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Foto: BConleth Brady / IAEA

Lange bevor die erste Kilowattstunde Atomstrom fließt, sorgt Atomkraft rund um den Globus bereits für Berge an strahlenden Abfällen, Unmengen kontaminiertes Wasser und weiträumige Umwelt- und Gesundheitsschäden – durch Abbau und Aufbereitung des Uranerzes

Der Krebs kommt schleichend, unsichtbar. Er weht als radioaktiver Staub von den Halden der Uranbergwerke herüber, von den Sandkippen der Uranmühlen, er dringt als radioaktives Gas aus Stollen und Gruben und den Schlammteichen der Uranerzaufbereitungsanlagen aus. Uran ist ein radioaktives, giftiges und erbgutveränderndes Schwermetall. Es ist die einzige bekannte natürlich vorkommende Substanz, die zu einer Kernspaltungs-Kettenreaktion fähig ist. Alle laufenden Atomreaktoren und alle Atomwaffen nutzen Uran oder mit Hilfe von Uran erbrütete Elemente als Brenn- beziehungsweise Explosivstoff.

Der Urangehalt von Uranerz liegt in der Regel zwischen 0,1 und 1 Prozent, bisweilen sogar nur bei 0,01 Prozent. Um eine einzige Tonne Uran zu gewinnen, müssen also zwischen 100 und 10.000 Tonnen Erz gelöst, gefördert und aufbereitet werden. Je nach Lagerstätte wird der Rohstoff entweder bergmännisch in Bergwerken, oberirdisch in Tagebauen oder durch Einpressen von mit Chemikalien versetzten Säuren und Laugen in den Untergrund gefördert, die dort das Metall lösen und mit diesem wieder nach oben gepumpt werden – die sogenannte „In-Situ-Laugung“. Alle diese Techniken führen dazu, dass strahlende und giftige Stoffe, die sonst weitgehend im Berg oder Boden eingeschlossen sind, in großen Mengen in die Umwelt gelangen.

Uranabbau auf indigenem Territorium

Weil die meisten Uranerzlagerstätten auf dem Gebiet indigener Völker liegen, waren und sind diese besonders häufig von den Auswirkungen des Uranabbaus betroffen: die Native Americans in Kanada und den USA, die Aborigines in Australien, die Tuareg, Nuba, Herero und Zulu in Afrika, die Adivasi in Indien, die Uiguren in China, die Jakuten in Sibirien, die Shuar in Ecuador, die Yanomami in Venezuela und Brasilien, die Samen in Lappland und viele andere. Uranabbau bedeutet für sie auch Landverlust an die Urankonzerne, mit allen sozial negativen Folgen – siehe Seite 9 und 11.

Weltweit sind die reichhaltigen und gut zugänglichen Uran-Lagerstätten bald erschöpft. Mit sinkendem Urananteil steigt aber in der Regel der Aufwand zur und die Umweltschäden bei Gewinnung des Atombrennstoffs: Immer größere Gesteinsmassen müssen gehoben, zerkleinert und durchspült werden, um dieselbe Menge Uran zu gewinnen. Und immer größere Gesteinsmengen liegen am Ende auf Halde, als strahlender Abraum oder als sogenannte Tailings: Das sind die zu Sand zermahlenen, von Chemikalien durchtränkten Erzreste, die Rückstände der Uranerzaufbereitung, die als giftiger und radioaktiver Schlamm in große Becken gespült oder zu sandigen Hügeln aufgehäuft werden. Diese Schlammseen bedrohen das Grundwasser, bisweilen sogar die Trinkwasserversorgung von Millionenstädten, oder sie trocknen und stauben vor sich hin – auch das eine beständige Quelle radioaktiver Emissionen.

Die Sanierung solcher Altlasten ist kostspielig und schwierig, und weil sie nur Ausgaben bedeutet und keinen Gewinn mehr verspricht, unterbleibt sie allzu oft ganz. In Frankreich deckte eine Umweltorganisation mehrere Hundert ungesicherte strahlende Deponien auf. Der staatliche Atomkonzern Areva hatte rund 166 Millionen Tonnen radioaktiven Abraum aus seinen Uranminen als Füllmaterial für Bauarbeiten über das Land verteilt: auf Fußballfelder, Parkplätze, Grünanlagen, Bauplätze. Die Umweltschützer*innen maßen bis zu 500-fach erhöhte Strahlenwerte. Die USA erklärten ihre ehemaligen Uranabbaugebiete im mittleren Westen einst kurzerhand zu „national sacrifice areas“, nationalen Opferlandschaften. Und selbst in wohlhabenden Ländern wie Deutschland, wo die staatliche Wismut GmbH seit drei Jahrzehnten und mit Milliardenaufwand, finanziert aus Steuergeldern, damit beschäftigt ist, die Hinterlassenschaften des sowjetisch-deutschen Uranbergbaus in Sachsen und Thüringen zu sichern, zu sanieren und unschädlich zu machen, gelingt dies nur zum Teil und mit Einschränkungen – siehe Seite 10.

