 10/11. Trotzdem durfte der Reaktor bisher nach jeder noch so beunruhigenden Entdeckung wieder ans Netz, immer nach dem Motto: Es lief zwar was falsch, aber jetzt ist alles wieder in Ordnung. Was, wie das oben genannte Statement beweist, noch nie stimmte.

Dabei geht es nicht um einzelne Ausfälle von Bauteilen, wie sie – schlimm genug – auch in AKW immer wieder auftreten. Es geht um Kon-struktionsfehler, die niemand ahnt, die niemand bemerkt, mit denen niemand rechnet. Um Abweichungen von den Plänen, die Basis der Sicherheitsanalysen und Genehmigungen sind. Um Betriebsregeln, die systematisch missachtet werden. Um angenommenen Schutz, der real gar nicht vorhanden ist. Um Sicherheitsanforderungen, die zum Teil jahrzehntelang nicht eingehalten werden. Weil es schlicht niemandem auffällt. Oder weil es niemanden interessiert.

Das sogenannte Sumpfsiebproblem ist so ein Fall: Bei einem Leck ausströmendes Reaktorkühlwasser kann Isolier- und anderes Material mit sich reißen. Der Theorie nach soll dieses Wasser unten im Sicherheitsbehälter, im sogenannten Reaktorsumpf, aufgefangen und von dort wieder in den Reaktor gepumpt werden, um diesen weiter zu kühlen. Doch eben diese Kühlung kann versagen, wenn der mitgerissene Schmutz die Siebe vor den Ansaugöffnungen der Pumpen verstopft. Expert*innen sagen diesen Fall, der am Ende zur Kernschmelze führen kann, bereits in den 1970ern vorher. Sie unterschätzen aber die Brisanz gewaltig. Das zeigt sich, als 1992 im schwedischen AKW Barsebäck ein falsch montiertes Ventil am Kühlkreislauf abreißt – ein kleines Leck, noch innerhalb des Sicherheitsbehälters. Doch statt zehn Stunden, wie vorhergesagt, dauert es ganze 25 Minuten, bis die Sumpfpumpen stottern und kein Wasser mehr in den Reaktor befördern: die Siebe sind dicht mit Isoliermaterial. Erst zweieinhalb Stunden später gelingt es der Betriebsmannschaft, die Verstopfung durch Rückwärtspumpen zu lösen.

An diese Rückwärtsgang-Idee klammern sich auch die AKW-Betreiber in Deutschland. Die Behörden sehen keinen Grund einzuschreiten. Erst 17 (!) Jahre später hält die Reaktorsicherheitskommission (RSK) in einem vertraulichen Protokoll fest, dass die angeblichen Nachweise der Betreiber „nicht in allen Aspekten nachvollziehbar sind“, das heißt: ungültig. Es dauert ein weiteres Jahr, bis Maßnahmen gegen die Verstopfungsgefahr laut Bundesumweltministerium zumindest „weitgehend umgesetzt“ sind. Alle AKW liefen derweil munter weiter.

Veraltete Standards

Oder der angebliche Schutz der Anlagen gegen Flugzeugabstürze, der sich jetzt in Philippsburg‑2, wie die Atomaufsicht einräumt, als Schimäre entpuppt hat: Die Lüftungskanäle für alle vier Notspeisesysteme sind anders montiert, als in den Bauplänen des AKW angegeben. Bei Erschütterungen können sie abreißen, was zum Ausfall der Notkühlung führen könnte. Das AKW hätte so niemals ans Netz gehen dürfen.

Trotzdem ist gut möglich, dass der grüne Umweltminister Franz Untersteller den Reaktor bald wieder ans Netz lässt: Wenn EnBW nachgewiesen hat, dass die Lüftungskanäle mehr als 32 Jahre nach Inbetriebnahme des AKW nun endlich den Anforderungen entsprechend montiert sind.

Selbst dann wäre Philippsburg‑2 allerdings nur gegen die Flugzeuge geschützt, gegen die der Reaktor bei seinem Bau ausgelegt werden musste. Das war ein „Phantom“-Jagdbomber. Abstürze von ungleich größeren Passagierflugzeugen mit mehr Kerosin im Tank galten damals als unvorstellbar.

Seit dem 11.9.2001 ist diese Einstufung obsolet: Abstürze großer Passagiermaschinen auf AKW zählen nicht mehr zum Restrisiko. Der Staat muss seine Bürger*innen daher vor den Folgen solcher Ereignisse schützen, stellt das Bundesverwaltungsgericht 2008 nochmals klar. Ein Gutachten im Auftrag des Bundesumweltministeriums hielt schon 2002 fest, dass kein Meiler einen Absturz einer großen Passagiermaschine sicher überstehen würde. Ernsthafte Konsequenzen für die AKW – siehe Seite 14/15 – hatte das allerdings bis heute nicht: Dann müsste man sie ja abschalten.

 

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„Außerhalb der Kontrolle"

Gregory Jaczko - ehemaliger Chef der US-Atomaufsicht
Gregory Jaczko

Herr Jaczko, Aufsichtsbehörden und Betreiber betonen immer wieder, die AKW seien „sicher“. Trotzdem gab es schon drei Super-GAUs. Wo liegt das Missverständnis? Gregory Jaczko, ehemaliger Chef der US-Atomaufsicht: Wenn Atomaufsichtsbehörden „sicher“ sagen, meinen sie, dass das AKW den für es geltenden Standards entspricht. Aber die sind nie so angelegt, dass sie jeden möglichen Unfall verhindern. Sie sind nur da, um sicherzustellen, dass die Anlagen in den meisten Fällen ohne Unfall laufen.

Was versteht die Öffentlichkeit, wenn sie das Wort „sicher“ hört? Dass es nie einen Unfall geben wird und alles immer gut ist. Es gibt also einen großen Unterschied zwischen dem, was die eine Gruppe sagt, und dem, was die andere Gruppe hört.

