.ausgestrahlt-Blog

08.05.2018 | von Armin Simon

„So, wie es war, hätte es in keinem Fall bleiben können“

Sarah Rieseberg
Foto: privat Sarah Rieseberg

Energiesystem-Expertin Sarah Rieseberg über den Umbau des Stromsystems, Versorgungssicherheit in Zeiten fluktuierender erneuerbarer Energien, schädliche und notwendige Kraftwerke und wie man die richtigen finanziert

 

 

 

Frau Rieseberg, Sie haben 2014 in einer Studie für .ausgestrahlt gezeigt, dass alle AKW – damals noch neun – sofort vom Netz gehen könnten, ohne dass die Versorgungssicherheit in Gefahr geriete. Wie sieht das heute für die verbliebenen sieben Meiler aus?

Das gilt heute im Prinzip noch genauso. Damals hatten die Netzbetreiber so viele Reservekraftwerke unter Vertrag, dass sie die maximal benötigte Leistung auch ohne Wind und Sonne jederzeit hätten zur Verfügung stellen können: Die sogenannte Leistungsbilanz war also positiv, und zwar sowohl für Nord- wie auch für Süddeutschland. Diese Kraftwerkskapazitäten, die zum Teil in Nachbarländern wie Österreich liegen, gibt es immer noch. Insofern hat sich die Situation von 2014 nicht geändert.

Neben den AKW müssen allerdings auch etliche Kohlekraftwerke so schnell wie möglich vom Netz. Haben wir bald doch nur noch dann Strom, wenn Wind weht oder die Sonne scheint?

Irgendwann werden wir die theoretische Höchstlast in Deutschland nicht mehr komplett mit eigenen wetterunabhängigen Kraftwerkskapazitäten decken können. Das ist eine neue Situation. Aber nur, weil das innerhalb der Nationalgrenzen rechnerisch nicht mehr gesichert ist, müssen wir uns keine Sorgen machen. Denn wir leben seit Jahrzehnten in einem europäischen Stromverbund und Strommarkt. Kraftwerkskapazitäten auf rein nationaler Ebene vorzuhalten, ist da nicht mehr angebracht.

Die Leistungsbilanz für Deutschland wird also in absehbarer Zeit negativ werden?

Wenn wir die Reservekraftwerke rausrechnen, die ja nicht frei am Markt agieren, ist diese Situation schon vor einigen Jahren eingetreten. Wir sind in dieser neuen Welt angekommen, das stellt aber kein Problem dar.

Warum?

Der europäische Stromverbund hilft uns, Unter- und Überschüsse auszugleichen. Zum Teil findet ein geographischer Ausgleich bei den fluktuierenden Erneuerbaren statt: Überschüssiger Wind- und Sonnenstrom aus Nachbarländern erhöht unsere Versorgung mit Erneuerbaren. Gleichzeitig reduziert sich durch die europäische Perspektive die zu deckende Maximallast, denn die Höchstlast findet nicht in allen Netzregionen zur gleichen Zeit statt. Wir brauchen deshalb in europaweiter Betrachtung insgesamt weniger gesicherte Kapazitäten – können also bestehende fossile Überkapazitäten in den einzelnen Mitgliedsländern abbauen.

Ist Deutschland das erste oder einzige Land, in dem die Leistungsbilanz negativ ist oder wird?

Nein, eine Reihe von Ländern befand oder befindet sich in Bezug auf die gesicherten Kapazitäten schon lange nahe oder unterhalb der Höchstlast, so etwa Frankreich, Italien, auch in den Niederlanden war dies eine Zeitlang so. Solange das Netz mit den Nachbarländern dicht genug verknüpft ist, ist die Versorgungssicherheit deswegen aber nicht gefährdet.

Wir wollen aber, dass auch die AKW im Ausland abgeschaltet werden, und zwar möglichst schnell. Und die Kohleverstromung muss dort ebenfalls auslaufen.

Genau. Und ich hoffe sehr, dass bis 2030 ein großer Teil der Kohlekraftwerke nicht mehr läuft. Deshalb werden wir uns auch mit Versorgungssicherheit beschäftigen müssen – auf europäischer Ebene. Denn auch europaweit gesehen reichen die gesicherten, wetterunabhängigen Kapazitäten dann nicht mehr aus, dafür müssen wir gemeinsame Lösungen entwickeln. Da sind wir aber noch lange nicht angekommen. Und durch innereuropäischen Netzausbau werden wir auch Zeit gewinnen.

