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24.04.2019 | von Martin Repohl

Tschernobyl als Weltkatastrophe. Über die unbekannten Folgen des Super-GAU

Was geschah in Tschernobyl? Die Folgen des Super-GAU werden klassischerweise rein auf medizinischer und ökologischer Ebene betrachtet. Die noch junge „Soziologie der Weltbeziehung“ bietet nun eine neue, existenzielle Perspektive.

Vor 33 Jahren geschah der bis dato für "unmöglich" gehaltene Super-GAU von Tschernoybl. Er löste eine intensive gesellschaftlichen Diskussion über die Gefahren der Atomenergie aus. Die Forschung fragte nach den Risiken der Atomkraft, nach den medizinischen und ökologischen Auswirkungen und dem sozialen Schicksal der Betroffenen. Dennoch kann bisher keineswegs behauptet werden, dass der Super-GAU überwundene Geschichte wäre. Denn die radioaktiven Partikel, die in der Nacht des 26. April 1986 freigesetzt wurden, sind noch immer aktiv. Was bedeutet es also, in einer verstrahlten und vergifteten Umwelt leben zu müssen? Was bedeutet menschliche Existenz im Zeichen der radioaktiven Kontamination?

April 1986: Dampf steigt aus dem völlig zerstörten Block 4 des AKW Tschernobyl
Foto: chnpp.gov.ua

Dieser – vielleicht entscheidende – Aspekt war lange Zeit nur ein Randthema der sozialwissenschaftlichen und philosophischen Forschung zu Tschernobyl. So schrieb der französische Philosoph Paul Virilio im Gespräch mit der belarussischen Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch, dass Tschernobyl ein „vollkommen atypisches Ereignis war“ das er nie vergessen werde. Alexijewitsch fügte hinzu: „Die Menschen fühlten sich wie auf dem Mars: Alles war wie vorher, und trotzdem hatte sich die Welt total verändert“. Auch der Soziologe der Risikogesellschaft Ulrich Beck, der umfangreich zur Katastrophe publiziert hat, beschreibt diesen Aspekt mit dem Begriff der „Verdoppelung der Welt“: Die vordergründige, normale Welt bleibt unverändert, während im Hintergrund die radioaktive Kontamination eine toxische Wirklichkeit manifestiert, die die Menschen in ihrem alltäglichen Leben bedroht. Nichts macht diesen Umstand anschaulicher, als die bekannten Fotografien des russischen Pressefotografen und Chronisten der Katastrophe Igor Kostin. Eine Aufnahme zeigt zwei Personen, ausgestattet mit Schutzanzügen und Messgeräten auf einem Feld. Dieses blüht im Sonnenschein, nichts weist auf die tödliche Gefahr hin und doch ist dieser Ort für Menschen lebensfeindlich geworden.

Radioaktive Kontamination ist ein existenzielles Problem

Diese Beispiele verdeutlichen, dass die freigesetzte Strahlung nicht nur ein medizinisches, biologisches oder auch technisches Problem ist, sondern vor allem ein existenzielles Problem darstellt. Denn die radioaktive Strahlung stellt die Existenz der Betroffenen in all ihren Facetten infrage: Von den körperlichen Bedürfnissen wie Essen, Trinken oder Sexualität, über alltägliche Aufgaben wie z. B. Gartenarbeit bis hin zu einfachen Tätigkeiten wie Spielen, der Gang über eine Wiese oder ein Regenspaziergang – alles stellt plötzlich eine potenziell tödliche Bedrohung dar. Das bedeutet überdies: überall dort wo Menschen durch ihr alltägliches Leben in Kontakt mit der verstrahlten Umwelt kommen, gefährden sie sich selbst.

Die Folge ist, dass die normale Lebenswelt als bedrohlich und unerreichbar erfahren wird, mit verheerenden Folgen für die eigene Selbstwahrnehmung: Kinder haben Angst im Freien zu spielen, ein Sommerregen oder die Ernte des eignen Gemüses erzeugt ein bedrückendes Gefühl. Befasst man sich mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl, sind es zuallererst diese Schilderungen von ganz basalen und alltäglichen Erfahrungen der Betroffenen, die Bestürzung und Erschrecken auslösen. Und doch spielten sie bisher kaum eine Rolle in der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Katastrophe. Was also in Tschernobyl geschah, ist in diesem Sinne noch immer nicht ganz beantwortet.