Atomaufsichtsbehörden können also schwere Atomunfälle nicht verhindern? Ganz klar nein – siehe Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima.

Vielleicht haben sie bloß ihren Job nicht gut gemacht? Das ist sicher so. Es gibt immer etwas in der Art, dass die Aufsichtsbehörden von einem Problem wussten und nichts getan haben, was den Unfall hätte vermeiden können. Aber selbst wenn sie und der Betreiber immer alles richtig machen, können Dinge passieren, die außerhalb der Kontrolle von allen sind. Das Design der Reaktoren ist so, dass es immer Szenarien geben kann, die zu einem schweren Unfall führen.

Interview (März 2016): Armin Simon

Die Texte erschienen im .ausgestrahlt-Magazin 35, Frühjahr 2017

 

 


Interview

Gefahr von oben

Seit 15 Jahren ist klar, dass kein AKW einen Absturz einer großen Passagiermaschine sicher überstehen würde. Trotzdem sind acht Meiler noch am Netz. Und die Behörden lösen regelmäßig Flugalarm aus. Interview: Armin Simon

10. März 2017: Eine Boeing 787-800 aus Indien mit Flugziel London, ein sogenannter „Dreamliner“, um die 200 Tonnen schwer, mit Tanks für 127.000 Liter Kerosin und einer Reisegeschwindigkeit von rund 900 Stundenkilometern, überquert Europa. Ungarn, Slowenien, Tschechien – eine Stunde lang ist der Funkkontakt abgebrochen. „Suspected Renegade“, Verdacht auf einen abtrünnigen Flieger, urteilt die NATO und löst Alarm aus; Abfangjäger steigen auf. Auch das Nationale Lage- und Führungszentrum „Sicherheit im Luftraum“ in Deutschland geht davon aus, dass „der Verdacht  besteht, dass ein ziviles Luftfahrzeug aus terroristischen oder anderen Motiven als Waffe verwendet und zum gezielten Absturz gebracht werden soll und hierdurch ein besonders schwerer Unglücksfall bevorstehen könnte“.

Renegade Blockade vor dem AKW Brokdorf.jpg
AKW-Gegner*innen blockieren am 10.3.17 Tore des AKW Brokdorf. Dann heißt es: Räumung des Kraftwerks wegen verdächtigem Flugzeug. Nur durch diesen Zufall wird der "Renegade"-Alarm öffentlich.

Die Behörden schätzen diese Gefahr als so real und groß ein, dass es dafür seit 2007 ein ganzes Regelwerk gibt, der „RENEGADE-Rahmenplan KKW“. Demnach sind in einem solchen Fall alle AKW-Standorte unverzüglich zu warnen. Weitere Anweisungen sind geheim, ebenso wie die in den AKW zu treffenden Maßnahmen. Klar ist nur, dass ein sogenannter Räumungsalarm dazugehört: Am 10. März werden alle AKW in Deutschland bis auf eine Notbesetzung evakuiert. Es ist nicht der erste solche Alarm in deutschen AKW, aber der erste, der öffentlich wird – weil eine Gruppe von Atomkraftgegner*innen zufällig gerade das AKW Brokdorf blockiert.

Herr  Pistner,  nach  Angaben  der  Bundesregierung  lösten  die  Behörden  seit  2010 insgesamt  sechsmal  einen  sogenannten  „Renegade“-Voralarm  für  die  AKW  in Deutschland aus, weil sie den gezielten Absturz eines Flugzeugs auf einen Reaktor für denkbar hielten. Sind die AKW nicht gegen den Absturz von Flugzeugen gesichert?
Christoph  Pistner:  Da  muss  man  unterscheiden. Die ganz alten AKW waren gar nicht gegen Flugzeugabstürze ausgelegt – man hat damals nur  einen unfallbedingten  Flugzeugabsturz diskutiert  und  einen  solchen  als  so  unwahrscheinlich angesehen, dass man ihn nicht unterstellen müsste. Bei den Anlagen, die heute noch laufen, hat man zumindest unterstellt, dass  eine  schnellfliegende  Militärmaschine („Phantom“) auf sie abstürzen könnte und hat sie dagegen ausgelegt. Ein gezielter Absturz einer großen Passagiermaschine ist aber nicht unterstellt worden.

Was haben die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA daran geändert?
Ein  solcher  gezielter  Absturz  ist  nun  nicht mehr nur rein theoretisch, sondern muss betrachtet werden.  

Eine Studie der halbstaatlichen Gesellschaft für  Anlagen-  und  Reaktorsicherheit  (GRS) kam 2002 zum Ergebnis, dass keines der AKW in Deutschland einem solchen Aufprall standhalten würde, jedenfalls, wenn das Flugzeug groß  und  die  Aufprallgeschwindigkeit  hoch wäre. Das ist jetzt 15 Jahre her. Hat sich daran etwas Grundlegendes geändert? Es gab weitere Untersuchungen und man hat überlegt, wo Sicherheitsdefizite und Verbesserungsmöglichkeiten bestehen. Das kann und will ich aber nicht im Detail diskutieren – denn immer, wenn man dazu etwas sagt, gibt man natürlich auch Hinweise, wo noch mögliche Schwachstellen sind und wo nicht. Und das sollte man bei diesem Thema nicht tun.

Laut der Studie waren die besser geschützten Anlagen die mit den dickeren Wänden. Nachträglich erhöht wurde die Wandstärke aber bei keinem Reaktor. Wäre das technisch denn überhaupt möglich? Das halte ich nicht für möglich. Der Aufwand wäre extrem, und es gäbe ja auch Auswirkungen auf andere Ereignisse, wie zum Beispiel die Erdbebensicherheit, die man mit berücksichtigen müsste.  

