.ausgestrahlt-Blog

24.07.2017 | von Jan Becker

AKW Fessenheim für immer vom Netz?

Auch der erste Block des ältesten Atomkraftwerk Frankreichs steht jetzt still. Möglicherweise wird das umstrittene Kraftwerk nie wieder in Betrieb genommen.

Protest gegen AKW Fessenheim

Seit einem Jahr produziert Block 2 am Standort an der deutschen Grenze keinen Strom mehr. Die Aufsichtsbehörde hatte nach einem Skandal um gefälschte Dokumente und damit verbundene Mängel bei Bauteilen die Abschaltung angeordnet. Davon betroffen war nicht nur Fessenheim-2, sondern eine ganze Reihe weiterer französischer Meiler. Große Bauteile müssen möglicherweise ausgetauscht werden, um eine neue Betriebserlaubnis zu bekommen. Ob sich die Reparatur lohnt, ist fraglich. EdF plant derzeit den Neustart Anfang 2018.

Parallel hat die französische Regierung mit dem Betreiber - dem staatlichen Konzern EdF - über die endgültige Stilllegung der ganzen Anlage verhandelt. Einig geworden sind sich die Verhandlungspartner, dass EdF zeitlich abhängig von der Inbetriebnahme des neuen AKW in Flamanville und gegen Schadensersatz in Höhe von einer halbe Milliarde Euro einen Schlussstrich unter die störanfälligen Risikoreaktoren ziehen wird. Flamanville soll nach derzeitigen Planungen Mitte 2018 in Betrieb gehen. Es gibt dort allerdings zahlreiche Mängel, die dieses Datum unrealistisch erscheinen lassen.

Ganze Anlage steht still

Seit dem letzten Wochenende ist nun auch Block 1 in Fessenheim vom Netz. Betreiber EdF teilt mit, dass es sich um „mehrwöchige Wartungsarbeiten“ handelt, die durchgeführt werden müssten. Dabei soll auch ein Teil der Brennstäbe ausgetauscht werden.

Weil zunächst kein Grund für die Abschaltung von Block 1 genannt wurde, wurden Spekulationen über ein vorzeitiges Betriebsende der Anlage laut. In einer Mitteilung stellte der französische Netzbetreiber RTE einen Bezug zu dem Antrag auf Widerruf der Betriebsgenehmigung und eine Verbindung zu dem neuen Atomkraftwerk in Flamanville her. Zudem wurde ausdrücklich erklärt, dass die Abschaltung „länger gehen könnte“ als bis Mitte September.

Für immer vom Netz?

Dass Fessenheim nun vom Netz bleibt, ist spekulativ. Der neue französische Präsident Macron könnte aber eine „Gegenleistung“ für die hohen Entschädigungszahlungen einfordern und wegen des derzeitigen Betriebsstillstands eine frühzeitige Stilllegung fordern. Wie sein Vorgänger François Hollande hatte auch er im Wahlkampf die endgültige Abschaltung der Anlage versprochen. Darüber hinaus kann sich der neue Umweltminister Nicolas Hulot vorstellen, in den kommenden sieben Jahren bis zu 17 der 58 Atommeiler des Landes abzuschalten.

Für die Menschen aus der Region am Oberrhein, die sich seit Jahrzehnten gegen den Betrieb der alten Reaktoren wehren, zählen aber nur Taten. Zu oft wurden die Atomkraftgegner*innen von den Versprechen enttäuscht, das Kapitel Fessenheim endlich zu beenden.

weiterlesen:

  • Fessenheim: Absurde Zusicherungen & Entschädigungszahlungen für Abschaltung
    26.01.2017 - Möglicherweise rückt die endgültige Abschaltung des ältesten Meilers in Frankreich näher. Der Staat bietet dem Betreiber Zusicherungen und Entschädigungszahlungen an für das Aus beider Meiler - in absurder Größenordnung. Der Konzern hat zugestimmt. Atomkraftgegner*innen bleiben skeptisch, Arbeiter*innen kündigen an „ihr“ Atomkraftwerk zu besetzen.

  • Frankreich: Uraltmeiler Fessenheim Ende 2016 vom Netz?
    08.03.2016 - Kürzlich sind brisante Details zu einem Störfall im ältesten französischen Atomkraftwerk Fessenheim bekannt geworden, der sich bereits 2014 ereignet hatte. Schon Anfang Januar bescheinigte das deutsche Ökoinstitut dem AKW „substanzielle Schwachstellen“. Die französische Ministerin Cosse bestätigte nun, dass die zwei Reaktoren an der Grenze zu Deutschland bis zum Jahresende abgeschaltet werden sollen.

Quellen (Auszug): heise.de, baden-online.de, neues-deutschland.de, dpa; 23.7.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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