Der weltweite Uranmarkt pendelt dem Uranpreis hinterher: Steigt letzterer, wird der Abbau auch ärmerer Lagerstätten lohnender, die Suche nach neuen Abbaugebieten boomt, so wie zuletzt 2007, als das Pfund Urankonzentrat – der gelben Farbe wegen „yellow cake“ genannt, siehe Titelbild – kurzzeitig für 130 Dollar gehandelt wurde. Minenprojekte zu starten aber braucht viel Zeit; mitunter ist der Abbau dann schon nicht mehr wirtschaftlich. Aktuell notiert der Preis bei um die 30 Dollar pro Pfund, etliche Minen und Uranabbau-Projekte liegen deshalb vorerst auf Eis. Allerdings konnten die aktiven Uranminen den globalen Bedarf seit 1988 in keinem Jahr mehr decken. Den fehlenden Brennstoff bezogen die Atomkraftwerksbetreiber bisher aus zivilen und militärischen Lagerbeständen. Doch auch diese gehen langsam zur Neige. Ob ein neuer Uran-Boom droht oder der Uranpreis weiterhin niedrig bleibt, hängt vor allem davon ab, wie sich die weltweite Reaktorkapazität entwickelt: Bekommen viele AKW Laufzeitverlängerungen zugestanden, wird die Nachfrage nach Uran hoch bleiben. Gehen die zahllosen älteren AKW in den nächsten Jahren vom Netz, bleibt der Preis – und damit der Druck, neue Minenprojekte zu starten – eher niedrig.

Die Hälfte der Welt-Uranproduktion liegt in der Hand von lediglich vier großen Bergbauunternehmen. Mehr als zwei Drittel des Urans kommt aus politisch instabilen und/oder von autoritären Regimen beherrschten Ländern wie Kasachstan, Niger, Namibia, Russland, Usbekistan, China und der Ukraine.
Internationale Bergbaukonzerne profitieren von der politisch und/oder wirtschaftlich labilen Lage in einem Gros der Abbauregionen. Arbeitsschutz- und Umweltschutzstandards sind oft haarsträubend niedrig. Viele Minen, aus denen auch das Uran für die hiesigen Atomkraftwerke kommt, dürften hierzulande so nie betrieben werden. Und wie so oft beim Thema Atom bleiben auch beim Abbau der strahlenden Rohstoffe die Folgekosten im Zweifel an der Allgemeinheit hängen.

Mondlandschaften und Gesundheitsschäden

Die angeblich „saubere“ Atomenergie erzeugt schon am Anfang einen gigantischen Haufen strahlenden Müll: radioaktiven, giftigen Schlamm, der das Grundwasser bedroht, die Luft verseucht, die Bevölkerung verstrahlt. Sie hinterlässt schon vor Produktion der ersten Kilowattstunde Atomstrom radioaktive Mondlandschaften. Und sie fordert gleich zu Beginn Zehntausende von Opfern – Arbeiter*innen, die im radioaktiven Staub von Minen und Gruben ihre Gesundheit oder gar ihr Leben verlieren. Der Grund für all dies heißt: Uran.

Wer Leid, Umwelt- und Gesundheitsschäden durch den Uranbergbau verhindern will, der muss vor allem eins: aus der Atomkraft aussteigen. Je schneller, desto besser.


Mehr Infos

Urananreicherung und -konversion

Nur 0,7 Prozent des gewonnenen Urans ist tatsächlich spaltbares Uran-235. Für Brennstoffe herkömmlicher AKW muss dieser Spaltstoffanteil auf 3 bis 5 Prozent erhöht werden. Dies geschieht in Urananreicherungsanlagen, etwa in Gronau. Diese können nur gasförmiges Uran verarbeiten, weswegen das Urankonzentrat zuvor in Konversionsanlagen in Uranhexafluorid (UF6) verwandelt wird. Solche Anlagen stehen etwa in Frankreich oder Großbritannien, weswegen laut Statistik das meiste in Deutschland verwendete Uran von dort kommt.

Uran-Atlas

Ausführliche Informationen, Daten, Fakten und Infografiken zum Uranabbau findest Du im Uran-Atlas, einem Kooperationsprojekt von Le Monde diplomatique, Nuclear Free Future Foundation, Rosa-LuxemburgStiftung und BUND. Bestellung im ausgestrahlt-Shop

Dieses Interview erschien erstmalig im .ausgestrahlt-Magazin 48 (Aug/Sept/Okt 2020)


weiterlesen:

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Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. Als freiberuflicher Journalist und Buchautor verfasst er für .ausgestrahlt Broschüren, Interviews und Hintergrundanalysen.

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