Belgisches Atomkraftwerk leckt

03.05.2018 | Jan Becker

Erneut gab es in einem der belgischen Skandal-Reaktoren einen Störfall. Wegen massiver Sicherheitsbedenken und wachsendem Misstrauen wird die Forderung nach der sofortigen Stilllegung der AKW Doel und Tihange immer lauter. Als Konsequenz ist im Raum Aachen die größte Antiatomkraftbewegung seit den Achtzigerjahren entstanden.

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Foto: Heike Lachmann
Juni 2017: Menschenkette gegen AKW Tihange

Aus dem Reaktor Doel-1 bei Antwerpen wurde vor wenigen Tagen ein Leck in einer Wasserleitung des Notkühlsystems gemeldet. Laut AKW-Betreiber Engie-Electrabel handelt es sich um sogenanntes Borwasser. Der Betreiber sprach vorerst davon, es sei „normales Wasser“ ausgetreten. Später räumte er dann ein, dass die Flüssigkeit radioaktiv sein könnte: „Das Wasser, das durch das Leck getreten ist, könnte im nuklearen Bereich mit Radioaktivität in Kontakt gekommen und somit auch radioaktiv sein“, so Anne-Sophie Hugé, Sprecherin des Betreibers. Es gebe aber keinen Anlass zur Sorge, weil das Wasser aufgefangen, in einem internen Kreislauf behandelt und später „entsorgt“ würde, so Hugé.

Schwierigkeiten bereitet allerdings die nötige Reparatur: Das Leck ist nur schwer zugänglich und Arbeiter können aufgrund der Strahlung nur kurze Zeit an der Stelle verbleiben. Voraussichtlich bis Oktober bleibt der Meiler vom Netz.

Dieter Majer, ehemaliger Leiter der deutschen Atomaufsichtsbehörde, schlägt Alarm und sieht erhebliche Defizite im Qualitätsmanagement. Ein Leck im Not- und Nachkühlsystem sei „absolut unnormal“, so Majer. Wegen der engen Kontrollintervalle hätten Anzeichen für das Leck schon früher gefunden werden müssen.

Atomkraftgegner*innen fordern Konsequenzen

Anti-Atomkraft-Initiativen und Umweltverbände in Deutschland fordern die belgische Regierung auf, den Reaktor sofort stillzulegen. Von der deutschen Bundesregierung fordert u.a. das Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie die sofortige Einstellung aller Lieferungen von Brennelementen aus dem emsländischen Lingen sowie von angereichertem Uran aus dem westfälischen Gronau nach Belgien.

Laut der aktuellen Transportübersicht des Bundesamtes für kerntechnische Entsorgungssicherheit (BfE) lieferten die Fabriken erst vor wenigen Wochen fünfmal neue Brennelemente nach Belgien. Zielort war laut einer Auskunft des Bundesumweltministeriums ausgerechnet das jetzt betroffene Doel 1 sowie der Nachbar-Reaktor Block 2.

„Was muss in Doel und Tihange eigentlich noch passieren, bevor das Bundesumweltministerium und die Bundesregierung die Reißleine ziehen, um die äußerst brisanten Exporte von Brennelementen und angereichertem Uran für den AKW-Betrieb in Belgien einzustellen?“ so Jörg Schellenberg vom Aachener Aktionsbündnis gegen Atomenergie. Die neue Bundesumweltministerin Svenja Schulze müsse jetzt umgehend handeln und jeden weiteren Brennelementexport nach Belgien per Weisung unterbinden.

Weitere Proteste angekündigt - Druck wächst weiter

In den kommenden Wochen sind weitere Proteste für die Stilllegung der belgischen Meiler und gegen weitere Brennstoff-Lieferungen geplant. Am 10. Mai findet anlässlich der Verleihung des Karlspreises an den französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Aachen eine Anti-Atom-Demo statt. Der französische Staat ist über Konzernbeteiligungen sowohl in Doel und Tihange wie auch bei der Brennelementefabrik Lingen größter Anteilseigner.

Für den 9. Juni ist in Lingen zudem eine größere Demonstration angekündigt. Zahlreiche Initiativen und Verbände wollen unter dem Motto „sofortige Stilllegung des Atomstandorts Lingen sowie der Urananreicherungsanlage Gronau“ vom dortigen Atomkraftwerk Emsland zur Brennelementefabrik ziehen.

weiterlesen:

  • Strafanzeigen-Flut gegen belgische Störfall-AKW
    18.04.2018 - „Es kann passieren, dass der Reaktor-Druckbehälter kaputt geht“, so äußert sich der Atomsicherheits-Experte Wolfgang Renneberg nach einer Fachtagung zum belgischen Atomkraftwerk Tihange-2. Atomkraftgegner*innen starten eine „Strafanzeigen-Flut“.

Quellen (Auszug): aachener-nachrichten.de, zeit.de, scharf-links.de; 30.4./2.5.2018

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Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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