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05.08.2019 | von Jan Becker

„Gravierendste Freisetzung seit Fukushima“

Im September 2017 war über Europa eine erhöhte Ruthenium-106-Konzentration gemessen worden. Ein internationales Expertenteam hat hunderte Messdaten zusammengetragen, die eindeutige Hinweise auf einen „beträchtlichen nuklearen Zwischenfall“ in der russischen Wiederaufarbeitunganlage Majak geben. Russland bestreitet den Störfall weiterhin.

Oktober 2017: Erhöhte Ruthenium-106-Werte über Europa
Foto: IRSN

Im September 2017 wurde europaweit radioaktives Ruthenium-106 mit Höchstwerten von 176 Millibecquerel pro Kubikmeter Luft gemessen - hundert mal mehr, als nach der Katastrophe von Fukushima in Europa ermittelt werden konnte. Bis heute hat kein Staat die Verantwortung für diese „durch und durch ungewöhnliche Freisetzung“ übernommen. 70 Expert*innen aus ganz Europa haben unter Federführung von Dr. Olivier Masson vom Institut de Radioprotection et de Sûreté Nucléaire (IRSN) und Prof. Dr. Georg Steinhauser vom Institut für Radioökologie und Strahlenschutz an der Leibniz Universität Hannover mehr als 1.300 Messwerte von 176 Messstationen aus 29 Ländern ausgewertet. Knapp zwei Jahre nach dem Ereignis wurden nun die Studienergebnisse in der renommierten Zeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) veröffentlicht.

Gravierendste Freisetzung seit Fukushima

Aus der Analyse der Daten läßt sich demnach eine Gesamtfreisetzung von etwa 250 bis 400 Terabecquerel an Ruthenium-106 ableiten - die Gesamtaktivität betrug damit ein Siebtel derjenigen in Fukushima 2011. Die Wissenschaftler*innen sprechen von der „wahrscheinlich größten singulären Freisetzung von Radioaktivität aus einer zivilen Wiederaufbereitungsanlage“, in jedem Fall die „gravierendste Freisetzung seit Fukushima“. Die Ausbreitung des Ruthenium konnte in weiten Teilen Mittel- und Osteuropas, Asiens, der arabischen Halbinsel und sogar bis in die Karibik nachgewiesen werden. Der Unfall hatte vermutlich den Schweregrad fünf auf der sieben-stufigen INES-Skala. Betont wird dabei allerdings, dass es dadurch in Europa keine gesundheitlichen Auswirkungen gebe.

Weil keine anderen radioaktiven Stoffe gemessen wurden, ist zwei Jahre nach dem Ereignis klar, dass es sich nicht um einen Reaktorunfall, sondern um einen Unfall in einer Wiederaufbereitungsanlage handelte.

„Wir konnten zeigen, dass der Unfall in der Wiederaufbereitung von abgebrannten Brennelementen passiert ist, und zwar in einem weit fortgeschrittenen Stadium der Wiederaufbereitung, kurz vor dem Ende der Prozesskette“, so Georg Steinhauser. „Auch, wenn es derzeit noch keine offizielle Stellungnahme gibt, haben wir eine recht detaillierte Vorstellung davon, was passiert sein könnte.“

Es habe sich um eine „gepulste Freisetzung“ gehandelt, die nach kurzer Dauer vorüber gewesen sei, so Professor Steinhauser. Der Zeitpunkt konnte zwischen dem 25. September 2017, 18:00 Uhr, und dem 26. September 2017 mittags eingegrenzt werden. Die Auswertung des Konzentrationsverteilungsmusters und atmosphärischer Modellierungen legen einen Freisetzungsort im südlichen Ural nahe. Hier befindet sich die russische Nuklearanlage Majak. Das dort zuständige russische Staatsunternehmen Rosatom erklärte jedoch schon im November 2017: Einen Zwischenfall habe es nicht gegeben.

Der „bestverschwiegene GAU der Geschichte“

Majak gehört zu den größten Atomkomplexen der Welt, hier sind zahlreiche Reaktoren und Atomfabriken konzentriert. Die Entstehung geht auf das atomare Wettrüsten im Kalten Krieg zurück - alle Betätigungen waren streng geheim. Im Dezember 1957 explodierte ein Tank mit hochradioaktiven Abfällen, der als „Kyschtym-Unfall“ in die Geschichte einging. Mindestens 272.000 Menschen wurden verstrahlt, Tausende starben. Die Behörden hielten die Katastrophe lange Zeit geheim, ganze Städte und Dörfer verschwanden von der Landkarte. Bis heute gibt es in der Umgebung der Anlage immer noch Sperrzonen, zu denen niemand Zugang hat.

Anlagenteile zur Wiederaufarbeitung von Atombrennstoffen aus dem In- und Ausland sind bis heute in Betrieb und neben der Produktion von radioaktiven Isotopen das Haupttätigkeitsfeld von Majak. Jährlich fallen tausende Kubikmeter radioaktiven Abfalls an. Im nahen Karachay-See wird seit Jahrzehnten Atommüll verklappt. Mittlerweile ist die Strahlung dort so hoch, dass ein mehrstündiger Aufenthalt an seinem Ufer nach Ansicht von Greenpeace unter Umständen tödlich sein kann. Die Anlage von Majak gehört zu den größten nuklearen Umweltverschmutzern überhaupt.

weiterlesen:

  • Radioaktive Wolke über Europa: War es Majak?
    04.12.2017 - Es wird immer mysteriöser um den möglichen Atomunfall in Russland, der von offizieller Stelle weiterhin bestritten wird. Dabei wurde die höchste Radioaktivität in der Region um die berüchtigte Atomanlage Majak gemessen. Auf Satellitenfotos sind dort Veränderungen sichtbar. Nun hat Frankreich in aus Russland importierten Pilzen erhöhte Werte von Cäsium festgestellt.

  • Pannen, Lecks und ein mysteriöser Störfall
    13.11.2017 - Für die Menschen in Europa bestehe keine Gefahr. Der Ursprungsort des Rutheniums-106 hätte aber „großräumig evakuiert“ werden müssen, berichten jetzt Fachleute zu den erhöhten Strahlungsmessungen von Anfang Oktober.

Quellen: uni-hannover.de, greenpeace.de, rosatom.ru, spiegel.de, de.wikipedia.org

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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