.ausgestrahlt-Blog

05.02.2016 | von Jan Becker

AKW-Bau in England plant mit Billig-Atommülllagerung

Die Gesamtkosten für den Bau des britischen Atomkraftwerks Hinkley Point könnten laut einer neuen Studie um weitere Milliarden Euro steigen. Die nötigen Ausgaben für die Atommülllagerung der hochradioaktiven Abfälle seien bisher „zu niedrig“ angesetzt worden.

Für das AKW Hinkley Point C werden bereits jetzt Baukosten von mindestens 33,7 Milliarden Euro veranschlagt. Hinzu kommen Betriebszuschüsse aus Steuermitteln, die sich nach Berechnungen des Analyse-Instituts Energy Brainpool auf 108 Milliarden Euro summieren werden. Doch selbst diese riesigen Geldmengen werden für eine langfristige Atommüll-Lagerung nicht ausreichen, attestiert eine Studie der unabhängigen Atomexpertin Oda Becker im Auftrag des deutschen Ökoenergieanbieters Greenpeace Energy. Damit müssen die Gesamtkosten für das Projekt nach oben korrigiert werden.

Laut der Studie fallen in Hinkley Point C über die gesamte Betriebszeit von 60 Jahren rund 6.800 abgebrannte Brennelemente mit einem Gewicht von 3.600 Tonnen Schwermetall (tSM) an. Die Preise für die „Entsorgung“ von Atommüll aus Hinkley Point C sollen laut einer Vereinbarung mit dem britischen Staat erst im laufenden AKW-Betrieb festgelegt und außerdem gedeckelt werden. In einer Simulation kommt Großbritannien zu dem Ergebnis, dass sich die Lagerkosten für den Atommüll auf 473.000 Pfund pro Tonne Uran belaufen. In ersten Annahmen seien für Hinkley Point 280.000 Pfund (rund 368.000 Euro) pro Tonne zu wenig veranschlagt worden, lautet ein Fazit der Studie. Vereinbart ist: Kostet die Atommüll-Lagerung am Ende mehr, soll der/die SteuerzahlerIn aufkommen.

Keine Lösung für Atommülllagerung

Die Insel hat – wie der Rest der Welt – keinen abschließenden Plan für die Lagerung der hochradioaktiven Abfälle aus dem Reaktorbetrieb. Zur Zeit werden die verbrauchten Brennelemente wie in Deutschland in Zwischenlagern geparkt. Aktuell laufen Untersuchungen zu den geologischen Gegebenheiten in England, Wales und Nordirland. Das Wirtsgestein ist hierbei nicht definiert, zur Diskussion stehen Salz, Granit und Ton. Die Datenlage ist aber so unvollständig, dass eine Aussage über die Eignung bestimmter Standorte heute nicht vorhergesagt werden kann. Aus einem ersten Screening sollen potenzielle Atommüll-Lager resultieren und – so offizielle Pläne – 2016 verkündet werden. Die britische Regierung veranschlagt zur Zeit zwölf Milliarden Pfund für den Bau.

Großbritannien betreibt zur Zeit 16 Reaktorblöcke. Weil Hinkley Point ein erster von vielen weiteren Meilern sein soll, könnte der Zubau von zur Zeit geplanten 18 neuen AKW laut Studie ein zweites tiefengeologisches Atommüll-Lager nötig machen. Das werde aber „bisher in den Entsorgungskosten überhaupt nicht berücksichtigt“, kritisiert Oda Becker. Zusätzlich würden weitere Zwischenlager und Atommüll-Transporte die Kosten steigen lassen. Nicht zuletzt erhöhe sich auch das Risiko eines Nuklear-Unfalls.

Weitere Subventionen sind nötig

Würden die Pläne weiterverfolgt, seien allein für Hinkley Point-C „weitere zusätzliche Subvention in Höhe von 445 Millionen Pfund (rund 585 Mio. Euro) erforderlich“, insgesamt müsste sich der staatliche Zuschuss auf rund 1,6 Milliarden Pfund oder 2,1 Milliarden Euro pro Reaktor belaufen. Da es weltweit aber noch kein einziges Atommüll-Lager für hochradioaktiven Müll gibt, seien die Kosten „nicht durch Erfahrungswerte belegbar, was weitere Kostenrisiken mit sich bringt", so die Gutachterin.

Vor einem ähnlichen Kostenrisiko stünden die Reaktorprojekte in Bulgarien, Polen, Rumänien, der Slowakei, Slowenien, der Tschechischen Republik und Ungarn. Alle setzen auf das britische „Subventionsmodell“. Und (noch) niemand habe einen Plan für die Atommüll-Lagerung.

Massenbeschwerden gegen Subventionen für AKW Hinkley Point

Gemeinsam mit den Elektrizitätswerken Schönau (EWS) und vielen anderen Organisationen hatte .ausgestrahlt in der zweiten Jahreshälfte 2015 zur Beschwerde an die EU-Kommission aufgerufen, weil diese Subventionen des britischen Staates für einen AKW-Neubau bewilligt hat. 179.065 Menschen machten mit. 1,8 Tonnen Beschwerdebriefe gingen in Postsäcken auf die Reise von Freiburg nach Brüssel.

weiterlesen:

Quellen (Auszug): greenpeace-energy.de, taz.de, tagesspiegel.de, endlagerung.de; 3.2.16

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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