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21.02.2019 | von Jan Becker

AKW-Müll soll wieder verheizt werden

Gegen alle Bedenken soll ab März wieder AKW-Müll aus Gundremmingen verbrannt werden. Im Müllheizkraftwerk Weißenhorn „laufen die Vorbereitungen auf den Tag X“.

Teaserbild Rückbau / Freimessen

Eher zufällig war aufgedeckt worden, dass in der Anlage radioaktiver Abfall aus dem Atomkraftwerk Gundremmingen verbrannt wird. Die Betreiber des AKWs und des Müllheizkraftwerks betonten, dass es dadurch keinerlei Risiko für die Bevölkerung gäbe. Es handelt sich schließlich um „freigemessenes Material“, dessen radioaktive Strahlung unterhalb des gesetzlich festgelegten Grenzwertes liegt - und damit als konventioneller Abfall gilt.

Im Zusammenhang mit dem Abriss der Atomanlagen in Deutschland wird die Freimess-Praxis sehr kontrovers diskutiert. Der Grenzwert ist eine (wirtschaftliche) Abwägung, wieviel Risiko man der Bevölkerung zumuten kann. Es gäbe allerdings keinen Strahlengrenzwert, unter dem eine radioaktive Belastung als „wirkungslos“ bezeichnet werden könne, sagen kritische Mediziner*innen. Die Delegierten des 120. Deutschen Ärztetages warnten Mitte 2017 sogar vor der „Verharmlosung möglicher Strahlenschäden“ durch die Verteilung von gering radioaktivem Restmüll aus dem Abriss von Atomkraftwerken. Eine Verbrennung verschärft das Problem noch: Das radioaktiv belastete AKW-Abrissmaterial „wird über alle unsere Köpfe hinweg in der Luft verteilt“, warnt Reinhold Thiel vom IPPNW. Eine Müllverbrennung kann keine Radioaktivität aus der Welt schaffen.

„Tag X“ im März

Ende Januar stoppte der Neu-Ulmer Landrat Thorsten Freudenberger die Anlieferungen aus dem AKW Gundremmingen. Nun hat der Kreis-Werksausschuss von Weißenhorn beschlossen, die umstrittene Verbrennung wieder aufzunehmen. Dabei berufen sich die Verantwortlichen auf die zweifelhafte Gesetzesgrundlage. Jetzt laufen im Müllheizkraftwerk „die Vorbereitungen auf den Tag X“, voraussichtlich in der zweiten Märzhälfte soll weiterer AKW-Müll angeliefert werden.

Auch wenn diese Praxis nicht gestoppt werden konnte, hat die öffentliche Eskalation etwas bewirkt: Hieß es am Anfang noch, es gäbe „keinen Grund zur Sorge“, sollen nun Mitarbeiter*innen der Müllverbrennungsanlage mit Messgeräten für Radioaktivität die erste Verbrennung des Abfalls begleiten. Proben sollen in der Schlacke, in der Asche, aus der Luft und in der Umgebung genommen werden. Die Charge werde nach der Verbrennung nicht wie gewöhnlich mit dem anderen Hausmüll im Bunker gemischt. Der Werksleiter verspricht, die Öffentlichkeit sowohl über den Anlieferungstermin zu informieren als auch alle Messergebnisse im Internet zu publizieren. Bisher tauchen radioaktive Nuklide in den öffentlich zugänglichen Messwerttabellen nicht auf. Sollten nun Nuklide aus dem Atomkraftwerk gefunden werden, dann „müsse man weitere Schritte beraten“, so der Werksleiter.

Die Weißenhorner Bürgerinitiative gegen das Müllheizkraftwerk betont, dass sie den Betrieb zwar nicht juristisch anfechten werden, aber künftig weiter Druck auf die Politik machen wollen.

weiterlesen:

  • IPPNW: Radioaktiven Müll nicht verfeuern
    11.02.2019 - Im bayerischen Weißenhorn wurde die Anlieferung von radioaktiven Abfällen aus dem Atomkraftwerk Gundremmingen in die dortige Müllverbrennungsanlage gestoppt. Der IPPNW warnt, dass die Verbrennung die Radioaktivität nicht aus der Welt schaffe, sondern nur neu in der Umgebung verteilt.

  • „Es gibt keine ungefährliche Strahlung“
    06.02.2018 - Der Schweizer Onkologe Dr. med. Claudio Knüsli konnte nachweisen, dass auch sehr geringe Strahlungswerte gesundheitliche Folgen haben. Der IPPNW fordert eine Neubewertung des Risikos zum Beispiel durch AKW-Bauschutt.

  • Wenn in Deutschland Atomkraftwerke abgerissen werden, landet das Abrissmaterial zu ca. 99 Prozent in der „Mülltonne“. Darunter auch Tausende Tonnen gering radioaktive Abfälle. Strahlender Atomschutt wird also recycelt, verbrannt und deponiert. - Hintergrundinfos

  • Deponie außer Kontrolle
    14.12.2018 - „Heimlich“ wurde Abrissmaterial aus dem Atomkraftwerk Obrigheim auf eine Deponie gebracht. Atomkraftgegner*innen üben heftige Kritik an diesem „Freimess-Verfahren“ und warnen vor langfristigen Risiken. Aktuelle Messwerte aus Mecklenburg-Vorpommern bestätigen das.

Quellen: swp.de, ippnw.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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