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01.12.2016 | von Jan Becker

Tschernobyl: Neuer Deckel drauf und alles gut?

Über die vor 30 Jahren havarierte Reaktorruine von Tschernobyl wurde nun das „New Safe Confinement“ geschoben, eine gigantische Stahlkonstruktion, das größte bewegbare Bauwerk der Menschheit. Für die nächsten hundert Jahre soll sie nun die Außenwelt vor dem Block schützen, in dem immer noch hunderte Tonnen Kernbrennstoff lagern.

Alter Sarkophag über dem Reaktor

In aller Eile wurde nach dem Super-GAU im April 1986 ein Sarkophag um das Kraftwerk gebaut, um die radioaktive Verseuchung zumindest einzudämmen. Unter der heute maroden und einsturzgefährdeten Hülle befinden sich etwa 400.000 Kubikmeter radioaktive Abfälle, davon ca. 40.000 Kubikmeter mit langlebigen radioaktiven Stoffen. Während sich die Strahlenintensität von Cäsium und Strontium bei einer Halbwertszeit von etwa 30 Jahren gerade einmal halbiert hat, ist die Plutonium-Kontamination bei einer Halbwertszeit von 24.000 Jahren heute praktisch unverändert hoch. Und damit auch die Gefahr.

Wegen des Einsturz-Risikos des alten Sarkophags wurde das neue 31.000 Tonnen-Mega-Bauwerk in 300 Metern Entfernung zum Reaktor errichtet und nun mithilfe einer Schienenkonstruktion über den Block gefahren. In etwa einem Jahr sollen alle noch offenen Klappen verschlossen sein und eine komplexe, physische Barriere zwischen dem Atommüllberg und der Außenwelt existieren. Die von zahlreichen Ländern, u.a. Deutschland, aufgebrachten Kosten belaufen sich auf etwa 1,8 Milliarden Euro. Laut Schätzungen werden die Bergung, Verpackung und Zwischenlagerung des Atommülls in den kommenden Jahrzehnten weitere drei bis fünf Milliarden Euro verschlingen.

Die nächste Zwischenlösung

Mit ihrer „gigantischen Spannweite und Höhe ist sie ein weithin sichtbares Mahnmal für den moralischen und technischen Irrweg der Atomenergie und für die unwägbaren Folgen eines schweren Atomunfalls“, so Bundesumweltministerin Barbara Hendricks zu der neuen Schutzhülle. Das neue Dach schafft lediglich die Voraussetzungen für den nun anstehenden Rückbau der Reaktorruine - löst die nun etwas verborgeneren Probleme aber nicht.

Mithilfe von ferngesteuerten Baumaschinen soll in den kommenden Jahrzehnten der alte Sarkophag und der restliche Brennstoff unter der Stahlglocke abgebaut werden. Offen ist allerdings, wie das technisch funktionieren soll. „Wir müssen den Plan erst noch mit unseren Partnern entwickeln“, gibt der ukrainische Umweltminister Ostap Semerak offen zu.

New Safe Confinement - „Neue Sichere Sperre“?

Laut Greenpeace ist weiterhin Eile geboten. Auch unter der neuen Hülle könnte der alte Sarkophag zusammenbrechen. Zwar wäre nun die Ausbreitung hochradioaktiven Staubs verhindert oder zumindest minimiert – doch Menschen könnten innerhalb der neuen Schutzhülle dann praktisch nicht mehr arbeiten. Der Rückbau und die Bergung des brennstoffhaltigen Atommülls würde noch erheblich gefährlicher und aufwendiger – und damit auch teurer.

„Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine Zwischenlösung, ein Provisorium für 100 Jahre“, so Tobias Münchmeyer, stellvertretender Leiter der Politischen Vertretung von Greenpeace. Und die Kosten werden weiter steigen, weil die Bergung und die Zwischenlagerung des Atommülls sehr kostenaufwändig sein wird. Die„ Mär von der billigen Atomkraft ist spätestens seit Tschernobyl vollständig widerlegt“, so Münchmeyer im Deutschlandradio Kultur.

weiterlesen:

  • Tschernobyl: Kosten von mehreren hundert Millionen Euro
    04.04.2016 - Vor fast 30 Jahren ist Reaktorblock 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl in der heutigen Ukraine explodiert. Eine radioaktive Wolke zog über große Teile Europas und hinterließ Strahlung, die bis heute nachweisbar ist. Und obwohl sich die Katastrophe in über 1.000 Kilometern Entfernung ereignete, hatte und hat sie auch europaweit dramatische Folgen und kostete allein die Bundesrepublik bis heute mehrere hundert Millionen Euro.

  • Die „Bestie Tschernobyl“ wird 29
    22.04.2015 - Von einer „Bestie“ spricht die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ): Es handelt sich um Reaktorblock 4 des ukrainischen Atomkraftwerks Tschernobyl. Am 26. April 1986 war der Meiler in der Folge eines Experiments explodiert und hatte tausende Quadratkilometer Landschaft unbewohnbar gemacht und die Menschen verstrahlt. Nach einem Besuch beschreibt die SZ die Situation auf dem Kraftwerksgelände 29 Jahre nach dem Super-GAU. In Deutschland werden am kommenden Sonntag anlässlich des Jahrestages der Katastrophe wieder zahlreiche Menschen für den Atomausstieg protestieren.

Quellen (Auszug): iwr.de, greenpeace.de, deutschlandradiokultur.de; 29./30./31.11./01.12.2016

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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