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Von Alaska bis Australien sorgt Atomkraft für großräumige Umwelt- und Gesundheitsschäden, schon lange bevor die erste Kilowattstunde Atomstrom fließt. Drei etwas unbekanntere Beispiele

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Foto: Nunavummiut Makitagunarningit Protest in Nuuk/Grönland 2013

Grönland: Uranbergbau am Rande des Eises

Schon in den 1980er und 90er Jahren gab es Pläne, ein Uranvorkommen in Kvanefjeld, im Süden Grönlands, auszubeuten. Dänemark jedoch – Grönland war damals noch integraler Teil davon – lehnte Atomkraft ab und war auch für ein Uranbergwerk nicht zu haben.

Mit seiner schrittweisen Unabhängigkeit suchte Grönland nach Möglichkeiten einer eigenständigen wirtschaftlichen Entwicklung. Die Ausbeutung von Bodenschätzen rückte in den Fokus. 2013 nahm das grönländische Parlament die „zero-tolerance“-Politik, die absolute Ablehnung von Uranbergbau, zurück.

In Kvanefjeld tritt das Uran als relativ kleine Beimengung in niedriger Konzentration in einem bedeutenden Vorkommen von Seltenen Erden auf. Das Vorkommen befindet sich im Besitz von Greenland Resources Ltd., trotz des Namens ein Unternehmen mit Sitz in Australien. Die zusätzliche Uranausbeute, so der Stand 2013, sollte das Gesamtprojekt unterm Strich wirtschaftlich machen. 2016 stieg ein chinesisches Unternehmen mit ein, das zudem ein Joint Venture mit der Chinese National Nuclear Company (CNNC) einging, die für ihre Bestrebungen bekannt ist, weltweit Uran für chinesische AKW zu akquirieren.

Umweltschutz-Aktive und ein Teil der Inuit-Bevölkerung stehen dem Vorhaben aus Umweltgründen ablehnend gegenüber. Andere erhoffen sich wirtschaftlichen Aufschwung und damit stärkere Unabhängigkeit von Dänemark. Kundgebungen gegen den Uranbergbau fanden sowohl in grönländischen Siedlungen als auch in Dänemark statt.

Die Region um Kvanefjeld beinhaltet wesentliche Kulturdenkmäler. Grönländische Nicht-Regierungs-Organisationen bemühen sich, diese als Weltkulturerbe schützen zu lassen. Das geplante Bergbauvorhaben steht dem allerdings entgegen: Das World Heritage Committee hält Bergbauaktivitäten grundsätzlich für nicht mit einem Schutzstatus als Weltkultur- bzw. Weltnatur-Erbe kompatibel. Die Auseinandersetzung läuft, zumal das Bergbauvorhaben auch bereits bestehende Weltkulturerbe-Stätten in Grönland bedroht.

Aktuell geht das Tauziehen um eine Umweltverträglichkeitsprüfung des Vorhabens weiter: Insbesondere die Frage, wie die Bergbauabfälle – Millionen von Tonnen radioaktiven und giftigen Schlamms – gelagert werden sollen, scheint ungeklärt.

Günter Wippel

Der WHW-Report-2020 als PDF: bit.ly/2VOh2F9


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Foto: Kazatomprom In-Situ-Leaching in Kasachstan

Kasachstan: Weltgrößter Uranförderer

Uran wird in Kasachstan seit den 1950er Jahren abgebaut. Vier Produktionszentren förderten bis zum Zusammenbruch der Sowjet- union rund 70.000 Tonnen – unter strenger Geheimhaltung und ausschließlich unter Tage oder im offenen Tagebau. Der 1997 gegründete Staatskonzern Kazatomprom setzt demgegenüber heute nur noch auf das sogenannte In-Situ-Leach-Verfahren (ISL). Dabei werden über Injektionsbohrungen verdünnte Schwefelsäure, Wasserstoffperoxid oder Ammoniumcarbonat in uranhaltige Schichten gepresst und über eine zweite Bohrung die dadurch gewonnene uranhaltige Lösung an die Oberfläche befördert.