An einigen AKW sind Nebelwerfer installiert worden, die die Anlagen bei Bedarf „verstecken“ sollen. Wie überzeugend ist das aus Ihrer Sicht? Unter bestimmten Randbedingungen kann das sicherlich was bringen. Aber es löst das Problem nicht vollständig. Auch Nebelwerfer können keinen Schutz vor Flugzeugabstürzen garantieren. 

2011, nach Fukushima, sind acht AKW abgeschaltet worden. Spielte deren Verwundbarkeit durch Flugzeugabstürze dabei eine Rolle? Ich gehe davon aus. In der Begründung der Bundestagsfraktionen ist das immer ein wichtiges Argument gewesen. 

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Christoph Pistner

Dr. Christoph Pistner, 47, ist stellvertretender Bereichsleiter Nukleartechnik & Anlagensicherheit beim Öko-Institut e.V. in Darmstadt. Der Physiker ist Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundesumweltministeriums und regelmäßig als Gutachter für die baden-württembergische Atomaufsicht tätig, derzeit etwa beim AKW Philippsburg-2.   
 

 

 

Der  sogenannte  „Stresstest“  nach Fukushima hat allerdings auch bei den Meilern, die heute noch laufen, in Zweifel  gezogen, ob sie einem solchen Absturz standhalten könnten, und festgehalten, dass es dazu weiterer Nachweise bedürfe.  Liegen die inzwischen vor? Es laufen weiterhin Untersuchungen, und nach meinem Kenntnisstand sind diese noch nicht abgeschlossen. Auch die Reaktorsicherheitskommission (RSK) berät das Thema noch.

Um was für Fragen geht es da? Die  Reaktorsicherheitskommission berät das Bundesumweltministerium zu Fragen  der  Sicherheit der Kernkraftwerke. Die Beratungen sind allerdings vertraulich, daher kann ich dazu im Detail nichts sagen.  

Und was kann dabei rauskommen? Wenn man bestimmte Schwachstellen identifiziert, kann man dazu Empfehlungen machen: bauliche oder betriebliche Änderungen, Nachrüstungen, was auch immer. Atomaufsichten und Umweltministerien müssen dann über die Umsetzung entscheiden.

Der ehemalige Leiter der Bundesatomaufsicht, Wolfgang Renneberg, sagt, die Politik habe bei der Begrenzung der Laufzeiten der AKW, 2001 wie 2011, zugleich entschieden, den unzureichenden Flugzeugabsturzschutz für die verbleibende Laufzeit zu akzeptieren. Hat er Recht? Atomkraftwerke sind nicht hundertprozentig sicher. Das war schon immer so. Es existieren unterschiedlichste  Möglichkeiten, wie es zu einem schweren Unfall in einem AKW kommen kann. Das akzeptieren wir, solange Atomkraftwerke  laufen. Das betrifft Flugzeugabstürze genauso wie alle anderen Szenarien. Darum hat der Gesetzgeber die Laufzeiten der Atomkraftwerke in Deutschland begrenzt.

Wenn ein verdächtiges Flugzeug auftaucht, werden die AKW geräumt, haben wir neulich erfahren. Was aber bringt das?
Dazu fallen mir – ohne dass ich in die Planungen eingebunden bin – zwei Punkte ein. Zum einen: Wenn es tatsächlich zu einem Anschlag auf ein AKW käme, geht es auch darum, die Menschen, die sich in der Anlage befinden, zu schützen, also so viele wie möglich aus einem potenziell  vom  Flugzeugabsturz  betroffenen Bereich zu entfernen. Zum anderen muss man über Szenarien mit Beteiligung eines Innentäters nachdenken. Auch mit Blick darauf gilt: Je weniger Menschen auf der Anlage sind – außer eben jenen, die man unbedingt braucht  –, umso günstiger ist das.  

Müssten die Reaktoren bei einem „Renegade“-Alarm nicht schnellabschalten, um das Risiko ernsthaft zu reduzieren?
Wenn die Steuerstäbe in den Kern eingefahren sind, ist zumindest die Kettenreaktion schon mal unterbrochen. Das ist sicher ein Vorteil. Aber die Schnellabschaltung selbst bringt die Anlage ja erst einmal in einen sich stark verändernden Zustand: Da treten Belastungen auf, Ventile und Pumpen und dergleichen treten in Aktion. Ob das dann bei einem unterstellten Aufprall eines Flugzeugs immer günstiger ist? Ich denke nicht.

Dieses Interview erschien im .ausgestrahlt-Magazin 35, Frühjahr 2017

 


.ausgestrahlt-Podcast #4 (3/2017): Flugzeug ohne Funkkontakt - AKW evakuiert


 


Brokdorf: Blackbox Reaktorkern

In den AKW Brokdorf und Grohnde korrodieren Brennstäbe, zum Teil deutlich stärker als erlaubt. Die Ursache ist ungeklärt. Gibt es Parallelen zum Skandal-AKW Leibstadt in der Schweiz? von Angela Wolff, Armin Simon

Am 19. Februar 2017 erreicht die Atomaufsicht in Schleswig-Holstein eine Eilmeldung aus dem AKW Brokdorf: Eon/PreussenElektra hat bei der jährlichen Revision des  Meilers  ungewöhnlich dicke Oxidschicht-Bildungen – sprich: Korrosion – an mehreren Brennstäben festgestellt. Zulässige Grenzwerte sind deutlich überschritten, selbst bei Brennstäben, die erst ein oder zwei der üblichen vier bis fünf Jahre im Reaktorkern im Einsatz waren. Offensichtlich korrodieren sie an einigen Stellen im Turbogang. Die Ursache für diese Vorgänge im Kern des Reaktors ist völlig unklar.

