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08.02.2019 | von Bernward Janzing

Warum die Atomkraft keine Option für den Klimaschutz ist

Die Diskussion um Klimawandel und Kohleausstieg bringt auch diejenigen wieder auf den Plan, die es für eine gute Idee halten, mit Atomkraftwerken das Klima zu retten. Doch das klappt weder durch Neubauten noch durch Laufzeitverlängerungen der alten Reaktoren. Die Atom-Option ist zu langsam, viel zu teuer, und mit einem modernen Stromsystem nicht vereinbar.

Weil das auf den ersten Blick manchem einleuchtend erscheint, taucht das Thema vermehrt in den Medien auf. Jüngst erst wieder im Spiegel. Das Magazin zitiert Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mit der Frage: „Was haben die Deutschen gemacht, nachdem sie beschlossen hatten, auf einmal ihre Atomkraftwerke runterzufahren?“ Sie hätten „wieder massiv auf die Kohle gesetzt“. „Das war schlecht für ihre CO2-Bilanz, und das war schlecht für den Planeten.“ Und so ist in dem Artikel dann schnell die Atomkraft als „Brückentechnololgie“ definiert, die doch besser sei als die Kohle – zum Wohle des Klimas.

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Foto: BBC World Service Baustelle des AKW EPR in Olkiluoto, Finnland

Ganz abgesehen vom Strahlenrisiko durch Atomunfälle und dem ungelösten Verbleib des Atommülls stellt sich damit die Frage: Kann die Atomkraft tatsächlich nennenswert zum Klimaschutz beitragen? Um einmal die Dimensionen abzustecken: Atomkraft deckt aktuell weltweit gerade zehn Prozent des Strombedarfs. Selbst wenn man die Zahl der Reaktoren verdoppeln würde – eine freilich unrealistische Annahme – würde das den globalen CO2-Ausstoß nur geringfügig senken. Zumal der Strom ja seinerseits nur einen Teil des Energieverbrauchs ausmacht. Betrachtet man sich den gesamten Endenergieverbrauch, wovon der Strom nur etwa ein Viertel Anteil hat, liegt die Atomkraft nur im unteren einstelligen Prozentbereich.

Man bräuchte also eine enorme Menge an neuen Reaktoren. Die aber ließen sich gar nicht so schnell bauen, wie es für den Klimaschutz nötig wäre. Schließlich kamen schon die Anlagen, die im laufenden Jahrzehnt bisher in Betrieb gingen, im Schnitt auf eine Bauzeit von zehn Jahren. Und in der Geschichte der Atomkraft wurden die Bauzeiten immer länger. Wollte man nun so viele Projekte starten, wie für eine merkliche Reduktion der CO2-Emissionen nötig wäre, würde man an der Lieferfähigkeit der Komponentenhersteller ebenso scheitern, wie bei der Kapitalakquise.

Atomstrom in der EU schon um 20 Prozent zurückgegangen – und die Entwicklung geht weiter

In Europa dürfte es nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht einmal gelingen – selbst wenn man es denn wollte –, die vom Netz gehenden Altreaktoren durch neue zu ersetzen. Denn die drei Baustellen in Finnland, Frankreich und Großbritannien haben sich als schlechte Referenz erwiesen; Kosten und Bauzeit laufen längst aus dem Ruder. Und deshalb ist absehbar, dass die Atomstromerzeugung in der EU, die seit ihrem Höhepunkt im Jahr 2004 bereits um fast 20 Prozent gesunken ist, weiter zurück gehen wird. Ob nun einzelne Länder noch AKW-Programme auflegen, wird an dieser Grundtendenz nichts ändern.

Der Ausbau der erneuerbaren Energien gelingt hingegen deutlich schneller. Das rechnet auch der jüngste World Nuclear Industry Status Report vor: Seit dem Jahr 1997, als die Weltgemeinschaft das Kyoto-Protokoll zum Klimaschutz unterzeichnete, stieg die jährliche Stromerzeugung aus Windkraft global um 1100 Terawattstunden und jene aus Photovoltaik um 442 Terawattstunden. Die Atomkraft nahm in der gleichen Zeit gerade um 239 Terawattstunden zu. Selbst in China, das derzeit wie kein anderes Land Atomkraftwerke baut, steigt die Stromerzeugung aus Wind und Sonne schneller als jene aus Uran.

