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26.09.2018 | von Jan Becker

Risiko-Verlängerung: Goldesel Isar-2 soll weiterlaufen

Als drittes Atomkraftwerk weltweit hat Isar-2 350 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert, berichtet Betreiber Preußen Elektra stolz. An diesem Goldesel will auch die Stadt München, der ein Viertel des Kraftwerks gehört, noch ein paar Jahre länger mitverdienen. Ein Deal macht die Risiko-Verlängerung möglich.

AKW Isar-2
Foto: flightlog / Flickr

Etwa Mitte 2020 könnten Preußen Elektra (E.ON) und die Stadtwerke München den großen Meiler in Bayern abschalten. Dann erlischt nämlich die Betriebsgenehmigung nach derzeitiger Gesetzeslage, weil der Meiler die im "alten Atomausstieg" von 2002 vereinbarte Reststrommenge erzeugt hat. Die Bundesregierung hat sich allerdings mit den Energiekonzernen nach deren milliardenschweren Klagen gegen den "neuen Atomausstieg" nach 2011 auf eine Hintertür verständigt: von bereits stillgelegten Meilern, die ihre Reststrommengen nicht verbraucht haben, können Produktionsrechte erworben werden. Für Isar-2 sind etwa 7,25 Terawattstunden für zweieinhalb Jahre zusätzliche Laufzeit nötig, die E.ON von Vattenfall und RWE kaufen will.

.ausgestrahlt fordert seit Langem, die Übertragung von Reststrommengen von einem Reaktor auf einen anderen grundsätzlich zu verbieten.

Eigentlich beschloss eine rot-grüne Regierungsmehrheit in München schon 1993, aus dem Geschäft mit Atomstrom aussteigen. Erste Bemühungen gab es sogar schon 1985. Es habe „verschiedene Verkaufsbemühungen“ gegeben, „die zum Teil sehr weit gediehen waren.“ Von 1996 bis 2014 wurde der Stadtrat von einer Koalition aus SPD, Grünen und Rosa Liste geführt. Doch zu einem Schlussstrich unter die AKW-Beteiligung kam es nie.

Den Atomausstieg kann sich München nicht leisten...

Im Gegenteil beruft sich nun die seit 2014 regierende Große Koalition im Stadtrat auf ein Argument mit Kalkül: Auch wenn die Stadtwerke München (SWM) aus den Produktionsverträgen des AKW Isar-2 aussteigen würden – vielleicht weil der Betrieb des AKW grundsätzlich nicht zu vertreten ist - „liefe Isar-2 weiter“, so SWM-Chef Florian Bieberbach. Ein Ausstieg „wäre auch ein Unsinn, den sich München nicht leisten kann.“ Keine Tonne Atommüll und kein einziger Betriebstag würden wegfallen, heißt es in einem Kommentar in der „Süddeutschen“, dieser Schritt wäre „reine Prinzipienreiterei“. Der Stadt München würden nämlich die Gewinne aus dem Stromverkauf entgehen.

Wie viel Profit das AKW bisher eingebracht hat und noch einbringen könnte, dazu schweigen sich die zuständigen Stellen lieber aus: „Wir bitten um Verständnis, dass wir uns aus Vertraulichkeitsgründen zu wirtschaftlichen Einzelheiten bei Gemeinschaftsunternehmen grundsätzlich nicht äußern.“ Selbst Christian Ude, von 1993 bis 2014 SPD-Oberbürgermeister, gab mal an, er wissen nicht genau, was die Stadt an dem Kraftwerk verdiene. „Sie können davon ausgehen, dass es ein sehr lukratives Kernkraftwerk ist“, so Ude. Nach Abzug der noch unklaren Kosten für die Produktionsrechte und die des künftigen Betriebs „sollten einige Millionen Euro übrig bleiben“, ist sich der SWM-Chef sicher.

Alle Fraktionen im Wirtschaftsausschuss, ausgenommen der Grünen, folgten nun dieser wirtschaftlichen Überlegung. Damit dürfen sich die Stadtwerke an dem Erwerb der Produktionsrechte für Atomstrom beteiligen, mit denen das Kraftwerk Isar-2 zweieinhalb Jahre länger betrieben wird, als es ursprünglich vorgesehen war.

München präsentiert sich seit Jahren gerne als Vorreiter der Energiewende. Es gab sogar mal die Ankündigung, bis 2025 so viel Ökostrom in eigenen Anlagen zu produzieren, wie ganz München verbraucht. Diese AKW-Beteiligung passt da so gar nicht ins Bild.

...einen GAU aber auch nicht.

Ausbreitung der Radioaktivität nach GAU in Isar-2
Foto: flexrisk

Isar-2 liegt knappe 70km in nordwestlicher Richtung von München entfernt. Das Projekt "flexRISK" hat vor ein paar Jahren die geographische Verteilung des Risikos durch schwere Unfälle in Nuklearanlagen, insbesondere Atomkraftwerken (KKW), in Europa untersucht. Bei einem schweren Unfall mit Freisetzung von Radioaktivität im AKW Isar-2 sehen die Wissenschaftler*innen eine bis zu 10%ige Wahrscheinlichkeit, dass München für lange Zeit unbewohnbar wird. Simulationsgrundlage ist die Windrichtung, die in den Szenarien die radioaktive Wolke meist von der Großstadt wegbläst. Zusätzlich gibt es in den umliegenden Landkreisen „keinen konkreten Plan, wie wir in so einem Fall evakuieren würden“, wissen Katastrophenschützer*innen.

Ein ganz fauler Kompromiss

Den Zweiflern an dieser Risiko-Verlängerung verspricht die Müncher Politik, dass der Gewinn „zwingend“ in erneuerbare Energien investiert werden solle. Was bleibt ist die Hoffnung, dass bis 2022 kein schwerer Störfall passiert.

weiterlesen:

  • Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen. - mehr
  • Hintergrund: Das AKW Isar-2

Quellen (Auszug): spiegel.de, preussenelektra.de, flexrisk.boku.ac.at, abendzeitung-muenchen.de, sueddeutsche.de; 25.9.2018

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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