.ausgestrahlt-Blog

09.05.2019 | von Julia Schumacher

„Erzählt man Details, sind die meisten schockiert“

Katharina Müller, 18, hat die Fridays-for-Future-Streiks in Paderborn mit initiiert und wirbt dafür, auch für die Abschaltung aller AKW zu demonstrieren – weil viele die Atom-Gefahr schon nicht mehr auf dem Schirm haben

Aktive im Porträt Katharina Müller.JPG
Foto: privat

Atomkraft war im Unterricht noch gar kein Thema – viele aus meiner Generation wissen auch deshalb so wenig darüber. Erzählt man ihnen aber ein paar Details, sind die meisten schockiert. Bei mir ist es ein bisschen anders, weil mein Vater ziemlich aktiv im Umweltschutz ist. Er hat mich auf Demos mitgenommen, seit ich neun oder zehn war. Im Fukushima-Jahr zum Beispiel war ich mit ihm in Berlin auf der riesigen Anti-Atom-Demo. Ich habe den Schrecken gespürt über das, was da passiert ist. Seitdem ist mir klar: Das muss dringend geändert werden, die AKW gehören schnellstmöglich abgeschaltet. Allerdings soll das letzte AKW in Deutschland ja erst 2022 vom Netz gehen. Was spät genug ist. Wenn nun aber mit Blick auf den geplanten Kohleausstieg diskutiert wird, die AKW-Laufzeiten zu verlängern, finde ich das furchtbar.
Ich bin selbst seit eineinhalb Jahren in NGOs aktiv. Ehrlich gesagt, galt das bis vor Kurzem nicht als besonders cool. Ich wurde eher verwundert gefragt, was ich da überhaupt mache. Mit der „Fridays For Future“-Bewegung (F4F) ist es plötzlich völlig anders. Da findet gerade eine Bewusstwerdung statt. Vielen wird nun erst klar, dass die Bundesregierung keinen Wert auf unsere Zukunft legt, sondern vor allem die wirtschaftlichen Interessen der Konzerne berücksichtigt. Viele sind plötzlich schockiert und sagen mir, okay, sie kommen auch mit auf die Streiks und fordern laut, dass es so nicht weitergehen könne.

"Es hat sich doch nach Fukushima fast nichts geändert. Wenn in Europa ein AKW hochgeht, dann wären Millionen Menschen betroffen."

Bei den F4F-Aktionen bin ich seit einigen Wochen dabei. Ich informiere mich über soziale Netzwerke, da folge ich Umweltschutzverbänden und ‑gruppen und halte mich so auf dem Laufenden. Ich höre auch häufiger Podcasts zu den Themen Umweltschutz, Politik und nachhaltiges Leben. Ich hatte also mitbekommen, dass eine Schwedin mit Namen Greta vor dem schwedischen Parlament saß. Dann kamen in Berlin erste Nachahmer*innen. Und als ich noch drüber nachdachte, ob es wohl auch in Paderborn so etwas geben könnte, entdeckte ich im Internet schon einen Link zur F4F-Gruppe hier vor Ort. Die Gruppe gab es seit einem Tag und es waren gerade mal fünf Leute drin. Drei Tage später waren wir schon 60 Schülerinnen und Schüler.

Von meinem Vater wusste ich ja schon, wie eine Demo organisiert wird. Also habe ich angeboten, das für unsere F4F-Streiks zu tun. Dass nun auch in Paderborn Schülerinnen streiken würden, stand schon vorher in der Presse. Aus der Presse habe ich dann auch erfahren, dass unser Schuldirektor das alles gar nicht so cool findet und seine Botschaft aus dem Artikel an die Schüler*innen war deutlich: Geht da nicht hin, ihr bekommt Verweise oder müsst nachsitzen. Es war mir also gleich klar, dass ich mich vom Unterricht nicht beurlauben oder abmelden könnte. Paderborn ist ja schon ein eher konservatives Pflaster – und trotzdem kamen zum ersten Streik-Freitag gleich 600 Leute. Das war ziemlich motivierend, seitdem mache ich das weiter.