Zwei Regionen Kasachstans eignen sich dafür: Syr-Darya im Süden mit den weltweit größten Uranlagerstätten und Chu-Sarysu, 500 Kilometer weiter nördlich. Weil die ISL-Förderung keine strahlenden Abraumhalden hinterlässt, stuft Kazatomprom den Uranabbau als unproblematisch ein. Wissenschaftler*innen sehen das anders: „Dort, wo die Technik angewendet worden ist, wurde das Grundwasser nahezu überall extrem verschmutzt“, betont Gavin Mudd, Professor für Umwelttechnologie am Königlichen Institut für Technologie im australischen Melbourne. „An einigen Standorten hat die Verschmutzung die Trinkwasserversorgung über große Entfernungen beeinträchtigt.“ Aus Kasachstan selbst, das in der Weltrangliste der Pressefreiheit auf einem der hintersten Plätze rangiert, dringt Kritik am Uranbergbau nicht an die Öffentlichkeit.

Im Jahr 2018 war das Land mit einem Anteil von 40,5 Prozent an der weltweiten Uranproduktion der mit Abstand wichtigste Uranlieferant. Seit 2009 nimmt es diese Spitzenposition ein, wobei die großen Atomkonzerne der Welt an den Geschäften beteiligt sind: Areva/Orano mit einem 51 Prozent-Anteil am Uranbergwerk Tortkuduk (Chu-Sarysu), die chinesische CNNC mit 49 Prozent an den Minen Irkol und Semizbai, die kanadische Cameco und auch die russische Rosatom über ihre Tochter Uranium One. Das Beispiel Kasachstan belegt, wie sehr Uranbergbau ein weltweit verflochtenes Geschäftsmodell ist.

Weil der Uranpreis aber seit der Fukushima-Katastrophe im Keller ist, hat Kazatomprom die Produktion 2017 um fünf und 2018 um weitere 20 Prozent gedrosselt. Während der Corona-Krise ist der Börsenpreis erstmals seit 2016 wieder auf über 30 US-Dollar gestiegen. Das ist immer noch weit von den 40 bis 70 US-Dollar entfernt, die vor Fukushima erzielt wurden. Kasachstan gehört zu den wenigen Ländern, in denen bei diesen Preisen überhaupt noch wirtschaftlich Uran gefördert werden kann.

Horst Hamm


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Foto: Shilpa Suraj / Flickr Selous Naturschutzgebiet

Tansania: Die Folgen von Fukushima

Der afrikanische Kontinent war seit jeher immer wieder Ziel von Uranressourcen-Explorationen. Die Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011 jedoch ließ die Nachfrage einbrechen, Investitionen in den strahlenden Rohstoff sind seither weniger rentabel. Die Folgen sind unübersehbar: In Namibia etwa, einem der großen uranproduzierenden Staaten Afrikas, ging die Uranproduktion im Uranbergwerk Langer Heinrich angesichts geringer Preise erst zurück und wurde 2018 schließlich auf unbestimmte Zeit ganz eingestellt. In der Kayelekera-Mine in Malawi passierte das schon 2014. Zuletzt verkündete der französische Konzern Orano/Areva die endgültige Aufgabe der Uranmine Akouta in Niger. Sorgenvoll blicken nationale wie internationale Beobachter*innen auf die Probleme der Sanierung der Minengelände und die kostenintensive Begleitung der Langzeitfolgen des Bergbaus: Angesichts sinkender Einnahmen im Uransektor liegt es nahe, dass Konzerne sich der „Ewigkeitskosten“ ihrer Hinterlassenschaften möglichst früh entledigen wollen. Beispiele für unzureichend sanierte Uranhalden gibt es weltweit, die größten unter ihnen in Südafrika und Namibia.

