.ausgestrahlt-Blog

28.09.2017 | von Jan Becker

Ältestes AKW der Welt soll wieder ans Netz

Mit einem Durchschnittsalter von 42,2 Jahren stellt die Schweiz den ältesten AKW-Park der Welt. Derzeit stehen die beiden Reaktoren mit der längsten Laufzeit still, was sich in Kürze ändern soll. Doch die Politik hat eine Idee zur endgültigen Stilllegung von Beznau-1 aufgegriffen.

Während der weltweite Durchschnitt aller in Betrieb befindlichen Atomkraftwerke bei 29,3 Jahren liegt, der in der EU bei 32,4 Jahren, ist die Schweiz mit deutlich mehr als 40 Jahren Laufzeit Schlusslicht. Das zeigt der jährlich erscheinende, kritische „World Nuclear Industry Status Report“.

Alter der Schweizer AKW
Foto: World Nuclear Industry Status Report 2017 Alter der Schweizer Atomkraftwerke

Am Standort Beznau befinden sich zwei identische Blöcke mit Druckwasserreaktoren von Westinghouse mit je 365 MW elektrischer Leistung. Block 1 wurde 1969 in Betrieb genommen, Block 2 zwei Jahre später. Beznau-1 ist derzeit mit fast 50 Jahren Laufzeit das weltweit älteste in Betrieb befindliche AKW - schaut man in die Statistik der Internationalen Atomenergie-Behörde (IAEA). Demnach sind in der Schweiz fünf Reaktoren „in operation“.

Der kritische Status-Report spricht allerdings „nur noch“ von vier aktiven Atomkraftwerken in der Schweiz. Hintergrund ist, dass Beznau-1 schon seit März 2015 keinen Strom mehr produziert. Im Nachbarland Frankreich verlieren AKW mit einer Stillstandszeit von mehr als zwei Jahren ihre Betriebserlaubnis. Eine solche Regelung macht sich auch der Report zu eigen: In die Kategorie „Long-term Outage“ (Langzeitstillstand) fallen Reaktoren, die im vorausgegangenen Jahr und in der ersten Hälfte des laufenden Jahres keinen Strom produziert haben. Also auch Beznau-1.

Politik greift Stilllegungs-Idee auf

„Stünde Beznau in Frankreich, wäre die Betriebsbewilligung inzwischen aufgehoben“, kommentiert Valentin Schmidt von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).

Ein Gesetz, dass Meiler nach einer längeren Stillstandszeit ihre Betriebserlaubnis verlieren, macht sicherheitstechnisch Sinn: Durch die Betriebsunterbrechung können weitere Komponenten des AKWs Standschäden erleiden oder alterungsbedingt ausfallen. Damit steigt das Risiko schwerer Unfälle beim Wiederanfahren. Aber auch aus Sicht der Stromwirtschaft wäre eine solche Regelung zu begrüßen: Die Ungewissheiten bezüglich der Verfügbarkeit des AKWs machen unter Umständen marktverzerrende regulatorische Eingriffe nötig.

„Der älteste AKW-Park der Welt verpflichtet zu einem geregelten Umgang“, so Schmidt. Ein Gesetz würde „auch für den Umgang mit den anderen AKW mehr Sicherheit schaffen“.

Nationalrat Beat Flach (GLP) reichte kürzlich eine parlamentarische Initiative ein: Ein Atomkraftwerk, das zwei Jahre und mehr stillsteht, soll automatisch seine Betriebsbewilligung verlieren.

Ältestes AKW der Welt soll wieder ans Netz

In Beznau 1 wurden im Sommer 2015 am Reaktordruckbehälter rund 925 Materialfehler entdeckt. Bei dieser „genaueren Messung“ gegenüber Untersuchungen in der Vergangenheit waren drei „bewertungspflichtige Befunde“ zum Vorschein gekommen. Außerdem wurden in der Stahlplattierung des Reaktordruckbehälters „einzelne, geringfügige Vertiefungen“ gefunden, deren Tiefe etwa die halbe Dicke der Plattierung betrage, so das ENSI. Die fehlerhaften Materialstellen hätten eine Größe von 5 bis 6 Millimetern. In allen Fällen sei die Ursache auf die Herstellung der Komponenten im Jahr 1965 zurückzuführen, u.a. wegen Aluminiumoxideinschlüssen. Es gäbe aber „keine Beeinträchtigung für den sicheren Betrieb des Reaktordruckbehälters“, so das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (ENSI). Ein bitterer Beigeschmack: Die Öffentlichkeit wurde über die zusätzlichen Materialprobleme nicht informiert.