"Seit 18 Jahren steigen wir angeblich aus der Atomkraft aus! Das zeigt doch auch, wie unwichtig unserer Bundesregierung das Thema ist. Und dass wir unbedingt dranbleiben müssen, jetzt vielleicht noch mehr als ohnehin schon.“ 

Von den Lehrerinnen und Lehrern kam übrigens nachher zurück: Ah, du warst auf der Demo, fand ich richtig cool, dass du das gemacht hast. Bei den Oberstufen-Schüler*innen wird mittlerweile das Streiken akzeptiert, bei den unteren Klassen ist es eher unerwünscht, Sanktionen wurden aber bisher nicht eingeführt. Mittlerweile heißt es in der Schule, Katharina ist freitags nicht mehr da, die ist für ihre Zukunft kämpfen. Ich gehe immer eine Stunde eher weg als die anderen, weil ich ja die Demo organisiere. Ich habe aber das Gefühl, dass ich das nicht für mich alleine mache, es ist eher ein großes Mit- und Füreinander. Bei der letzten Demo waren wir 1.200 Schülerinnen und Schüler, das finde ich schon ziemlich krass für diese Stadt.

Am 15. März war ja weltweiter Klimastreik, das war sehr sehr aufregend. Ich bin morgens aufgewacht und las als erstes, dass in Sydney schon Tausende auf den Straßen waren. Dann die anderen Städte, in Stockholm, Berlin, Düsseldorf, überall! Wow, krass! Und eine Riesenmotivation. Ich habe seitdem das Gefühl, ein Teil von etwas ganz Großem zu sein und dass wir vielleicht wirklich etwas verändern können. Was ich an allen Demos immer klasse finde, ist dieser Kampfgeist der Menschen. Hier spürt man dann, dass diese Menschen einfach wirklich für die Sache kämpfen, dass sie alles geben, dass es ihnen wichtig ist.

Ich persönlich begrüße die Unterstützung auch von Eltern, Erwachsenen, Wissenschaftler*innen. Das ist ja nicht nur ein Thema, das die Jugend angeht. Deswegen finde ich es richtig gut, dass Erwachsene auch mitmachen, auf die Straße kommen und Druck machen. Unsere Eltern sind immerhin diejenigen, die wählen gehen können. Sie können damit auch jetzt zeigen: Okay, vielleicht haben wir in den letzten Jahren nicht die Richtigen gewählt, und das werden wir jetzt ändern.

Für mich ist und bleibt bei der ganzen Klimadebatte auch das Thema Atomkraft wichtig. Wir haben in der Messenger-Gruppe – da sind jetzt etwa 150 Leute drin – auch diskutiert, ob wir zugleich für das Aus aller AKW demonstrieren. Am Ende hieß es jedoch, da der Ausstieg für 2022 ja schon beschlossen ist, sei es grade kein Thema. Ich finde, es ist definitiv noch ein Thema. Atomkraft zerstört unsere Umwelt, unsere Lebensgrundlagen. Zum Jahrestag der Fukushima-Katastrophe waren immer sehr viele Menschen bei den Mahnwachen. Nach acht Jahren hat das jetzt sehr abgenommen, ist ja irgendwie auch klar. Aber es hat sich doch nach Fukushima fast nichts geändert. Wenn in Europa ein Atomkraftwerk hochgeht, dann wären Millionen Menschen betroffen. Auch der Müll wird ja noch unvorstellbar viele Generationen belasten.

Schlimm, dass dennoch viele das Thema derzeit ignorieren. Eine Ausnahme sind die Aktionen gegen das belgische AKW Tihange – ich bekomme mit, dass die Grüne Jugend Aachen dort sehr aktiv ist. Aber ich bekomme auch mit, dass meine Freundinnen und Freunde gar nicht wissen, dass auch hierzulande immer noch Atomkraftwerke laufen. Die sind immer geschockt, wenn ich ihnen sage, dass das nächste AKW – Grohnde – nur 50 Kilometer Luftlinie von uns entfernt ist. Jede und jeder pflichtet mir dann sofort bei: Das ist ja richtig mies, das muss doch sofort abgeschaltet werden. Seit 18 Jahren steigen wir angeblich aus der Atomkraft aus! Das zeigt doch auch, wie unwichtig unserer Bundesregierung das Thema ist. Und dass wir unbedingt dranbleiben müssen, jetzt vielleicht noch mehr als ohnehin schon.“ 

Dieser Artikel erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 43

 

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Julia Schumacher

Julia Schumacher verfasste ihre ersten umweltpolitischen Artikel schon in der Schulzeit. Nach dem Studium der angewandten Kulturwissenschaften schrieb sie u. a. für Lokalzeitungen, Stadtmagazine, Fachpublikationen, PR- und Werbeagenturen. Für .ausgestrahlt verfasst sie seit 2014 Beiträge für Magazin, Webseite und Social Media.

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