Wie sorgen wir denn künftig für Versorgungssicherheit, ohne AKW und Kohlekraftwerke?

Versorgungssicherheit setzt sich in Zukunft aus fluktuierenden und ansteuerbaren Erzeugungskapazitäten sowie aus Lastverschiebung zusammen: fluktuierende Erneuerbare, deren Angebot sich nach Wind und Sonne richtet, werden wir immer zuerst nutzen. Soweit möglich werden wir den Verbrauch in die Zeiten verschieben, in denen viel Strom zur Verfügung steht, und die Last reduzieren, wenn wenig erneuerbarer Strom produziert wird. Es wird aber Zeiten geben, insbesondere im Winter, zu denen die fluktuierenden Erneuerbaren auch unseren Minimalverbrauch nicht decken. Dafür benötigen wir dann ansteuerbare Ressourcen, die uns Versorgungssicherheit garantieren: Wasserkraft, Biomasse, Speicher und so weiter. Vor allem für diese ansteuerbaren Ressourcen brauchen wir technische, aber auch Marktdesign-Lösungen. Die müssen und werden wir entwickeln – genauso wie wir immer bessere Windräder und Solaranlagen entwickelt haben. Wahrscheinlich wird es in irgendeiner Form darauf hinauslaufen, dass wir eine bestimmte Zahl an Reservekraftwerken finanzieren, zum Beispiel, indem wir diese Reservekapazitäten auf einem sogenannten Kapazitätsmarkt ausschreiben. Außerdem werden wir wohl eine Anschubfinanzierung für Stromspeicher benötigen, um diese weiterzuentwickeln.

Auf jeden Fall genügt eine einfache Leistungsbilanz künftig nicht mehr, um nachzuweisen, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet ist.

Man muss stattdessen Szenarien durchrechnen, auf der Basis von Wetterjahren, Lastverläufen, Kraftwerksstandorten und Leitungen. Das ist natürlich viel komplexer, als bloß Kraftwerkskapazitäten aufzusummieren und mit einer Maximallast zu vergleichen. Außerdem müssen wir die Versorgungssicherheitsbetrachtung auf die europäische Ebene heben.

Dass das alles anders werden muss: Ist das die Schuld der erneuerbaren Energien?

So, wie es in der Vergangenheit war, hätte es doch in keinem Fall bleiben können! Diese angebliche Option, alles zu lassen, wie es war, hat es nie gegeben! Um den Klimawandel aufzuhalten, müssen wir unser Energiesystem umbauen und vollständig dekarbonisieren, da bleibt uns gar keine Wahl. Und selbst wenn wir den Klimawandel komplett ignorieren würden, hätten wir die Debatte um Versorgungssicherheit auch mit unserem althergebrachten kohle- und atomkraftbasierten Kraftwerkspark – denn wir haben den Strommarkt liberalisiert.

Was hat das damit zu tun?

Ein Kraftwerk, das nur die wenigen Stunden läuft, wenn ein Versorgungsproblem besteht, kann sich am freien Markt nicht refinanzieren. Außerdem bedarf es neuer Kraftwerkskapazitäten, wenn alte Anlagen vom Netz gehen. Aber in einem liberalisierten Markt nutzen Investoren ihr Kapital nur für Neubauten, die ausreichend viele Stunden im Jahr laufen, also potenziell wirtschaftlich sind. Deshalb kann es passieren, dass nicht genügend Kapazität zugebaut wird.

Sarah Rieseberg
Sarah Rieseberg ist Projektleiterin bei Arepo Consult, einem Beratungsbüro für Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Klimaschutz und nachhaltige Energiewirtschaft. Sie hat internationale Politik und Umweltpolitik studiert. Schwerpunktthemen ihrer Arbeit sind unter anderem Aspekte internationaler Klimapolitik sowie Energieszenarien. Für .ausgestrahlt verfasste sie 2014 die Studie „Atomausstieg 2015 – Gehen ohne Atomkraftwerke die Lichter aus?“


Einige Expert*innen sind überzeugt, dass die Strompreise in nachfragestarken Zeiten ohne großes Angebot von erneuerbaren Energien irgendwann so hoch steigen, dass sich dafür dann auch wieder Produzenten finden.