Brennelemente von oben.jpg
Brennelemente von oben, betrachtet durch Detektor: Wo sind sie wie "heiß"?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eon  zufolge  treten  die  bislang  festgestellten Korrosionsschäden  sämtlich  am  oberen  Ende der Brennstäbe auf. Brennstabhüllrohre  bestehen  aus  Zirkaloy,  einer  sehr  korrosionsbeständigen  Metalllegierung.  Unter  den  extremen  Bedingungen im Reaktorkern kommt es trotzdem zu Korrosionsprozessen,  im  Normalfall  allerdings  sehr langsam.  Selbst  bei  fünfjährigem  Einsatz  der Brennelemente  bleibt  die  Oxidschichtdicke  üblicherweise unterhalb der maximal erlaubten 0,1 Millimeter. Im AKW Brokdorf hingegen ist sie  bei  mehreren  Brennstäben,  die  nicht  mal zwei  Jahre  im  Einsatz  waren, schon  deutlich  dicker, in einem Fall sogar 0,15 Millimeter stark. Ab 0,16 Millimeter ist nicht mehr gewährleistet, dass  die  Brennstabhülle  dicht  bleibt;  hochradioaktive Spaltprodukte  könnten  dann  den Kühlkreislauf des Reaktors kontaminieren.

Unbekanntes Problem im Reaktorkern

Die Brennstabhülle ist eine der Barrieren gegen den Austritt radioaktiver Substanzen  aus  dem Reaktor. Bei zu starker Korrosion kann sie versagen, insbesondere wenn, etwa bei einem Störfall, die Brennstäbe noch höheren Belastungen als im Normalbetrieb ausgesetzt sind. Darüber hinaus sind die unerwartet starken Oxidschicht-Bildungen  auf  den  Brennstabhüllen  aber  auch ein  Symptom  eines  unbekannten  Problems  im Inneren des Reaktors. Sowohl das Problem selbst als auch seine Ursache sind bis heute ungeklärt.

Das  AKW  Brokdorf, das eigentlich nur bis zum 24. Februar 2017 in Revision sein sollte, liegt wegen der unerklärten Korrosionen noch immer still. Die Atomaufsicht hat den Brennelementehersteller  sowie  Sachverständige  zur Klärung der Vorgänge im Reaktorkern hinzugezogen. „Für die Zukunft muss ausgeschlossen sein,  dass  sich  erneut  Oxidschichten  bilden, die den Grenzwert überschreiten. Dafür ist ein Verständnis von den Ursachen der Oxidation erforderlich“, unterstrich der Leiter  der Atomaufsicht  in  Kiel,  Jan  Backmann. Noch-Umweltminister Robert Habeck (Grüne) schloss ein Wiederanfahren des AKW ohne eindeutige Untersuchungsergebnisse aus: „Erst, wenn die Ursache geklärt und ausgeschlossen ist, dass sich das Problem an anderen Brennstäben wiederholt, kommt ein Wiederanfahren in Betracht.“

Schon 2005 und 2012 war es im AKW  Philippsburg-2 zu ähnlichen, aber nicht so starken  Brennstab-Korrosionen gekommen. Bei aktuellen Untersuchungen fanden Sachverständige im April  2017 auch an Brennstäben im AKW Grohnde Korrosionsspuren, wie Brokdorf und Philippsburg-2 ein Reaktor vom Typ „Vor-Konvoi“. Die zulässige Oxidschichtdicke von 0,1 Millimetern war in Grohnde zwar noch nicht überschritten. Um die „Sicherheitsmargen“ zu erhöhen, erklärte sich Eon jedoch bereit, die maximale Leistung des Reaktors im kommenden Zyklus auf 95 Prozent zu begrenzen.

Parallelen zum AKW Leibstadt?

Im schweizerischen AKW Leibstadt, am Hochrhein direkt an der deutschen Grenze gelegen, wurden während der jährlichen Revision  im August 2016 ebenfalls  zahlreiche korrodierte Brennstäbe entdeckt. Mindestens 30 sind massiv  beschädigt. Die Korrosionsstellen sind bis zu 25 Zentimeter lang und befinden sich jeweils am oberen Ende der Brennstäbe. Verantwortlich sind nach Angaben der Schweizer Atomaufsicht (ENSI) sogenannte „Dryouts“: Bestimmte Stellen im Reaktorkern wurden  so  heiß,  dass  die Brennstäbe dort nicht mehr mit einem Wasserfilm bedeckt waren, weswegen sie so stark korrodierten. Wie und warum es zu diesen Dryouts kommen konnte, die eigentlich gar nicht auftreten dürfen, ist allerdings ebenfalls noch unklar.

Zwar ist in Druckwasserreaktoren wie Brokdorf und Grohnde der Druck  im  Reaktorkern deutlich höher als in einem Siedewasserreaktor wie Leibstadt. Das Kühlwasser würde folglich erst bei sehr viel höheren Temperaturen verdampfen, weswegen  Dryouts  hier  eher  unwahrscheinlich sind. In beiden Fällen ist die Brennstabkorrosion allerdings auf Vorgänge im Reaktorkern zurückzuführen,  die  niemand  erwartet  und  niemand vorhergesehen hat. Derlei unbekannte und unberechenbare  physikalische  Mechanismen  sind in einem AKW absolut inakzeptabel.

Kritik am Wiederanfahren

Trotzdem genehmigte die Schweizer Atomaufsicht  (ENSI) am 16. Februar, nach sechsmonatigem Stillstand, das Wiederanfahren des AKW Leibstadt mit leicht geminderter Leistung –  diese Auflage soll erneute Dryouts verhindern. Der für die Atomaufsicht im benachbarten Baden-Württemberg zuständige Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) kann diese Entscheidung nicht nachvollziehen: „(…) die Frage einer ausreichenden Sicherheitskultur stellt sich schon, wenn physikalische  Vorgänge  im  Reaktorkern nicht vollständig bekannt sind und der Weiterbetrieb dennoch zugelassen wird.“ Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD), parlamentarische Staatsekretärin im Bundesumweltministerium (BMUB), unterstreicht: „Es ist aus Sicht des BMUB von großer Bedeutung, die Ursachen für die Schäden an den  Hüllrohren restlos aufzuklären.“ Und die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, kritisierte: „Immer noch ist die genaue Ursache für die erhöhte Oxidation ungeklärt. Solange das der Fall ist, darf das AKW nicht wieder ans Netz gehen – auch nicht mit neuen Brennelementen.“

