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29.11.2018 | von Jan Becker

Kurz vor dem COP: Polen startet den nächsten AKW-Anlauf

Medial aufgebauscht startet das Gastgeberland der UN-Klimakonferenz, die zwischen dem 3. und 14. Dezember im polnischen Katowice stattfindet, einen nächsten Anlauf für ein Atomprogramm. Das letzte war gescheitert, die Ruine des ersten AKW steht heute noch.

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Als möglichen Standort nennt die Regierung ausgerechnet Zarnowiec, etwa 50 Kilometer nordwestlich von Danzig. Dort wurde der Bau von vier russischen Reaktoren in den 80er Jahren begonnen. Nach der Katastrophe von Tschernobyl wuchs der Widerstand gegen das Projekt. Eine Bewegung namens „Wolność i Pokój” („Freiheit und Frieden“) organisierte gewaltfreien Widerstand mit Flugblättern und Demonstrationen, aber auch mit Hungerstreiks und Gebäudebesetzungen. Die Proteste spitzten sich 1989 zu, die Regierung stoppte das Projekt im selben Jahr. Bis heute befindet sich in Zarnowiec die AKW-Bauruine.

Nachdem ein mehrjähriges Moratorium ausgelaufen war, wurde das Atomprogramm von der Regierung wieder aufgenommen. 2009 schlug sie den Ort Gryfino an der deutschen Grenze, gut 100 Kilometer nordöstlich von Berlin, als Standort für ein erstes AKW vor. Proteste sorgten dafür, dass dieser Vorschlag zurückgezogen wurde. Es folgte 2010 eine Liste von zunächst 28 potenziellen Orten, von denen drei in die engere Auswahl kommen sollten: Żarnowiec sowie Gryfino und Lubiatowo.

In Meinungsumfragen sprechen sich konstant knapp 50 Prozent der polnischen Bevölkerung gegen Atomkraft aus. Die Regierung fährt deshalb unter dem Etikett „gesellschaftlicher Dialog“ einen landesweiten Propagandafeldzug für ihre atomaren Pläne.

Mit Atomkraftwerken lässt sich das Klima nicht schützen

So verwundert es nicht, dass rechtzeitig vor Beginn der UN-Klimakonferenz die Fortsetzung des bisher gescheiterten Atomprogramms verkündet wird. 80 Prozent des Energieverbrauchs wird von der besonders dreckigen Braunkohle gedeckt. Polen ist damit Klimasünder - ohne realistische Perspektive, wie es sich an die vereinbarten CO2-Reduktionsziele halten könne. Lösungen bräuchte es rasch, innerhalb von Jahren. Die Regierung will in den kommenden Jahrzehnten aber vor allem an den Kohlekraftwerken festhalten.

Doch selbst wenn es zu dem Neubau eines AKW kommen sollte, die Regierung stimmte dem 2011 mit 404 Stimmen bei zwei Gegenstimmen zu, vor 2040 ist mit einer Inbetriebnahme nicht zu rechnen. Zu den nun vorgestellten Plänen steht eine endgültige Entscheidung der Warschauer Regierung noch aus.

„Rentabel“ ist Atomkraft auch in Polen nur dann, wenn die Kosten für den Atommüll und den Abriss der AKW nicht mit eingerechnet und zudem hohe Abnahmepreise für Atomstrom garantiert werden.

Kritiker*innen gehen davon aus, dass das Bauprojekt nie verwirklicht wird.

Don't nuke the climate!

Mit kritischem Sachverstand versuchen auch in diesem Jahr wieder internationale Anti-Atom-Aktivist*innen auf den Irrglauben hinzuweisen, dass mit Atomkraftwerken effektiver Klimaschutz betrieben werden könne. Die Kampagne „Don't nuke the climate!“ mobilisiert Proteste gegen die Lobbyarbeit der Atomkonzerne, die ihre „Lösung für den Klimawandel“ propagiert. Doch Atomenergie ist zu schmutzig, zu gefährlich, zu teuer und zu langsam.

Saubere Energie, einschließlich Solarenergie, Windenergie, Geothermischer Energie, Energieeffizienz, dezentraler Produktion, Speicherung von Elektrizität und anderer fortschriftlicher Technologien, können den Weltenergiebedarf ohne Kohlenstoff- und Methanemissionen, Atommüll und andere Schadstoffe decken.

weiterlesen:

  • Atomprojekte in Osteuropa müssen gestoppt werden
    26.04.2018 - Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien kann bei gleicher Versorgungssicherheit günstiger sein als derzeit geplante Atomkraftwerke in mehreren osteuropäischen Staaten, belegt eine neue Studie, die anlässlich des 32. Jahrestages der Tschernobyl-Katastrophe veröffentlich wurde. Die AKW-Projekte müssen gestoppt werden – weder ist das Sicherheitsrisiko tragbar, noch rechnen sie sich.

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    08.11.2016 - Ein vollständiger Atomausstieg in Europa bis 2050 würde weder die Klimaschutzziele noch die Versorgungssicherheit gefährden, so das Fazit des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW in Berlin. Setze die EU weiter auf Atomkraftwerke, werde die Stromproduktion künftig die teuerste Variante zur Herstellung von Elektrizität.

  • Atomkraft: Ein „seltsamer Weg“ für mehr Klimaschutz
    18. Dezember 2015 - Als „wegweisendes“ Klimaabkommen werden die COP21-Vereinbarungen von Paris gefeiert. Doch sie öffnen auch Tür und Tor für den Ausbau der Atomkraft. Lobbyorganisationen und Atomfirmen wittern neue Überlebenschancen. In internationalen Abkommen wird ein Comeback verhandelt und auch die EU schafft Möglichkeiten. Doch dieser „seltsame Weg“ für Klimaschutz beinhaltet ein hohes Risiko, enorme Folgekosten und kann nur durch staatliche Milliardensubventionen funktionieren.

Quellen (Auszug): wikipedia, ausgestrahlt, moz.de

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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