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21.09.2018 | von Jan Becker

Zwei Notabschaltungen in französischen AKW

Gleich zwei Mal sind in den letzten Tagen Meiler in Frankreich unplanmäßig vom Netz gegangen. Beide befinden sich unweit der deutschen Grenze. In einer Uranfabrik ist es zudem zu einer Explosion gekommen, in belgischen AKW fand sich maroder Beton.

Frankreich: Strahlungsmessungen nach Störfall in Malvesi
Foto: CRIIRAD Frankreich: Strahlungsmessungen nach Störfall in Malvesi

Eine Notabschaltung ist ein vollautomatischer Vorgang, der vom Sicherheitssystem des Reaktors aus unterschiedlichsten Gründen angeregt werden kann. Um das Kraftwerk vor „weiteren Schäden zu schützen“, wird die Anlage zügig abgeschaltet. Moderatorenstäbe werden in den Kern geschoben, die Kettenreaktion kommt zum Erliegen. Während die planmäßige Außerbetriebnahme eines Atommeilers in der Regel viele Stunden braucht, weil die Leistung langsam gedrosselt wird, ist die „Schnellabschaltung“ mit einer Vollbremsung vergleichbar. AKW sind zwar darauf ausgelegt, doch bedeuten diese automatischen Vorgänge immer eine hohe Belastung für das System. Innerhalb kurzer Zeit müssen gigantische Wärmemengen und hohe Drücke kompensiert werden. Um diese Belastungen auf die alten Reaktoren zu reduzieren, damit zum Beispiel keine Rohre bersten, werden in manchen Kraftwerken Notkühlwasservorräte ständig vorgeheizt.

Notstopp in Fessenheim-2

Laut der französischen Nachrichtenseite DNA wurde der Reaktor Fessenheim-2, der zu den ältesten im Land gehört, nach einem „Ereignis“ am frühen Donnerstagmorgen um 2.50 Uhr unplanmäßig gestoppt. Die Sicherheitsautomatik sorgte für die Betriebsunterbrechung, zunächst war die Ursache unklar. „Erhöhter Druck eines Kondensators im Maschinenraum“ habe die automatische Abschaltung verursacht, teilt der Stromerzeuger EdF später mit. Die Belegschaft würde das Wiederhochfahren vorbereiten. Beobachter*innen schrieben aut twitter von „austretendem Dampf über der Anlage“, laut Betreiber „ungefährlicher Wasserdampf“.

Reaktor 2 in Fessenheim war bis Mitte April knapp zwei Jahre lang nicht am Netz gewesen, weil die französische Atomaufsicht ein Prüfzertifikat für den Betrieb der Dampferzeuger entzogen hatte. Zuletzt stand der Reaktor im Mai unplanmäßig für mehr als eine Woche still.

Notstopp auch in Cattenom

Im AKW Cattenom, das sich ebenfalls nah an der deutschen Grenze befindet, kam es schon am Dienstag zu einer automatischen Notabschaltung. Einen Tag später informierte der Betreiber EdF, dass ein Sicherheitssystem im betroffenen Block 3 „einen fehlerhaften Wert weitergegeben“ hätte, was die Schnellabschaltung anregte. Elektronische Komponenten und ein Sensor müssten ausgetauscht werden, bevor der Block in den nächsten Tagen wieder hochgefahren werden könne.

Explosion in Malvesi

Atomkraftgegner*innen berichten darüber hinaus von einem Vorfall in der Uranfabrik Narbonne bei Malvesi: Ein Fass mit „giftigen radioaktiven Partikeln“ sei dort am 19. September explodiert. Die kritischen Wissenschaftler*innen von CRIIRAD sind mit Messgeräten an den Zaun der Anlage gefahren. Der Betreiber Orano, ehemals AREVA, spricht von einem „kontrollierten Brand“ in einem Lagergebäude, die Einsatzteams des Standorts hätten Unterstützung von der Feuerwehr bekommen. Zwei Mitarbeiter*innen seien verletzt worden.

Deutsche Atomkraftgegner*innen merken an, dass die Fabrik in Narbonne in der Vergangenheit oft Ziel von Urantransporten aus dem Hamburger Hafen war. Dort wird die radioaktive Fracht von Schiffen auf Bahnwaggons umgeladen. In Kürze sei ein nächster Transport zu erwarten, heißt es auf dem twitter-Kanal @urantransport.

Maroder Beton in belgischen AKW

Auch die belgischen Atomanlagen machen erneut Schlagzeilen: Die Atomaufsichtsbehörde FANC habe nach Funden im Juli in den Meilern Doel 3 und Tihange 3 jetzt auch in den Blöcken Tihange 2 und Doel 4 maroden Beton entdeckt. Betroffen sind Nebengebäude, in denen „extrem heißer Dampf“ entweiche, so eine Fanc-Sprecherin. Man gehe davon aus, dass der Dampf die Ursache für die Schäden sei. In Doel 3 war nur der Verschleiß des Betons festgestellt worden. Bei den Untersuchungen in Tihange 3 wurde allerdings neben dem Verschleiß des Betons festgestellt, dass sich die Stahlverstärkungen im Beton nicht an den in den Bauplänen vorgesehenen Stellen befinden. Laut Betreiber seien diese Mängel aber schon während der Bauzeit entstanden.

Im Kraftwerk Doel 3 sind die nötigen Reparaturarbeiten bereits beendet. Tihange 3 soll „nicht vor dem 2. März 2019“ wieder verfügbar sein, so der Betreiber am heutigen Freitag, damit mindestens fünf Monate später als bislang erwartet. Tihange 2 und Doel 4 sind derzeit ebenfalls vom Netz - und sollen es auch bleiben, bis alle Analysen vorliegen und Entscheidungen zum weiteren Verfahren getroffen sind. Man nehme sich „alle Zeit, die wir brauchen“, so der Betreiber Engie-Electrabel.

Die Vorfälle in Tihange 3 und Doel 3 bewertet die belgische Atomaufsicht auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse mit INES 1 („Störung“, Abweichung vom normalen Betrieb der Anlage, Nichtbehebung der Problemquelle könnte allenfalls zu einem höherstufigen Folgeereignis führen).

weiterlesen:

  • Atomunfall – sicher ist nur das Risiko
    Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen.

  • Belgisches Atomkraftwerk leckt
    03.05.2018 - Erneut gab es in einem der belgischen Skandal-Reaktoren einen Störfall. Wegen massiver Sicherheitsbedenken und wachsendem Misstrauen wird die Forderung nach der sofortigen Stilllegung der AKW Doel und Tihange immer lauter. Als Konsequenz ist im Raum Aachen die größte Antiatomkraftbewegung seit den Achtzigerjahren entstanden.

Quellen (Auszug): aachener-nachrichten.de, orano.group, bo.de, dpa, deutschlandfunk.de, saarbruecker-zeitung.de, badische-zeitung.de; 19./20.9.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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