Die unerwartete Überhitzung mancher Stellen im Reaktorkern, welche die Dryouts verursachte, beschäftigt inzwischen auch die Reaktorsicherheitskommission. Denn üblicherweise werden Temperaturverteilung, Neutronenfluss und Kühlwasserströmung im Reaktorkern im Vorhinein am Computer simuliert, um eben solch unzulässige Überhitzungen auszuschließen, die es in Leibstadt offensichtlich gab. Die Dryouts dort sind also ein Hinweis darauf, dass die komplizierten Rechencodes für diese Simulation möglicherweise Fehler enthalten. Die in Deutschland verwendeten Codes aber sind dieselben wie in der Schweiz.

.ausgestrahlt  fordert, dass Eon und die schleswig-holsteinische Atomaufsicht die Ursachen für die unerwartet starken  Oxidschicht-Bildungen auf den Brennstäben im AKW Brokdorf eindeutig klären müssen. Denn aus unberechenbaren und unerklärten Vorgängen können unerwartete Gefahren erwachsen und unkontrollierbare Situationen entstehen. Ein AKW, bei dem auch nur die Möglichkeit besteht, dass es im Reaktorkern zu unbekannten oder unerwarteten Reaktionen kommt, die sogar Brennstäbe beschädigen können, darf nicht wieder ans Netz gehen!   

Korrosion im Kern - Fragen und Antworten zu den Brennstäben in Brokdorf

Dieser Text erschien im .ausgestrahlt-Magazin 35, Frühjahr 2017

  • Ist nach Tschernobyl und Fukushima mit weiteren Super-GAUs weltweit zu rechnen?

    Ja, denn kein Atomkraftwerk weltweit ist wirklich sicher. Selbst Atomkraftbefürworter gehen wie selbstverständlich davon aus, dass es weitere Atomkatastrophen geben wird.1 Das Technische Hilfswerk (THW) will die Zahl seiner Helfer mit Strahlenschutzkenntnissen mehr als verzehnfachen.2 Bis diese wieder gebraucht werden, ist nur eine Frage der Zeit.

    13Sat, Programmhinweise zur Dokumentation „Tabu Kernforschung“ am 29. Oktober 2015

    2Focus 15/2011, Interview mit THW-Präsident Albrecht Broemme

  • Könnte ein Unfall wie in Tschernobyl auch in einem AKW in Deutschland passieren?

    Ja und nein. Die heute noch laufenden Atomkraftwerke in Deutschland haben kein Grafit im Kern, ein Grafitbrand wie in Tschernobyl ist daher nicht möglich. Zu einem Super-GAU mit Kernschmelze kann es jedoch auch in Deutschland kommen. Die halbstaatliche Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) ermittelte 1989 in der „Deutschen Risikostudie Kernkraftwerke, Phase B“, dass dabei fünfmal mehr Radioaktivität als in Tschernobyl freigesetzt werden könnte.1 Wegen der siebenmal größeren Bevölkerungsdichte wären zudem noch weit mehr Menschen ganz direkt betroffen. Und es gäbe sicher keine Hunderttausenden von LiquidatorInnen, die die Katastrophe bekämpfen würden.

    1Deutsche Risikostudie Kernkraftwerke, Phase B

  • Könnte ein Super-GAU wie in Fukushima auch in einem AKW in Deutschland passieren?

    Ja. Erdbeben und Flutwellen fallen hierzulande zwar eher schwächer aus als in Japan, die Atomkraftwerke sind darauf aber auch weniger gut vorbereitet. Alle Atomkraftwerke in Deutschland liegen an Flüssen, die über die Ufer treten können, das AKW Neckarwestheim sogar in einer Senke unterhalb des Wasserspiegels. Und bei manchen Anlagen ist nicht einmal der grundlegendste Schutz gegen Erdbeben nachgewiesen. Dass ein Naturereignis deutlich stärker ausfällt, als man das bei Planung und Bau der AKW angenommen hat, kann also auch in Deutschland passieren. Darüber hinaus sind jede Menge andere Ereignisse, bekannte wie unbekannte, möglich, die zum Stromausfall, zum Ausfall der Kühlung oder auf andere Weise zum Super-GAU führen können: Unwetter, Kurzschlüsse, unbemerkte Fehler bei Bau oder Reparatur der Reaktoren, Materialschwäche, Risse, Ausfall von Bauteilen, Fehlbedienungen und Fehlverhalten der Betriebsmannschaft, Computerviren, Cyberattacken, Flugzeugabstürze, Angriffe von innen und außen und vieles mehr.

  • Was hat es mit dem nach Fukushima angeordneten sogenannten „Stresstest“ der AKW in Deutschland auf sich?

    Der sogenannte Stresstest war ein Fragebogen an die AKW-Betreiber, in dem diese schildern sollten, wie ihre Reaktoren ihrer Meinung nach auf Ereignisse vorbereitet sind, für die sie eigentlich nicht ausgelegt sind. Themen waren etwa Erdbeben, Hochwasser, Stromausfall und Ähnliches. Die Betreiber antworteten nach Aktenlage, oft sogar ohne Belege, tatsächliche Prüfungen fanden sowieso keine statt. Dennoch erreichte kein einziger Reaktor in allen Punkten auch nur das von der Reaktorsicherheitskommission formulierten Sicherheits-Level 2, geschweige denn Level 3. Gleich komplett außen vor blieben all jene Ereignisse, die ein AKW eigentlich beherrschen müsste – was allerdings längst nicht in allen Reaktoren der Fall ist. Die als „Test“ bezeichnete Umfrage blendete also die vielen bereits bekannten gravierenden Sicherheitsdefizite der Anlagen schlicht aus. „Im Ergebnis“, resümierte der Reaktorsicherheitsexperte und ehemalige Chef der Bundesatomaufsicht Wolfgang Renneberg, „entspricht die Methodik einer Sicherheitsüberprüfung von Passagierflugzeugen, bei der eine altersschwache Maschine mit unzuverlässigen Triebwerken deshalb gut abschneidet, weil es noch Fallschirme an Bord gibt.“1

    1Focus online, 18. Mai 2011

  • Warum wurden die deutschen Katastrophenschutzpläne für Atomunfälle nach Fukushima überarbeitet?