Die noch junge „Soziologie der Weltbeziehung“ bietet nun eine Perspektive an, um diese Folgen der Katastrophe zu beschreiben. Grob vereinfacht könnte man sie als soziologisch angewandte Existenzphilosophie bezeichnen. Dieser Ansatz fragt danach, wie Menschen ihr eigenes In-der-Welt-Sein erfahren. Sie umfasst sowohl die Seite der Subjekte, d. h. ihren Kontakt mit und ihr Handeln in der Welt, sowie dessen Erfahrung; als auch die Seite der Welt selbst, also wie diese beschaffen ist und auf den menschlichen Einfluss reagiert. Gemeint ist nicht nur die soziale Welt, also Mitmenschen und Gesellschaft, sondern auch die materielle Umwelt, wie die Natur. Wesentlich ist hierbei der Begriff der Beziehung: So konstituiert sich menschliches In-der-Welt-Sein immer in Beziehung zu anderen Menschen, zur Umwelt, zur Natur oder zu Dingen des Alltags. Ist diese Beziehung von wechselseitiger Erreichbarkeit und Responsivität gekennzeichnet, kann sie als Resonanz beschrieben werden. Menschen erfahren in Resonanzbeziehungen eine gewisse Geborgen- und Verbundenheit in und mit der Welt. Ist diese Beziehung von Unerreichbarkeit und Repulsivität (Abstoßung) gekennzeichnet, kann sie als entfremdet beschrieben werden. Menschen erfahren in solchen Entfremdungsbeziehungen die Welt als stummen, kalten oder sogar feindlichen Ort, vor dem es sich zu schützen und abzuschließen gilt. Subjekt und Welt sind dann nicht mehr füreinander erreichbar, was sich in Gefühlen der Fremdheit, Bedrückung oder Enge niederschlagen kann.  

Von der Umweltkatastrophe zur Weltkatastrophe

Wendet man nun diese soziologische Perspektive auf die Auswirkungen der Atomkatastrophe an, können mithin auch ihre existenziellen Folgen beschrieben werden. Es ist sinnvoll, sich zunächst die Veränderungen der Umwelt anzuschauen, die durch die freigesetzte Radioaktivität ausgelöst wurde: Radioaktive Stoffe sind nicht nur hochgiftig, sondern verbreiten sich selbstständig über Gewässer, den Regen, über den Wind, durch andere Lebewesen oder durch menschliche Tätigkeiten in der Umwelt. Diese Selbstbewegung der radioaktiven Substanzen war in den ersten Tagen und Wochen nach der Katastrophe wahrnehmbar. So berichteten Betroffene, dass sich Pfützen in grelles Gelb oder Orange verfärbt haben, dass ein Glitzern in der Luft lag oder das rote bzw. schwarze Brocken auf den Feldern zu finden waren. Diese Aussagen sammelte u. a. Swetlana Alexijewitsch in ihrer erschütternden Dokumentation der Katastrophe „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ von 1997. Das unheimliche daran ist, dass diese Veränderungen der als stabil erfundenen Umwelt ebenso plötzlich auftraten, wie sie wieder verschwanden. Dies erzeugte ein generelles Unsicherheitsgefühl, von dem viele Zeug*innen berichteten.

Im Laufe der weiteren Folgewirkungen entwickelte sich das Gefühl zu einem allgemeinen Misstrauen gegenüber der einst als normal – und schön – empfundenen alltäglichen Lebenswelt. Pflanzen und Tiere zeigten teils massive Missbildungen, viele Tiere starben und vor allem Kinder waren durch die Strahlung gesundheitlich betroffen. Die radioaktive Kontamination veränderte damit die Umwelt in ihrer Ganzheit. Das existenzielle Grundgefühl der ontologischen Sicherheit, dessen Ausdruck die Empfindung von Verlässlichkeit und Stabilität der Welt ist, wurde durch ihre radioaktive Kontamination fundamental gestört. Orientierung und Handlungssicherheit in der Welt waren nicht mehr selbstverständlich. So wurde die Möglichkeit für „gelingende“ und „resonante“ Formen von Weltbeziehungen durch die radioaktive Strahlung unterminiert. Die radioaktive Zone ist damit zur Entfremdungszone geworden.

