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26.01.2018 | von Jan Becker

Schwedische Atommüll-Pläne gestoppt

„Kein Problem“ war noch Mitte vergangenen Jahres der Tenor in Schweden, wenn es um eine Lösung für die langfristige Lagerung der hochradioaktiven Hinterlassenschaften ging. Nun hat das zuständige Umweltgericht die Pläne als „nicht genehmigungsfähig“ abgewiesen. Eine Entscheidung mit großer Tragweite.

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Atomkraftwerke in Schweden

Wegen „bedeutender Unsicherheiten“ muss die Atomindustrie ihr Konzept nun offenbar abschreiben, den hochstrahlenden Abfall aus den Atomkraftwerken in Kupferkapseln verpackt in Kavernen zu versenken. Nach siebenjähriger Prüfung kommen die Richter zu dem Ergebnis, dass die vorgesehene Technik den Müll möglicherweise nicht dauerhaft einschließen kann.

Direkt neben dem AKW Forsmark, das Mitte 2006 wegen einer Beinahe-Kernschmelze Schlagzeilen machte, sollte das Atommüll-Lager für den hochradioaktiven Müll entstehen. Derzeit lagern alle verbrauchten Brennelemente aus den schwedischen Meilern nach einer Abklingzeit im 450 Kilometer von Forsmark entfernten Zwischenlager am AKW Oskarshamn.

Schon Ende der 70er Jahre legte sich die Svensk Kärnbränslehantering (SKB), ein Zusammenschluss der drei Atomkraftwerks-Betreiber, auf den Standort fest. Wenige Jahre später wurde das technische Konzept veröffentlicht: Die Brennstäbe sollten in Kupferkapseln von fünf Metern Länge in 500 Meter tief in den Fels gesprengten Kavernen auf einem Bett aus wasserdichtem Bentonit gelagert werden. Die SKB versprach, dass über Jahrtausende „Sicherheit“ selbst gegenüber Erdbeben und Eiszeiten gewährleistet sei.

2011 wurde der Antrag eingereicht. 2020 sollte mit dem Bau begonnen, zehn Jahre später die ersten Container eingelagert werden.

Zweifelhafte Korrosions-Tests

Doch nicht etwa die Tatsache, dass die Kavernen unter der Ostsee entstehen sollen oder die Eignung der Gesteinsschichten sind Auslöser für die aktuelle Kritik. Die Behörde stellt die Haltbarkeit der Kupferkapseln in Frage.

Ursprünglich war eine Wandstärke der Kapseln von 20 Zentimeter geplant. SKB gab an, dass Kupfer unter den im Atommüll-Lager vorherrschenden Bedingungen 0,5 Nanometer pro Jahr korrodiert. Heute sollen die Behälter allerdings nur noch mit einer Wandstärke von fünf Zentimetern gebaut werden. In Versuchen korrodierte das Kupfer 1.000 bis 10.000 Nanometer im Jahr, teilweise sogar bis zu 15 Millionen Nanometern. Unabhängige Korrosionsforscher sprechen von noch höheren Werten. Schon bei 10 Prozent Korrosion könnten sie instabil werden.

Im Gegensatz zu den Versprechen „zehntausende Jahre Sicherheit“ würden also im besten Fall einige Hundert Jahre (im schlechtesten keine zehn) vergehen, bis radioaktives Material freigesetzt wird, in das umgebene Gestein sickert, mit grundwasserführenden Schichten in Kontakt kommt oder in die Biosphäre gelangt. Die Folgen wäre mindestens regional eine Katastrophe.

Am Rande bleibt zu erwähnen, dass das SKB-Konzept ohnehin voraussetzte, dass irgendwann Strahlung freigesetzt wird. Nur halt erst in vielen Jahrtausenden...

Entscheidung hat große Tragweite

Schweden und Finnland wurden bisher im internationalen Vergleich als die Länder dargestellt, die als einzige auf der Welt eine „Lösung“ für ihr Atommüll-Problem hätten. Das Kupferkapsel-Konzept war der „Entsorgungs-Nachweis“, die Grundlage für die Genehmigung zum Betrieb der schwedischen Atomkraftwerke. Auch dieser entfällt jetzt.

Auswirkungen müssen die Zweifel aber auch auf das Nachbarland haben: Finnland baut sein Atommüll-Lager nach einem sehr ähnlichen technischen Konzept. Dort sollen Kupferkapseln in Bohrlöchern versenkt werden.

Die schwedische Regierung hat nun das letzte Wort. Kritiker*innen gehen davon aus, dass sie die Stellungnahme der Umweltbehörde nicht übergehen kann. Die grüne Umweltministerin versprach eine „gründliche Prüfung“. Die traditionell atomkraftfreundliche staatliche Strahlenschutzbehörde SSM gab hingegen parallel zu der Stellungnahme des Gerichts grünes Licht für die Atommüll-Pläne.

weiterlesen:

  • Atommüllreport: die schwedischen Endlagerplänen

  • Mehr Tempo beim Atomausstieg: Schweden macht es vor
    23.10.2015 - Nach der Meldung über das vorzeitige Betriebsende von zwei Kraftwerksblöcken am Standort Oskarshamn hat nun der Atomkonzern Vattenfall die baldige Stilllegung von zwei Meilern in Ringhals bekannt gegeben. Die Weiternutzung lohnt sich nicht. Zugrunde liegt eine Fehleinschätzung der Entsorgungskosten für den Atommüll.

  • Schweden verabschiedet sich von der Atomkraft
    8. Juli 2015 — Schweden plante Laufzeitverlängerungen, Leistungserhöhung bei bestehenden Meilern und AKW-Neubauten. Das alles ist vom Tisch. Aus wirtschaftlichen Gründen sollen kleinere Reaktoren nun sogar vorzeitig stillgelegt werden.

Quellen (Auszug): taz.de, ag-schacht-konrad.de, atommuellreport.de, zdf.de; 8.8.2017/24./25.1.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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