    Die Katastrophenschutzplanungen für Atomunfälle gingen bisher davon aus, dass Evakuierungen nur im Umkreis von zehn Kilometern um Atomanlagen nötig seien. Das war zwar schon immer absurd. Erst nach Fukushima jedoch sah sich die Politik unter Zugzwang. Auf Empfehlung der Strahlenschutzkommission beschlossen die Innenminister im Juni 2014, die Evakuierungszonen rings um die AKW auf 20 Kilometer zu erweitern. Noch bis in 100 Kilometer Entfernung vom AKW soll die Bevölkerung im Zweifel künftig per Lautsprecherdurchsagen aufgefordert werden, sich tagelang im Haus zu verkriechen. Allerdings gehen die Minister immer noch davon aus, dass die Freisetzung radioaktiver Stoffe maximal 50 Stunden andauert – in Tschernobyl zog sie sich elf, in Fukushima gar 25 Tage hin. Und sowieso halten die Minister Evakuierungen erst ab einer zu erwartenden Belastung von 100 Millisievert für nötig, das ist fünfmal mehr als in Japan. Tatsächlich sind also auch die neuen Evakuierungszonen in den Katastrophenschutzplänen noch deutlich zu klein.1

    1.ausgestrahlt, Hintergrund Katastrophenschutz, 30. Juli 2014

  • Mit welchen Auswirkungen ist bei einem Super-GAU in Deutschland zu rechnen?

    Das Basler Prognos-Institut berechnete 1992 für das Bundeswirtschaftsministerium die Folgen eines Super-GAU im AKW Biblis. Ergebnis: etwa fünf Millionen Krebserkrankungen, die Hälfte davon tödlich. Etwa zehn Millionen Menschen müssten umsiedeln, weil ihre Heimat durch den radioaktiven Fallout dauerhaft unbewohnbar würde. Aus demselben Grund gingen Millionen von Arbeitsplätzen verloren.

    Den finanziellen Schaden eines solchen Unfalls taxierte die Studie auf 2.500 bis 5.500 Milliarden Euro – das ist das elf- bis 25-Fache des damaligen Bundeshaushalts.1 Ein schwerer Atomunfall käme also nicht nur einem gesundheitlichen, sondern auch einem volkswirtschaftlichen Zusammenbruch gleich, von den sozialen und politischen Folgen ganz abgesehen. Und die Zeche zahlen, wie in Japan aktuell zu beobachten, natürlich nicht die Unternehmen, sondern immer die SteuerzahlerInnen.

    Das Bundesamt für Strahlenschutz hat 2012 die radiologischen Auswirkungen eines Unfalls ähnlich dem in Fukushima durchgerechnet. Bei der Simulation wurden Gebiete in bis zu 170 Kilometer Entfernung nach japanischen Maßstäben dauerhaft unbewohnbar – obwohl das Amt davon ausging, dass lediglich zehn Prozent der Radioaktivität aus dem Reaktor entweichen würden. Bei anderer Witterung und/oder Freisetzung von einem größeren Anteil des radioaktiven Inventars wären die Auswirkungen also noch gravierender.2

    1Ewers, Abschätzung der Schäden durch einen sogenannten „Super-GAU“, 1992

    2BfS, Analyse der Vorkehrungen für den anlagenexternen Notfallschutz für deutsche Kernkraftwerke basierend auf den Erfahrungen aus dem Unfall in Fukushima, 2012

  • Das Atomgesetz begrenzt die Laufzeiten der AKW in Deutschland, selbst CDU und CSU haben dem zugestimmt. Ist das Thema hierzulande damit nicht durch?

    Nein. Noch immer sind acht Reaktoren am Netz. In jedem von ihnen kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Die sechs größten müssen zudem laut Atomgesetz erst 2022 vom Netz gehen. Fällt die seit 2011 erhobene Brennelementesteuer weg, werden Atomkraftwerke auch wieder zu richtigen Goldeseln. Entsprechend groß wird dann das Interesse der AKW-Betreiber (und der politische Druck von ihnen) sein, die Laufzeiten der Meiler abermals zu verlängern. Angesicht der immer schleppenderen Energiewende ist es nicht unwahrscheinlich, dass diese Forderung dann sogar Gehör findet.

    Schon einmal – nach dem rot-grünen „Atomkonsens“ 2001 – hatten sich viele AtomkraftgegnerInnen darauf verlassen, dass die Reaktoren in einigen Jahren vom Netz gehen werden. Das Ergebnis war 2010 eine Laufzeitverlängerung selbst für die marodesten Uraltmeiler. Nur der Super-GAU in Fukushima und die massiven Anti-Atom-Proteste im Frühjahr 2011 haben diese wenig später wieder gekippt und das sofortige Aus für die acht ältesten Reaktoren erzwungen. Atomausstieg heißt, alle AKW (und auch die Atomfabriken in Gronau und Lingen) abzuschalten. Davon sind wir immer noch weit entfernt.

Reaktorgebäude, Kühlkreislauf, Elektrik – dies sind die Unsicherheitsfaktoren der AKW:

  • Reaktorgebäude

    Soll vor äußeren Einwirkungen schützen. 35 Zentimeter (Isar I) bis 1,80 Meter (z.B. Emsland) dick. Gegen ein großes Flugzeug schützt auch das nicht. Vor allem bei älteren Anlagen unzureichender Schutz gegen Erdbeben. Weitere Gefahren drohen durch Erdeinbrüche im Untergrund, Hochwasser und Überschwemmungen. Nachrüstmöglichkeit fraglich.

