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08.03.2016 | von Jan Becker

Frankreich: Uraltmeiler Fessenheim Ende 2016 vom Netz?

Kürzlich sind brisante Details zu einem Störfall im ältesten französischen Atomkraftwerk Fessenheim bekannt geworden, der sich bereits 2014 ereignet hatte. Schon Anfang Januar bescheinigte das deutsche Ökoinstitut dem AKW „substanzielle Schwachstellen“. Die französische Ministerin Cosse bestätigte nun, dass die zwei Reaktoren an der Grenze zu Deutschland bis zum Jahresende abgeschaltet werden sollen.

Protest gegen AKW Fessenheim

Wiederholt habe Präsident François Hollande geäußert, "dass der Zeitplan die Schließung von Fessenheim 2016 vorsehe“, so Cosse, ehemalige Chefin der französischen Grünen. Zuletzt hatte Hollande diese Aussage jedoch revidiert und stattdessen verkündet, dass das AKW wegen der Verzögerungen beim Bau des EPR Flamanville erst dann vom Netz gehen könne, wenn der neue Meiler betriebsbereit sei. Nach heutigen Prognosen ist das nicht vor 2018 der Fall. Umweltministerin Ségolène Royal betonte kürzlich widerum, dass das „Verfahren zur Schließung“ von Fessenheim noch in diesem Jahr beginnen solle.

Schwerer Störfall jahrelang verharmlost

Ende letzter Woche waren nach WDR-Recherchen Informationen zu einem Störfall bekannt geworden, der sich 2014 ereignet hatte. Am 9. April wurden durch die „unsachgemäße Befüllung“ eines Wasserreservoirs mehrere Bereiche des Kraftwerks mit Wasser überflutet. Dabei wurde das Reaktorschutzsystem von Block 1, das zur Schnellabschaltung und zur Aktivierung anderer Sicherheitssysteme benötigt wird, beschädigt.

Die ASN hatte damals öffentlich erklärt, dass nur eines der zwei separaten Elektroniksysteme für die Notabschaltung beschädigt worden war. Durch das intakte System seien alle Funktionen „stets sichergestellt gewesen“.

 

Nach den aktuellen Informationen war dieses Ereignis, das 2014 in der INES-Skala auf 1 eingestuft wurde (Abweichung vom normalen Betrieb der Anlage), viel dramatischer als vom Betreiber und der Atomaufsicht zugegeben: So habe sich der Reaktorblock 1 vorübergehend nicht einmal mehr richtig steuern lassen. Nach der Überschwemmung habe es eine „Abfolge von technischem Versagen und Chaos“ gegeben. Den Recherchen zufolge waren die Steuerstäbe zum Abschalten des Reaktors nicht mehr manövrierfähig, die Temperatur des Reaktors minutenlang unkontrolliert angestiegen. Nur durch die Einleitung von Bor ins Kühlsystem (Notborierung) konnte der Reaktor schließlich abgeschaltet werden. Dieses „sehr seltenes Vorgehen“ war in der Mitteilung des Betreibers EdF an die französische Atomaufsicht ASN verschiegen worden.

 

Manfred Mertins, jahrzehntelang Experte der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, ist „kein Fall bekannt, bei dem ein Leistungsreaktor in Westeuropa störfallbedingt durch Zugabe von Bor abgefahren werden musste“.

Sicherheitsstatus weiter ungenügend

Dieser Vorfall bestätigt eine Untersuchung des deutschen Ökoinstitus im Auftrag des Umweltministeriums Baden-Württemberg, die im Januar veröffentlicht wurde. Drei Jahre nach der ersten Untersuchung des Sicherheitsstatus des AKW Fessenheim bestünden dort „weiter substanzielle Schwachstellen“. Auch verschiedene Nachrüstungen seit 2012 hätten das Sicherheitsniveau der Anlage nicht bedeutend gebessert.

Eine Schwachstelle sei weiterhin der niedrige Redundanzgrad der französischen Anlage, also das Mehrfach-Vorhandensein bestimmter Anlagenteile. Gegenüber den deutschen Meilern mit vierfacher Redundanz gibt es in Fessenheim die Not-Systeme nur zwei Mal. Kommt es also - ob störfallbedingt oder für Wartungsarbeiten - zur Nichtverfügbarkeit einer Komponente, etwa des Not-Einspeisesystems für Kühlmittel in den Reaktorkern, hängt alles an der Funktionstüchtigkeit der zweiten Komponente.

Das Ökoinstitut nennt als weitere Schwachstelle des AKW Fessenheim auch die denkbaren Überflutungen in Folge eines Deichversagens des Rhein-Seitenkanals.

weiterlesen:

  • „Gravierende Mängel“ im AKW Fessenheim
    07.12.2015 - Eine bislang unveröffentlichte Studie attestiert dem grenznahen französischen Atomkraftwerk Fessenheim umfangreiche Sicherheitsmängel, die zum Teil nicht behoben werden können.

  • Laufzeitverlängerung: Energiewende auf französisch
    29.02.2016 - Weil die Energiewende viel zu schleppend vorran kommt, will Frankreich nun die Laufzeit seiner ältesten Atomkraftwerke pauschal um zehn Jahre verlängern. Den Fehler machten 2010 auch die Deutschen, als schwarz/gelb den Altmeilern Bestandschutz gewährte. Massenproteste und Fukushima brachten damals die Wende.

Quellen (Auszug): spiegel.de, oeko.de, div. Medienberichte; 7.3.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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