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09.08.2018 | von Jan Becker

AKWs laufen – Fische sterben

Die Dauerhitze hatte Deutschland fest im Griff. Wegen der hohen Wassertemperaturen in den Flüssen sterben massenweise Fische. Die Atomkraftwerke dürfen dennoch warmes Kühlwasser einleiten. Atomkraftgegner*innen machen auf dieses und weitere mögliche Probleme durch die Hitze auch in Atommüll-Lagern aufmerksam.

AKW Beznau / Schweiz
Foto: Wisi Greter AKW Beznau: "Tauchsieder" an der Aare

Der Rhein ist viel zu warm, die Wassertemperatur beträgt nach der wochenlangen Dauerhitze an manchen Stellen über 28 Grad. Wegen der hohen Temperaturen und dem niedrigen Sauerstoffgehalt im Hochrhein hat dort das befürchtete Fischsterben begonnen. Am vergangenen Wochenende wurde rund eine Tonne toter Fische eingesammelt.

Das französische AKW Fessenheim, das seine gigantischen Kühlwassermengen aus dem Fluss bezieht, hat deshalb einen Block abgeschaltet, der zweite läuft gedrosselt. Das alte Atomkraftwerk verfügt über keine Kühltürme, weshalb es komplett über das Rheinwasser gekühlt wird. Frankreichs AKW-Konzern EDF hat insgesamt schon vier Reaktoren abgeschaltet, da auch das Wasser der Rhone zum Beispiel Höchstwerte von 29 Grad erreicht hat.

Damit die Versorgungssicherheit im Süden Deutschlands „nicht gefährdet“ wird, hat ausgerechnet das grüne Umweltministerium in Baden Württemberg dem AKW Philippsburg-2 erlaubt, Kühlwasser mit höheren Temperaturen als zulässig in den Rhein zu leiten. Am Samstag wurde die Genehmigung genutzt – und Kühlwasser mit einer Temperatur größer 28 Grad in den Fluss gepumpt.

Atomkraftgegner*innen sprechen von einem „legalen Umweltverbrechen“. Anstatt die Leistung zu drosseln, müssten die Anlagen sofort vom Netz. „Eine zu späte AKW-Abschaltung macht die toten Fische auch nicht mehr lebendig“, so Kritiker*innen aus der Schweiz.

„Tauchsieder“ in der Schweiz

In den Rhein mündet die Aare, an dessen Ufern derzeit unvermindert die beiden schweizerischen AKWs Beznau und Mühleberg als „Tauchsieder“ arbeiten. Beide besitzen keine Kühltürme. Schon unter „Normalbedingungen“ soll die Erwärmung der Aare durch das AKW Beznau im ca. 100 Kilometer entfernten Basel 0,6 Grad ausmachen.

Auch in der Schweiz gelten Grenzwerte für die Kühlwassertemperaturen, weshalb die Reaktoren ihre Leistung drosseln müssten. Doch der Bundesrat will den AKW-Betreibern entgegenkommen: Statt 30 Grad warmes Wasser sollen AKWs künftig bis zu 33 Grad warmes in die Aare leiten dürfen. Grund dafür ist angeblicher Klimaschutz. Der Bundesrat sieht „geringe Auswirkungen“ auf die Umwelt durch höhere Kühlwassertemperatur. Dem widersprechen Kritiker*innen heftig: Wenn die Fische massenweise sterben, sei das keine „geringe Auswirkung“.

Das Wetter wird nun zwar kühler, die Situation an den Flüssen entspannt sich aber nur langsam. Vorsorglich hat EnBW deshalb erneut Anträge auf eine wasserrechtliche Ausnahmegenehmigung beim Umweltministerium und den Regierungspräsidien für seine AKW in Neckarwestheim und Philippsburg gestellt.

Sind die Zwischenlagerhallen ausreichend kühl?

Auf ein ganz anderes Problem macht die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg aufmerksam. Im Zwischenlager Gorleben befinden sich 113 Behälter mit abgebrannten Brennelementen und hochradioaktiven Abfällen aus atomaren Wiederaufbereitungsanlagen. Die Aufbewahrungsgenehmigung schreibt vor, dass die bundeseigene Gesellschaft für Zwischenlagerung (BGZ) ab einer Erhitzung von Bauteilen der Halle auf 55 Grad bei einer Lufteintrittstemperatur von 27 Grad dieses der Atomaufsichtsbehörde mitteilen muss.

Wegen der Radioaktivität im Innern haben die Castoren eine Oberflächentemperatur von 60 Grad. Die Halle besitzt keine aktive Kühlanlage, allein die zirkulierende Luft transportiert die Oberflächenwärme von den Behältern ab.

„Wenn aber die eintretende Luft heiß ist und nicht mehr kühlt, was dann?” fragt BI-Sprecher Wolfgang Ehmke. „Musste die Halle in diesem Sommer zusätzlich gekühlt werden? Ist dafür ein Notplan vorhanden?“

Laut niedersächsischem Umweltministerium hat das Wetter bisher „keinen Einfluss auf die sichere Zwischenlagerung“. Die im Rahmen von Messprogrammen ermittelte höchste Bauteiltemperatur habe im Sommer 2012 42,6 Grad betragen. Aktuell würden höchste Bauteiltemperatur von knapp 36 Grad erreicht.

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Quellen (Auszug): nwzonline.de, nau.ch, heise.de, bi-luechow-dannenberg.de, metropolnews.info; 6./7.8.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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