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Das Risiko eines Super-GAUs in einem deutschen AKW ist alles andere als vom Tisch – die Anlagen sind alt, unerwartete Phänomene und Ausfälle häufen sich.

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Es gehe darum, „mögliche radiologische Risiken für die in Deutschland lebende Bevölkerung“ abzuwenden, schrieb das Bundesumweltministerium im Dezember. Und schlug in einem Gesetzentwurf vor, Reaktoren in weniger als 150 Kilometern Entfernung von der Landesgrenze, die vor 1989 in Betrieb gegangen sind, nicht weiter mit Brennstoff aus der Brennelementefabrik Lingen zu beliefern. Atomkraftwerke bärgen „das Risiko schwerer Unfälle, Störfälle oder sonstiger für die kerntechnische Sicherheit bedeutsamer Ereignisse mit möglicher katastrophaler Auswirkung“, und zwar „auch grenzüberschreitend“, begründete Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). Der Eingriff in die Handelsfreiheit sei daher gerechtfertigt.

Im Blick hat Schulzes Arbeitspapier – die Koalitionspartner lehnen den Vorschlag bislang noch ab – die AKW im nahen Ausland, in erster Linie die belgischen Pannenmeiler in Tihange und Doel, aber auch Reaktoren wie die in Fessenheim, Cattenom, Temelín, Leibstadt, Beznau und Gösgen. Doch was auf Atomkraftwerke jenseits der Landesgrenzen zutrifft, gilt für inländische Reaktoren erst recht: Auch alle sechs in Deutschland noch laufenden AKW sind schon mehr als 30 Jahre in Betrieb – und entsprechend gefährlich.

Explizit verweist das Bundesumweltministerium in seinem Gesetzentwurf darauf, dass „Kernkraftwerke dieses Alters ein veraltetes Anlagendesign und eine Komponentenalterung und damit ein erhöhtes Risiko aufweisen“. Das ständige Strahlen-Bombardement aus dem Reaktorkern lässt Metalle ermüden, die Gefahr von Rissen und Brüchen nimmt zu. Statistiken zeigen, dass auch bei anderen Bauteilen die Fehlerrate gegen Ende der Lebensdauer einer Anlage wieder ansteigt: die berühmte Badewannenkurve.

Sechser im Lotto?
Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, einen Sechser im Lotto zu erzielen? Ziemlich unwahrscheinlich; unmöglich aber ist es nicht. Und Millionen Menschen hoffen alle paar Tage darauf. Die Wahrscheinlichkeit indes, dass es in den kommenden zwei Jahren und sieben Monaten – Ende 2022 verlieren nach bisheriger Gesetzeslage die letzten AKW in Deutschland ihre Betriebserlaubnis – in einem der verbliebenen sechs AKW in Deutschland noch zu einem Super-GAU kommt, ist fast sechstausendmal so groß. Basis dieses Vergleichs ist das von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) im Auftrag des Bundesforschungsministeriums in jahrelanger Arbeit ermittelte Wahrscheinlichkeit eines Super-GAUs durch technisches Versagen in einem deutschen Atomkraftwerk. Selbst wenn man bis Ende 2022 jede Woche zweimal Lotto spielen würde, wäre demnach die Wahrscheinlichkeit, dass es in diesem eher überschaubaren Zeitraum zu einem Super-GAU in Deutschland kommt, noch 22 mal so hoch wie die, in den 270 Lotto-Ziehungen bis dahin irgendwann sechs Richtige einzuheimsen. Das Atom-Risiko, das aus menschlichem Versagen, Schlamperei, Sabotage oder Anschlägen erwächst, ist bei der GRS-Rechnung wohlgemerkt noch überhaupt nicht berücksichtigt: Es ist schlicht unkalkulierbar.

Kein Mensch käme auf die Idee zu behaupten, er könne seine Computer, Telefone oder Fernseher aus den 1970er Jahren mit „Nachrüstungen“ auf heutigen Stand bringen und mit „Alterungsmanagement“ Ausfälle verhindern. Nur bei AKW, da soll das der Fall sein – das jedenfalls behaupten ihre Betreiber. Tatsächlich entspricht kein einziges der AKW in Deutschland (und den umliegenden Ländern) dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik. Keines würde heute mehr eine Genehmigung bekommen. Keiner der Reaktoren hält dem Absturz eines großen Passagierflugzeugs stand, der seit fast 20 Jahren nicht mehr zum „Restrisiko“ zählt. Beim „Stresstest“ nach Fukushima erreichte die Mehrzahl der Anlagen weder beim Hochwasser- noch beim Erdbebenschutz auch nur das niedrigste „Robustheits“-Level, das die Reaktorsicherheitskommission definiert hatte. Manche Anlagen haben – Stichwort „Nachrüstung“ – inzwischen ein paar Schlauchboote angeschafft.

Auch der konkrete Zustand der Reaktoren ist alles andere als beruhigend. Da sind etwa die schnell wachsenden Risse, die sich in Rohren aus eigentlich hochkorrosionsfestem Stahl bilden – so wie seit drei Jahren im AKW Neckarwestheim‑2 und, vergangenes Jahr entdeckt, auch im AKW Lingen. Dass das Phänomen in den anderen Druckwasserreaktoren bisher noch nicht nachgewiesen wurde, muss nichts heißen: Ob und was man findet, hängt auch davon ab, wie umfangreich man testet. Das ist bei Rissen in AKW nicht anders als beim Corona-Virus.

