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19.03.2019 | von Jan Becker

Skandal in Österreich: Erinnerungen an „Transnuklear“ werden wach

In Österreich ist auf dem Gelände einer Spedition ein Container aufgetaucht, vollgestopft mit illegal gelagerten radioaktiven Abfällen. Erinnerungen werden wach an den „Transnuklear-Skandal“, der in den 80er Jahren die Atomwirtschaft erschütterte.

Atommüllfässer

Transnuklear war damals im Auftrag der ehemaligen Firma NUKEM auf den Transport von kontaminierten Abfallstoffen sowie bestrahlten Brennelementen aus deutschen Atomkraftwerken spezialisiert. Damit erreichte sie eine nahezu monopolistische Stellung in Deutschland. Im großen Stil brachte Transnuklear radioaktive Abfälle aus deutschen Kraftwerken ins belgische Kernforschungszentrum Mol. Dort sollten die Abfälle komprimiert oder durch Verbrennung reduziert werden, um sie lagerfähig zu machen. Dann sollten sie an ihre Ursprungsorte zurückgebracht werden.

In Unterlagen für eine Betriebsprüfung der Jahre 1981 bis 1986 fielen falsche und überhöhte Abrechnungen der Abteilung „Radioaktive Abfälle“ auf. Daraufhin wurden Untersuchungen angestrengt und Erstaunliches kam an die Öffentlichkeit: Rund 100 Mitarbeiter*innen von Atomkraftwerken und Elektrizitätskonzernen wurden mit Geldern in Millionenhöhe bestochen. Atommüll-Fässer wurden umdeklariert, flüssige Abfälle zusammengekippt, zurück nach Deutschland kamen Gebinde mit unbestimmtem Inhalt. Für nicht erbrachte Leistungen soll Transnuklear Zahlungen in Millionenhöhe erhalten haben. Bei Untersuchungen fand man in vielen Fässern das extrem strahlende Plutonium und Kobalt 60. Bis zum Jahreswechsel 1987/1988 wurden in deutschen Atomkraftwerken und Zwischenlagern rund 2.000 falsch deklarierte Fässer aus Mol aufgespürt. Davon befanden sich allein 300 im Zwischenlager Gorleben.

Die gefundenen Fässer seien nur die „Spitze eines Eisbergs“, vermuteten 1988 Branchenkenner. In der Bundesrepublik existierte damals schon ein Altbestand von mindestens 40.000 Kubikmetern schwach- und mittelradioaktiver Abfälle in rund 200.000 Fässern.

Illegale Lagerung von radioaktivem Abfall

Ein ähnlicher Fall beschäftigt zur Zeit Österreich. Wochenlang hatten sich dort Detektive an die Fersen eines Netzwerkes vom Balkan geheftet, das mit „Spezialbeförderung von radioaktiven und anderen Giftstoffen“ wirbt. Nur wenige Meter von der Donau entfernt wurden sie auf dem Gelände einer Spedition fündig: Etwa 50 blaue 30-Liter-Behälter mit radioaktivem medizinischen Abfall aus der Krebsbehandlung bzw. Diagnostik von österreichischen Krankenhäusern lagern vermutlich schon seit Jahren illegal in einem altem Schiffscontainer.

Reporter*innen der „Kronen Zeitung“ haben die Geschichte exklusiv gebracht und berichten: „Der Geigerzähler schlug aus. Die Messungen ergaben erhöhte und, wenn man der Dosis länger ausgesetzt ist, gesundheitsgefährdende Werte.“

Alle radioaktiven Abfälle aus Industrie, Medizin oder Forschung müssen im Forschungszentrum Seibersdorf, das ähnlich den deutschen „Landessammelstellen“ fungiert, abgeliefert werden. „Nuclear Engineering Seibersdorf“ ist die einzige Stelle in Österreich, die dafür zuständig und autorisiert ist.

Mehrere Krankenhäuser in Wien und Innsbruck hatten aus Polen Radionuklid-Generatoren für die Krebsbehandlung geliefert bekommen. Der verstrahlte Abfall sei „dann später wieder abgeholt“ worden, doch kein einziges Fass wurde nach Seibersdorf gebracht. Dass eine „lückenlose Dokumentation vorhanden ist, ist zu bezweifeln“, so Roman Beyerknecht, Chef des Zwischenlagers. Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt Wien haben die Ermittlungen aufgenommen. Offizielle Quellen geben Entwarnung: Es handle sich um „schwach strahlenden medizinischen Abfall“, die Situation sei „nicht akut gefährlich für Mensch, Tier oder Umwelt“.

Lukrative Geschäfte

Der Handel mit radioaktiven Abfällen ist sehr lukrativ (vielleicht nach Geschäften mit Waffen der lukrativste Markt der Welt?). Die Länder dieser Erde - und in irgendeiner Weise werden die allermeisten mit radioaktiven Stoffen und damit auch mit Abfällen zu tun haben - eint ein Problem: Niemand weiß, wohin mit dem Strahlenmüll. In der Vergangenheit gab es deshalb bekanntlich neben wilden Ideen (auf den Mond schießen) auch absurde Praktiken: Versenken im Meer etwa. Und darauf hoffen, dass nichts wieder an die Oberfläche gelangt. Oder in alten Bergwerken verbuddeln. Und darauf hoffen, dass sie dicht bleiben.

Mit Blick auf den „Transnuklearskandal“ bleibt zu hoffen, dass es sich bei diesem aktuellen Fund um einen Einzelfall handelt. Und nicht wie 1988 nur um die Spitze eines Eisbergs.

Quellen (Auszug): ots.at, krone.at, gorleben-archiv.de, contratom.de, zeit.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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