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10.07.2020 | von Jan Becker

AKW-Brennstoff aus Deutschland? Fehlanzeige

In Lingen befindet sich Deutschlands einzige Fabrik zur Herstellung von Brennelementen für Atomkraftwerke. Beliefert werden zahlreiche Meiler in Europa. Doch hergestellt wird in den letzten Monaten fast nichts.

21.1.2019 - Blockade der ANF Lingen
Foto: contratom/poddig 21.1.2019 - Blockade der ANF Lingen

 

In der Printausgabe der „Lingener Tagespost“ erschien am 8. Juli eine Anzeige des Anlagen-Betreibers Advanced Nuclear Fuels (ANF), der zum französischen Energiekonzern Framatome gehört. Dort heißt es, dass im Juni 2020 ganze zwei Brennelemente hergestellt und „für Kunden in Westeuropa“ ausgeliefert worden seien.

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aus: Lingener Tagespost, 8. Juli

Nach einer (umstrittenen) Kapazitätserweiterung Ende 2009 hat die Anlage die Genehmigung für einen Uranpulverdurchsatz in der Trockenkonversion (ein Herstellungsschritt) von 800 Tonnen pro Jahr, der Uran-Durchsatz in den Bereichen der Brennelementfertigung darf maximal 650 Tonnen pro Jahr betragen. Laut einer Info-Broschüre aus dem Jahr 2014 kann ANF so „circa 1.500 Brennelemente pro Jahr für Druckwasser- und Siedewasserreaktoren weltweit“ fertigen, 2009 waren es über 1.600 Stück. Nach der Vergrößerung der Anlage betrug die jährliche Auslastung im Jahr 2013 nur 39 Prozent, in 2014 immerhin 45 Prozent.

Atomkraftgegner*innen haben nun recherchiert: Normalerweise lag in den letzten Jahren die Anzahl der monatlich ausgelieferten Brennelemente (BE) zwischen 40 und 200. Im Zeitraum Januar bis Juni 2019 wurden insgesamt 545 BE ausgeliefert, im selben Zeitraum 2020 waren es „nur“ noch 304. Die betriebswirtschaftlich gesehen schon „grottenschlechte Auslastung“ ist jetzt also nochmal um knapp 50% eingebrochen. Mit Sicherheit ist das auch um eine Folge der Corona-Pandemie, doch bei diesen extrem niedrigen Produktionszahlen handelt es sich um einen „Trend“, attestieren Atomkraftgegner*innen.

„Ganz offensichtlich ist die Verstromung von Uran nicht mehr zeitgemäß“, so Alexander Vent vom Bündnis AgiEL – Atomkraftgegner*innen im Emsland.

Allein in Deutschland hat nämlich der Anteil der Erneuerbaren an der gesamten Stromproduktion in diesem Jahr bereits ca. 60 Prozent erreicht und der Anteil der Stromerzeugung aus Atomkraft sank kontinuierlich von einst über 30% auf inzwischen „nur noch“ rund 12%.

Bei den katastrophalen Produktionszahlen im Lingener Werk fällt es schwer „zu verstehen, warum sich viele noch an dieser veralteten und umwelt- und zukunftsfeindlichen Technologie festkrallen“, so Vent. Die Atomkonzerne ANF/EdF/Framatome/RWE & Co sollten jetzt „einfach mal loslassen und ihre Anlagen endlich abschalten!“

Lingener Resolution

Während alle Atomkraftwerke in Deutschland bis Ende 2022 abgeschaltet werden müssen, hat das Brennelementewerk eine unbefristete Betriebsgenehmigung. Das stehe im Widerspruch zu einem Atomausstieg, betonen Kritiker*innen seit Jahren und untermauern ihren Protest immer wieder mit Blockaden der Werkszufahrten. Zudem beliefert die Fabrik alte Atomkraftwerke in Europa, deren Weiterbetrieb selbst von der Bundesregierung kritisiert wird. Trotzdem werden neue Lieferung dorthin genehmigt.

Bereits mehr als 350 Initiativen, Verbände und Parteigliederungen aus der Bundesrepublik, aus Belgien und aus den Niederlanden fordern zudem mit der „Lingen-Resolution“ die sofortige Stilllegung der Brennelementefabrik und des Atomkraftwerks in Lingen.

„Mit der Unterzeichnung der Lingen-Resolution können Organisationen im Emsland, aber auch aus anderen Regionen, schnell und einfach verdeutlichen, dass der Weiterbetrieb der Atomanlagen in Lingen nicht hinnehmbar ist“, betont Udo Buchholz vom Arbeitskreis Umwelt (AKU) Gronau und Vorstand des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V.

weiterlesen:

  • Expertise und Antrag
    24.04.2020 - Einen nächsten juristischen Schritt sind jetzt Atomkraftgegner*innen aus dem Münsterland gegangen: Weil die Bundesregierung den Export von deutschem Brennstoff an grenznahe marode Meiler nicht unterbindet, legten sie nun offiziellen Widerspruch dagegen ein.

  • Bundesregierung unterstützt illegalen Reaktorbetrieb
    26.03.2020 - Das Bundesumweltministerium hat den Export von Brennstoff für ausgerechnet die beiden belgischen Atomkraftwerke genehmigt, die illegal betrieben werden.

  • Atomares Business-as-usual in Krisenzeiten
    25.03.2020 - Alle Menschen sind dazu aufgerufen, zuhause zu bleiben. Das öffentliche Leben steht weitestgehend still. Die Atomindustrie hingegen macht trotz aller Risiken einfach weiter wie bisher.

Quellen (Auszug): PM AgiEl, Framatome, atommuellreport.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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