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25.06.2020 | von Jan Becker

Atomare Geheimnisse – dramatische Folgen

Es ist Geheimhaltung mit System: Die Herkunft und Ursache der radioaktiven Wolke, die 2017 auch über Deutschland zog, haben Forscher klären können. Doch die Verursacher schweigen. Mehr als 30 Jahre nach dem Super-GAU in Tschernobyl offenbaren jetzt veröffentlichte Geheimdienstunterlagen, dass die Katastrophe vermeidbar war.

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Foto: Alexander Tetsch Tschernobyl: Gehemnisse auch 35 Jahre nach dem GAU

„Mayak versteckt alle Informationen zu Vorfällen oder Unfällen“, kritisierten russische Atomkraftgegner*innen Ende 2017. Das gilt für viele, teilweise dramatische Störfälle seit der Inbetriebnahme des russischen Atomkomplex in den 50er Jahren. Auch über die Ursache einer Wolke radioaktiven Rutheniums-106 und -103, die im Oktober 2017 über Europa zog und weltweit messbar war, schweigen die staatlichen Betreiber beharrlich. Obwohl die Beweislast erdrückend ist: Internationale Forscherteams hatten die Anlage im südlichen Uralgebirge schon sehr früh als mögliche Quelle ausgemacht und konnten sogar den Freisetzungszeitraum sehr genau bestimmen. Doch Russland dementiert bis heute erhöhte Messwerte oder einen Zwischenfall.

Oktober 2017: Erhöhte Ruthenium-106-Werte über Europa
Foto: IRSN Oktober 2017: Erhöhte Ruthenium-106-Werte über Europa

Zwei weitere Studien bringen Russland nun weiter in Erklärungsnot. In „detektivischer Kleinarbeit“ haben Forscher*innen weitere Indizien gefunden, die die Majak-Hypothese stützen. Eine Arbeitsgruppe um den Radiochemiker Georg Steinhauser von der Leibniz-Universität Hannover isolierte zusammen mit Wissenschaftler*innen der Universität Münster aus Luftfiltern, die während und vor dem Durchzug der radioaktiven Wolke in Wien im Einsatz waren, einige Nanogramm Ruthenium. In dem Filter, der zwischen dem 28. September und dem 4. Oktober 2017 Partikel aus der Luft gesammelt hatte, lag ein „unnatürliches Verhältnis“ von stabilen Ruthenium-106 und -103-Partikeln vor. Der Vorgang der Trennung der „labilen“ und „stabilen“ Teilchen sei sehr umfangreich, doch die Ergebnisse überzeugen selbst Kolleg*innen. Wie die Forscher in der Fachzeitschrift „Nature Communications“ berichten, ist damit eine Freisetzung von Ruthenium aus einer Atomanlage oder aus militärischer Nutzung bewiesen.

Ursache war ein gefährliches Experiment

Als „wahrscheinliche Ursache“ nennt ein kanadisch-deutsch-österreichisches Forscherteam in einer zweiten Studie eine Explosion bei einem riskanten Experiment mit verbrauchten Brennelementen, die aus einem Druckwasserreaktor WWER-440 russischer Bauart stammen. Dieser Brennstoff werde in Majak wiederaufbereitet, weiß Steinhauser, der auch an der zweiten Untersuchung beteiligt war. Offenbar wurden die Brennstäbe aber nicht wie üblich zwei Jahre gelagert, um an Wärme zu verlieren. Im rekonstruierten Unfallablauf soll deutlich „frischerer“, also radioaktiverer Brennstoff in Säure aufgelöst worden sein. Dabei könnte es eine Explosion gegeben haben, bei der die radioaktive Wolke freigesetzt wurde. Weshalb ein so gefährliches Experiment durchgeführt wurde, dafür gibt es einen Hinweis aus Italien: Das dortige Gran-Sasso-Labor hatte in Majak für ein europäisches Neutrinoprojekt eine „extrem radioaktive, aber sehr kompakte Quelle aus Cerium-144“ bestellt. Zur Herstellung werden verbrauchte Brennelemente genutzt. Nach dem Unfall wurde der Auftrag von Majak als „nicht durchführbar“ storniert.

Die Beweislast ist erdrückend. Doch die russischen Behörden schweigen sich zu dem Vorfall weiter aus. Weil das Melden solcher Atomunfälle in der Verantwortung der Länder selbst liegt, sind allen internationalen Organisationen die Hände gebunden.

Atomare Geheimnisse aus Tschernobyl

Die Explosion von Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl im April 1986 mit anschließender Geheimhaltung wichtigster Details rüttelte selbst zahlreiche Atombefürworter auf und offenbarte die „Geheimhaltung mit System". Auch aus Misstrauen entstanden europaweit Messnetzwerke für Radioaktivität. Doch bis heute sind längst nicht alle Details zu der Katastrophe vor mehr als 30 Jahre bekannt. Laut bisher unter Verschluss gehaltenen Dokumenten des ehemaligen sowjetischen Geheimdienst KGB hat es schon lange vor dem Super-Gau viele Probleme in dem Kraftwerk gegeben. Ein vom ukrainischen Geheimdienst SBU und vom Institut für nationales Gedächtnis veröffentlichtes Buch beschreibt Baumängel, Havarien und Notabschaltungen von 1971 bis in die Zeit nach der Atomkatastrophe. Die Informationen lassen einen Schluss zu: Die bis Fukushima größte Atomkatastrophe der Welt wäre vermeidbar gewesen.

Wir tragen die gesundheitlichen Folgen

Selbst geringe Strahlendosen können für jeden Einzelnen dramatische Folgen wie Krebserkrankungen haben, das ist unter Forschern unstrittig. Bei allen Verweisen auf nötige Geheimhaltung wegen militärischer oder wirtschaftlicher Interessen darf nie vergessen werden, dass wir alle die gesundheitlichen Folgen von freigesetzter radioaktiver Strahlung tragen müssen. Bis heute sind rund um Tschernobyl ganze Landstriche unbewohnbar, Menschen werden krank, der Reaktor ist ein gigantischer Berg Atommüll für die nächsten Generationen, vom „größten beweglichen Bauwerk der Welt“ für die nächsten hundert Jahre umschlossen. Nur wenn umfassende Informationen vorliegen, können Schutzmaßnahmen umgesetzt werden. Die wirksamste gegen künftige Atomunfälle ist allerdings die sofortige Stilllegung der Anlagen.

weiterlesen:

  • Luxemburg sichert sich gegen Atomunfälle ab
    04.06.2020 - Mit einer zivilrechtlichen Haftpflichtregelung will Luxemburg sich gegen die Folgen eines schweren Atomunfalls schützen. Das Land hat selbst keine eigenen Atomkraftwerke, will so aber die AKW-Betreiber in den angrenzenden Ländern in die Pflicht nehmen.

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    27.05.2020 - Im norwegischen Halden wurde an Brennstoffen für Atomkraftwerke geforscht. Nach der Stilllegung des dortigen Reaktors wurde bekannt, dass jahrelang bewusst Messergebnisse gefälscht wurden. Das hat möglicherweise Auswirkungen auf den Betrieb von AKWs weltweit.

  • Tschernobyl: Eine teure Hypothek
    29.04.2020 - Anlässlich des 34. Jahrestages der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl hat das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) im Auftrag des Öko-Energieanbieters Greenpeace Energy die Folgekosten des GAUs allein für Deutschland berechnet.

Quellen (Auszug): nzz.ch, derstandard.at, mensch-und-atom.org, infranken.de/dpa

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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