Uranabbau in Tansania
Doch nicht nur in den seit langem bestehenden Abbauregionen in Südafrika, Namibia und Niger lässt sich ein Auf und Ab der Konjunktur der globalen Atomindustrie nachvollziehen. Auch an ihren äußersten Rändern wirken sich schwankende Zukunftsaussichten bei der Erschließung neuer Uranvorkommen aus. Tansania in Ostafrika ist hierfür ein eindrückliches Beispiel. Angeregt durch die Idee einer „nuklearen Renaissance“ der 2000er Jahre führte eine Spekulationsblase zur Uransuche in verschiedenen Landesteilen. Hierbei konnte auf Uranprospektionen früherer Jahrzehnte zurückgegriffen werden. Am bekanntesten sind seither die Explorationen im zentraltansanischen Bahi und das südlich gelegene Mkuju River Projekt (MRP). In Bahi sind Ackergründe und Weideflächen eines ökologisch empfindlichen Gebietes bedroht und das MRP befindet sich im Selous Naturschutzgebiet, dessen UNESCO-Weltnaturerbe-Status bedroht ist. Seit dem Preissturz nach 2011 ist nur vom MRP, das der russische Staatskonzern Rosatom übernommen hat, noch vereinzelt zu hören; der Uranabbau dort soll frühestens 2022 beginnen. Andere Uran-Projekte wären aber bei veränderter Marktlage reaktivierbar.

EU-Hilfe zum Einstieg ins Urangeschäft
Und Tansania bereitet sich weiter auf den Einstieg in den Uranhandel vor. Die EU-Kommission finanzierte Beratungsleistungen im Rahmen des „Instruments für Zusammenarbeit im Bereich der nuklearen Sicherheit“. Im Vordergrund des europäischen Engagements steht die Ausfuhr von Urankonzentrat über einen Seehafen, der den internationalen Standards für den Transport radioaktiver Fracht entspricht. Die EU ist somit an der logistischen Vorbereitung zum tansanischen Einstieg in das Urangeschäft aktiv beteiligt.

Letztlich hängt die Urannachfrage von Betrieb und Zukunft der weltweiten Reaktorflotte ab. Laufen die AKW weiter, werden nach und nach auch neue Bergwerke öffnen. Doch nicht nur unter ökonomischen Aspekten sind die geplanten Minen umstritten. Auch in den lokalen Gemeinden und von Seiten tansanischer wie internationaler Menschenrechtsorganisationen und Umweltaktivist*innen regt sich seit längerem Widerstand. „Um den Uranbergbau hier in Tansania langfristig zu verhindern, bräuchten wir ein weiteres Fukushima“, drückt es ein tansanischer Menschrechtsaktivist und Uranbergbaugegner aus, der aufgrund der angespannten Situation für zivilgesellschaftliche Akteure in Tansania anonym bleiben will. Aus der bewusst sarkastischen Bemerkung des langjährigen und unermüdlichen Aktivisten spricht auch eine gewisse Resignation vor den globalen Verhältnissen. Natürlich wünscht er niemandem eine weitere Reaktorkatastrophe – doch haben erst die Auswirkungen der Havarie in Japan für eine zwischenzeitliche Entspannung der Konflikte um die Erschließung bislang unangetasteter Uranvorkommen gesorgt. Das bedeutet: Ein gemeinsames „Keep it in the ground“ von Klima- und Anti-Atom-Bewegung könnte das Potenzial haben, Orte mit bekannten Uranvorkommen vor den ökologischen und sozialen Desastern des Uranbergbaus zu bewahren – nicht nur in Tansania.

Patrick Schukalla

Dieser Artikel erschien erstmalig im .ausgestrahlt-Magazin 48 (Aug/Sept/Okt 2020)


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  • „Die Leute wissen oft nicht, was auf sie zukommt“
    21.08.20: Uranabbaugegner Günter Wippel über den Kampf gegen die Uranindustrie, das Unwissen um die Folgen des Uranabbaus und die unerfreuliche Rolle der EU, speziell in Afrika
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