Betroffen sind allein in Neckarwestheim viele Hundert Dampferzeuger-Heizrohre, ein Abriss eines einzigen davon könnte bereits zum Super-GAU führen. Doch Behörden, Sachverständige und Betreiber erkennen das Problem zunächst gar nicht, dann nicht vollständig, und verzichten schließlich auf eine wirksame Beseitigung der Ursache. Stattdessen üben sie jahrelang Flickschusterei – und lassen die Reaktoren immer wieder ans Netz.

„Abgesicherter Modus“
Oder die Notstromdieselaggregate, essentiell in jedem AKW, um bei Stromausfall die Kühlung des Reaktors aufrechtzuerhalten. Bei wiederkehrenden Prüfungen fallen sie überall immer mal wieder aus. Im (Ende 2019 abgeschalteten) AKW Philippsburg‑2 gaben sie zuletzt allerdings gleich reihenweise ihren Dienst auf, wegen Rissen aufgrund von „temperaturbedingten Alterungseffekten“. Und in den AKW Brokdorf, Neckarwestheim‑2 und Lingen wiesen die Aggregate gar Serienfehler auf, die jahrelang unbemerkt blieben.
In den AKW Brokdorf und Grohnde traten 2017 unerwartete Oxidationen an Brennelementen auf. Bis heute weiß niemand genau, welche Vorgänge im Reaktorkern dazu geführt haben. Keines der aufwändigen Simulationsprogramme hatte sie vorhergesagt. Statt die Ursache zu klären und zu beheben, einigten sich Betreiber und Behörden darauf, das AKW Brokdorf nur noch mit reduzierter Leistung und reduzierter Lastwechselgeschwindigkeit zu fahren. Sie nennen das den „abgesicherten Modus“.

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Völlig offen ist zudem, ob die Atomanlagen überhaupt baulich das halten, was Grundlage ihrer Genehmigung war. Das AKW Philippsburg‑2 etwa wies die ersten 32 seiner 34 Betriebsjahre nicht einmal den schon bei seinem Bau vorgeschriebenen Mindestschutz gegen Flugzeug-abstürze und Erschütterungen auf, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre: Es war anders gebaut als genehmigt. Dito im AKW Brunsbüttel: Dort entsprach die Notstromversorgung jahrzehntelang weder den sicherheitstechnischen Anforderungen noch den genehmigten Plänen.

Ganz zu schweigen von den Fällen, in denen die Behörden offiziell einen Zustand akzeptieren, der den schon beim Bau des Reaktors geltenden Anforderungen widerspricht. So wie beim AKW Gundremmingen C, das nur über zwei – und nicht wie seit Jahrzehnten vorgeschrieben drei – voll funktionstüchtige Notkühlstränge verfügt.

Kein Ozean in Sicht
Alle Reaktorbetreiber weltweit bezeichnen ihre Anlagen als „sicher“ – bis die Realität das Gegenteil beweist. Sowohl in Deutschland als auch in der EU sind AKW schon mehrfach nur knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt; dass es nicht zum Schlimmsten kam, war jedes Mal nur Glück. Und anders als in Fukushima an der Ostküste Japans, wo der Wind vier Fünftel der in die Luft freigesetzten Radioaktivität auf den Pazifik blasen konnte, gibt es hierzulande um die meisten AKW keinen Ozean weit und breit, schon gar nicht in Hauptwindrichtung. Die radioaktive Wolke nach einem Atomunfall würde also mit voller Wucht in dicht besiedeltes Gebiet ziehen. Vom AKW Grohnde sind es gerade einmal 40 Kilometer bis Hannover, vom AKW Brokdorf in die Millionenstadt Hamburg 50 Kilometer, vom AKW Neckarwestheim‑2 bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof sogar nur 30. Bei mittlerer Windgeschwindigkeit braucht die radioaktive Wolke dafür eine halbe bis ganze Stunde.

Der Shutdown, den Deutschland gerade erlebt, gibt eine Ahnung davon, was nach einem schweren Atomunfall los wäre. Mit dem Unterschied, dass die Häuser und Betriebe in den kontaminierten Gebieten unter Umständen jahrzehntelang unbenutzbar und also wertlos wären. Dass hunderttausende, unter Umständen Millionen Menschen nicht zuhause bleiben, sondern fliehen müssten. Und dass es gegen Strahlenschäden wohl nie eine Impfung geben wird.



Grenznah und alterschwach

AKW im Abstand von weniger als 150 Kilometern von der Grenze, die über 30 Jahre alt  sind, sollten nicht mehr mit Brennstoff versorgt werden, hat Umweltministerin Schulze vorgeschlagen  – das von diesen Reaktoren ausgehende Risiko sei zu groß. Richtig! Aber wie sieht das bei den inländischen AKW aus?


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Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. Als freiberuflicher Journalist und Buchautor verfasst er für .ausgestrahlt Broschüren, Interviews und Hintergrundanalysen.

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