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20.01.2016 | von Jan Becker

Schlamperei im schweizerischen AKW Leibstadt

Ein Notkühlsystem im Atomkraftwerk Leibstadt war über einen Zeitraum von rund elf Tagen nicht betriebsbereit. Die Atomaufsichtsbehörde attestierte allen Atomanlagen kürzlich dennoch „ein gutes Sicherheitsniveau“.

Luftbild Atomkraftwerk Leibstadt, Schweiz. Bild: google
Foto: google Luftbild AKW Leibstadt, Schweiz. Bum bum bum bum bum

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI, in der Schweiz für die Atomaufsicht zuständig, zählte im vergangenen Jahr 37 meldepflichtige Vorkommnisse in allen Atomanlagen des Landes. Von diesen Ereignissen die für die „nukleare Sicherheit“ relevant sind, betreffen zehn das AKW Leibstadt. In dem Atomkraftwerk unmittelbar an der deutschen Grenze im Südschwarzwald fand im letzten Jahr eine Notabschaltung des Reaktors statt.

Eines der Ereignisse wurde von der ENSI auf der internationalen Bewertungsskala für Nuklearunfälle als eine „Abweichung vom normalen Betrieb der Anlage“, wobei eine „Nichtbehebung der Problemquelle (...) allenfalls zu einem höherstufigen Folgeereignis führen“ könnte (INES 1). Eigentlich handelte es sich um zwei nicht meldepflichtige Ereignisse, doch wegen des zeitgleichen Auftretens und ihrer Bedeutung in Kombination stufte die ENSI sie entsprechend anders ein.

Bei einer regelmäßigen Überprüfung war aufgefallen, dass Ende September / Anfang Oktober 2014 gleichzeitig beide Grundwasserpumpen des sogenannte SEHR-Notstandssystem nicht funktionsfähig waren. Bereits im Verlauf des Jahres hatte es wiederholt Störungen in der Anlage gegeben, am 29. September 2014 fiel dann erst die erste, am 1. Oktober 2014 die zweite Pumpe aus.

Die vollständige Nichtverfügbarkeit des Kühlsystems umfasste insgesamt 263 Stunden, also knapp elf Tage. Die Behörde informierte Anfang Januar diesen Jahres die Öffentlichkeit. „Unzureichende Wartung“ sei die Ursache für den Ausfall von elektrischen Leistungsschaltern. AKW-Betreiber Kernkraftwerk Leibstadt AG räumt ein, dass eine Software-Panne dazu geführt habe, dass Wartungs-Intervalle nicht eingehalten wurden.

Das System dient bei Störfällen als zusätzliche Sicherheitsreserve und ist laut ENSI „notwendig, um eine ausreichende Kühlung der Komponenten des jeweiligen Notstandssystems zu gewährleisten und um die Nachwärmeabfuhr aus dem Reaktor aufrecht zu erhalten, wenn die übrigen Kühlsysteme ausfallen“. Weil aber alle Kernnotkühlsysteme uneingeschränkt verfügbar gewesen seien, war der „sichere Betrieb“ des AKW laut Aufsichtsbehörde gegeben.

Laut ENSI habe es 2014 für den Zeitraum von elf Tagen „ein leicht erhöhtes Risiko im Fall einer Reaktorstörung“ gegeben, weil das Vorkommnis zu einer „geringfügigen Reduktion der nuklearen Sicherheit“ geführt habe.


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Quellen (Auszug): bluewin.ch, suedkurier.de, ensi.ch; 14.1.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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