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09.02.2017 | von Jan Becker

„Besorgniserregende Zustände“ im französischen Atomkraftwerk Cattenom

Zweimal hat es in wenigen Tagen im grenznahen, französischen Atomkraftwerk Cattenom gebrannt. Kontrolleure fanden in zwei Räumen „Pfützen“ mit unbekannten Inhalten und Warnschilder vor hoher Strahlung. Kritiker*innen sprechen von „besorgniserregenden Zuständen“ im Kraftwerk.

Frankreich: AKW Cattenom
Foto: google Luftbild Atomkraftwerk Cattenom, Frankreich

In einem Maschinenraum des Atomkraftwerks hat es am vergangenen Sonntagmorgen gebrannt. Es kam zu Rauchentwicklung, gegen 9.15 Uhr wurde die Feuerwehr verständigt. Als sie eintraf, war der Brand bereits gelöscht.

Wenige Tage zuvor hatte es wegen eines Großfeuers Alarm auf dem Kraftwerksgelände gegeben. Am Dienstagabend gegen 22 Uhr brannte es in einem Bürocontainer-Komplex im nichtnuklearen Teil des AKW, der als provisorisches Verwaltungsgebäude diente. Rauchschwaden seien kilometerweit zu sehen gewesen, berichten Medien. Rund 50 Feuerwehrleute aus der Region waren in der Anlage im Einsatz. Die Löscharbeiten dauerten drei Stunden. Insgesamt hat das Feuer 1.000 Quadratmeter des Betriebsareals zerstört.

Dieser Großbrand im Atomkraftwerk zeige, „wie berechtigt die Sorge der Menschen und der Nachbarländer ist“, erklärte die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken zu den Vorfällen. „Es kann nicht sein, dass auf dem Gelände eines Atomkraftwerkes die Brandvorsorge nicht greift“, kritisierte die Ministerin.

„Pfützen mit unbekanntem Inhalt“

Wenige Tage nach dem ersten Feuer wurde ein weiterer Zwischenfall in der Anlage bekannt. Laut eines nun veröffentlichten Inspektionsberichts der französischen Atomaufsicht ASN hätten bei einer Begehung im vergangenen November Kontrolleure in einem Raum des AKW eine „Pfütze mit brauner Flüssigkeit“ entdeckt. In einem anderen Raum wurde „gelbe Flüssigkeit“ auf dem Boden gefunden, davor ein Schild mit der Aufschrift: „Stark kontaminiert“. Zwei befragte Kraftwerks-Mitarbeiter*innen hätten den Inspekteuren nicht mitteilen können, woher die Flüssigkeit stamme.

Die Leitung des Kraftwerks wurde daraufhin von der Aufsichtsbehörde aufgefordert, die Herkunft der Chemikalien und verbundene Risiken zu klären. Spätere Analysen ergaben, dass es sich um Spuren von ausgetretenen Chemikalien, darunter Bor und Soda, handelte.

Greenpeace: „Besorgniserregende Zustände“

Als unabhängiger Beobachter hatte ein Mitarbeiter der Umweltschutzorganisation Greenpeace Luxemburg an der Inspektion teilgenommen. Atom-Campaigner Roger Spautz spricht von „besorgniserregenden Zuständen“ in dem Atomkraftwerk. Unter anderem sei das Warnschild vor hoher Kontamination „nur notdürftig mit einem Klebeband befestigt gewesen“.

Seit Inbetriebnahme der vier Reaktorblöcke von Cattenom vor knapp 30 Jahren meldete der Betreiber EDF von dort mehr als 800 Störfällen. Neben der Anti-Atom-Bewegung fordern auch die Bundesländer Rheinland-Pfalz und das Saarland sowie Luxemburg seit Jahren die Stilllegung der grenznahen Atomreaktoren.

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Quellen (Auszug): dpa, tageblatt.lu, volksfreund.de, greenpeace.org/luxembourg; 1./3./5.2.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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