Explosion im AKW Fukushima Daiichi

Atomunfall – sicher ist nur das Risiko

Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen.

Die hochradioaktiven Brennelemente im Reaktorkern eines AKW erzeugen eine unvorstellbar große Hitze, die permanent abgeführt werden muss – andernfalls droht eine Kernschmelze. Wie in Tschernobyl und Fukushima würden dabei große Mengen radioaktiver Stoffe ins Freie gelangen. Die Folge wären Gesundheitsschäden ungekannten Ausmaßes und eine radioaktive Wolke, die riesige Gebiete auf Jahrzehnte unbewohnbar macht. Im dicht besiedelten Europa würden Millionen Menschen Heimat, Haus und Arbeitsplatz verlieren.

Keines der acht noch laufenden Atomkraftwerke in Deutschland ist gegen den Absturz eines großen Passagierflugzeugs oder gegen ein starkes Erdbeben geschützt. Selbst Blitz, Sturm oder Hochwasser können zum Super-GAU führen. Mit zunehmendem Alter der Reaktoren steigt zudem die Gefahr: Material ermüdet, Bauteile fallen aus. Dass es hierzulande bisher nicht zu einer Reaktorkatastrophe kam, war mehrfach nur Zufall und Glück.

Bei einem schweren Atomunfall sind alle Pläne zum Katastrophenschutz Makulatur: Viel zu viele Menschen müssten in viel zu kurzer Zeit weiträumig evakuiert werden. Mit einer echten Haftpflichtversicherung, welche die bei einem Atomunfall zu erwartenden Schäden in voller Höhe abdeckt, wäre jedes Atomkraftwerk sofort unrentabel.


Reaktorgebäude, Kühlkreislauf, Elektrik – dies sind die Unsicherheitsfaktoren der AKW:

  • Reaktorgebäude

    Soll vor äußeren Einwirkungen schützen. 35 Zentimeter (Isar I) bis 1,80 Meter (z.B. Emsland) dick. Gegen ein großes Flugzeug schützt auch das nicht. Vor allem bei älteren Anlagen unzureichender Schutz gegen Erdbeben. Weitere Gefahren drohen durch Erdeinbrüche im Untergrund, Hochwasser und Überschwemmungen. Nachrüstmöglichkeit fraglich.

  • Sicherheitsbehälter/Containment

    Soll bei einem Unfall die Strahlung einschließen. In Deutschland zumeist nur aus Stahl, bei alten Modellen viel zu klein und ziemlich dünn. Droht bei Unfall zu platzen oder binnen Minuten durchzuschmelzen. In anderen Ländern manchmal auch aus Stahlbeton, das lässt bis zu zwei Tage Zeit für die Evakuierung der Region. Nachrüstung eher nicht möglich.

  • Reaktordruckbehälter

    Enthält den Reaktorkern mit den Brennstäben. Extreme Belastung durch bis zu 175 bar Druck bei bis zu 350 °C. Gefahr von Rissen durch Materialermüdung. Bei älteren Modellen noch nicht einmal nahtlose Schmiederinge. Austausch nicht möglich.

  • Rohre und Armaturen

    Oft hohen Drücken und Temperaturen ausgesetzt. Gefahr von Materialermüdung, Rissen, Lecks. Schweißnähte sind Schwachstellen. Auch bei Fehlstellung oder Fehlfunktion von Armaturen und Ventilen kann die Kühlung des Reaktorkerns versagen. Nachrüstung und Austausch nur zum Teil möglich.

  • Elektrik

    Steuert Pumpen, Ventile, Sicherheits- und Notsysteme, überwacht Zustand des Reaktors. Planungsfehler, Pfusch bei Installation und Reparaturen, falsche Verkabelung, fehlerhafte Elektronik, Funktionsausfall durch Alterung gefährden die Funktion der Systeme. Neue Digitaltechnik ist nicht unbedingt zuverlässiger. In älteren Anlagen erhöhte Gefahr von Kurzschlüssen durch brüchige Isolierungen und mangelhaften Brandschutz. Nachrüstung nur teilweise möglich.

  • Notstromversorgung

    Soll die Kühlung des Reaktorkerns und die Sicherheitssysteme am Laufen halten, wenn der Strom ausfällt, etwa durch Unwetter. Fehlkonstruktion führte im AKW Forsmark (Schweden) im Sommer 2006 zum Beinahe-GAU. Auch hierzulande jede Menge Fehler in Planung, Aufbau und Ausführung, teilweise jahrzehntelang unbemerkt. Dieselgeneratoren sehr störungsanfällig. Neue Leittechnik kann Defizite im Anlagenkonzept nicht ausgleichen.

