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11.01.2017 | von Jan Becker

Französische Atomindustrie am Boden

Die Stromversorgung in Europas Atom-Land Nummer 1 ist zur Zeit akut gefährdet, weil zahlreiche Reaktoren ausgefallen sind. Trotzdem hält Frankreich an der gefährlichen Technik fest: Die EU genehmigte kürzlich ein milliardenschweres Rettungspaket, mit dem der Atomkonzern AREVA gerettet werden soll.

Atomkraftwerke in Frankreich
Atomkraftwerke in Frankreich

In Frankreich befinden sich 58 Atomreaktoren mit einer Gesamtleistung von knapp 63.000 Megawatt (MW) in Betrieb. Wegen Wartungsarbeiten und angeordneten Überprüfungen stehen derzeit aber ca. 10.000 MW nicht zur Verfügung. Deshalb müssen momentan alle Nachbarländer aushelfen und Strom in Größenordnungen von mehreren tausend Megawatt (MW) nach Frankreich importieren, damit die Energieversorgung dort nicht zusammenbricht.

18 Reaktoren waren wegen mangelhafter Stahlbauteile vorübergehend stillgelegt worden. Um Weihnachten die Versorgung zu sichern, hatte die französische Atomaufsicht ASN dem Betreiber EdF unter Auflagen  erlaubt, nach und nach sieben Reaktoren wieder hochzufahren. Als erstes ging der Meiler Dampierre 3 am 20. Dezember ans Netz, die zwei Reaktoren Gravelines 2 und Tricastin 3 sollen am 23. Dezember folgen. Ein Sicherheitsnachweis für die wieder in Betrieb genommen Meiler steht aus.

„In Frankreich läuft es derzeit nach dem Motto: Wenn AKW den Sicherheitsstandards nicht entsprechen, dann werden eben die Standards heruntergeschraubt“, so Susanne Neubronner, Greenpeace-Expertin für Atomkraft. „Hier wird die Angst vor Stromengpässen über die Sicherheit der Menschen gestellt.“

Nach den Daten des französischen Netzbetreibers RTE betrug der Import am vergangenen Freitag zu Spitzenlastzeiten 8.500 MW. Zum Vergleich: Die Gesamtleistung der letzten acht deutschen Atomkraftwerke beträgt keine 11.000 MW mehr. Unterdessen droht der französischen Industrie Zwangsabschaltungen. Alte Ölkraftwerke wurden reaktiviert. Und Medien warnen: Der Winter - und damit der besonders hohe Stromverbrauch - habe noch gar nicht richtig begonnen. Denn die in Deutschland immer unüblicheren Stromheizungen sind in Frankreich sehr verbreitet.

Zwei deutsche AKW laufen nur für Frankreich

Über die direkte Verbindung Deutschland-Frankreich werden zur Zeit 2.000 MW übertragen, mehr sind technisch nicht möglich. Das bedeutet: Zwei deutsche Atomkraftwerke laufen zur Zeit nur für Frankreich. Doch auch aus anderen Ländern ist die Lieferung von Strom nach Frankreich begrenzt. Zwar seien die grenzüberschreitenden Verbindungen ausgebaut worden, laut RTE ist aber eine Leistungsübertragung von maximal 12.200 MW möglich. Steige die Stromnachfrage weiter, würden diese Kapazitäten nicht ausreichen.

Milliarden zur Rettung von Atomkonzern

Am Dienstag haben die EU-Wettbewerbshüter grünes Licht für Staatshilfen zugunsten des angeschlagenen Atomkonzern AREVA gegeben. Mit Steuergeldern in Höhe von 4,5 Milliarden Euro soll der Konzern, an dem der Staat Mehrheitseigner ist, gerettet werden um seine Geschäfte u.a. im Bereich Uranbergbau, Brennelementeherstellung und Wartungsarbeiten in Atomkraftwerken fortzuführen. Einzige Auflage: AREVA dürfe künftig keine Atomkraftwerke mehr bauen...

weiterlesen:

  • Frankreich: Massive Sicherheitsrisiken in AKW - Zwangsabschaltungen angeordnet
    25.10.2016 - Die französische Atomaufsicht hat die Zwangsabschaltung von fünf Atomreaktoren angeordnet. Innerhalb von drei Monaten muss die Funktionstüchtigkeit mehrerer Dampferzeuger kontrolliert werden. Laut eines Gutachtens gibt es weitere gravierende Probleme wegen mangelhaften Materials in zahlreichen Reaktoren.

  • Wertloses Gesetz: Frankreich ohne Plan für „kleinen Atomausstieg“
    23.07.2015 - Die „Grande Nation nucléaire“ steht möglicherweise vor einem gewaltigen Umbruch: Das Parlament in Paris hat nun das seit langem erwartete Energie-Gesetz verabschiedet. In zehn Jahren soll nur noch die Hälfte des französischen Stroms aus Atomkraftwerken kommen. Doch wie dieses Ziel erreicht werden soll ist völlig unklar.

  • Zusammenbruch der Atomindustrie in Frankreich
    3. Juli 2015 — Das Beispiel Frankreich belegt: Atomkraft führt in die Sackgasse. Derzeit decken 58 Meiler etwa 75% des Strombedarfs. Trotzdem steckt die Atombranche in einer tiefen finanziellen Krise. Die Politik will verstärkt auf Erneuerbare Energien setzen, es steht ein „gewaltiger Umbruch“ bevor. Vom Atomausstieg jedoch noch keine Spur.

Quellen (Auszug): iwr.de, dpa, iaea.org; 6./10.1.17

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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