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13.04.2016 | von Jan Becker

Wiederanfahren von AKW Philippsburg-2 untersagt

Der baden-württembergische Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) hat dem Betreiber des AKW Philippsburg-2 untersagt, das Kraftwerk wieder in Betrieb zu nehmen. Bei Prüfungen im Rahmen der Revision waren „Unregelmäßigkeit“ entdeckt worden: Tests seien zwar protokolliert worden, hätten aber gar nicht stattgefunden.

Luftbild AKW Philippsburg
Foto: google Luftbild AKW Philippsburg

Mit einer „aufsichtlichen Anordnung“ reagierte Untersteller auf die „beunruhigenden und nicht akzeptabelen“ Vorfälle in dem Meiler. Bei Untersuchungen zu einem Meldepflichtigen Ereignis hatte der Betreiber festgestellt, dass eine wiederkehrende Prüfung an einem Störfallmonitor zwar in einem ordentlich ausgefüllten Prüfprotokoll dokumentiert, tatsächlich aber gar nicht durchgeführt wurde. In mindestens acht von rund 450 untersuchten Fällen sei eine „vorgetäuschte Prüfung“ ermittelt worden.

Die jährliche Wartung in dem Reaktor hat am 8. April begonnen und ist bis Mitte Mai geplant. Ob die Anlage danach tatsächlich außer Betrieb bleibt, muss jetzt u.a. in der zur Anordnung gesetzlich vorgeschriebenen Anhörung diskutiert werden.

Versagen mit Tradition: Verstöße gegen zentrale Sicherheitsgrundsätze

Systematisches Versagen offenbarten bereits 2001 Ereignisse im AKW Philippsburg, die nachträglich der Störfallklasse INES 2 zugeordnet wurden. Beim Wiederanfahren nach dem jährlichen Brennelementwechsel hatte die Bedienmannschaft übersehen, dass drei der vier Behälter in Block 2 die Auflagen nicht erfüllten – und damit das Notkühlsystem nicht die Anforderungen des Betriebshandbuches erfüllte. Der Betreiber EnBW schaltete den Reaktor aber nicht ab - ein schwerer Verstoss gegen die Sicherheitsbestimmungen.

Bei der Untersuchung des Vorfalls stellt sich heraus, dass das Kraftwerkspersonal und auch der TÜV beschlossen hatten, dass die zu geringe Borsäurekonzentration in drei von vier Tanks für eine Störfallbeherrschung „ausreichen würde“. Auch wurde bei den Ermittlungen festgestellt, dass erhebliche Abweichungen von vorgeschriebenen Anfahrbedingungen und die Verletzung zugehöriger Vorschriften wahrscheinlich über mehrere Jahre hinweg und in verschiedenen deutschen Atomkraftwerken gängige Praxis waren. Aufgrund von diesem und einem weiteren Vorkommnis verloren der Kraftwerksleiter und zwei Vorstandsmitglieder des Betreibers EnBW ihre Posten.

Im Mai 2009 wurden im Zuge der Reparatur einer Löschanlage bei laufendem Reaktor zwei so genannte Gebäudeabschlussarmaturen mehr als zehn Stunden lang geöffnet und zusätzlich von der Stromversorgung getrennt. Ein weiterer Verstoß gegen zentrale Sicherheitsgrundsätze – doch die Staatsanwaltschaft stellte ein Verfahren nach einer Klage von UmweltschützerInnen im Oktober 2011 ein.

Anonyme Hinweise auf chaotische Zustände

Im Februar 2011 wies ein Unbekannter auf Missstände in dem Atomkraftwerk hin, u.a. bezogen auf die Jahre 2009 und 2010. Das anonyme Schreiben las sich alarmierend: Pannen durch Fehler des Personals würden sich häufen. Mal seien zigtausende Liter Reaktorwasser aus dem Brennelementebecken geflossen, mal habe die Kühlung für Notfälle tagelang nicht zur Verfügung gestanden, mal sei der Sicherheitsbehälter bei laufendem Betrieb über Stunden hinweg geöffnet gewesen.

Am 7. Dezember 2012 wies erneut ein anonymer Insider auf die „seit geraumer Zeit chaotische” Situation in dem Kraftwerk hin. Das Motto „Sicherheit vor Wirtschaftlichkeit“ werde „mit Füßen getreten“, vor allem, seit Block 1 im Mai 2011 endgültig stillgelegt wurde. Seitdem gehe es „nur noch um Fragen, wie können die Kosten des abgeschalteten Blockes gesenkt werden. Welche Systeme können auch ohne Stilllegungsgenehmigung außer Betrieb genommen werden, auf welche Prüfungen kann verzichtet werden, wie kann dies dem Sachverständigen bestmöglich ‘verkauft’ werden.“

Im November 2012 sei zudem eine wichtige Beckenkühlpumpe, welche die hochradioaktiven Brennelemente kühlt, „durch Fehlverhalten kaputt gefahren“ worden – ohne dass das Ereignis gemeldet worden wäre. Das gleiche gelte auch für einen Zwischenfall Anfang September, damals war Wasserstoffperoxid bei der Anlieferung ausgetreten. Im Notspeisegebäude seien zudem „großflächig defekte Gebäudefugen“ entdeckt worden, durch die „im Brandfall ein Feuer ungehindert in weitere Räume vordringen“ könnte.

weiterlesen:

  • Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen. - mehr

Quellen (Auszug): contratom.de, baden-tv.com; 13.4.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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