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16.04.2020 | von Jan Becker

„Sicherheit vor Schnelligkeit“

Deutschland hat seit Kurzem ein weiteres Atommüll-Zwischenlager: Am AKW-Standort Philippsburg wurde das „Reststoffbearbeitungszentrum“ (RBZ) in Betrieb genommen. Die Vorsätze des Betreibers waren schon mal schlechter.

Bau des RBZ am Standort Neckarwestheim (2018)
Foto: Atomerbe Neckarwestheim Bau des identischen RBZ am Standort Neckarwestheim (2018)

Eigens für den Abriss der Blöcke 1 und 2, der letztere wurde erst zur Jahreswende vom Netz genommen, ist eine neue Atommüll-Infrastruktur entstanden. Es handelt sich um mehrere Anlagenteile, in denen radioaktive Abfälle aus Philippsburg und auch anderen Anlagen des Betreibers bearbeitet werden sollen. In Neckarwestheim entsteht derzeit ein gleicher Komplex. Bereits bekannt ist, dass dorthin z.B. Dampferzeuger und Wärmetauscher aus dem AKW Philippsburg gebracht werden sollen.

Das „Reststoffbearbeitungszentrum“ (RBZ) besteht aus mehreren Hallen sowie ca. 1.640 m² Lagerflächen. Im RBZ findet thermische und mechanische Zerlegung sowie die Verpackung des Abfalls statt. Zudem ist eine Freimessanlage vorhanden, mit deren Hilfe Material mit geringer Strahlung wieder in den regulären Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden kann. Verbrennen und Schmelzen radioaktiver Abfälle soll bei externen Konditionierern durchgeführt werden, wobei die radioaktiven Aschen und Schlacken anschließend zurückgenommen werden.

Für die Lagerung nach der Rücknahme dieser Abfälle sowie für die vor Ort verarbeiteten Gebinde wurde nebenan das „SAL“ gebaut, eine Zwischenlagerhalle mit einer Lagerkapazität von 15.000 m³. Als Grund dafür nennt der Betreiber die „verzögerte Inbetriebnahme“ des Atommülllagers Schacht Konrad, wo - so die derzeitige offizielle Planung - sämtlicher schwach- und mittelaktiver Müll aus Deutschland einmal landen soll. Bis zur Inbetriebnahme, und das kann noch Jahre oder Jahrzehnte dauern, bleibt der Atommüll am Standort in Philippsburg. Weil Konrad nicht geeignet ist, langfristig Atommüll „so sicher wie möglich“ zu lagern, gehen Kritiker*innen allerdings davon aus, dass es nie den eigentlichen Betrieb aufnehmen wird.

„Sicherheit vor Schnelligkeit“?!

„Sicher und verantwortungsbewusst“ sei man nun unter „zuletzt erschwerten Bedingungen“ zum Ziel, der Inbetriebnahme und Übergabe an die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung gekommen, so Jörg Michels, Chef der EnBW-Atomsparte. Es gelte wegen der Coronavirus-Pandemie der Grundsatz „Sicherheit vor Schnelligkeit“.

Auch wenn die Inbetriebnahme mit etwa einem halben Jahr Verzögerung stattfand, galt dieser - aus Corona-Perspektive lobenswerte - Vorsatz nicht schon immer: Für die Genehmigung der Anlagen hat es keine Umweltverträglichkeitsprüfung mit Öffentlichkeitsbeteiligung gegeben, weil die Behörden vorher „keine erheblichen Umweltauswirkungen“ - weder durch das langfristige Lagern von Atommülll noch für die Atommüllverarbeitung - ausmachen konnten.

Kritiker*innen protestierten gegen diese zusätzlichen Anlagen zum AKW, sie verstießen „gegen das Minimierungsgebot des Strahlenschutzes, gegen das Verursacherprinzip und gegen das Vorsorgeprinzip“, weshalb sie abzulehnen seien. Dem Betreiber sei durch die erteilte Genehmigung die „großzügige Abgabe von Radioaktivität sogar noch beim AKW-Abriss“ erlaubt worden. Es dürfe künftig sowohl radioaktives Wasser in Rhein und Neckar sowie über neu gebaute Radionuklidkamine radioaktive Abluft freigesetzt werden. Die „Zerlegefabriken“ würden dazu dienen, „optimiert“ niedrig strahlendes Material abzutrennen und „freizugeben“, also ohne weitere Strahlenschutzüberwachung in das Recycling und zu einem kleineren Teil auf die Deponien in Heilbronn, Schwieberdingen und Horrheim abzugeben.

Zwei weitere, kritische Aspekte: Mit der Gründung einer gesonderten Atommüllgesellschaft will sich der Betreiber ein neues Geschäftsfeld erschließen und sein Rückbaukonzept und Know-How weltweit vermarkten. Die Öffnungsklausel für die Behandlung und Lagerung von Atommüll von anderen EnBW-Standorten kann künftig zum Einfallstor für anderen Atommüll werden. Die Energiewerke Nord (EWN), die das Zwischenlager in Greifswald-Lubmin betreiben, haben eine vergleichbare Entwicklung gemacht: Den Menschen wurde damals, um Akzeptanz für den Bau zu erlangen, versprochen, dass nur der Abfall aus ehemaligen DDR-Reaktoren dorthin käme. Jahrzehnte später ist Lubmin aber eines von drei großen, zentralen Atommüllzwischenlagern für Abfall unterschiedlichster Art und Herkunft geworden.

weiterlesen:

  • Übrig bleibt eine Halle voll Müll
    03.01.2020 - Mit dem Jahreswechsel sind wir dem Atomausstieg ein wenig näher gekommen: Am Silvesterabend ging das AKW Philippsburg-2 endgültig vom Netz. Was dort wie an vielen anderen Standorten bleibt, ist ein Haufen Müll und unklare, gefährliche Perspektiven.
  • Langfristige Lagerung: Schwach- und mittelradioaktiver Müll
    An verschiedenen Stellen in Deutschland lagert heute der Atommüll. Diese bereits bestehenden "langfristigen" Lager sind keineswegs sicher. Trotzdem versuchen Regierung und Atomwirtschaft den Eindruck zu erwecken, sie hätten alles im Griff.

Quellen: enbw.com, atommuellreport.de, atomerbe-neckarwestheim.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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