  • Sicherheitsbehälter/Containment

    Soll bei einem Unfall die Strahlung einschließen. In Deutschland zumeist nur aus Stahl, bei alten Modellen viel zu klein und ziemlich dünn. Droht bei Unfall zu platzen oder binnen Minuten durchzuschmelzen. In anderen Ländern manchmal auch aus Stahlbeton, das lässt bis zu zwei Tage Zeit für die Evakuierung der Region. Nachrüstung eher nicht möglich.

  • Reaktordruckbehälter

    Enthält den Reaktorkern mit den Brennstäben. Extreme Belastung durch bis zu 175 bar Druck bei bis zu 350 °C. Gefahr von Rissen durch Materialermüdung. Bei älteren Modellen noch nicht einmal nahtlose Schmiederinge. Austausch nicht möglich.

  • Rohre und Armaturen

    Oft hohen Drücken und Temperaturen ausgesetzt. Gefahr von Materialermüdung, Rissen, Lecks. Schweißnähte sind Schwachstellen. Auch bei Fehlstellung oder Fehlfunktion von Armaturen und Ventilen kann die Kühlung des Reaktorkerns versagen. Nachrüstung und Austausch nur zum Teil möglich.

  • Elektrik

    Steuert Pumpen, Ventile, Sicherheits- und Notsysteme, überwacht Zustand des Reaktors. Planungsfehler, Pfusch bei Installation und Reparaturen, falsche Verkabelung, fehlerhafte Elektronik, Funktionsausfall durch Alterung gefährden die Funktion der Systeme. Neue Digitaltechnik ist nicht unbedingt zuverlässiger. In älteren Anlagen erhöhte Gefahr von Kurzschlüssen durch brüchige Isolierungen und mangelhaften Brandschutz. Nachrüstung nur teilweise möglich.

  • Notstromversorgung

    Soll die Kühlung des Reaktorkerns und die Sicherheitssysteme am Laufen halten, wenn der Strom ausfällt, etwa durch Unwetter. Fehlkonstruktion führte im AKW Forsmark (Schweden) im Sommer 2006 zum Beinahe-GAU. Auch hierzulande jede Menge Fehler in Planung, Aufbau und Ausführung, teilweise jahrzehntelang unbemerkt. Dieselgeneratoren sehr störungsanfällig. Neue Leittechnik kann Defizite im Anlagenkonzept nicht ausgleichen.

  • Kühlkreislauf

    Bei Ausfall droht Kernschmelze. Risse durch Materialermüdung. Bei Siedewasserreaktoren (Kühlmittelverlust) wie Druckwasserreaktoren (Sumpfsiebproblem) GAU-Gefahr bei Lecks. In alten Anlagen geringere Kapazität und größere Gefahr, dass mehrere Stränge gleichzeitig ausfallen, Prüfbarkeit eingeschränkt. Nachrüstung nur teilweise möglich.

  • Personal

    Soll den Reaktor fehlerfrei bedienen und im Störfall mit richtigen Eingriffen den GAU verhindern. Im AKW Philippsburg missachtete die Mannschaft sicherheitsrelevante Bedienvorschriften 17 Jahre lang unbemerkt. Menschliches Versagen lässt sich nicht vermeiden.

  • Je älter, desto unsicherer

    Wie in jedem Bereich haben sich auch bei Atomreaktoren die Sicherheitsanforderungen und die Reaktorbautechnik weiterentwickelt. Anlagen, die Ende der 60er-Jahre konzipiert wurden, sind daher deutlich unsicherer als etwa Konstruktionen aus den 80er-Jahren. Das lässt sich anhand vieler Parameter nachweisen.

    Grundlegende Defizite konnten und können auch millionenteure Nachrüstungen nicht beheben. Uralt-Meiler der ältesten Baulinien sind die AKW Biblis A und B, Neckarwestheim I und Unterweser (DWR 2. Baulinie) sowie die AKW Brunsbüttel, Isar I, Philippsburg I und Krümmel (SWR Baulinie 69). Die neun anderen AKW sind etwas moderner. Dem Stand von Wissenschaft und Technik, den das Atomgesetz fordert, entsprechen auch sie nicht.

Wer zahlt bei einem Unfall?

In den 17 Reaktoren in Deutschland kommt es jährlich zu rund hundert „meldepflichtigen Ereignissen“. Jedes Jahr haben einige davon das Potenzial zu einem schweren Unfall. Dass es dazu bisher nicht kam, war oftmals nur Glück.

Ein Super-GAU in einem deutschen AKW würde zehntausende Tote, Millionen Krebserkrankungen und Schäden von bis zu 5.500 Milliarden Euro (Stand: 1992) verursachen. Die Haftpflichtversicherung der AKW-Betreiber deckt ganze 2,5 Milliarden Euro – also 0,05%(!) davon ab. Zwar haften die Stromkonzerne laut Atomgesetz formal unbegrenzt mit ihrem gesamten Vermögen. Das würde allerdings auch nur für 0,12% bis 1,6% der Schadenssumme reichen.


„Die Minister nutzen ihren Spielraum nicht“

Rechtsanwalt Ulrich Wollenteit über die Möglichkeiten der Atomaufsicht und der Umweltminister, AKW aus Sicherheitsgründen stillzulegen und so den Atomausstieg zu beschleunigen. Interview: Armin Simon

Herr Wollenteit, in den vier Jahren nach der Abschaltung des AKW Grafenrheinfeld soll nach Merkels „Ausstiegs“-Plan nur ein einziger weiterer Reaktor stillgelegt werden. Ist dieses Schneckentempo das letzte Wort?

