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Ein Blick zurück und einer nach Vorne: Der „Störfall-Kalender“ verdeutlicht die Vielzahl der unkalkulierbaren Pannen in Atomanlagen, die seit Beginn des Atomzeitalters zur Tagesordnung gehören.

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Foto: Tepco (Betreiber des AKW Fukushima Daiichi) März 2011: Zerstörter Fukushima-Reaktor nach Super-GAU

Seit mehr als zehn Jahren füttere ich täglich eine Datenbank mit Medienartikeln über Themen rund um die Atomenergie. Viele der betroffenen Anlagen, die in dieser Störfall-Statistik auftauchen, sind heute glücklicherweise vom Netz. Pannen sind verzeichnet, die heute nicht mehr möglich sind, weil die dabei zugrunde gelegene Technologie heute der Vergangenheit angehört. Viele Anlagen jedoch sind bis heute in Betrieb und bis heute sind unablässig Unfälle zu verzeichnen. Es bleibt die Tatsache: Sicher ist nur das Risiko.

2.150 Störfälle – nur ein Ausschnitt

Die Einträge in der „Störfall-Datenbank“ reichen zurück bis zum Jahr 1944, als am Atomkomplex Hanford, Washington, USA, mit der Inbetriebnahme des Reaktors „B-Pile“ die Plutoniumproduktion begonnen wurde. Mehr als 40 Jahre lang wurde dort nicht nur Atombomben-Material produziert, sondern unkontrolliert immer wieder Radioaktivität in Luft, Wasser, Boden entlassen. Dies und die katastrophalen Reaktorunfälle von Harrisburgh, Tschernobyl oder Fukushima sind in die Datenbank geflossen. Der letzte Eintrag stammt von gestern, im französischen AKW Cattenom. Dort haben Teile der Notstromversorgung versagt.

Unzählige Meldungen von „INES 0“-Ereignissen, die Aufsichtsbehörden und Betreiber als „Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung“ klassifizieren, sind in der Datenbank dokumentiert. Hier setzt die Kritik von Atomkraftgegner*innen an: Erst bei Betrachtung möglicher Folgefehler und deren Tragweite enthalten diese Defekte ein gefährliches (offiziell: Rest-)Risiko: sei es ein Transformatoren-Brand im AKW Krümmel (dicke Rauchschwaden umhüllten den Meiler), oder ein Kühlwasserleck im AKW Brunsbüttel.

Bis heute sind 2.150 Störfälle erfasst. Mit Sicherheit ist die Datenbank unvollständig. Zum Beispiel beschränkt sich die Recherche im Wesentlichen auf deutsche Anlagen und umliegende Länder. Was zunächst nur eine Zahl ist, warnt und mahnt dennoch gleichzeitig: Jeder weitere Tag, an dem Atomanlagen betrieben werden ist ein weiterer Tag mit dem Risiko von kleinen und auch großen Störfällen.

Technik wird optimiert – der Mensch bleibt unkalkulierbar

Nach aktuellen Berichten aus Russland wird dort derzeit am der "Optimierung" des AKW-Brennstoffs experimentiert. Durch Werkstoffänderungen oder auch hitzebeständige Beschichtungen will man so beispielsweise das Entstehen von Wasserstoff verhindern, wenn Stäbe bei einem Unfall überhitzen – Wasserstoffexplosionen haben in Fukushima zur Katastrophe geführt. Angesichts der aktuellen Expertimente spricht die russische Atombehörde Rosatom von einer „Revolution“, und träumt von einem weltweit neuen, milliardenschweren Aufschwung der Atomenergie.

Doch neben technischer Optimierung, immer neuer, angeblich „inhärent sicheren“ Reaktormodellen, mehr-strängigen Redundanzen und Rückfallebenen bleibt eins unkalkulierbar: Der "Unsicherheitsfaktor" Mensch. Von diesem „hänge viel ab“, sagt selbst der Vizepräsident des russischen Atombrennstoffherstellers Tvel, Alexander Ugrjumow. Selbst ein „revolutionärer Brennstoff“, so räumt Ugrjumow ein, werde „nicht alle Sicherheitsfragen lösen“.

weiterlesen:

  • Zahl der meldepflichtigen Ereignisse in AKW auf höchstem Stand seit 2011
    2. Januar 2019 - In deutschen Atomanlagen kam es im Jahr 2018 zu 79 meldepflichtigen Ereignissen. Eine höhere Zahl gab es zuletzt 2011. Häufige Ursache ist menschliches Versagen.

  • Atomunfall – sicher ist nur das Risiko
    Ob technischer Defekt oder Flugzeugabsturz, Materialermüdung oder Unwetter, Naturkatastrophe oder menschliches Versagen – in jedem Atomkraftwerk kann es jeden Tag zu einem schweren Unfall kommen. Ein Super-GAU bedroht Leben und Gesundheit von Millionen.

  • Reaktoren sind „abgenutzt und anfälliger“
    11.10.2018 - Risikoforscher weisen darauf hin, dass Atomkraftwerke am Anfang und am Ende ihres Betriebes riskanter sind. Eine ganze Reihe von Defekten in verschiedenen Anlagen untermauern diese These.

  • Atomkraftwerke sind „brandgefährlich“
    14.09.2018 - Das gemeinnützige Recherchezentrum CORRECTIVE hat in Zusammenarbeit mit dem RTL Nachtjournal und Mediapart von zwei Whistleblowern erfahren, dass es in deutschen, schweizerischen und französischen Atomkraftwerken erhebliche Defizite beim Brandschutz gibt.

Quellen (Auszug): handelsblatt.com; atomradar.ausgestrahlt.de, science.orf.at

Jan Becker

Jan Becker hat jahrelang die Webseite www.contrAtom.de betrieben und täglich aktuelle Beiträge zur Atompolitik verfasst. Seit November 2014 schreibt der studierte Umweltwissenschaftler für .ausgestrahlt. Jan lebt mit seiner Familie im Wendland. Mit dem Protest gegen regelmäßig durch seine Heimatstadt Buchholz i.d.N. rollende Atommülltransporte begann sein Engagement gegen Atomenergie, es folgten die Teilnahme und Organisation zahlreicher Aktionen und Demonstrationen.

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