Das ist Theorie. In der Praxis investiert aber niemand in Kraftwerke, die nur sporadisch oder eventuell gebraucht werden. Weil keiner daran glaubt, dass er mit dem Erlös aus ein paar Stunden Stromverkauf, in denen das Kraftwerk vielleicht benötigt wird, die ganze Anlage und ihre Bereitschaft finanzieren kann. Wir wissen das auch aus anderen liberalisierten Märkten, etwa in den USA. Im Marktgebiet Pennsylvania/New Jersey/Maryland wurde bereits 1999 ein Kapazitätsmechanismus eingeführt, weil die Versorgungssicherheit nach der Liberalisierung gefährdet schien. Mit erneuerbaren Energien hatte das nichts zu tun – die gab es 1999 ja in der heutigen Form gar nicht.

Der Ausbau der fluktuierenden erneuerbaren Energien hat das Problem aber verschärft.

Es stellt sich durch sie früher, aber das ist ja nun kein unlösbares Drama.

Wenn es zumindest auf europäischer Ebene wetterunabhängige Kraftwerke braucht, die bereitstehen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten: War es dann nicht eine gute Idee der Bundesregierung, alte Braunkohle-Kraftwerke bezahlt in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft zu schicken?

Mit Versorgungssicherheit hatte das doch gar nichts zu tun! Dafür sind diese Kraftwerke schon technisch ungeeignet. Tatsächlich ging es nur darum, ein paar Anlagen vom Netz zu bekommen, um die CO2-Emissionen zu senken. Und statt das ordnungspolitisch durchzusetzen, bezahlen wir den Betreibern nun Geld dafür – es ist eine Entschädigungszahlung, die sich als Sicherheitsbereitschaft tarnt.

Was braucht es außer Kraftwerkskapazitäten noch, um Versorgungssicherheit in einem europäischen Stromsystem zu sichern, das zu immer größeren Teilen auf erneuerbaren Energien fußt?

Erstens Übertragungskapazitäten im europäischen System, damit wir den bestehenden Kraftwerkspark möglichst gut für Versorgungssicherheit nutzen, Wetterungleichheiten ausgleichen und den erneuerbaren Strom verteilen können. Zweitens saisonale Speicher: Wie in der Landwirtschaft werden wir auch bei der Energie im Sommer Überschüsse produzieren, die wir im Winter verbrauchen.

Sind die derzeit geplanten innerdeutschen Stromautobahnen demnach unverzichtbar?

Ein Teil schon. Einige weisen allerdings eine fragwürdige Nähe zu den Braunkohlerevieren auf, was die Frage aufwirft, ob man sich da nicht statt des Ökostroms gerade den Braunkohlestrom abholt. Das lässt sich von außen aber sehr schwer bewerten. Es ist natürlich prinzipiell sinnvoll, bestehende Netzinfrastruktur zu nutzen – und die orientierte sich historisch eben auch an den fossilen Kraftwerken.

Könnte mit Blick auf die künftige Versorgungssicherheit nicht auch wieder jemand auf die Idee verfallen, die AKW länger laufen zu lassen – ob nun in Deutschland oder im Ausland?

Dafür besteht erstens keine Notwendigkeit, auch nach den europäischen Szenarien nicht. Zweitens wäre eine Laufzeitverlängerung auch mit Blick auf die Versorgungssicherheit überhaupt keine sinnvolle Maßnahme. AKW kann man ja genau nicht mal eben für ein paar Stunden schnell anschmeißen und regelbar sind sie auch nur sehr eingeschränkt. Drittens sind AKW in der derzeitigen Situation für den Strommarkt schädlich: Wie die Braunkohle drücken sie den Strompreis an der Börse und ruinieren so den Preis für alle anderen ökologisch sinnvolleren Erzeugungsarten. Nimmt man Atomkraft hingegen aus dem Markt, werden Gaskraftwerke wieder rentabler, die derzeit aus ökonomischen Gründen reihenweise vom Netz gehen. Dabei sind das genau die Anlagen, die wir übergangsweise für unsere Versorgungssicherheit brauchen werden: weil sie die erneuerbaren Energien sehr flexibel ergänzen können und dabei deutlich weniger CO2 ausstoßen als Kohlekraftwerke.

Interview: Armin Simon

Dieses Interview erschien ursprünglich im .ausgestrahlt-Magazin Nr. 35 / Mai 2018
 

Armin Simon

Armin Simon, Jahrgang 1975, studierter Historiker, Redakteur und Vater zweier Kinder, hat seit "X-tausendmal quer" so gut wie keinen Castor-Transport verpasst. Als freiberuflicher Journalist und Buchautor verfasst er für .ausgestrahlt Broschüren, Interviews und Hintergrundanalysen.

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