  • Kühlkreislauf

    Bei Ausfall droht Kernschmelze. Risse durch Materialermüdung. Bei Siedewasserreaktoren (Kühlmittelverlust) wie Druckwasserreaktoren (Sumpfsiebproblem) GAU-Gefahr bei Lecks. In alten Anlagen geringere Kapazität und größere Gefahr, dass mehrere Stränge gleichzeitig ausfallen, Prüfbarkeit eingeschränkt. Nachrüstung nur teilweise möglich.

  • Personal

    Soll den Reaktor fehlerfrei bedienen und im Störfall mit richtigen Eingriffen den GAU verhindern. Im AKW Philippsburg missachtete die Mannschaft sicherheitsrelevante Bedienvorschriften 17 Jahre lang unbemerkt. Menschliches Versagen lässt sich nicht vermeiden.

  • Je älter, desto unsicherer

    Wie in jedem Bereich haben sich auch bei Atomreaktoren die Sicherheitsanforderungen und die Reaktorbautechnik weiterentwickelt. Anlagen, die Ende der 60er-Jahre konzipiert wurden, sind daher deutlich unsicherer als etwa Konstruktionen aus den 80er-Jahren. Das lässt sich anhand vieler Parameter nachweisen.

    Grundlegende Defizite konnten und können auch millionenteure Nachrüstungen nicht beheben. Uralt-Meiler der ältesten Baulinien sind die AKW Biblis A und B, Neckarwestheim I und Unterweser (DWR 2. Baulinie) sowie die AKW Brunsbüttel, Isar I, Philippsburg I und Krümmel (SWR Baulinie 69). Die neun anderen AKW sind etwas moderner. Dem Stand von Wissenschaft und Technik, den das Atomgesetz fordert, entsprechen auch sie nicht.

Wer zahlt bei einem Unfall?

In den 17 Reaktoren in Deutschland kommt es jährlich zu rund hundert „meldepflichtigen Ereignissen“. Jedes Jahr haben einige davon das Potenzial zu einem schweren Unfall. Dass es dazu bisher nicht kam, war oftmals nur Glück.

Ein Super-GAU in einem deutschen AKW würde zehntausende Tote, Millionen Krebserkrankungen und Schäden von bis zu 5.500 Milliarden Euro (Stand: 1992) verursachen. Die Haftpflichtversicherung der AKW-Betreiber deckt ganze 2,5 Milliarden Euro – also 0,05%(!) davon ab. Zwar haften die Stromkonzerne laut Atomgesetz formal unbegrenzt mit ihrem gesamten Vermögen. Das würde allerdings auch nur für 0,12% bis 1,6% der Schadenssumme reichen.

Alle AKW sind "sicher" – behauptet die Bundesregierung. Das stimmt leider nicht. Dieser Kurzfilm macht deutlich, weshalb...

„Die Minister nutzen ihren Spielraum nicht“

Rechtsanwalt Ulrich Wollenteit über die Möglichkeiten der Atomaufsicht und der Umweltminister, AKW aus Sicherheitsgründen stillzulegen und so den Atomausstieg zu beschleunigen.

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Ulrich Wollenteit

Herr Wollenteit, in den vier Jahren nach der Abschaltung des AKW Grafenrheinfeld soll nach Merkels „Ausstiegs“-Plan nur ein einziger weiterer Reaktor stillgelegt werden. Ist dieses Schneckentempo das letzte Wort?

Dr. Ulrich Wollenteit: In erster Linie ist es eine politische Frage, wann AKWs abgeschaltet werden. Beim rot-grünen „Atomkonsens“ aus dem Jahr 2000 beziehungsweise nach Fukushima hätte man durchaus auch kürzere Laufzeiten ins Gesetz schreiben können. Die nächste Frage ist dann: Was ist allein auf Basis des geltenden Atomrechts möglich? Das wird häufig unterschätzt.

Inwiefern?

Die Rechtsprechung gesteht den Atomaufsichtsbehörden im Prinzip das Recht zu, sicherheitsrelevante Fragen in eigener Verantwortung zu beurteilen. Wenn sie dabei bestimmte Spielregeln beachten, halten sich die Gerichte bei der Rechtskontrolle zurück. Diese sogenannte Einschätzungsprärogative steht jedem Landesumweltminister zu – und sie kann natürlich auch im Interesse eines Ausstiegs genutzt werden.

An was denken Sie?

Meine Vermutung ist, dass die Aufsichtsbehörden durchaus sehr genaue Kenntnisse von den Schwachstellen der Reaktoren haben. Ich kenne die zwar nicht, aber aus meiner langjährigen Erfahrung bei verschiedensten Prozessen um Atomkraft kann ich sagen, dass da doch immer wieder erstaunliches Wissen vorhanden ist, wenn man mal ein bisschen tiefer bohrt.