Repohl Buch.JPG

Der Text ist eine Zusammenfassung aus dem Buch
"Tschernobyl als Weltkatastrophe: Weltbeziehung in einer kontaminierten Welt"
Ein Beitrag zur materiellen Fundierung der Resonanztheorie
Mit einem Geleitwort von Hartmut Rosa und Jörg Oberthür

2019, 132 S., Broschiert,
ISBN 978-3-8288-4289-2
(In Gemeinschaft mit Brockhaus/Commission / Tectum)
 


Diese Transformation der Lebenswelt hat wiederum gravierende Auswirkungen darauf, wie sich die Betroffenen in dieser Welt selbst erfahren. Wie bereits dargestellt, kehren Tätigkeiten, die einst als schön erfunden wurden und ein Ausdruck der Verbundenheit mit der Welt waren, nun ihren Charakter vollständig um: Kinder dürfen nicht mehr im Freien spielen, der Genuss von Obst oder Gemüse wird ein unvertretbares Gesundheitsrisiko und Tätigkeiten, die sich durch ein hohes Maß an Selbstwirksamkeit auszeichnen – wie Gartenarbeit – können nicht mehr ausgeübt werden. Die Folge ist, dass ebenso wie die Welt selbst, auch die Subjekte repulsiv werden.

Selbstabschließung und Kontaktvermeidung sind eine lebensnotwendige Reaktion auf die Strahlung. Dadurch stellt sich für Betroffene eine Entfremdung ein. Tragischer Ausdruck davon ist, dass die Dekontaminierungsarbeiten, bei denen ganze Dörfer zerstört und in provisorischen „Endlagern“ verscharrt wurden, die einzig verbleibende Möglichkeit ist, sich die verstrahlte Welt erneut durch den Versuch der Wiederherstellung einer Beziehung anzueignen. Dadurch wird jedoch der von den Betroffenen empfundene Weltverlust nur noch weiter verstärkt.

Zusammenfassend bedeutet dies, dass die Atomkatastrophe von Tschernobyl nicht nur eine Umweltkatastrophe, sondern vielmehr auch eine Weltkatastrophe ist. Gemeint ist damit der Umstand, dass die Strahlung nicht nur massive medizinische und ökologische Auswirkungen hat, sondern die Welt des Erfahrbaren als Ganzes betrifft. Durch die Ausbreitung der radioaktiven Kontamination wird die Möglichkeit von Weltbeziehung generell unterminiert. Nicht mehr erreichbar, wird sie von den Menschen als Bedrohung empfunden. Die Radioaktivität enteignet damit Welt als das konstitutive Gegenüber von subjektiven Weltbeziehungen.

Eine solche Beschreibung der Ereignisse ist im Übrigen nicht nur der akademische Versuch, diese in sozialphilosophische Begriffe zu fassen, sondern sie verdeutlicht das Leid der Opfer über die bloße empirische Beschreibung medizinischer Folgen hinaus. Mit Blick auf den 33. Jahrestag der Katastrophe scheint dies mehr denn je geboten: Nicht nur weil Tschernobyl langsam aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwindet, sondern auch, weil die dortige Weltkatastrophe ein Sinnbild für die gesamte ökologische Krise ist.

Überall dort wo Giftstoffe austreten – sei es Glyphosat, Rohöl oder Plutonium – wird nicht nur Umwelt zerstört, sondern Welt als Ort der Verbundenheit enteignet. Dadurch geht die Möglichkeit für Resonanz mit der Welt selbst verloren. Und damit erhält auch der Kampf gegen die Atomenergie ein weiteres Argument: Atomkraft bedroht nicht nur die Gesundheit der Menschen, sondern allgemein die Möglichkeit einer gelingenden und mit der Welt verbundenen Existenz.

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Martin Repohl

Martin Repohl studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Gesellschaftstheorie in Jena und Leipzig. Zurzeit promoviert er zum Thema „Materialität und Weltbeziehung“ am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt.

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