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18.05.2020 | von Jan Becker

Garching muss aus bleiben!

Der Forschungsreaktor FRM II in Garching wird illegal betrieben. Nun wurde auch noch unbeabsichtigt mehrere Tage lang Radioaktivität freigesetzt. Der Meiler ist derzeit vom Netz – das muss er bleiben!

Forschungsreaktor München-2
Foto: Mario Schmalfuß

Nach monatelangem Stillstand wegen fehlendem Brennstoffnachschub nahm der umstrittene Forschungsreaktor Garching bei München Mitte Januar seinen Betrieb wieder auf. Seit dem 17. März ist der Betrieb „aufgrund der COVID-19 bedingten Einschränkungen“ eingestellt worden.

Laut der Technischen Universität München hat sich nun ein ernster Vorfall ereignet. Am Donnerstag sei „eine geringfügige Überschreitung des in der Betriebsgenehmigung festgelegten Wertes für die Ableitung des Nuklids C-14 über den Kamin in die Atmosphäre festgestellt“ worden. Später wurde konkretisiert: Der Jahresgrenzwert sei um etwa 15 Prozent überschritten worden. Die Freisetzung habe zwischen dem 20. bis 26. März sowie vom 2. bis 7. April stattgefunden. Erst zwei Wochen später, bei der Überprüfung der Messergebnisse, seien die erhöhten Werte aufgefallen.

Menschliches Versagen

Am FRM II entsteht C-14 (Kohlenstoff-14) mit einer Halbwertzeit von 5.730 Jahren in Form von Kohlendioxid im Reaktorbecken. Bei der Montage einer mobilen Trocknungseinrichtung, die zur Reinigung von Schwerem Wasser aus dem Reaktor genutzt wird, habe es einen „individuellen Fehler“ gegeben, so der Betreiber. Eine CO2-Abscheideeinheit war nicht angeschlossen worden und die radioaktive Pumpenabluft wurde direkt in die Lüftung (also in den Abluftkamin) eingeleitet. Kurz: Menschliches Versagen. Der Störfall musste der Aufsichtsbehörde in der Kategorie „Eilt“ umgehend gemeldet werden. Zusätzlich brisant ist, dass erst 2012 C-14 ausgetreten war, danach hatte der Betreiber „das Verfahren verbessert“.

Für Menschen und Umwelt habe wegen der sehr geringen Radioaktivität „zu keiner Zeit Gefahr bestanden“, betonen Betreiber und das bayerische Umweltministerium als atomrechtliche Aufsichtsbehörde gleichlautend. Die Bayerische Landtagsabgeordnete der Grünen, Claudia Köhler, thematisiert hingegen „Pfusch und Schlamperei“. Sie fühle sich vom Betreiber getäuscht, der noch vor einem Jahr im Rahmen des wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren zur Einleitung von Radioaktivität in die Isar betont habe, wie sicher die Anlage sei und wie weit zulässige Werte unterschritten würden. Köhler drängt nun auf eine „lückenlose Aufklärung“. Ihr Kollege Ludwig Hartmann fordert eine „grundlegende Debatte über den Forschungsreaktor“. Der Vorsitzende des Bundes Naturschutz in Bayern, Richard Mergner, äußerte sich „sehr besorgt“ und forderte die Stilllegung.

Ein für allemal abschalten!

„Der Reaktor läuft seit Jahren illegal und muss jetzt endlich ein für allemal abgeschaltet werden!“, fordert das Umweltinstitut München nach dem Störfall. In dem Reaktor wird nämlich hoch angereichertes Uran eingesetzt. Laut Umweltinstitut lagern deshalb „direkt vor den Toren Münchens inzwischen mehr als 300 Kilogramm waffentaugliches Uran“.

Die Proteste gegen den Bau waren damals erheblich, doch die bayerische Regierung setzte sich durch: 2004 ging der FRM II als weltweit erster und bislang einziger Reaktor in Betrieb, der seit 1986 für den Einsatz von hoch angereichertem Uran gebaut wurde. Im Rahmen der internationalen Abrüstungsbemühungen verzichten Reaktorbetreiber*innen auf den Atombombenstoff. Nicht in München: Laut Betriebsgenehmigung hätte der Garchinger Reaktor bereits bis 2010 auf niedriger angereichertes Uran umgerüstet werden müssen. Ende 2018 verstrich eine weitere Frist, ohne dass der Reaktor umgerüstet wurde. Der Betreiber argumentiert damit, dass es auf dem Markt keinen adäquaten Brennstoffersatz gebe. Schon 2011 bescheinigte ein Rechtsgutachten des Umweltinstituts, dass der weitere Reaktorbetrieb illegal ist.

Auch wenn es sich um eine vergleichsweise harmlose Freisetzung von Radioaktivität handelt, jeder Austritt von radioaktiven Materialien ist einer zu viel! Nach diesem Störfall muss der Reaktor abgeschaltet bleiben und stillgelegt werden.

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Quellen (Auszug): merkur.de, frm2.tum.de, umweltinstitut.org, sueddeutsche.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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