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24.09.2019 | von Jan Becker

Atomkraft verliert weiter an Relevanz

40 Jahre nach dem schweren Unfall im US-AKW Harrisburg ist der letzte Meiler am Standort endlich vom Netz. Aus wirtschaftlichen Gründen, jahrelang schrieb er rote Zahlen. Das ist kein Einzelfall, sondern mit ein Grund, weshalb Atomkraft kein Klimaretter sein kann.

Zustandsanalyse weltweiter AKW
Foto: worldnuclearreport.org Zustandsanalyse der weltweiten Atomindustrie

Am 28. März 1979 war das Atomkraftwerk „Three Mile Island 2“ nahe der US-Stadt Harrisburg gerade drei Monate in Betrieb. Eine Reihe technischer Fehler und menschliches Versagen führten zu dramatischem Kühlmittelverlust und einer Wasserstoffexplosion im Reaktordruckbehälter. Um eine weitere Explosion zu verhindern, wurden radioaktive Gase, Dampf und Wasserstoff in die Umwelt abgegeben. Erst 36 Stunden später forderten Regierungsstellen die Menschen innerhalb eines 10-Meilen-Umkreises um den Reaktor auf, ihre Häuser nicht zu verlassen. Es folgte die Evakuierung von Kindern und schwangeren Frauen im Umkreis von fünf Meilen. Aus Angst vor der Strahlung flohen 200.000 Menschen aus dem Gebiet um Harrisburg.

Drei Jahre später gelang es erstmals, mit einer ferngesteuerten Kamera im Inneren des Reaktorbehälters zu fotografieren. Fachleute waren entsetzt: Statt Brennelemente sahen sie nur eine tiefe, schwarze Höhle - mindestens die Hälfte des Brennstoffs im Kern war geschmolzen. Durch die Abgabe der Radioaktivität in die Umgebung konnte noch Schlimmeres verhindert werden: Wäre es zum Super-Gau mit einer Explosion und massiver Freisetzung des Inventars gekommen, hätte dies weite Teile einer der bevölkerungsreichsten und wirtschaftsstärksten Landstriche der USA womöglich dauerhaft unbewohnbar gemacht. Die gesundheitlichen Folgen des bis heute schlimmsten Reaktorunfalls in der Geschichte der USA wurden nie abschließend aufgearbeitet.

Wegen der hohen Strahlung kann der havarierte Block 2 bis heute nicht betreten werden. Die Aufräumarbeiten wurden 1993 sogar abgebrochen und sollen erst im Zusammenhang mit dem Abriss von Block 1 fortgesetzt werden. Dieser nahm sechs Jahre nach dem Unfall wieder den Betrieb auf. Ursprünglich war geplant, den Reaktor im April 2014 vom Netz zu nehmen. Ende 2009 gab die Nuclear Regulatory Commission (NRC) bekannt, dass die Betriebserlaubnis bis 2034 gelte.

Wegen der vergleichsweise hohen Produktionskosten pro Megawattstunde gelang es dem Betreiber Exelon 2015 allerdings nicht, sich auf dem umkämpften US-Strommarkt gegen billiges Gas und Erneuerbare Energien zu behaupten und Lizenzen für die künftige Einspeisung ins Netz über 2018 hinaus zu erwerben. Seit Jahren schrieb die Anlage rote Zahlen, schon öfter gab es Gerüchte über eine vorzeitige Schließung. Am 20. September wurde der Meiler nun endgültig stillgelegt. Der Abriss soll allerdings erst im Jahr 2074, also ein Jahrhundert nach Inbetriebnahme, beginnen.

Stilllegung ist kein Einzelfall

Die vorzeitige Stilllegung von Three Mile Island-1 ist kein Einzelfall. In den USA gab es massive Lobbykampagnen der Atom-Konzerne, um ihre Reaktoren mit staatlicher Unterstützung zu retten - was aber weitgehend misslang. Allein Exelon könnte sechs weitere Reaktoren wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit stilllegen, der Betreiber FirstEnergy vier Meiler.

Atomenergie ist „schlicht zu schwerfällig und teuer, um als Alternative für den Klimaschutz konkurrenzfähig zu sein“, so Mycle Schneider, Herausgeber des aktuellen „World Nuclear Status Report“.

Diese Studie analysiert einmal im Jahr die Atombranche und kommt auch 2019 zu einem deutlichen Ergebnis: Neben fehlender Wettbewerbsfähigkeit und roten Zahlen sind Sicherheitsrisiken und zunehmendes Alter der Grund dafür, dass Atomenergie weltweit an Relevanz abnimmt.

Atomenergie macht insgesamt nur noch rund zehn Prozent des globalen Strommixes aus, knapp 7,5 Prozentpunkte weniger als zur Hochzeit der Technologie im Jahr 1996. Dieser „Bedeutungsverlust“ dürfte sich laut Schneider fortsetzen: 80 der 417 aktiven Reaktoren seien älter als 41 Jahre und hätten somit das von Herstellern anvisierte Betriebsalter überschritten. Weitere 192 AKW sind der Studie zufolge mindestens 31 Jahre alt. Neu gebaut würden nur 46 Reaktoren, 27 der Projekte dürften länger dauern als geplant (und würden damit deutlich teurer).

Neue Atomkraftwerke würden sich auch nur dann rechnen, wenn deren Erbauer staatliche Subventionen erhielten. Die Kosten für den Bau belaufen sich auf mindestens 112 Dollar pro Megawattstunde. Bei Fotovoltaikanlagen seien es nur mindestens 36 Dollar, bei Windanlagen an Land sogar teils nur 29 Dollar.

„Erwartungen, die Atomkraft könne als CO2-schwache Energieform eine Renaissance erleben, lassen sich nicht bestätigen“, so Schneider.

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Quellen (Auszug): n-tv.de, de.wikipedia.org, spiegel.de, worldnuclearreport.org

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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