Der Betreiberkonzern Axpo gibt sich zuversichtlich, Beznau-1 am 31. Oktober wieder anfahren zu können. Der Termin ist in der Vergangenheit aber schon mehrfach verschoben worden. Es gibt also (noch) Chancen für die politische Stilllegungs-Initiative!

UPDATE 29.10.: AKW Beznau bis März 2018 ausser Betrieb – oder für immer?
Wie das Unternehmen am Donnerstag mitteilte, wird der erste Block des Atomkraftwerks bis Ende Februar 2018 ausser Betrieb bleiben. (...) Grund für die Verzögerung sind zusätzliche umfangreiche Materialuntersuchungen, die von der Atomaufsichtsbehörde Ensi für die Wiederanfahrbewilligung verlangt werden.

 

Auch Block-2 vor dem Neustart

Kürzlich hat die Schweizer Atomaufsicht beurteilt, dass sich der baugleiche Block 2 „in einem guten Zustand“ befinde, es bestünden „keine Einwände gegen ein Wiederanfahren“. Ultraschallprüfungen am Reaktordruckbehälter, an dessen Deckel, Rohrdurchführungen und anliegenden Stutzen hätten im Gegensatz zu Block-1 keine Befunde ergeben. Seit dem 18. August wurden unter anderem 17 neue Brennelemente eingesetzt, Instandhaltungs- und Wartungsarbeiten und Wiederholungsprüfungen sind durchgeführt worden. Zuvor war der Meiler Anfang August wegen eines Lecks an einem „in Öl gebetteten Kabel“ mehrere Tage unplanmäßig vom Netz.

weiterlesen:

  • Belgien: Reaktor-Risse seit 40 Jahren bekannt
    26.09.2017 - Noch vor Baubeginn von Tihange-2 waren die riskanten Risse in Teilen der Reaktorhülle bekannt. Unterdessen haben zehntausende Menschen in der von einem möglichen GAU betroffenen Region um Aachen Jodtabletten beantragt.

  • Schweiz: AKW Beznau in größeren Atomskandal verwickelt?
    12.05.2016 - Das AKW Beznau soll noch weitere sechs Monate vom Netz bleiben. Der Betreiber gibt an, Produktionsunterlagen geprüft und Schäden im Reaktorbehälter als „unbedenklich“ identifiziert zu haben. Doch gerade diese Aussage könnte auf die Verwicklung in einen größeren Skandal hinweisen.

  • 1.000 Risse im ältesten AKW der Welt
    09.10.2015 - Mitten in Europa befindet sich das älteste Atomkraftwerk der Welt: Der Block 1 des AKW Beznau in der Schweiz wurde am 1. September 1969 in Betrieb genommen. Im Herzen des Meilers, dem Reaktorbehälter, sollen sich 1.000 Risse oder sogar Löcher befinden. Das zur Zeit abgeschaltete Kraftwerk wird deshalb wohl nie wieder in Betrieb gehen können.

  • Risse in Reaktoren: Belgien warnt die Welt vor bislang unterschätzen Korrosionsaspekten
    19. Februar 2015 — Die belgische Atomaufsicht spricht von einem „Problem für den ganzen Nuklearsektor“: In den Reaktordruckbehältern der beiden Atomkraftwerke Doel-3 und Tihange-2 waren bereits im Sommer 2012 tausende Risse gefunden worden. Eine neue Analyse ergab, dass es sich um noch größere Schäden handelt als bislang bekannt. Atomkraftgegner*innen fordern nun weltweite Untersuchungen.

Quellen (Auszug): bluewin.ch, bazonline.ch; handelszeitung.ch, iaea.org/pris, energiestiftung.ch; 12./26./27.09.2017

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

« zurück