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26.04.2018 | von Jan Becker

Atomprojekte in Osteuropa müssen gestoppt werden

Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien kann bei gleicher Versorgungssicherheit günstiger sein als derzeit geplante Atomkraftwerke in mehreren osteuropäischen Staaten, belegt eine neue Studie, die anlässlich des 32. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe veröffentlich wurde. Die AKW-Projekte müssen gestoppt werden – weder ist das Sicherheitsrisiko tragbar, noch rechnen sie sich.

Windkraft-Anlage mit Anti-Atom-Fahnen
Foto: Andreas Conradt / PubliXviewinG

32 Jahre nach Tschernobyl wollen Polen, Ungarn, die Slowakei und Tschechien Atomkraftwerke bauen, um so unabhängig von Energieimporten zu werden. Glaubt man den Ausbauplänen, dann sollen zwischen 2027 und 2035 16.000 Megawatt nukleare Kapazität in Betrieb gehen, so viel wie Deutschland seit 2011 bis 2020 abgeschaltet haben wird. In den Szenarien geben die Betreiber an, die Kosten pro Megawattstunde betragen bis zu 80 Euro.

Bei den laufenden Bauvorhaben in Großbritannien und Frankreich mussten dank Verzögerungen und Mehrkosten diese Prognosen allerdings kräftig nach oben korrigiert werden und liegen nun zwischen 90 und 125 Euro je Megawattstunde. Selbst beim staatlich subventionierten Bau von Hinkley Point C in England werden Kosten von 119 Euro pro Megawattstunde angenommen.

Erneuerbare Energien sind günstiger

Im Auftrag des Ökoenergieanbieters Greenpeace Energy hat das Berliner Analyseinstitut Energy Brainpool ermittelt, dass die Versorgungssicherheit in den vier osteuropäischen Staaten mit Erneuerbaren Energien konkurrenzfähig mit der Atomenergie wäre. Die Kosten für flexibel steuerbare Erneuerbaren-Systeme könnten auf bis zu 100 Euro pro Megawattstunde sinken.

„Der finanzielle Vorsprung der Erneuerbaren wird noch größer, wenn man zusätzliche Kosten für AKW-Störfalle und die noch nicht eingepreiste Lagerung von Atommüll berücksichtigt“, so Nils Müller, Vorstand bei Greenpeace Energy. Belastbare Prognosen gibt es dafür nicht.

Die neue Studie hat erstmals die Kosten der osteuropäischen AKW-Projekte mit denen eines verlässlich steuerbaren Erneuerbaren-Kraftwerksystems verglichen. Dieses würde aus Windkraft- und Photovoltaik-Anlagen bestehen, deren Stromüberschüsse per Elektrolyse in erneuerbaren Wasserstoff umgewandelt werden. Dieses „Windgas“ dient als Speichermedium und kann bei Bedarf – etwa nachts oder bei längeren Windflauten – in teils eigens gebauten Gaskraftwerken wieder in Strom umgewandelt werden. Laut Brainpool liegen die Stromgestehungskosten für Polen bei 112 Euro und in Tschechien bei 119 Euro je Megawattstunde.

Atompläne müssen gestoppt werden

Anlässlich des Tschernobyl-Jahrestages appelliert Greenpeace Energy an die Regierungen der Ost-Staaten:

„Tschernobyl mahnt, dass Atomkraft ehrlich betrachtet nicht nur immense Kosten, sondern auch unbeherrschbare Risiken beinhaltet“, so Nils Müller. „Die Erneuerbaren sind nicht nur sicher, sondern bieten auch eine größere Energieunabhängigkeit, weil keine Brennstoffe importiert werden müssen.“

 

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Quellen (Auszug): greenpeace-energy.de, klimaretter.info, energate-messenger.de, agora-energiewende.de, oekonews.at; 23./25.4.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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