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In Deutschland halten die hohen Temperaturen an. Auf bis zu 37 Grad könne das Thermometer laut Deutschem Wetterdienst klettern. Während die Wasserpegel der Flüsse, aus denen die Atomkraftwerke ihr Kühlwasser entnehmen, täglich sinken, steigt die Temperatur weiter. Während die Nachbarländer ihre Meiler drosseln um das Leben in den Flüssen zu schützen, setzt Deutschland auf Ausnahmegenehmigungen.

AKW Philippsburg-2
Foto: Daniel Meier-Gerber / EnBW Kühltürme und Kühlwasserquelle des AKW Philippsburg

2003 stieg die Wassertemperatur im Rhein auf 28 Grad. Ein massives Fischsterben war die Folge. Damals wurden die Regelungen für Kraftwerke, die ihr Kühlwasser aus Flüssen beziehen, deutlich verschärft.

Der Rhein bei Karlsruhe hat am 26.7.2018 die kritische Grenze von 26 Grad überschritten. In Brokdorf betrug die Temperatur der Elbe laut des Kieler Umwelt- und Energiewende-Ministeriums am selben Tag 23 Grad. Steigt die Wassertemperatur weiter, muss die Kraftwerksleistung sukzessive reduziert werden, damit die wasserrechtliche Einleiterlaubnis für das Kühlwasser eingehalten wird. Thermische Kraftwerke, die Fluss- als Kühlwasser nutzen, dürfen bis zu einer Wassertemperatur von maximal 28 Grad in Betrieb bleiben, so die gesetzliche Grundlage.

Wassertemperatur im Rhein
Foto: Landesanstalt für Umwelt Ba-Wü Wassertemperatur im Rhein

Auch andere Länder haben Kühlwasser-Probleme: Das finnische AKW Loviisa reduzierte seine Leistung bereits Mitte letzter Woche für ein paar Stunden um 170 Megawatt, weil das Ostseewasser mit 24 Grad „wärmer als normal“ sei, so ein Kraftwerkssprecher. Beim Austritt aus dem Kühlsystem des AKW habe das Wasser eine Temperatur von 32 Grad, 34 Grad sind maximal erlaubt. Ein Sprecher des schwedischen AKW Forsmark berichtete, man habe die Leistung der Anlage am Dienstag reduzieren müssen.

Für das AKW Mühleberg in der Schweiz gelten noch strengere Grenzwerte. Steigt die Temperatur im Fluss Aare im Tagesmittelwert auf über 20,5 Grad, muss die Anlage ihre Leistung drosseln. Ein Experte für Energiewetter stellte fest, dass die Aare punktuell schon über 23 Grad Wassertemperatur habe. Anfang vergangener Woche wurde Mühleberg auf 89 Prozent reduziert, teilte der Betreiber BKW mit.

Alte AKW wie Mühleberg oder das französische Fessenheim setzen für ihre Reaktorkühlung ausschließlich auf die für „die Umwelt verheerende Flusswasserkühlung“, so der BUND Regionalverband Südlicher Oberrhein. Atomreaktoren haben einen Wirkungsgrad von ca. 33 Prozent, das bedeutet, dass zwei Drittel der erzeugten Energie - in Fessenheim die gigantische Wärmemenge von 3.600 Megawatt - in den Fluss gepumpt wird. Weil Umweltschützer*innen auf die Gewässerökologie hinwiesen, wurde an vielen Standorten zumindest der Bau von großen Kühltürmen zur Pflicht. „Wenn alle Kraftwerke am Rhein auf Kühltürme verzichtet hätten, dann wäre der Rhein biologisch tot“, so der BUND. Doch selbst diese Bauwerke können bei hoher Lufttemperatur die Kühlwassertemperatur durch Verdunstung nicht mehr ausreichend senken, damit der Reaktor gekühlt werden kann.

Wetteränderungen sind derzeit nicht in Sicht, die Hitzewelle wird sich erst voll ausbreiten. „Wir haben für die nächsten zwei bis drei Wochen Parallelen zu 2003“, warnen deshalb Expert*innen.

Deutschland erteilt Ausnahmegenehmigungen

Weil der Umbau der zentralisierten Energieversorgungsstruktur und der Ausbau der Netze so schleppend voran geht, ist die Situation besonders im „strukturell unterversorgten Süddeutschland“ angespannt, berichten Medien.

„Zur Erhaltung der Versorgungssicherheit des Landes und um Stromabschaltungen zu vermeiden, können für bestimmte Kraftwerke Ausnahmegenehmigungen zum Weiterbetrieb erteilt werden, wenn es die gewässerökologischen Randbedingungen zulassen“, erklärte Ende vergangener Woche ein Sprecher des Umweltministeriums Baden-Württemberg. Auch bei Überschreiten der Grenze von 28 Grad Wassertemperatur wäre damit der Weiterbetrieb der AKW Neckarwestheim und AKW Philippsburg unter Volllast möglich.

Ein „legales Umweltverbrechen“

Das zeitliche Zusammentreffen von Niedrigwasser und der lang andauernden Hitzeperiode bedroht in vielfältigster Weise die Gewässerökologie. Fische werden in ihrem Paarungsverhalten und dem Ablaicherfolg gestört und ziehen sich in in kühlere Grundwasserzutritte zurück. Im Hitzesommer 2003 sind am Rhein bei Spitzenwerten von 28,2 Grad in der Mosel und 28,6 Grad im Rhein großflächig Körbchenmuscheln und Aale gestorben. „Die normale, für die Tiere verträgliche Wassertemperatur im Sommer liegt im Rhein nur bei 18 bis 20 Grad“, berichtet der BUND. Der in der Oberflächengewässerverordnung festgelegte Grenzwert von 28 Grad sei viel zu hoch. Die Rheinerhitzung durch das Atomkraftwerk Fessenheim sei ein „legales Umweltverbrechen“. Die Gesetzgebung, die dies erlaube, „stamme aus der umweltpolitischen Steinzeit“, erklärt Axel Mayer, BUND Geschäftsführer. Im Durchschnitt sei der Rhein heute drei Grad wärmer als noch vor hundert Jahren.

weiterlesen:

  • Atomkraft deckt weltweit etwas über als zwei Prozent des Energiebedarfs. Eine solche Nischentechnik kann das Klima nicht retten. Im Gegenteil: AKW behindern den Ausbau der erneuerbaren Energien und den Umbau der Energieversorgung. Da sich Atomkraftwerke aus technischen Gründen nur sehr eingeschränkt regeln lassen, eignen sie sich auch nicht als flexible Ergänzung zu den wetterabhängigen regenerativen Energien. - mehr

Quelle (Auszug): wirtschaft.com, dpa, morgenweb.de, stimme.de, bund-rvso.de, welt.de, reuters.com; 26./27./28./30.7.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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