Nicht nur wegen der langen Bauzeiten geht Klimaschutz durch Atomkraft völlig an der Realität vorbei, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen. Photovoltaik steht durch den massiven Preisverfall der Anlagen sogar in den mittleren geografischen Breiten schon an jener Schwelle, ab der sie ohne Förderung auskommt. Soeben teilte zum Beispiel EnBW mit, sie werde in Deutschland den größten Solarpark des Landes ohne staatliche Förderung bauen. Auch die Windkraft schafft das inzwischen an manchen Standorten.

Windstrom und Photovoltaik deutlich billiger als Atomstrom

In Atomkraftwerke investiert hingegen niemand mehr, der keine staatlichen Preisgarantien bekommt. So geschehen beim Projekt Hinkley Point in England: Knapp 11 Cent je Kilowattstunde plus Inflationsausgleich für 35 Jahre wurden hier staatlich zugesichert – ansonsten hätte es keinen Investor gegeben. Unterdessen bekommen neue Windkraftanlagen in Deutschland nach den jüngsten Ausschreibungen im Mittel nur noch 4,66 Cent pro Kilowattstunde (Offshore) beziehungsweise 6,26 Cent (an Land). Für Photovoltaik ergab die jüngste Ausschreibung eine Durchschnittsvergütung von 4,69 Cent für 20 Jahre – ohne Inflationsausgleich wohlgemerkt. Diese Sätze reichen den Investoren offenbar gut aus, um die Anlagen rentabel betreiben zu können.

Die Erneuerbaren sind damit im Gegensatz zur Atomkraft in der Größenordnung der Marktpreise angelangt. Noch deutlicher würde sich die wirtschaftliche Realität zeigen, wenn es eine spürbare CO2-Steuer gäbe. Denn damit ließe sich der Ausbau der Erneuerbaren massiv beflügeln, auch zudem die effiziente Nutzung von Energie attraktiver machen. Das brächte erhebliche CO2-Einsparungen. Neue Atomkraftwerke hingegen dürften selbst bei einem CO2-Preis von 100 Euro pro Tonne keine Investoren finden, die ohne Staatshilfe bereit sind zu bauen.

Zumal die Kostenentwicklung deutlich ist: Während erneuerbare Energien in den letzten Jahrzehnten immer billiger wurden (Solarstrom um mehr als 90 Prozent in 25 Jahren!), wurden neue Atomkraftwerke immer teurer. Ökonomisch ist das Rennen um den besten Klimaschutz damit längst entschieden. Das dürfte sich auch durch neuartige Reaktortypen, von denen immer wieder die Rede ist, kaum ändern.

Deutscher Strommix immer CO2-ärmer – trotz Atomausstieg

Unterdessen versuchen Kritiker des deutschen Atomausstiegs gerne, diesen als klimapolitisch wirkungslos oder gar schädlich hinzustellen, weil der CO2-Ausstoß des Landes tatsächlich kaum sinkt. Eine solche Argumentation ist jedoch perfide, weil sie zwei Dinge unzulässig vermischt: Die Fortschritte im Stromsektor werden kurzerhand mit den steigenden CO2-Emissionen andernorts – speziell im Verkehr – aufgerechnet. Dass die Menschen immer mehr fliegen und Auto fahren, und die Autos nebenbei bemerkt auch immer dicker werden, kann man aber nun wirklich nicht dem Umbau der Stromwirtschaft und dem Erneuerbaren Energien Gesetz (EEG) anlasten.

Im Stromsektor sind nämlich die CO2-Werte trotz des Atomausstiegs deutlich gesunken. Seit Inkrafttreten des EEG im Jahr 2000 gingen sie von 644 auf 489 Gramm je Kilowattstunde (2017) zurück. 2018 sanken sie abermals, denn die erneuerbaren Energien – im Jahr 2000 noch unter sieben Prozent – deckten bereits gut 38 Prozent des Verbrauchs.

