Atomkraft in der Ukraine

02.03.2022 | Anna Stender
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Der Kampf der Ukraine gegen die Invasion durch Putins Streitkräfte ist dieser Tage das alles beherrschende Thema in den Medien. Auch die Atomkraftwerke des Landes sind immer wieder in den Schlagzeilen. Ein kurzer Überblick über die Atomenergie in der Ukraine.

Während in Deutschland nach und nach der Atomausstieg vollzogen wird, setzt die Ukraine weiter auf Atomkraft. Europas leistungsstärkstes AKW mit einer Leistung von insgesamt 5.700 Megawatt steht in Saporischschja in der Ukraine. Sechs der 15 ukrainischen Reaktoren laufen dort, gerade einmal 200 Kilometer westlich von Donezk, das schon seit Jahren Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine ist. Landesweit deckt die Atomenergie  gut 50 Prozent des Strombedarfs, und ein weiterer Ausbau ist geplant.

1986: Super-GAU in Tschernobyl

Im Norden der Ukraine, im damals russischen Tschernobyl, kam es am 26. April 1986 zum Super-GAU in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl; die radioaktive Wolke zog über ganz Europa. Die Strahlung ruinierte das Leben und die Gesundheit von Millionen. Neben den 600.000 bis 800.000 Liquidator*innen, die mit Schaufeln und bloßen Händen den radioaktiven Schutt beiseite räumten, traf es die Bewohner*innen der besonders stark verstrahlten Gebiete in Weißrussland, Russland und der Ukraine am schlimmsten. Doch auch im übrigen Europa waren und sind die Schäden gravierend: Nach Angaben der IPPNW sind in Europa bis 2056 etwa 240.000 zusätzliche Krebsfälle wegen Tschernobyl zu erwarten. Daneben waren besonders die Kinder besonders betroffen: In den Monaten nach dem Super-GAU war in ganz Europa nicht nur die Zahl der Fehlbildungen, sondern auch die Zahl der Totgeburten und die Säuglingssterblichkeit deutlich erhöht. Zehn Jahre nach der Reaktorkatastrophe waren 70 Prozent der Kinder in den Gebieten rund im Tschernobyl nicht mehr gesund. Auch die psychologischen, sozialen und ökologischen Folgen wirken bis heute nach.

Umso erstaunlicher ist es, dass die Gefahren der Atomenergie in der Diskussion in der Ukraine offenbar keine Rolle mehr spielen. Bereits im Oktober 1993 wurde das 1990 vom Parlament beschlossene Moratorium für den Neubau von AKWs wieder aufgehoben.

Die Blöcke 1 bis 3 des Atomkraftwerks Tschernobyl wurden zwischen 1991 und 2000 nach und nach abgeschaltet. Doch das gerade einmal zwei Autostunden von der Hauptstadt Kiew entfernte Tschernobyl ist auch heute noch eine Gefahr – das gilt umso mehr in Kriegszeiten. Nachdem der 1986 provisorisch gebaute „Sarkophag“ zerfiel und die Bevölkerung nicht mehr schützte, wurde 2016 das „New Safe Confinement“ fertiggestellt, das auf eine Lebenszeit von 100 Jahren ausgelegt ist. In den dafür eingerichteten Chernobyl Shelter Fund zahlten 45 Staaten und Organisationen insgesamt 1,6 Milliarden Euro ein. Alleine von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE), dem größten Einzelspender, kamen mehr als 300 Millionen.

Auf dem Gelände des AKW Tschernobyl befinden sich außerdem zwei Zwischenlager: Ein Nasslager sowjetischer Bauart, das 1986 in Betrieb ging und in dem die Brennelemente aus den Blöcken 1 bis 3 des AKW Tschernobyl eingelagert wurden. Ein Trockenlager („Castor-Garagen“) ging 2021 in Betrieb. Hier sollen die Brennelemente aus dem Nasslager und abgebrannte Brennelemente aus drei der vier anderen ukrainischen Atomkraftwerken 100 Jahre lang gelagert werden. Bisher stehen dort knapp 1.700 abgebrannte Brennelemente (Stand: Januar 2022).

Langer Weg aus der Abhängigkeit

Die Ukraine versucht seit Jahren, ihre Abhängigkeit von russischem Öl, Gas und Atombrennstoff zu reduzieren. Russland beteiligte sich nicht nur an einer Modernisierung der ukrainischen AKW, die allesamt noch aus Sowjetzeiten stammen, sondern lieferte auch Brennelemente und nahm den entstandenen Atommüll jahrzehntelang wieder zurück. Nach anfänglichen Kompatibilitätsproblemen bezieht die Ukraine inzwischen 60 Prozent der Brennstäbe für ihre Reaktoren vom US-Atomkonzern Westinghouse (Stand: Februar 2021). Der Rest kommt vorerst weiter von TVEL aus Russland, wobei Westinghouse und Energoatom auch Brennstäbe für die übrigen ukrainischen Reaktoren entwickeln wollen.

