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Es wird ernst: Der Betreiber des Forschungsreaktors in Garching hat bestätigt, dass im kommenden Jahr hochradioaktiver Atommüll von dort in das 700 Kilometer entfernte Zwischenlager Ahaus rollen soll. Auch in Jülich macht man sich offenbar transportbereit.

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Atomwaffenfähiger Atommüll „made in Garching” könnte ab Mitte 2019 über Deutschlands Autobahnen rollen, wenn die kürzlich veröffentlichten Pläne der Technischen Universität München (TUM) umgesetzt werden. Seit der Inbetriebnahme im Jahre 2004 wurden verbrauchte Brennelemente aus dem Meiler zum Abkühlen in einem Abklingbecken am Reaktor aufbewahrt. Von den 50 Lagerplätzen waren am 1. Mai noch sechs frei.

Anders als die Atomkraftwerke zur Stromproduktion gibt es für die Forschunganlagen noch keine Laufzeitbegrenzung. Obwohl es sich um Atomreaktoren handelt, sind sie vom Atomausstieg ausgenommen. Die Wissenschaft betont gern, dass die in Garching hergestellten Neutronen wichtig für Forschung und Medizin sind. Jahr für Jahr entstehen dort drei bis vier weitere verbrauchte Brennstäbe. Für den Weiterbetrieb braucht der Betreiber also Platz im Abklingbecken.

Weil Garching keinen Schienenanschluss hat, sollen für den Abtransport speziell gepanzerte Fahrzeuge genutzt werden. Derzeit befindet sich ein neuer Castorbehälter „MTR 3“ in der Zulassungsphase. In jedem Behälter können bis zu fünf Brennstäbe transportiert werden, damit werden mehrere Transportchargen nötig sein.

Großtransport mit Polizei & Protest

Die Entfernung bis zum Zwischenlager Ahaus beträgt über 700 Kilometer Autobahn. Schon heute gehen Medien von einem „Großtransport, begleitet von Protesten und Polizei“ aus. Zu Recht: Wegen der Nutzung von hoch angereichertem Uran als Brennstoff ist der Betrieb des Forschungsreaktors schon seit der Bauphase stark umstritten. Wegen seiner speziellen Zusammensetzung muss der Atommüll gesondert konditioniert werden. Das Zwischenlager in Ahaus wird nur eine weitere Zwischenstation sein, eine Lösung für den Verbleib des Abfalls gibt es nicht.

  • Garchinger Atommüll ist ein „Sonderfall“
    09.08.2017 - Die Bundesregierung hat für den deutschen Atommüll eigentlich eine „Lösung“: Der geringer strahlende kommt in den Schacht Konrad, für den hochaktiven wird bis 2050 eine unterirdische Lagerstätte gefunden. Doch im Forschungsreaktor Garching stapelt sich Atommüll, bei dem dieses Konzept nicht greift.

Produktion, Transport und Lagerung von hoch angereichertem Uran für den Garchinger Forschungsreaktor „erhöhen die Gefahr nuklearen Terrors“, warnt das Umweltinstitut München. Die TU München müsse den Atommüll „angemessen sichern und vor Ort konditionieren sowie den Reaktor sofort auf niedriger angereichertes Uran umrüsten.“

Auch Jülich macht sich offenbar startklar

Im Zwischenlager Jülich warten 152 Castor-Behälter mit 288.161 Brennelementkugeln aus dem Betrieb des ehemaligen Versuchreaktors Jülich auf ihren künftigen Verbleib. Seit 2014 hat die veraltete Lagerhalle ihre Genehmigung verloren, seitdem suchen die Verantwortlichen nach einer Lösung. Atomkraftgegner*innen fordern die Errichtung eines „den neuesten Erkenntnissen für sichere Atommülllagerung entsprechenden Lagers auf dem Gelände des FZJ in Jülich“. Die Betreiber planen hingegen einen kostengünstigeren Abtransport nach Ahaus oder den illegalen Export in die USA.

Während schon seit Jahren um diese drei Optionen gestritten wird, kündigte das Forschungszentrum kürzlich Fortschritte an: Drei Zugmaschinen für Castor-Tieflader seien bestellt worden, die „größten, die für deutsche Straßen zugelassen sind“. Mitte Juli sind neue Sicherheitsanforderungen in Kraft getreten, mit deren Hilfe Transporte künftig „besser“ vor terroristischen Angriffen geschützt werden sollen. Um diesen Auflagen zu genügen, müssen die LKW umfangreich gepanzert werden. Die Fahrzeuge sollen im August geliefert und umgebaut werden. Ein Termin für einen möglichen Start der Transporte sowie Umfang und Ziel sind aber offiziell noch völlig unklar.

Das Aktionsbündnis „Stop Westcastor“ kritisiert die „zum Teil abenteuerlichen Lösungen für den künftigen Verbleib der AVR-Brennelemente“ sowie die Öffentichkeitsarbeit von Politik und Betreibern:

„Es ist sowohl verantwortungslos, den Atommüll den Bürgerinnen und Bürgern von Ahaus vor die Füße zu kippen, als auch den verstrahlten Abfall in die USA verschiffen zu wollen“, so Marita Boslar, Sprecherin des Aktionsbündnisses. In den USA könne eine militärische Wiederverwertung des Atommülls nicht ausgeschlossen werden.

Statt immer wieder „Nebelkerzen zu zünden“ müsse die Bevölkerung endlich umfassend in Kenntnis über die Planungen gesetzt werden, fordern die Aktivist*innen. „Auch jetzt, im Sommer 2018 wird mit zwei sich völlig voneinander unterscheidenden Möglichkeiten die Öffentlichkeit im Unklaren gelassen“.

Klar ist allerdings: Anti-Atom-Proteste entlang von Autobahnen sind kein Novum mehr, immer wieder wurden die streng geheimen LKW-Fuhren in der Vergangenheit gefunden und blockiert...

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weiterlesen:

  • Keine Castor-Exporte!
    Gegen alle Versprechen wollen die Bundesregierung und das Land NRW Atommüll ins Ausland abschieben. Doch der geplante Export von hochradioaktivem Abfall aus den Zwischenlagern in Jülich und Ahaus in die USA löst kein Atommüll-Problem, sondern schafft nur weitere. - zur Kampagne

  • Drohen Ahaus mehrere Castortransporte?
    21.03.2018 - Am 20. März 1998 rollte der erste - und bis heute einzige - Castor-Transport mit Brennelementen aus Atomkraftwerken ins Zwischenlager Ahaus. 23.000 Polizist*innen standen damals tausenden Demonstrant*innen gegenüber. Diese Szenen könnten sich bald wiederholen.

  • 60 Jahre Atomei Garching
    26.10.2017 - Vor 60 Jahren ging mit dem „Atomei“ der erste Atomreaktor der Bundesrepublik in Betrieb. Dessen Nachfolger ist der einzige Neubau eines Atomreaktors in Deutschland seit Tschernobyl - und hoch umstritten.

Quellen (Auszug): westcastor.blogsport.de, sueddeutsche.de, muensterlandzeitung.de, umweltinstitut.org, atommuellreport.de; 6./9./10.8.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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