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Kaum rückt der Schutz des Weltklimas – zu Recht! – mal richtig in den Fokus, wittern die Atom-Fans schon wieder Morgenluft. Dabei behindert Atomkraft effektiven Klimaschutz in jeder Hinsicht

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Foto: Andreas Conradt / PubliXviewing Braunkohle-Tagebau in Garzweiler

Erinnert sich noch jemand an die niedlichen Buchsbäumchen, zu AKW-Silhouetten geschnitten, die im Auftrag des Deutschen Atomforums den echten Klimawandel missbrauchten, um einen gesellschaftlichen Klimawandel herbeizuführen in der Energiepolitik? Die Zeitungsanzeigen, in denen Atomkraft auf einmal nicht mehr gelb giftig gefährlich, sondern grün und öko aussah. „Ungeliebte Klimaschützer“ betitelten sich die Meiler damals, deren Betrieb tagtäglich Leben und Gesundheit von Millionen Menschen aufs Spiel setzte. Zehn, zwölf Jahre ist das her, die Story zündete. Sie mündete in einen Beschluss des Bundestages, die Laufzeit der damals noch 17 AKW in Deutschland um bis zu 14 Jahre zu verlängern – das nannte sich dann „Klima- und Energiekonzept“.

Ganz so weit sind wir noch nicht wieder. Aber wer die Kommentarspalten der Zeitungen liest, sich durch die Talkshows zappt, kann manches Déjà-vu nicht mehr vermeiden. Da orakelt ein schriftstellernder Investmentbanker im „Spiegel“ von einer atomaren „Brückentechnologie“. Im „Handelsblatt“ träumt ein Volontär von Kernfusion. Die EU will Forschungsmilliarden für ein Reaktorexperiment als „Klimaschutzmaßnahme“ verbuchen. Und eine Pro-Atom-Initiative lässt freitags „Greta, go nuclear!“-Postkarten an Schüler*innen verteilen.

Provokation oder Verführung

Überhaupt, Greta Thunberg: Die 16-jährige Schülerin, deren hartnäckiger Protest jeden Freitag Zigtausende anspornt, eine Klimaschutzpolitik einzufordern, die diesen Namen auch verdient, hat in einem Facebook-Post einen ziemlich verhaltenen Satz des Weltklimarats zu Atomkraft bloß zitiert, da nehmen Kommentator*innen quer durch die Bank sie schon feixend als angebliche Kronzeugin pro Atomkraft in Beschlag – ungeachtet ihrer Klarstellung, dass sie mit AKWs gar nichts am Hut haben will.

Mit Atomkraft gegen den Klimawandel – ist das nur die erwartbare Sau, die noch ein letztes Mal durchs Dorf getrieben wird? Die kleine, aber harmlose Provokation, mit der noch jede Provinzzeitung zu punkten hofft? Oder ist es doch auf ein Neues – siehe oben! – die strahlende Verführung, der viele, zu viele, bewusst oder unbewusst erliegen? Weil es so einleuchtend erscheint, mit der guten alten Atomkraft, vor deren Risiken man die Augen ja einfach mal verschließen kann, ein bisschen weniger CO2 in die Luft zu jagen als aus rauchqualmenden Kohleschloten. Eine Frage, alles drumrum ausgeblendet, nur zwei Antworten: Diese Falle ist perfekt. In Meinungsumfragen sind die einer Laufzeitverlängerung der AKW Wohlgesonnenen schon fast eine Mehrheit. Dabei spricht, will man die Erderwärmung ernsthaft begrenzen, nichts für, sondern vielmehr alles gegen Atomkraft. Aber der Reihe nach.

2-Prozent-Technik

Global gesehen hat Atomkraft schlicht und einfach keine Chance, das Klima zu retten. Alle rund 400 AKW weltweit decken zusammen gerade einmal 2 (!) Prozent des derzeitigen Weltenergiebedarfs. Wer diesen Anteil auch nur halten will, muss neue AKW im Monatsrhythmus in Betrieb nehmen, darf aber keine alten Reaktoren abschalten, denn der Weltenergiebedarf steigt ja. Die tatsächlich installierte Reaktorleistung hingegen ist heute nicht höher als vor zehn Jahren.

