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21.06.2016 | von Jan Becker

Streit um Atommüll aus Obrigheim

15 Castor-Behälter mit 342 hochradioaktiven Brennelementen aus Obrigheim sollen nach Willen des AKW-Betreibers EnBW im Zwischenlager des AKW Neckarwestheim deponiert werden. Dafür sind Schiffstransporte geplant. AtomkraftgegnerInnen sehen dabei Risiken, denn solche Überführungen wurden bisher nicht praktiziert.

2010: Trafotransport zum AKW Krümmel
Foto: contratom.de Kein Castor, sondern ein Trafo-Transport (2010)

Die schon länger bekannten Pläne präzisierte EnBW am Montag auf einer Pressekonferenz: Seit 2013 werde an den Plänen gearbeitet, die eine Verschiffung über den Neckar vorsehen. In Neckarwestheim ist der Bau einer Anlegestelle bereits im vollen Gange. Nun stünden nur noch die Genehmigungen durch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) aus.

Für den Stromkonzern hätte der Abtransport aus Obrigheim einen entscheidenen Vorteil: Auf den Bau eines Zwischenlagers, wo die Castoren bis zur Verbringung in ein zentrales Atommülllager geparkt werden, kann verzichtet werden. Der Standort wäre damit „früher frei von Kernbrennstoffen“. Derzeit ist ein „Pufferlager“ in Betrieb, in dem maximal 3.300 Kubikmeter Atommüll gelagert werden dürfen.

Maximale Sicherheit für Standort-Zwischenlager

Seit 2002 sind die Betreiber von Atomkraftwerken verpflichtet, an den AKW-Standorten dezentrale Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente einzurichten. Seit dem 30. Juni 2005 ist es untersagt, abgebrannte Brennelemente in die Wiederaufarbeitungsanlagen nach Frankreich und Großbritannien abzugeben. Deshalb sind in den Jahren 2006/2007 zwölf zusätzliche Zwischenlager an AKW-Standorten in Betrieb gegangen.

Für den Standort Obrigheim, wo der Reaktor 2005 seinen Leistungsbetrieb beendete, wurde im April 2005 ein Zwischenlager mit 15 Behälterstellplätzen beantragt. Damit sollte das 1999 in Betrieb genommene und als Nasslager ausgeführte Zwischenlager für 980 abgebrannte Brennelemente ersetzt werden.

Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens fand im Sommer 2008 die zweimonatige öffentliche Auslegung der Unterlagen statt, wobei etwa 900 Personen Einwendungen gegen die Zwischenlagerpläne erhoben hatten. Das Aktionsbündnis Atommüll-Lager Obrigheim forderte zum Beispiel, dass die bauliche und technische Ausstattung „auf höchstem Sicherheitsniveau alle denkbaren Zwischenfälle berücksichtigen und eine Bedrohung durch das Austreten von Radioaktivität verhindern“ müsse.

Kritik am geplanten Abtransport nach Neckarwestheim

Als Alternative zum Bau der Zwischenlagerhalle plant EnBW den Abtransport des Atommülls zum AKW Neckarwestheim. Die dortige Halle hat Platz für 151 Castor-Behälter, bis zur Stilllegung von Neckarwestheim-2 werden für den in Block 1 und 2 entstandenen Abfall aber nur 125 Stellplätze benötigt. In einer „Transportstudie“ wird die Überführung mithilfe von Binnenschiffen auf dem Neckar in das 40km entfernte Neckarwestheim präferiert. Bei dem sogenannten „Roll-on/Roll-off-Verfahren“ sollen die Castor-Behälter auf Straßentiefladern auf eine Schwimm-Ponton gefahren werden.

Zur Zeit stehen noch zwei Genehmigungen aus. Zum einen eine Änderungsgenehmigung für das Zwischenlager in Neckarwestheim, die die Einlagerung von Atommüll aus Obrigheim erlauben muss. Bislang ist die Halle ausschließlich für Abfall aus dem AKW Neckarwestheim genehmigt.

Bürgermeister Jochen Winkler fordert, dass das so bleibt: Es „gab Zusagen, daran hat sich die Politik zu halten“, so Winkler. In der Gemeinde sollte nur Energie produziert und der Atommüll „anderswo gelagert werden“. Dennoch habe der Atomkonzern schon 2006 das Zwischenlager errichtet. Die Gemeinde Neckarwestheim erwägt nun, juristisch gegen die aktuellen EnBW-Pläne vorzugehen.

Das Risiko für diesen Atommüll-Shuttle ist einfach zu groß!

AtomkraftgegnerInnen kritisieren die mit dem Schiffs-Transport zusammenhängende Risiken. Das „geplante Hin- und Herfahren von hochradioaktivem Atommüll muss gestoppt werden“, forderte schon 2014 die Landesvorsitzende des BUND Baden-Württemberg, Dr. Brigitte Dahlbender. Es gibt keinerlei Erfahrungswerte mit Castoren auf Binnengewässern. Schon kleinere Zwischenfälle könnten unabsehbare Folgen für Mensch und Umwelt haben. Zudem ist es mit einer Fahrt nicht getan: Da nur zwei bis drei Castoren auf ein Schiff passen, müssen für die 15 Behälter bis zu 8 Fahrten durchgeführt werden.

EnBW soll das bereits vor Jahren beantragte Zwischenlager in Obrigheim endlich bauen. Die Unterbringung vor Ort ist sicherer als das Herumfahren per Schiff und die Lagerung neben einem laufenden Atomkraftwerk. (BUND)

EnBW rechnet mit der Fertigstellung der Schiffsanlegestelle voraussichtlich Anfang 2017. Damit ist klar, dass im Jahr 2016 keine Transporte stattfinden werden.

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Quellen (Auszug): welt.de, stimme.de, atomerbe-obrigheim.de, bund-bawue.de, enbw.com; 20.6.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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