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03.01.2020 | von Jan Becker

Übrig bleibt eine Halle voll Müll

Mit dem Jahreswechsel sind wir dem Atomausstieg ein wenig näher gekommen: Am Silvesterabend ging das AKW Philippsburg-2 endgültig vom Netz. Was dort wie an vielen anderen Standorten bleibt, ist ein Haufen Müll und unklare, gefährliche Perspektiven.

Standortzwischenlager Neckarwestheim
Foto: EnBW Standortzwischenlager in Neckarwestheim

Insgesamt drei Uralt-Atomreaktoren - Mühleberg in der Schweiz, Ringhals 2 in Schweden und Philippsburg 2 in Deutschland - sind in den letzten Tagen vom Netz genommen worden. In Berlin wurde vor Weihnachten bereits der dortige, umstrittene Forschungsreaktor abgeschaltet.

An allen Standorten bleibt der Müll. Beispiel Philippsburg: Dort wurde bereits 2011 Block 1 abgeschaltet, seitdem laufen die Vorbereitungen zum Abriss. In Block 1 sind in 31 Betriebsjahren 646 Tonnen hochaktiver Atommüll produziert worden, davon sind fast 400 Tonnen in die Wiederaufarbeitungsanlage La Hague (F) gebracht worden. In Block 2 sind zwischen 1985 und dem 31.12.2019 951 Tonnen hochaktiver Atommüll angefallen, von denen knapp 200 Tonnen nach La Hague gebracht wurden. Der größte Anteil lagert in den bis heute mehr als 60 Castor-Behältern im standorteigenen Zwischenlager. In diesem oder im nächsten Jahr werden weitere Behälter aus der Wiederaufarbeitung in Frankreich angeliefert - spätestens mit dem Castor-Transport rückt die Debatte um das Zwischenlager in Philippsburg wieder in den Fokus der Öffentlichkeit.

14.000 Tonnen hochaktiver Müll

Insgesamt wird der Atommüllberg bis zur Stilllegung des letzten AKW auf ca. 10.110 Tonnen bestrahlter Brennelemente aus Atomkraftwerken, Forschungs- und Versuchsreaktoren sowie ca. 3.735 Tonnen verglaster hochradioaktiver Abfälle aus der Wiederaufarbeitung deutscher Brennelemente in Frankreich, Großbritannien und in der WAK Karlsruhe angewachsen sein. Auf Castoren verfüllt summiert sich deren Anzahl auf ca. 1.900 Stück.

Wohin damit? Unklar. Die heute gültige Genehmigung des Zwischenlagers an unserem Beispielstandort Philippsburg endet am 18.03.2047, 40 Jahre nach Einlagerungsbeginn. Die der Hallen in Ahaus und Gorleben etwa zehn Jahre früher.

Auf der Suche

Derzeit ist vorgesehen, dass nach der dritten und damit "letzten Phase" des aktuellen Suchverfahrens, der untertägigen Erkundung und der Festlegung eines Standortes mit "bestmöglicher Sicherheit für einen Zeitraum von einer Million Jahre", etwa 2050 ein betriebsbereites Atommülllager zur Verfügung stehen soll. Dann müsste der gesamte Müll an diesen einen Ort gebracht werden. Nach Gorleben rollten per Eisenbahn bis 2011 maximal zwölf Castoren auf einmal. Auf Deutschland kommt also (nicht nur) ein logistisches Mammutprojekt zu.

Doch allein an die Zeitpläne glauben selbst am neuen Suchverfahren Beteiligte kaum mehr. Die vom Bund engagierte „Kommission Lagerung hoch radioaktiver Abfallstoffe“ stellte in ihrem Abschlussbericht im Juni 2016 dar, dass die Zwischenlager möglicherweise „bis nach 2100“ nötig sein könnten, mindestens aber bis 2070.

„Das Zwischenlager-Konzept in Deutschland ist gescheitert“, heißt es deshalb in einem gemeinsamen Positionspapier vieler Anti-Atom-Initiativen von November 2018. Die bestehenden Zwischenlager entsprechen nicht den notwendigen Sicherheitsanforderungen und sind für den absehbar langen Zeitraum, in dem der Müll weiterhin zwischengelagert werden muss, gar nicht ausgelegt. Exemplarisch dafür steht das Zwischenlager am AKW Brunsbüttel, dem gerichtlich die Genehmigung wegen erheblicher „Ermittlungs- und Bewertungsdefizite“ entzogen wurde. Was es braucht, ist u.a. ein völlig „neues Konzept für eine längerfristige Zwischenlagerung“ der insgesamt 1.900 Castorbehälter.

Noch zwei Jahre deutsches "Restrisiko"

Ab sofort sind nur noch sechs deutsche Meiler in Betrieb. Ende 2022 ist gesetzlich geregelt Schluss für die letzten AKW. Während wir nun auf zwei weitere Jahre des Risikos schwerer Unfälle und Fortsetzung der Atommüllproduktion hinweisen und vor der Debatte um Laufzeitverlängerung warnen, lassen sich österreichische Medien zu der Headline „Deutscher Atomausstieg steht kurz vor Abschluss“ hinreißen.

Unser Nachbarland ist einer der größten Abnehmer unserer Energieüberschüsse, rund ein Drittel davon fließt nach Österreich. Die deutschen Stromexporte sind 2019 um 22 Prozent auf 57.000 Gigawattstunden gesunken und damit die niedrigsten seit sechs Jahren. Grund für den Rückgang seien die gestiegenen Kosten bei der Stromerzeugung aus Braunkohle, heißt es von der Bundesnetzagentur – und nicht etwa der Atomausstieg.

weiterlesen:

  • Heiße Hallen: Die drängende Frage
    An insgesamt 16 Standorten in Deutschland liegen große Mengen hochradioaktiven Atommülls - zumeist in Hallen, die selbst in der stabilsten Variante keinen ausreichenden Schutz bieten.

  • Proteste gegen Atomtransporte nehmen Fahrt auf
    06.12.2019 - Anfang kommender Woche soll ein weiterer Uranmüll-Export aus der Anreicherungsanlage in Gronau erfolgen. Unterdessen formieren sich auch Proteste gegen einen im Frühjahr angekündigten Castor-Transport.

  • Hochradioaktiver Müll - Die Jahrhundert-Lager
    Die Zwischenlagerung des hochradioaktiven Atommülls wird sehr viel länger dauern, als ursprünglich behauptet. Doch die Politik nimmt das Problem nicht ernst.

Quellen (Auszug): nachrichten.at, taz.de, atommuellreport.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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