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14.12.2017 | von Jan Becker

„Ungebremste Atomforschung“ mitten in Deutschland

Deutschland steigt aus der Atomenergie aus, das ist Gesetz. Doch in Karlsruhe wird kräftig an deren Weiterentwicklung gearbeitet.

Bis heute radioaktiv: Wappen Eggenstein Leopoldshafen
Radioaktiv: Wappen v. Eggenstein Leopoldshafen

Karlsruhe hat eine lange Atom-Tradition. Das Forschungszentrum KIT wurde 1956 durch den damaligen Bundesminister für Atomfragen Franz Josef Strauß als Reaktorbau- und Betriebsgesellschaft mbH in der zu Karlsruhe gehörenden Gemeinde Eggenstein-Leopoldshafen gegründet.

Auf dem Gelände wurden Forschungsreaktoren gebaut, unter anderem der seit 1981 stillgelegte „Forschungsreaktor 2“, ein in Deutschland entwickelter Schwerwasserreaktor. Es folgte der „Mehrzweckforschungsreaktor Karlsruhe“ sowie der Brutreaktor-Prototyp KNK. Ein besonderer Arbeitsschwerpunkt des Forschungszentrums lag zudem in der Entwicklung eines Verfahrens für die Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen. Dafür wurde die Wiederaufarbeitungsanlage Karlsruhe gebaut, in der im kleinen Maßstab Atommüll-Aufarbeitung erprobt wurde. In weiterentwickelter Form sollte die Technik in der nie gebauten Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf zum Einsatz kommen.

Seit 1991 sind alle Reaktoren am Standort Karlsruhe abgeschaltet. Das KIT änderte seine Schwerpunkte - heute wird u.a. zu erneuerbaren Energien geforscht.  Was aber bleibt sind nur teilweise zurückgebaute Reaktor-Ruinen und mehrere Atommüll-Lager.

„Herz und Hirn der deutschen/europäischen Atomforschung“

Im Fokus aktueller Proteste steht das „Europäische Institut für Transurane“ (ITU), auch „Joint Research Centre Karlsruhe“ (JRC), auf dem Gelände des Forschungszentrums. Das Land Baden-Württemberg hat einer 40 Millionen Euro teuren Erweiterung des ITU zugestimmt. In einem Mediationsverfahren stimmte das ITU zu, nicht an Atomreaktoren der so genannten vierten Generation zu arbeiten.

Das ITU erhielt 2012 eine Umgangsgenehmigung für 80 Kilo Plutonium in allen Aggregatzuständen, 825 kg Uran, 450 kg Thorium und dazu viele andere Nuklide in kleineren Mengen.

Während Deutschland den Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen hat, werde dort „immer noch ungebremste Atomforschung“ betrieben, kritisiert die Initiative Anti-Atom Karlsruhe. Von der EU finanziert arbeite das ITU an „neuen Brennelementen“ für Reaktoren der 4. Generation.

„In Wahrheit geht es auch um Thorium-Flüssigsalzreaktoren“, weiß Dr. Rainer Moormann, ehemaliger Mitarbeiter am Forschungszentrum Jülich und Experte für Reaktorsicherheit. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit wird an dieser Technologien gearbeitet, die geeignet ist, aus Thorium das waffenfähige Uran-233 herzustellen. Das Weiterverbreitungsrisiko von Atomwaffen (Proliferation) würde mit diesen Reaktoren enorm ansteigen.

Laut Moormann forscht man in Karlsruhe aber auch an kleinen mobilen Atomreaktoren (Small Modular Reactors-SMR), die auch an Entwicklungsländer verkauft werden sollen. Dezentral soll dort Strom und Prozesswärme geliefert werden.

„Unvorstellbar, wenn dieses Szenarium Realität wird und diese Technologie unkontrollierbar bald auch kleine oder massiv terrorgefährdete Staaten zu Atommächten aufsteigen lässt“, warnt Moormann.

Mitspielen im Kreise der großen Atommächte

Durch die Arbeiten in Karlsruhe, die weltweite Bedeutung haben, will Deutschland im Kreis der großen Atommächte weiter mitspielen. Dabei wird mit den Flüssigsalzreaktoren eine der gefährlichsten zivilen Technologien unterstützt, die je entwickelt wurden.

Die Universität Karlsruhe sollte „alle ihre Energie auf die Einsparung von Energie und die Effizienzforschung für regenerative Erzeugungsanlagen und Speichertechnologien legen“, fordert Harry Block, Mitglied des BUND-Vorstandes Mittlerer Oberrhein. „Wollen wir die Fortführung der Atomwissenschaft mit Steuergeldern, diese vermeintliche Sicherheitsforschung mit Abgabe von Plutoniumemissionen aus den Kaminen des ITU und des KIT-Nord weiter hinnehmen?“

weiterlesen:

  • Forschung mit Atomfilz
    16.12.2013 - Ein Beispiel für die massiven Verflechtungen der Atomlobby-Organisationen mit der freien Wirtschaft und deutschen Forschungseinrichtungen ist das Karlsruhe Institut für Technologie (KIT), ehemals Kernforschungszentrum Karlsruhe.

Quellen (Auszug): de.wikipedia.org, stattweb.de, de.atomkraftwerkeplag.wikia.com, philippsburg-abschalten.de, karlsruhe.bund.net; 19.1.2017/26.6.2015

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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