Gerade das Jahr 2018 hat gezeigt, wie die Stromwende voran kommt: Nach jüngsten Schätzungen der AG Energiebilanzen wurde in Deutschland fünf Prozent weniger Strom aus fossilen Energien erzeugt als im Jahr zuvor, das bereit den Tiefstwert seit der Wiedervereinigung bescherte. Um fast ein Viertel ist die Kohleverstromung seit dem Start des EEG gesunken. Dieser Fortschritt gelang wohlgemerkt bei gleichzeitiger Abschaltung von einigen Atomkraftwerken. Und es hätten noch mehr Reaktoren abgeschaltet werden können, denn Deutschland exportierte im vergangenen Jahr eine Strommenge, die zwei Drittel der nationalen Atomstromerzeugung entsprach.

Längere Laufzeiten würden die Energiewende behindern

Über Neubauten von Atomkraftwerken wird in Deutschland angesichts des seit Jahrzehnten starken Widerstandes der Bevölkerung nicht ernsthaft debattiert. Aber es ist gelegentlich zu lesen, man könne ja die bestehenden Meiler – da sie ja schon laufen und damit finanziert sind – für den Klimaschutz einfach länger am Netz belassen.

Aber auch das würde nichts bringen, denn ein solcher Schritt würde den Ausbau der erneuerbaren Energien bremsen. Und zwar, weil die unflexiblen Atomkraftwerke strukturell nicht zu den schwankenden Erneuerbaren passen. AKW wurden in der alten Energiewelt für die Abdeckung der Grundlast gebaut, also um rund 8.000 Stunden im Jahr unter voller Last zu laufen. Doch solche Anlagen braucht schon heute niemand mehr. Sobald Sonne und Wind – wie in Deutschland – in einem Stromsystem nennenswerte Beiträge zum Strommix liefern, kann man zur Ergänzung nur noch flexible Anlagen brauchen, die maximal die Hälfte der Zeit laufen. Dafür sind Atomkraftwerke weder technisch (zu träge für schnelle Lastwechsel) noch ökonomisch (aufgrund ihrer hohen Fixkosten) geeignet.

Strom aus AKW verstopfen das Netz für Strom aus Erneuerbaren Energien

Speziell in Norddeutschland, wo es viel Windstrom im Netz gibt, laufen noch immer Atomkraftwerke (Brokdorf, Emsland und Grohnde) an Orten, an denen man sie am wenigsten braucht. 2017 wurden nach Zahlen der Bundesnetzagentur 5,5 Milliarden Kilowattstunden Ökostrom nicht erzeugt („Einspeisemanagement“), weil die Netze die Mengen nicht aufnehmen konnten. Das entspricht ziemlich genau der Menge, die das AKW Brokdorf im selben Jahr erzeugte.

Wenn es also eine vernünftige Brückentechnik gibt für die Zeit, bis in einigen Jahrzehnten die Erneuerbaren den Strombedarf alleine decken, dann kann das nur das Erdgas sein. Dieses hat deutlich geringere CO2-Werte als Kohle, vor allem als die Braunkohle. Gaskraftwerke sind zudem so flexibel, dass sie ihre Erzeugungsleistung gut anpassen können, wenn der Wind nachlässt oder die Sonne am Abend untergeht.

Eine Brücke könnte die Erdgas-Infrastruktur auch in anderer Hinsicht sein: Synthetische Gase (etwa Methan oder Wasserstoff, aus überschüssigem Ökostrom gewonnen – Power to Gas genannt) könnten in Zukunft das fossile Erdgas sukzessive ersetzen. Dafür müssten dann weder neue Speicher oder Netze noch neue Kraftwerke aufgebaut werden.

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Bernward Janzing

Bernward Janzing hat Geografie, Geologie und Biologie studiert und arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Journalist und Buchautor in Freiburg. Er schreibt für Tageszeitungen, Publikums- und Fachmagazine vor allem über die Themen Energiewirtschaft und Klimaschutz. Seine jüngsten Bücher handeln von der Historie der modernen Solarenergie („Solare Zeiten“), sowie vom Aufstieg und Niedergang der Atomkraft im deutschsprachigen Raum („Vision für die Tonne“).

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