Bis auf Bayern sind derzeit in allen Ländern, in denen noch AKW laufen, grüne Umweltminister für die Atomaufsicht zuständig. Günstige Voraussetzungen also?

Natürlich darf eine Behörde nicht willkürlich entscheiden. Sie muss alle relevanten Auffassungen, die zu einem sicherheitsbedeutsamen Problem vertreten werden, sichten, berücksichtigen und bewerten. Wenn sie auf dieser Basis dann aber zu dem Ergebnis kommt, dass ein Sicherheitsproblem vorliegt und deshalb eine Nachrüstung oder gar die Stilllegung des Reaktors erforderlich ist, dann beanstanden das die Gerichte nicht, weil sie sich nicht für kompetenter halten. Auch wenn eine Genehmigungsvoraussetzung, die man früher angenommen hat, heute nicht mehr als gegeben angesehen werden kann, reicht das möglicherweise bereits für den Widerruf der AKW-Betriebsgenehmigung. Das zu beurteilen, liegt ebenfalls im Ermessen der Behörde. Ich denke da etwa an die Gefahr durch gezielten Flugzeugabsturz, ein Szenario, das man früher schlicht für unmöglich gehalten hat.

und das bisher nur zu so Alibi-Vorkehrungen wie ein paar Nebelwerfern geführt hat.

Unter Experten ist es ein offenes Geheimnis, warum man in diesem Punkt nicht konsequenter handelt: § 18 Atomgesetz verspricht den Betreibern eine Entschädigung, wenn ihr Reaktor wegen eines Umstands stillgelegt wird, dessen Ursache außerhalb der Anlage liegt. Bei Terrorgefahren wird dies von vielen angenommen, weil die Gefahr nur mittelbar von dem Reaktor ausgeht. Der Paragraf meint zwar keinen echten Schadensersatz, in der Summe kann das also deutlich weniger sein. Aber ein Problem ist es trotzdem.

Gilt die Entschädigungspflicht in jedem Fall?

Nein. Das Risiko, dass eine Anlage aufgrund inhärenter technischer Risiken stillgelegt wird, trägt laut Atomgesetz allein der Betreiber. Wenn eine Aufsichtsbehörde ihre Anordnung also auf einen derartigen Schwachpunkt stützt, besteht keine Entschädigungspflicht – das ist eindeutig.

Gibt es Beispiele, wo eine Aufsichtsbehörde schon einmal auf eine solche Weise agiert hat?

Frühere hessische Regierungen haben zeitweise sehr drastische Auflagen für Biblis verhängt. Das AKW ist sogar zeitweise stillgelegt und erst aufgrund einer bundesaufsichtlichen Weisung wieder angefahren worden. Ein solcher Vollzug ist also möglich – erst recht unter dem heutigen Atomgesetz, das ja nicht mehr die Förderung, sondern den Ausstieg aus der Atomkraft zum Ziel hat. Da ist juristischer Spielraum vorhanden, der nicht genutzt wird.

RWE hat die von CDU-Umweltminister Weimar damals erlassenen Auflagen, etwa den Bau einer verbunkerten externen Notstandswarte, nie vollständig abgearbeitet.

Die haben das verschleppt, ja. Das muss eine Aufsichtsbehörde aber an sich nicht hinnehmen. Wenn im Übrigen die Bundesatomaufsicht das Vorgehen der Behörde nicht blockiert hätte, wäre Biblis vielleicht sehr viel früher vom Netz gegangen.

Das Problem, dass die Bundesatomaufsicht per Weisungsrecht jede scharfe Anordnung einer Landesatomaufsicht unterbinden, aufheben oder konterkarieren kann, gibt es allerdings heute auch noch.

Schon. Aber es ist die Frage, ob eine Bundesregierung das nochmal so machen würde wie damals in Biblis. Da war ja das Land in der Atomfrage noch viel gespaltener. Heutzutage gibt es klare und stabile Mehrheiten in der öffentlichen Meinung – für ein Abschalten der AKW.

Das Interview führte Armin Simon

Rechtsanwalt Dr. Ulrich Wollenteit, 59 Jahre, Partner der auf Umweltrecht spezialisierten Kanzlei Rechtsanwälte Günther, hat das Urteil erstritten, mit dem die Genehmigung des Zwischenlagers Brunsbüttel aufgehoben wurde. Aktuell vertritt er Klagen gegen die AKW Brokdorf und Grohnde, gegen das Zwischenlager Unterweser und gegen Transportgenehmigungen nach Gorleben.

 


Dieser Text ist ursprünglich im Rundbrief 28 von .ausgestrahlt erschienen.