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02.09.2020 | von Jan Becker

Stürmische Zeiten für Atomkraftwerke

Hitzewellen, Überschwemmungen, Hurrikans: Der Klimawandel macht den Atomkraftwerken zu schaffen. Experten warnen, dass einige Standorte „langfristig in Schwierigkeiten geraten“. Erneuerbare Energien boomen hingegen und werden uns die künftige Stromversorgung sichern.

 

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Ein Blick auf die Zukunft in Deutschland: Viel Wind im Norden und in der Mitte Deutschlands sowie strahlender Sonnenschein im Süden haben am 26. August für einen neuen Höchstwert bei der Erzeugung erneuerbarer Energien gesorgt. Sturmtief Kirsten sorgte für mehr als 60 Gigawatt an PV- und Windstrom, laut Zahlen der Energy Charts des Fraunhofer ISE sind das, über den gesamten Tag gesehen, errechnet mehr als 75 Prozent der Nettostromerzeugung. Der Energiekonzern Eon geht bereits jetzt für 2020 von einem neuen Ökostrom-Rekordjahr aus.

Bei den Atomkraftwerken sieht es hingegen schlecht aus:

Auf dem Weg des Hurrikan Laura in den USA lagen vergangene Woche auch mehrere Atomkraftwerke: Waterford und SouthTexasProject. Während zehntausende Menschen aus den betroffenen Gebieten flohen, wurden in den AKW Schutzmaßnahmen eingeleitet, zusätzliches Material bereit gestellt, die US-Atomaufsicht beobachtete die Situation aufmerksam. Am Ende ging (wohl) alles gut, der Sturm habe „keinen signifikanten Einfluss“ auf die Anlagen gehabt, schreibt die US Nuclear Regulatory Commission NRC. Einmal mehr Glück gehabt.

Die US-Ratingagentur Moody's warnte unterdessen davor, dass dutzende US-AKW – fast die Hälfte der operativen Atomkraftwerkskapazität des Landes – in den nächsten 10 bis 20 Jahren aufgrund von Überschwemmungen, Hurrikans, Hitze und anderen Auswirkungen des Klimawandels „wachsenden Kreditrisiken ausgesetzt seien“. Die Folgen des Klimawandels könnten „jeden Aspekt des Betriebs betreffen“, von der Handhabung von Brennstoffen über die Strom- und Dampferzeugung bis hin zu Wartung der Sicherheitssysteme oder des Umgangs mit dem Atommüll, warnte Moody's. Die Schwere dieser Risiken werde „je nach Region unterschiedlich sein“.

Hitze mache AKWs zu schaffen

Die Sommer werden wärmer, damit steigen auch die Temperaturen der Flüsse, aus denen die Meiler ihr Kühlwasser beziehen. Damit diese gigantischen Mengen, die erwärmt wieder in den Fluss zurückgeleitet werden, deren Ökosysteme nicht völlig zerstören, wurden Grenzwerte festgelegt. Steigt die Temperatur höher, muss das betroffene Kraftwerk gedrosselt bzw. vom Netz. Ausnahmegenehmigungen sind dabei die Regel, aktuell nicht so in Frankreich: Wegen der Dürre musste schon das dritte AKW für einige Wochen abschalten.

Dieses Problem für die Versorgungssicherheit betrifft etliche Meiler auch in Deutschland seit Jahren, zum ersten Mal gehört aber das französische AKW Chooz mit zwei 1.500 Megawatt-Reaktoren dazu. Es wurde am 24. August vollständig abgeschaltet. Sein Kühlwasser bezieht dieses Kraftwerk aus der Maas, die als Folge der anhaltenden Trockenheit im Sommer immer weniger Wasser führt. Der Standort könne so „langfristig in Schwierigkeiten geraten“, prognostiziert die französische „Le Monde“.

Erhebliche Sturmschäden in US-AKW

Kurzfristige und weitreichende Auswirkungen hatten Umwelteinflüsse am 10. August auf das US-AKW Duane Arnold-1, baugleich mit den havarierten Meilern von Fukushima. Ein starker Sturm beschädigte den Kühlturm, so dass eine umfangreiche Reparatur nötig gewesen wäre. Wegen der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit des Kraftwerks infolge eines Überangebots an Erdgas und Windenergie im Nordwesten der USA sollte Duane Arnold eigentlich Ende 2020 vom Netz gehen. Diese endgültige Stilllegung wurde nun vorgezogen.

Während die Erneuerbaren Energien - trotz aller politischen Bemühungen, ihren erfolgreichen Ausbau zu bremsen - weiter Rekorde verbuchen, ist Atomenergie ein Auslaufmodell. Ein gefährliches allerdings, das uns nicht nur die tägliche Gefahr schwerer Unfälle beschert, sondern auch noch tausende Jahre strahlenden Atommüll hinterlässt.

Zu recht stellt die Journalistin Annika Joeres also die Frage: „Wieso nochmal können Atom-Lobbyisten in vielen Medien gerade für Atomenergie in der Klimakrise werben?“

weiterlesen:

  • Debatte um Atomkraft: Der Atommüll bleibt
    27.04.2020 - Ausgerechnet am neunten Jahrestag der Fukushima-Katastrophe schreibt der MDR: „Die Kernkraft ist in Europa wieder gefragt“. CSU-Chef Söder fordert parallel ein „neues Energiekonzept für Deutschland“ - und stellt damit den Atomausstieg in Frage. Doch die Realität heißt: Über Jahrtausende hochgefährlicher Atommüll mit einem fehlenden langfristigen Lagerungskonzept.

  • Atomkraft: Irrweg in der Klimakrise
    23.03.2020 - Im Zuge der Klimakrise ist die Atom-Debatte neu entfacht. Im Internet, aber auch in der Presse ist die Diskussion geprägt von Fehlinformationen. Wir erläutern ausführlich, warum Atomkraft kein Ausweg aus der Krise ist, sondern nachhaltigen Klimaschutz sogar verhindert.

  • Atomkraft verliert weiter an Relevanz
    24.09.2019 - 40 Jahre nach dem schweren Unfall im US-AKW Harrisburg ist der letzte Meiler am Standort endlich vom Netz. Aus wirtschaftlichen Gründen, jahrelang schrieb er rote Zahlen. Das ist kein Einzelfall, sondern mit ein Grund, weshalb Atomkraft kein Klimaretter sein kann.

Quellen (Auszug): solarify.eu, spglobal.com, vrt.be, lemonde.fr, iwr.de, twitter.com/EvaStegen

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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