Laufzeitverlängerungen und Expansionspläne

Eigentlich hätten 12 der 15 Atomreaktoren zwischen 2010 und 2020 mit dem Ablauf der geplanten Laufzeit vom Netz genommen werden müssen. Stattdessen verlängerten die staatliche Regulierungsbehörde, der Staatskonzern Energoatom, der alle AKW betreibt, und die Regierung die Laufzeit der Meiler, teilweise sogar um 20 Jahre. Kraftwerke, die für eine Lebensdauer von 30 Jahren gebaut worden waren, sollen also nun erst nach 50 Jahren vom Netz genommen werden. Nach dem Reaktorunfall von Fukushima wurden auch für die ukrainischen AKW sogenannte „Stresstests“ durchgeführt. Die daraufhin ausgesprochenen Empfehlungen für ergänzende Sicherheitsmaßnahmen wurden bis heute nicht vollständig umgesetzt. Insgesamt wurden in den letzten Jahren 1,45 Milliarden Euro in die alten Reaktoren investiert; davon kamen 600 Millionen von der EBWE sowie der EURATOM. Doch trotz dieser immensen Ausgaben steigen die Risiken, da der Austausch wichtiger und hoch beanspruchter Kraftwerkskomponenten wie etwa des Reaktordruckbehälters nicht vorgesehen ist.

Gleichzeitig plant die Ukraine den Bau weiterer Reaktoren. Energoatom hat einen massiven Ausbau der Atomenergie angekündigt und will die Gesamtkapazität von aktuell knapp 14 Gigawatt auf 24 Gigawatt erhöhen. Erreicht werden soll dies durch die Fertigstellung der Reaktoren Chmelnyzkyj 3 und 4 und den Bau weiterer Reaktoren, darunter auch SMR des US-Unternehmens Holtec International. Den überschüssigen Strom will die Ukraine in die Europäische Union exportieren. Die Bauarbeiten bei den Reaktorblöcken Chmelnyzkyj 3 und 4, die in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre begannen, standen seit 1990 still. Nachdem die Verträge über die Fertigstellung von ukrainischer Seite aufgekündigt wurden, ist das Projekt aufgrund einer Verordnung von Präsident Wolodimir Selenskyj zwar offiziell zwar wieder im Bau, doch tatsächlich scheint auf der Baustelle nicht viel zu passieren. Auch weitere Reaktoren könnten an diesem Standort entstehen. Im August 2021 unterzeichneten Selenskyj und Westinghouse ein Memorandum über den Bau von bis zu fünf Kraftwerksblöcken. Was angesichts des Krieges aus diesen Plänen wird, ist derzeit nicht abzusehen.

Störfälle und Kriegsgefahren

Immer wieder finden sich in der ukrainischen Presse Berichte über Störfälle in den AKW. Schon in friedlichen Zeiten ist es gefährlich, auf Atomkraft zu setzen. Und Putins Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 zeigt, wie sich diese Gefahr in geopolitisch instabilen Zeiten potenziert:

  • Bei Schäden oder starken Spannungsschwankungen im Hochspannungsnetz oder gar einem Ausfall der Stromversorgung muss ein AKW vom Stromnetz getrennt und kontrolliert heruntergefahren werden. Es muss sich dann zunächst im Inselbetrieb selbst versorgen, also nur noch genau so viel Strom erzeugen, wie es selber verbraucht, unter anderem für Sicherheitsleittechnik und vor allem die Kühlwasserpumpen. Dieser „Lastabwurf auf Eigenbedarf“ ist fehleranfällig und gelingt längst nicht immer. Dann muss das Kraftwerk notabgeschaltet werden und ist von da an auf die Notstromdiesel angewiesen. Auch diese sind störanfällig und brauchen zudem große Mengen Diesel – der in Kriegszeiten knapp sein könnte.
  • Kein AKW ist gegen direkten Beschuss geschützt. Dass die russische Armee gezielt Schäden an ukrainischen AKW herbeiführen will, ist zwar eher unwahrscheinlich, weil eine radioaktive Wolke nicht nur die Ukraine, sondern höchstwahrscheinlich auch Russland selbst kontaminieren würde. Fehlschüsse, zufällige Treffer und Unterbrechung der Stromversorgung durch Kampfhandlungen sind aber alles andere als ausgeschlossen. Auch Atommüll-Lager, insbesondere mit hochradioaktiven abgebrannten Brennelementen, könnten bei Beschädigung große Mengen radioaktiver Stoffe freisetzen.
  • Denkbar sind auch Terrorangriffe und Sabotage: Bereits 2015 musste ein AKW notabgeschaltet werden, weil das Stromnetz aufgrund der Sprengung von Hochspannungs-Masten in der Krim-Region durch Separatisten nicht mehr stabil war.
  • Muss ein großes Kraftwerk abgeschaltet werden, fällt die Stromversorgung ganzer Regionen aus. So versorgt das AKW Saporischschja fast den gesamten Süden der Ukraine mit Strom. Berichten zufolge operiert das Stromnetz der Ukraine derzeit im Inselbetrieb, ist also nicht mehr mit anderen Netzen, etwa dem russischen, verknüpft. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Störungen und Blackouts – einschließlich aller Gefahren, die daraus für die AKW erwachsen, siehe oben. Ein Anschluss an das europäische Stromnetz ist laut EU-Energiekommissarin Kadri Simson geplant.

Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA in Wien, Rafael Grossi, warnte bereits vor der Gefahr eines schweren Atomunfalls in Folge der Kämpfe.

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Anna Stender

Anna Stender kommt aus Münster und hat bereits in den Neunzigerjahren gegen Castortransporte nach Ahaus und Gorleben demonstriert. Sie ist studierte Fachübersetzerin und hat sich nach Stationen in Berlin, Köln, Bangalore, Newcastle-upon-Tyne und Jülich entschieden, in Hamburg zu bleiben. Seit 2020 ist sie als Redakteurin bei .ausgestrahlt, wo sie vor allem für den Print-Bereich schreibt.

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