Wer darüber hinaus noch Treibhausgasemissionen reduzieren will, müsste fossile Kraftwerke durch AKW ersetzen, also den Anteil der Atomkraft merklich steigern. Das hieße AKW-Neubauten im Tages- oder Stundenrhythmus – fernab jeder Realität, und das Uran würde dann auch ziemlich schnell knapp. Bau-, Planungs- und Genehmigungszeiten für neue Atommeiler lassen ebenfalls keine aus Klimasicht rechtzeitigen Effekte erwarten.
Auch die viel zitierten Entwicklungen famoser neuer Reaktortypen kommen schon rein zeitlich nicht in Betracht: Der Klimawandel muss in den nächsten zehn bis 20 Jahren verhindert werden. Keine dieser neuen Technologien wird in dieser Zeit reell zur Verfügung stehen.

Ökonomisch ist Atomkraft ebenfalls kontraproduktiv, und zwar sowohl für den eigenen Geldbeutel als auch für die Klimaschutzkasse: AKW sind erstens die teuerste Stromerzeugungstechnik, ohne gewaltige Subventionen nirgendwo wirtschaftlich; von den immensen nuklearen Folgekosten für Atommüll und Atomunfälle ganz zu schweigen. Zweitens würde jeder für Atomkraft ausgegebene Euro in kürzerer Zeit mit geringerem Risiko größere CO2-Einsparungen bewirken, wenn er in Effizienz, Erneuerbare Energien oder Wärmedämmung flösse. Auf Atomkraft zu setzen, verhindert also Klimaschutz schon rein monetär.

Zu hohe CO2-Emissionen

Atomkraft ist darüber hinaus beileibe keine CO2-freie Technologie. Ihr Klima-Fußabdruck nimmt sogar zu, weil immer gigantischere Mengen Gestein aufwendig bewegt und zermahlen werden müssen, um immer weniger Uran daraus zu gewinnen. Die Anreicherung des Brennstoffs, die Behandlung und Lagerung der Abfälle sowie die Renaturierung der Uranfördergebiete verursachen weitere bedeutende CO2-Emissionen, wie eine aktuelle Studie des „World Information Service on Energy“ (WISE) zeigt. Wobei der Aufwand und damit auch die Treibhausgasemissionen, die insbesondere die langfristige Lagerung des Atommülls noch erfordern wird, bisher komplett unbekannt ist.

Auf Atomkraft zu setzen oder daran festzuhalten, zementiert auch die bisherige, durch Großkraftwerke geprägte Struktur der Stromversorgung. In einem solchen fossil-atomaren System ist für Erneuerbare Energien nur sehr eingeschränkt Platz. Wer auf Erneuerbare Energien umstellen will – und das, sagen alle Expert*innen, ist unabdingbar, um die Erderwärmung zu begrenzen – muss die Kraftwerke, die dem Umbau am meisten im Weg stehen, möglichst schnell abschalten: Das sind die Atomkraftwerke, denn sie sind aus Sicherheits‑ und technischen Gründen nicht in der Lage und auch ökonomisch nicht geeignet, eine fluktuierende Einspeisung von Wind- und Sonnenstrom passgenau zu ergänzen. Ein Blick auf die reale Stromeinspeisung der unterschiedlichen Kraftwerkstypen in Deutschland an windigen und sonnigen Tagen spricht da Bände.

Energiewende oder Blockade

Sowohl die sieben noch laufenden AKW in Deutschland als auch etliche Kohlekraftwerke könnten, was die Versorgungssicherheit angeht, sofort vom Netz gehen. Ob sie das tun, hängt in erster Linie von politischen Beschlüssen und ökonomischen Rahmenbedingungen ab – und nicht vom restlichen Kraftwerkspark. Die Kohlekraftwerksbetreiber etwa pokern gerade mit der Bundesregierung um möglichst hohe Entschädigungen für das Abschalten ihrer Anlagen. Keiner der Betreiber würde seinen Ofen freiwillig vom Netz nehmen, bloß weil AKW länger laufen dürfen.

Eine Verlängerung von AKW-Laufzeiten hätte vor allem einen Effekt: Investitionen in und den Ausbau von Erneuerbaren Energien sowie in den Umbau der Energieversorgung zu verhindern und so die Energiewende insgesamt auszubremsen. Davon würden am Ende nicht nur die AKW‑, sondern sogar die Kohlekraftwerksbetreiber profitieren. Der große Verlierer eines solchen Deals wäre, neben uns selbst: das Klima.

Dieser Artikel erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 43 / April 2019

Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. Als freiberuflicher Journalist und Buchautor verfasst er für .ausgestrahlt Broschüren, Interviews und Hintergrundanalysen.

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