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09.09.2019 | von Jan Becker

Gorleben: Die PKA soll weg

Schenkt man den Ankündigungen des Niedersächsischen Umweltministers Glauben, dann befindet sich der Standort Gorleben auf dem Weg zu einer „Chancengleichheit“ bei der Suche nach einem Atommülllager. Eine ab 1990 gebaute Konditionierungsanlage soll abgerissen werden.

PKA Gorleben
Foto: publiXviewing PKA Gorleben

Die „Pilot-Konditionierungsanlage“ (PKA) wurde errichtet, um Atommüll für die Langzeitlagerung im benachbarten Bergwerk umzuverpacken. In der Anlage sollten Verpackungsverfahren für Brennelemente und radioaktive Abfälle „entwickelt und optimiert“ werden. Die Atomindustrie spricht heute noch von einem „wesentlichen Baustein des Entsorgungsweges der direkten Endlagerung“.

Begleitet wurde der Bau der Anlage von massiven Protesten. Mehrere 100 Atomkraftgegner*innen besetzen am 1. Februar 1990 den Wald, auf dem die PKA errichtet werden sollte und begannen Protest-Hütten zu bauen. Zwei Tage später fand eine große Demonstration statt, die erste deutsch-deutsche Anti-AKW-Demo nach der Wiedervereinigung. Am 6. Februar rissen 2.000 Polizist*innen die Protesthütten ein und räumten den Platz. Der Bau der PKA begann - doch es kam monatelang immer wieder zu Protesten und Klagen vor Gericht.

Schon wenige Jahre später wurde die PKA hinsichtlich ihres ursprünglichen Zwecks nicht mehr für nötig gehalten. Im Bundesumweltministerium wurde dazu 1995 festgestellt: „Infolge des technologischen Forstschritts ist sie für ihren ursprünglich geplanten Zweck, Techniken zur Direkten Endlagerung zu demonstrieren, nicht mehr von vorrangiger Bedeutung“.

Trotzdem erteilte das Niedersächsische Umweltministerium am 19. Dezember 2000 die „dritte atomrechtliche Teilgenehmigung zum Betrieb der Pilot-Konditionierungsanlage Gorleben“. Die Aufnahme aller beantragten und damit genehmigten Tätigkeiten wurde allerdings durch Auflagen, mit Bezug auf den nicht feststehenden Standort für ein Atommülllager, eingeschränkt. Sobald ein Standort gefunden ist, könnte die Anlage theoretisch den Konditionierungsbetrieb aufnehmen.

Die reinen Baukosten betrugen 400 Millionen Euro, die jährlichen Unterhaltungskosten liegen bei etwa fünf Millionen Euro. Seit dem 1. August 2017 ist die staatseigene BGZ Gesellschaft für Zwischenlagerung mbH neue Betreiberin der Anlage - die Kosten tragen seitdem wir alle.

PKA konterkariert die „ergebnisoffene Standortsuche“

Mit dem „Neustart“ der Suche nach einem Atommülllager sind auch die Umverpackungskonzepte von einst vom Tisch. Eine Entscheidung hinsichtlich des künftigen Umgangs, der Art und Weise der Verbringung in ein dauerhaftes Lager, des Behälterdesigns und -konzepts sind offen. Die PKA im „stand-by“ konterkariert dieses „ergebnisoffene Verfahren“, sie habe eine „gewichtige Rolle“, heißt es im Vorfeld des Ministerbesuchs von der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Das nationale Entsorgungsprogramm NAPRO sieht vor, dass die Konditionierung der hochradioaktiven Abfälle „direkt am Standort“ eines künftigen Atommülllagers stattfinden. Mit der PKA sei neben dem ausgebauten Salzbergwerk also weitere „nukleare Infrastruktur“ vorhanden. Ein weiteren Baustein, der Gorleben als künftigen Standort für ein Atommülllager wahrscheinlicher mache - und an einem „fairen“ oder „ergebnisoffenen” Verfahren zweifeln lässt.

Die BI spricht aber auch von einer „Fehlplanung”: Die PKA „tauge ohnehin nicht zur Verpackung von Atommüll für die Endlagerung“. Mit einem genehmigten Jahresdurchsatz von 35 Tonnen wäre sie zum Zeitpunkt der Festlegung eines Atommülllagers nicht nur technisch völlig veraltet, den Inhalt der bis zum Ausstieg insgesamt angefallenen etwa 1.900 Castor-Behälter zu konditionieren. Rechnerisch würde dieser Prozess absurde 300 Betriebsjahre dauern. Ein Grund mehr für den Abriß der Anlage.

„Ankündigungsminister“

Der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies beließ es am vergangenen Freitag in Gorleben bei Ankündigungen. Einigkeit herrschte zwar mit den Kritiker*innen bei der Einschätzung, die Anlage sei ein „überflüssiges Relikt aus alten Zeiten“. Lies betonte in einem Interview auch, dass nur durch den Abriss der PKA ein weiterer Schritt zu einer „Chancengleichheit“ auf der „weißen Landkarte“ der Atommülllagersuche gemacht werden könne. Doch ein konkreter Zeitplan fehlt seit Jahren, es bleibe wieder nur bei „Ankündigungen“, moniert die BI.

Doch die PKA spielt noch eine weitere wichtige Rolle im Atomgeschäft. Genehmigt wurde nämlich der Betrieb einer Raparaturzelle für schadhafte Castorbehälter. Diese ist nicht auf die 113 Behälter aus der benachbarten Zwischenlagerhalle begrenzt - sondern gilt für alle Behälter in Deutschland. An etlichen Atommüllstandorten ist die Möglichkeit einer Behälterreparatur gar nicht möglich. Wird also irgendwo in Deutschland ein Castor undicht, könnte ein Atommülltransport nach Gorleben stattfinden. So wie zuletzt im November 2011, unvorstellbar.

Was jetzt zählt, sind also Fakten. Das Ende der umstrittenen PKA ist ein weiteres Kapitel orientierungsloser Atommüllpolitik. Um in Gorleben „Chancengleichheit“ herzustellen, müsste der Salzstock wieder zugeschüttet werden.

weiterlesen:

  • Der angebliche Konsens bröckelt
    19.07.2019 - Immer mehr Mütter und Väter des Verfahrens zur Standortsuche für die dauerhafte Verwahrung von hochradioaktivem Müll äußern sich kritisch. Der Grund: Statt eines tragfähigen Konsenses gibt es nur einen schlechten Kompromiss

  • Hintergrund: Infoportal Standortsuche – Alle Infos, Termine und Mitmachaktionen

Quellen (Auszug): bi-luechow-dannenberg.de, ndr.de, gorleben-archiv.de, wikipedia.org

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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