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02.06.2016 | von Jan Becker

Steht das AKW Grohnde vor dem Aus?

Der Stillstand im niedersächsischen Atomkraftwerk Grohnde ist nochmal verlängert worden. Betreiber Eon kündigt das Wiederanfahren nun für den 13. Juni an, weil die Arbeiten an der beschädigten Nachkühlpumpe noch nicht abgeschlossen sind. Unterdessen will der Kreis Herford Jodtabletten als Vorkehrung gegen einen schweren Atomunfall verteilen.

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Foto: publixviewing.de Protest vor dem AKW Grohnde

AtomkraftgegnerInnen berichteten vergangene Woche von „frei floatenden Metallteilen“ im radioaktiven Primärkühlkreislauf des Meilers. Es soll sich um „20 bis 30 kg Metallschrott“ handeln, der möglicherweise von einer defekten Nachkühlpumpe stammt.

Der Reaktor wurde am 2. April zur routinemässigen Revision mit Brennelementwechsel und Wartungsarbeiten vom Netz genommen. Am 20. April meldete Eon, dass die Revision zwar abgeschlossen sei, das Kraftwerk aber länger vom Netz bleibe. Einen Tag später gab der Betreiber bekannt, dass ein Schaden an einer Nachkühlpumpe vorliege. Ende Mai hat Eon nun das Wiederanfahren auf Mitte Juni terminiert, weil noch „Reinigungsarbeiten beispielsweise in den Kühlmittelleitungen“ erfolgen und „weitere sicherheitstechnisch wichtige Pumpen einem Prüfprogamm unterzogen“ werden müssen.

Offenbar ist der Reinigungsprozess des Kühlsystems aufwendig und kompliziert: Würden die Fremdkörper in dem Wasserkreislauf zurückbleiben, können sie sich dort frei bewegen und Schäden mit unkalkulierbaren Ausmaßen verursachen. Der Primärkreislauf steht als Hauptkühlmittelkreislauf in Verbindung mit den Brennelementen, ist mit radioaktiven Stoffen hoch belastet und darf als geschlossenes System keine Radioaktivität nach außen freisetzen.

Das Niedersächsischen Umweltministeriums berichtete kürzlich, dass Eon den Neustart des Meilers am 13. Juni plant. Das Ministerium schränkt aber ein, dass über eine Zustimmung zur Wiederinbetriebnahme der Anlage „nach Abschluss dieser Prüfungen und nach Vorliegen aller Nachweise entschieden werden“ könne.

Für AtomkraftgegnerInnen bleiben Fragen:

  • Ist es technisch überhaupt möglich, die Fremdkörper restlos aus dem Hauptkühlmittelkreislauf entfernen?

  • Wie kann dieses hochkomplexe Kühlsystem bis in den letzten Winkel hinein auf Rückstände überprüft werden?

  • Ist nicht jetzt, wo die unkalkulierbare Gefahr im Herzen des Reaktors lauert, der Zeitpunkt für die Atomaufsicht gekommen, das von diesem Schaden ausgehende Gefährdungspotential so einzustufen, dass ein Weiterbetrieb für immer auszuschließen ist?

Atomkraftwerk Grohnde sofort stilllegen!

Am vergangenen Mittwoch haben AtomkraftgegnerInnen dem niedersächsischen Umweltminister Wenzel schonmal einen symbolischen Schlüssel zum Abschließen des AKW Grohnde überreicht. Angesichts der vielen Pannen sei „nicht nachvollziehbar, warum das AKW nicht sofort stillgelegt wird“, so die „Regionalkonferenz AKW Grohnde abschalten“.  Ihrer Ansicht nach bleibt die Atomaufsicht unter Minister Wenzel „untätig“:

„Man könnte meinen: Sobald man den Pannen-Reaktor genauer untersucht, findet man plötzlich immer wieder neue katastrophale Mängel! Das ist beunruhigend für die Bevölkerung. Und das sind deutliche Belege für die schlechte Verfassung der überalterten Anlage“, so Karsten Schmeissner.

„Das erinnert an die Revision 2014, wo erst ein Generatorschaden auftrat und dann Defekte an Brennelementen festgestellt wurden. 2015 tropfte es radioaktiv aus einer Schweißnaht“, ergänzt Andreas Rohrmann.

Gegen Belgien klagen, in Deutschland untätig bleiben

Die Bundesregierung und einige Landesregierungen klagen die Probleme und Störungen in anderen Atomkraftwerken wie in Belgien an und fordern deren Stilllegung. Doch das Atomkraftwerk Grohnde soll bis 2021 unter voller Last in Betrieb bleiben. Das könne man niemanden erklären, so die AktivistInnen.

Jodtabletten für 130.000 Menschen

Der Kreis Herford will nun wegen des Risikos eines schweren Unfalls im etwa 80km entfernten AKW Grohnde aktiv werden. Städte und Gemeinden fordern vom NRW-Innenministerium, vorsorglich Jodtabletten an etwa 130.000 BürgerInnen verteilen zu dürfen. Damit erhoffen sie sich „schneller reagieren“ zu können, denn seit Jahren lagern diese nicht unumstrittenen „Ersthelfer“ gegen radioaktive Strahlung nach einem Super-GAU bei der Kreisverwaltung. Ob die BürgerInnen bei einem Reaktorunfall rasch genug damit versorgt werden könnten, ist fraglich.

weiterlesen:

  • Jod statt Strahlentod? NRW kauft hundertausende Tabletten
    26.05.2016 - Weil der Bund seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, hat Nordrhein-Westfalen die Versorgung der Menschen mit Jod für die Vorsorge gegen Krebs nach einer Reaktorkatastrophe selbst in die Hand genommen. Doch weder ist die Verteilung geklärt, noch gibt es eine Antwort darauf, ob diese Massnahme tatsächlich helfen kann.

  • 20 bis 30kg Metallschrott im Kühlwasser des AKW Grohnde
    25.05.2016 - Der unplanmäßige Stilllstand im niedersächsischen Atomkraftwerk Grohnde dauert weiter an. AtomkraftgegnerInnen wollen nun die Forderung unterstreichen, dass der Meiler nicht wieder ans Netz gehen darf.

Quellen (Auszug): grohnde-kampagne.de, wdr.de; 2.6.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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