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13.03.2018 | von Jan Becker

Castor-Alarm in Norddeutschland?

Mit dem „Neustart“ der Suche nach einem Atommüll-Lager wurde auch vereinbart, dass ins Wendland vorerst keine Castor-Transporte mehr rollen sollen. Dafür werden 26 Behälter mit hochgiftigen Abfällen auf diverse Zwischenlager an AKW-Standorten verteilt. Die Transporte könnten schon in diesem Jahr beginnen.

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Foto: PubliXviewinG

Die ersten Castoren sollen noch in diesem Jahr anrollen, berichtete der NDR Ende letzter Woche und berief sich dabei auf das Bundesumweltministerium. Noch fehlt allerdings die notwendige Genehmigung für die beispielsweise sieben Behälter mit Atommüll aus der Wiederaufarbeitungsanlage im britischen Sellafield, die in das Zwischenlager am AKW Brokdorf eingelagert werden könnten. Antragssteller und Betreiber der Zwischenlager – bis Anfang 2019 noch die Stromkonzerne – betonten stets ihr Desinteresse an den Transporten wegen des hohen Aufwands und der Kosten für Umrüstungen und Umbau der bestehenden Hallen. Der Start der gesetzlich vereinbarten Rückführung des deutschen Mülls wurde seit 2013 mehrfach angekündigt. Für Brokdorf wurde die Einlagerung im Herbst 2017 beantragt. Zuletzt hieß es, ab 2019 sollten die Transporte beginnen.

26 Behälter nicht mehr nach Gorleben

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Um die letzten 26 Atommüll-Behälter aus den beiden Wiederaufarbeitungsanlagen La Hague (Frankreich) und Sellafield (England), gefüllt mit „strahlenden Überresten“ deutscher Brennelemente, gibt es seit Jahren Streit. Ein politischer Kompromiss sollte Ruhe in den Landkreis Lüchow-Dannenberg bringen, in dem sich bis dahin einmal pro Jahr die Anti-Atom-Bewegung zu den Protestaktionen gegen die Atomfracht nach Gorleben versammelte. Zuletzt war der Widerstand und damit die zeitlichen Verzögerungen im Transportablauf so groß geworden, dass eine politische Durchsetzung weiterer Castortransporte unmöglich schien.

Die Bundesregierung beschloss eine Verteilung der „Last“ auf mehrere Zwischenlager an Standorten von Atomkraftwerken: Philippsburg in Baden-Württemberg, Biblis in Hessen, Isar in Bayern sowie Brokdorf in Schleswig-Holstein. Einzelne Orte haben bereits Widerstand angekündigt. Besonders in Philippsburg positionierten sich vor allem konservative Politiker*innen sehr früh gegen die Castoren: Das dortige Lager sei nur für Müll aus dem eigenen AKW gebaut worden. Und brachten Gorleben wieder ins Spiel.

Transporte sind sinnlos & gefährlich

Atomkraftgegner*innen bewerten die Situation ein wenig anders. Nachdem das Zwischenlager Brunsbüttel – bis dahin auch als Empfänger im Gespräch gewesen – nach einem erfolgreichen Gerichtsverfahren seine Betriebsgenehmigung verloren hatte, sind unserer Meinung nach alle Zwischenlagerhallen (und vor allem die baugleichen) ebenfalls als „nicht terrorsicher“ zu deklarieren. Dieses Eingeständnis bleibt offiziell natürlich aus. Dennoch muss es die Einlagerung weiteren Atommülls in die Hallen verbieten.

Weiteres Argument ist das sinnlose Verschieben der hochgefährlichen Fracht von einem Zwischenlager in das nächste. Die Fragen, an welchem Ort ein "endgültiges" Atommüll-Lager für den deutschen Atommüll entstehen soll, wie dieses aussieht und wann es betriebsbereit ist, sind völlig offen. Klar ist jedoch, dass die Castoren irgendwann erneut auf die Schiene oder Straße müssen, um dorthin zu gelangen. Damit verbunden ist immer auch das Risiko schwerer Unfälle oder möglicher Anschläge.

Demonstration am 22. April

In Brokdorf ist anlässlich des 32. Tschernobyl-Jahrestages eine Kundgebung vor dem dortigen Atomkraftwerk geplant. Ein Thema sind auch die angekündigten Castortransporte. „Wenn Mitte der 2040 Jahre die Genehmigung für die Zwischenlagerung der hochradioaktiven Brennelemente ausläuft, wird es immer noch kein dauerhaftes Atommülllager geben“, heißt es im Aufruf zur Demo. Neben dem Reaktorbetrieb sei auch die Zwischenlagerung der hochradioaktiven Brennelemente „mit enormen Risiken verbunden“. Dennoch soll in Brokdorf zusätzlicher hochradioaktiver Atommüll zwischengelagert werden.

weiterlesen:

  • Das Standortauswahlverfahren, das der Bundestag im März 2017 beschlossen hat, ist – anders als behauptet – weder fair noch wissenschaftsbasiert noch partizipativ. - mehr
  • Zwischenlager sind keine Lösung
    16.10.2017 - Das aktuelle Konzept für die Zwischenlagerung von hochradioaktivem Atommüll ist mangelhaft. Castor-Behälter müssen deutlich länger als 40 Jahre zur Aufbewahrung von Atommüll verwendet werden.

Quellen (Auszug): ndr.de, akw-brokdorf-abschalten.de, umweltfairaendern.de; 13.3.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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