Dr. Ulrich Wollenteit: In erster Linie ist es eine politische Frage, wann AKWs abgeschaltet werden. Beim rot-grünen „Atomkonsens“ aus dem Jahr 2000 beziehungsweise nach Fukushima hätte man durchaus auch kürzere Laufzeiten ins Gesetz schreiben können. Die nächste Frage ist dann: Was ist allein auf Basis des geltenden Atomrechts möglich? Das wird häufig unterschätzt.

Inwiefern? Die Rechtsprechung gesteht den Atomaufsichtsbehörden im Prinzip das Recht zu, sicherheitsrelevante Fragen in eigener Verantwortung zu beurteilen. Wenn sie dabei bestimmte Spielregeln beachten, halten sich die Gerichte bei der Rechtskontrolle zurück. Diese sogenannte Einschätzungsprärogative steht jedem Landesumweltminister zu – und sie kann natürlich auch im Interesse eines Ausstiegs genutzt werden.

 
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Ulrich Wollenteit
Rechtsanwalt Dr. Ulrich Wollenteit, 59 Jahre, Partner der auf Umweltrecht spezialisierten Kanzlei Rechtsanwälte Günther, hat das Urteil erstritten, mit dem die Genehmigung des Zwischenlagers Brunsbüttel aufgehoben wurde. Aktuell vertritt er Klagen gegen die AKW Brokdorf und Grohnde, gegen das Zwischenlager Unterweser und gegen Transportgenehmigungen nach Gorleben.

 

 

An was denken Sie? Meine Vermutung ist, dass die Aufsichtsbehörden durchaus sehr genaue Kenntnisse von den Schwachstellen der Reaktoren haben. Ich kenne die zwar nicht, aber aus meiner langjährigen Erfahrung bei verschiedensten Prozessen um Atomkraft kann ich sagen, dass da doch immer wieder erstaunliches Wissen vorhanden ist, wenn man mal ein bisschen tiefer bohrt.

Bis auf Bayern sind derzeit in allen Ländern, in denen noch AKW laufen, grüne Umweltminister für die Atomaufsicht zuständig. Günstige Voraussetzungen also?

Natürlich darf eine Behörde nicht willkürlich entscheiden. Sie muss alle relevanten Auffassungen, die zu einem sicherheitsbedeutsamen Problem vertreten werden, sichten, berücksichtigen und bewerten. Wenn sie auf dieser Basis dann aber zu dem Ergebnis kommt, dass ein Sicherheitsproblem vorliegt und deshalb eine Nachrüstung oder gar die Stilllegung des Reaktors erforderlich ist, dann beanstanden das die Gerichte nicht, weil sie sich nicht für kompetenter halten. Auch wenn eine Genehmigungsvoraussetzung, die man früher angenommen hat, heute nicht mehr als gegeben angesehen werden kann, reicht das möglicherweise bereits für den Widerruf der AKW-Betriebsgenehmigung. Das zu beurteilen, liegt ebenfalls im Ermessen der Behörde. Ich denke da etwa an die Gefahr durch gezielten Flugzeugabsturz, ein Szenario, das man früher schlicht für unmöglich gehalten hat.

… und das bisher nur zu so Alibi-Vorkehrungen wie ein paar Nebelwerfern geführt hat. Unter Experten ist es ein offenes Geheimnis, warum man in diesem Punkt nicht konsequenter handelt: § 18 Atomgesetz verspricht den Betreibern eine Entschädigung, wenn ihr Reaktor wegen eines Umstands stillgelegt wird, dessen Ursache außerhalb der Anlage liegt. Bei Terrorgefahren wird dies von vielen angenommen, weil die Gefahr nur mittelbar von dem Reaktor ausgeht. Der Paragraf meint zwar keinen echten Schadensersatz, in der Summe kann das also deutlich weniger sein. Aber ein Problem ist es trotzdem.

Gilt die Entschädigungspflicht in jedem Fall? Nein. Das Risiko, dass eine Anlage aufgrund inhärenter technischer Risiken stillgelegt wird, trägt laut Atomgesetz allein der Betreiber. Wenn eine Aufsichtsbehörde ihre Anordnung also auf einen derartigen Schwachpunkt stützt, besteht keine Entschädigungspflicht – das ist eindeutig.

Gibt es Beispiele, wo eine Aufsichtsbehörde schon einmal auf eine solche Weise agiert hat? Frühere hessische Regierungen haben zeitweise sehr drastische Auflagen für Biblis verhängt. Das AKW ist sogar zeitweise stillgelegt und erst aufgrund einer bundesaufsichtlichen Weisung wieder angefahren worden. Ein solcher Vollzug ist also möglich – erst recht unter dem heutigen Atomgesetz, das ja nicht mehr die Förderung, sondern den Ausstieg aus der Atomkraft zum Ziel hat. Da ist juristischer Spielraum vorhanden, der nicht genutzt wird.

RWE hat die von CDU-Umweltminister Weimar damals erlassenen Auflagen, etwa den Bau einer verbunkerten externen Notstandswarte, nie vollständig abgearbeitet. Die haben das verschleppt, ja. Das muss eine Aufsichtsbehörde aber an sich nicht hinnehmen. Wenn im Übrigen die Bundesatomaufsicht das Vorgehen der Behörde nicht blockiert hätte, wäre Biblis vielleicht sehr viel früher vom Netz gegangen.

Das Problem, dass die Bundesatomaufsicht per Weisungsrecht jede scharfe Anordnung einer Landesatomaufsicht unterbinden, aufheben oder konterkarieren kann, gibt es allerdings heute auch noch. Schon. Aber es ist die Frage, ob eine Bundesregierung das nochmal so machen würde wie damals in Biblis. Da war ja das Land in der Atomfrage noch viel gespaltener. Heutzutage gibt es klare und stabile Mehrheiten in der öffentlichen Meinung – für ein Abschalten der AKW.

 

Dieser Text ist ursprünglich erschienen im .ausgestrahlt-Rundbrief 28